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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Fünftes Kapitel. Briefe aus der Heimath.

Ohne Unfall erreichten die Reisenden nach etwa achttägiger Wanderung durch früher nicht betretene Gegenden die Hauptstadt Surinam's. Auf dieser Rückreise machte Fürchtegott Entdeckungen, die ihm wichtig schienen. Die Indianer hatten nämlich schon früher erzählt, daß in mehr südlicher Richtung, wo die Waldung weniger dicht und in Folge dessen der Anbau mitten im Lande leichter zu bewerkstelligen sei, schon leidlich gute Verbindungsstraßen sich befänden, welche die Indianerdörfer durchzögen. Diese Mittheilung stimmte trefflich mit den Bemerkungen Erdmuthe's in ihrem Tagebuch zusammen. Fürchtegott wollte sich nun gern mit eigenen Augen von diesen cultivirenden Vorarbeiten überzeugen und wandte sich deßhalb den bezeichneten Gegenden zu.

Ungeachtet des verlängerten Weges freute er sich doch seines Entschlusses. Er hatte Gelegenheit, mitten unter ein indianisches Leben zu kommen; er konnte dabei beobachten, was diesen Naturmenschen besonders lieb und werth sei und in welcher Weise sich am vortheilhaftesten ein Tauschverkehr mit ihnen anknüpfen lasse. Sein praktischer Blick unterstützte ihn dabei, und hätte er nicht um Erdmuthe Sorge getragen, er würde hochentzückt in die lebhafte Hafenstadt wieder eingezogen sein. So hielt die Sehnsucht nach der verlassenen und vielleicht nie zu gewinnenden Geliebten die Freude über seine sonstigen vielversprechenden Entdeckungen etwas nieder.

In Paramaribo waren inzwischen Briefe aus Europa für unseren Freund eingelaufen, die ihn lebhaft aufregten und mehrere Stunden so ausschließlich beschäftigten, daß er alles Andere darüber vergaß. Es wird nöthig sein, ein paar dieser Schreiben hier wörtlich folgen zu lassen. Fürchtegott griff zuerst nach einem Briefe Wimmer's, dessen eckige Schriftzeichen eine wunderbare Anziehungskraft für ihn hatten. Der alte Herrnhuter ließ sich gegen den jungen Rheder folgendermaßen aus:

»Mein lieber junger Freund und Bruder!

»Es hat dem Herr gefallen, mich sonderlich zu begnadigen. Dein Vater, der alte Starrkopf, ist in sich gegangen, hat mir seine Hand zur Versöhnung gereicht und versprochen keinen Lärm mehr zu machen Deinetwegen. Daran magst Du erkennen, daß Ausdauer und festes Beharren auf einem Punkte immer Früchte trägt. Frei hab' ich Dich auch gemacht nach allen Seiten hin, so daß uns Niemand mehr drein reden wird. In Weltenburg schnurret es, daß die Zwerge ausziehen würden aus den alten Bergen, wäre das gottlose Volk nicht schon seit Jahrhunderten durch das christliche Glockengeläute vertrieben worden. Dein Bruder ist brav und schickt sich prächtig an. Die Wollspinnerei ist schon in Angriff genommen und da es an baaren Mitteln nicht gebricht, so wird sie schon unter Dach sein, wenn Du mit des Heilandes Willen glücklich zurückkommst.

»Deine Frau Mutter hat es gut auf Dich, nicht so die Schwester, meine Pathe. Die kleine Frau ist zu ehrlich, um Dich ehrlich zu finden. Aber, mein junger Freund und Bruder, ehrlich und klug zusammen währt länger, als Ehrlichkeit, die sich Blößen gibt. Bleibe mir nur fein treu in allen Dingen, und ich will den Staub schon wieder fortblasen, der sich auf Deiner Schwester blaue Augensterne gelagert hat.

»Mit Vanderholst mach' es fest. Ich habe schon Rücksprache mit mehreren Arbeitern genommen. Sie meinen es gehe, und fange man es nur klug an, so leide Niemand darunter. Dein Vater darf freilich nichts davon wissen.

»Advocat Block ist in Haft. Er hat einen sehr dummen Streich gemacht, von dem ich aber aus Vorsicht nicht weiter reden mag. Graf Alban läßt Dich grüßen und bitten, mitten im Drang des Irdischen nicht zu vergessen, daß diese irdische Scholle doch nur eine Schule sein soll für den Himmel, und daß Alles, was wir thun, ein Loblied sein muß auf den Herrn, damit wir die Gnade unseres Heilandes verdienen, trotz unserer Sünden, die so zahlreich sind, wie der Sand am Meere! Auch ich schließe mich dieser Bitte an, vergesse nie Dein und Deiner Sendung zu gedenken im brünstigen Gebet am Morgen und Abend, und bleibe Dir zugethan in wandelloser Liebe als

Dein Bruder und Freund in Christo
Lazarus Wimmer.«
       

Ueber Fürchtegott's Züge lief ein fast spöttisches Lächeln, als er diese Zuschrift weglegte, um eine zweite zu entfalten, er erkannte seines alten Vaters bereits zitternde Handschrift. Unter starkem Herzklopfen erbrach er das Siegel. Ammer schrieb:

»Mein lieber Sohn!

»Allem Vermuthen nach muß es Dir sonderbar gut ergehen in der Fremde, sonst würdest Du wohl nicht so trutziglich gerad' vor Dich hinsehen und eine so scharfe Rede führen. Mich freut's zwar aufrichtig, daß sich mein Sohn als ein richtiger Ammer kund gibt auch unter den Heiden und anderem Volk, jedennoch wäre es mir grausam lieb, so ich unter der Kraft und dem Willen auch einige Demuth des Herzens entdecken möchte. Finde davon in Deinem Schreiben wacker wenig, und das gefällt mir nicht. Schaffe das ab ein nächstes Mal und ich werde mich freuen.

»Der Wimmer ist ein Tausendsasa. Wir waren hart aneinander, aber das Licht der Wahrheit und Freundschaft brachte uns wieder auf heitere ebene Wege. Bin's nun zufrieden, wie Ihr's treiben wollt, separirt wird jetztund aber noch nicht! Das stände mir schön an, nun ich's schier gebracht habe bis zum Herrn auf Weltenburg, daß ich allein fortklepperte mit meinen alten Gezehen, während die Herren Söhne im Sturmwind in's Große hineinwirthschafteten. Nein, lieber Sohn, es bleibt, wie's gewesen ist bisher. Wird's mir zu schwer, so packe ich schon von selber ein und setze mich zur Ruhe auf dem alten Thurm in meinem Schlosse. Die Aussicht von seiner Zinne ist aparte schön und auch 'was weit, so daß Einer mit einem guten Mond- oder Sonnengucker von der neumodischen Manier bis halb an's Ende der Welt sehen kann. Und unten zu Füßen liegt die schöne Gotteswelt mit all ihren Freuden und Leiden. Da rauchen die Schornsteine, die Bienen fliegen summend über das Wiesenfeld, und wenn die Sonne in Gold geht, brennen Wald und Thal, also, daß ich mich einmal recht deutlich an die Stelle Mosis versetzen konnte, als er in Rauch und Flamme den Herrn sah.

»Nun, mein Sohn, ich denke, bis jetzt bist Du zufrieden mit Deinem alten Vater. Ich thu' nur, was ich vor meinem Gewissen verantworten kann, und weil selbiges etwas eng gerathen, fällt's mir wohl schwer zu Zeiten ohne lange Ueberlegung alsogleich zu jeglichem Vorschlage beistimmend zu nicken. Ich thu's gern, wo ich die Handhabe sehe, die mich steuert und trägt, wenn der Fuß straucheln will.

»Die Mutter ist, Gott Lob, wohl auf, aber immer 'was still, die Geschwister thun ihre Pflicht. Die Florel hat einen Jungen, der Otto heißt, und wär's einer kaiserlichen Prinzessin Junge, wohl auch 'mal Otto der Große heißen könnte. Mein Herr Mirus hat Gevatter gestanden, Gott wolle es ihm lohnen!

»Letzthin sind böse Geschichten hier vorgefallen, die mir Sorge und Unruhe genug machen. Es läuft eben viel schlechtes Gesindel herum auf Gottes Erdboden, und mancher, der ein gefälteltes Jabot trägt oder gar einen gekrausten Busenstreifen und brillantene Hemdeknöpfe, ist ein größerer Schuft, als solch ein armer Teufel, der wegen ein paar im Zwielicht ausgegrabener Kartoffeln auf dem verkehrten Ackerbeet in doppelfarbiger Hose und Jacke die Gasse kehren oder Holz schlagen muß.

»Da wäre ich wohl fertig. Fällt mir just nichts von Wichtigkeit ein. Also lebe wohl und halte Gott vor Augen und im Herzen. Guten Wind zur Heimkehr! Apropos, die Florel möchte gern eine indianische Halskette haben. Schaff's, wenn Du kannst, sollt' es Dich auch ein paar holländische Ducaten kosten. Das Weibervolk bleibt in alle Ewigkeit eitel und mithin zugänglich den Verführungskünsten, die uns das Paradies gekostet haben. Zur nächsten Kirmes, die auf Weltenburg gefeiert werden soll, will sie's tragen, das närrische Mädel Weib wollte ich sagen. Nochmals Gott befohlen. Empfange den Segen Deines alten Vaters, und laß Dich mit Heiden und Menschenfressern nicht in gefährliches Tractiren ein.

Dein treuer Vater
Ammer.«
       

Dieser Brief beruhigte Fürchtegott und erfüllte seine Brust mit neuen und schöneren Hoffnungen. Ja, das war sein wunderlicher, so starrer und doch wieder so körniger Vater. Derb, geradezu, voll Sonderbarkeiten, aber doch ein seelenguter Mensch alten Schlages, alter Zeit. Fürchtegott wollte anfangs antworten, bald jedoch besann er sich eines Andern, da er sich sagen mußte, sein Brief würde die Heimath nicht früher erreichen, als ihm dies unter günstigen Witterungsverhältnissen persönlich möglich sei.

Freute es nun Fürchtegott, die Schatten sich verziehen zu sehen, die bisher eine kalte und störende Scheidemauer zwischen ihm und dem Vater gebildet hatten, so glaubte er doch den Rathschlägen desselben nicht geradezu wörtlich und nach allen Seiten hin nachkommen zu müssen. In diesem Punkte fühlte sich Fürchtegott beinahe verletzt, denn er, der Heimische in beiden Hemisphären, mußte doch ein sichereres Urtheil über die Verhältnisse in der alten wie in der neuen Welt haben, als ein Mann, der kaum je über die Grenzsteine seines Geburtsortes hinausgekommen war und dessen Blick nur an das Nahe, Alltägliche, Greifbare gewöhnt, das Ferne unmöglich richtig und vorurtheilsfrei aufzufassen vermochte.

Aus diesem Grunde legte der junge Ammer gar kein Gewicht auf die Schlußäußerung in seines Vaters Briefe. Mit Heiden und Menschenfressern, wie Ammer sich ausdrückte, zu tractiren, hielt er gerade jetzt für äußerst gewinnbringend. Das war auch trotz aller herrnhutischer Phrasen die Meinung, ja der bestimmte Rath Wimmer's, und darum glaubte Fürchtegott nichts Besseres thun zu können, als wenn er seine Absicht ohne Säumen sofort zur That werden lasse.

Eine mehrere Stunden dauernde Unterhaltung mit dem phlegmatischen Holländer Vanderholst, einem gewiegten, bei aller Vorsicht aber unternehmenden Kaufmann, bestärkte unsern Freund noch in seinem Vorhaben, Vanderholst führte die Agentur des Hauses »Ammer Söhne & Compagnie« in Paramaribo und ganz Surinam, und mußte schon deßhalb zu Rathe gezogen werden. Sehr befriedigt kehrte Fürchtegott von diesem Geschäftsgange zurück, ging an den Hafenquai und ließ sich an Bord seines Schiffes »das gute Glück« rudern, um Rücksprache mit dem Capitän zu nehmen; denn es war sein Plan, Surinam unmittelbar nach Einnahme der Rückfracht zu verlassen. Diese Rückfracht sollte diesmal aus Artikeln bestehen, von denen sicherlich nur geringe Quantitäten auf europäischen Märkten vorhanden sein konnten. Namentlich fiel Fürchtegott's Augenmerk auf die schon erwähnten Decken von Palmbast, ferner auf Gewebe von zarten Fasern der Kokusnußpalme, auf Rohrgeflechte von eigenthümlich schönen Formen, und endlich auf gestickte Gürtel, in deren Verfertigung die indianischen Frauen Meisterinnen waren. Alle diese Artikel ließen sich höchst vortheilhaft eintauschen gegen Glasperlen und bunte Tuchstücke. Letztere verarbeiteten die Indianer zu schurzartigen, kurzen Röcken, und zwar nicht ohne Geschmack, obwohl dieser etwas von dem des civilisirten europäischen Salonmenschen abweichen mochte. Alle Indianer, besonders die noch nicht von den evangelischen Missionären bekehrten, gaben ihre kostbarsten Besitzthümer für derartige Tuchstücke hin, und bildeten sich etwas Rechtes ein, wenn sie, gleich Harlekinen, die hohe Federkrone auf dem Haupte, in so bunt schillernder Tracht einherstolziren konnten. Einigemale ließen sich so wunderlich aufgeputzte Häuptlinge selbst in Paramaribo sehen, wahrscheinlich um den handeltreibenden Europäern in ihren einfarbigen grauen oder braunen Röcken durch ihr Erscheinen recht zu imponiren. Sie sahen wenigstens mit wahrer souveräner Verachtung auf dieselben herab, bemerkten aber dabei freilich nicht, daß diese verachtenden Blicke mit einem sehr klugen und milden Lächeln entsprechend erwidert wurden.

So vergingen einige Wochen unter angestrengter, doch nicht ermüdender Thätigkeit. Fürchtegott hatte ungemein viel anzuordnen. Bald mußte er da, bald dort seine Meinung abgeben. Hier trug ihm ein allzu vorsichtiger Mann sein Bedenken vor, dort traute man der in der kaufmännischen Welt noch so wenig bekannten und deßhalb nicht hinlänglich accreditirten Firma nicht. Alle diese verschiedenen und nicht immer angenehmen Geschäfte abzuwickeln, bedurfte es der ganzen Energie des jungen Kaufmannes und Rheders, um dennoch rasch und glücklich zum Ziele zu kommen. Gewöhnlich genügte eine einmalige Rücksprache der Bedenklichen mit Fürchtegott und ein Vorzeigen der von Graf Alban erhaltenen Empfehlungsbriefe, womit unser Freund nicht sehr sparsam war, schon weil es seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit kitzelte, ein anfangs kühles oder barsches Entgegenkommen durch Anwendung dieses, jederzeit praktischen Mittels in die devoteste Ergebenheit umschlagen zu sehen.

Endlich war Alles geordnet. Die Ladung im Schooner war gestaut, der Capitän wartete nur auf eine frische Brise, um den Hafen von Paramaribo verlassen zu können.

Fürchtegott's Unruhe wuchs mit jeder Stunde, denn noch immer harrte er vergebens auf Briefe von Erdmuthe Gottvertraut, ohne die er unmöglich die Küsten Surinam's verlassen durfte.

Der Capitän drängte zur Eile, er drohte sogar, absegeln zu müssen ohne den Rheder, wenn dieser sich noch länger weigere an Bord zu gehen.

Zum Glück schlug in dieser großen Bedrängniß der Wind plötzlich um, es trat völlige Windstille ein, verbunden mit furchtbarer Hitze, die eine Sistirung aller Geschäfte, so weit sie nicht völlig unabweisbar waren, nöthig machte.

So unwohl sich körperlich auch Fürchtegott in dieser ihn träg und brühwarm umfluthenden Atmosphäre befand, diesmal dankte er dem tropischen Clima, daß es sich als Retter in's Mittel gelegt hatte. Und wirklich, noch während die infernalische Temperatur unbeweglich über Stadt und Land ihre glühenden Fittiche ausgebreitet hielt, langte ein Bote Erdmuthe's mit den verheißenen Briefen an Graf Alban und die Aeltesten der Brüdergemeinde an. Was diese, wie es den Anschein hatte, sehr umfangreichen Schreiben enthalten mochten, war in diesem Augenblick Fürchtegott völlig gleichgiltig. Er sah nur zu, ob in dem Paquet nicht ein Brief für ihn liege, und da er nicht umsonst darnach suchte, erbrach er das fein zusammengefaltete Papier mit Ungestüm und durchflog es mit gierigen Blicken. Erdmuthe schrieb:

»Mein Freund und Bruder!

»Ob ich Recht oder Unrecht thue, indem ich an Dich, bevor Du diesen Welttheil verläßest, noch einige Worte richte, mag Der entscheiden, dessen Name über alle Namen ist. Im Geist gehöre ich Dir an durch Gedanken und stilles Gelöbniß; ich bin vor Gott, dem Allwissenden, Deine Braut, Fürchtegott, allein bis diesen Augenblick kann nur das allsehende Auge Gottes von unserm in der Einsamkeit und der heiligen Stille der Nacht geschlossenen Herzensbunde etwas wissen.

»Noch weiß ich nicht, ob mich der Heiland, wenn ich dereinst vor ihm erscheine, dieses Herzensbundes halber frei sprechen wird. Er sagt freilich, die Liebe solle alle Menschen umschlingen, aber er meint jene allgemeine Nächstenliebe, die ein Ausfluß Gottes ist und in der wir athmen, von der wir leben.

»Doch darüber wollen wir nicht rechten, noch grübeln, schon weil keine Zeit dazu gegeben ist. Mich drängt es, nochmals mein Herz auszuschütten vor Dir, mein Bräutigam vor dem Herrn, ehe Du Dich hinauswagst in die große, wilde Wasserwüste, die schon das Grab zahlloser Tausende geworden. Ich habe Dir noch eine Bitte vorzutragen, die Du beherzigen wirst, weil Du mich liebst.

»Siehe, mein Bruder, die Magd, welche der Herr gerufen hat in seinen Weinberg, daß sie die Trauben lese von den fruchtbaren Reben und die unfruchtbaren mit dem Wasser der Hoffnung und des Glaubens tränke, sie ist jetzt niedergeschlagen und irrt nicht selten einsam durch die Nacht, um Trost zu finden im Aufblick zu dem gestirnten Himmel, der ihr noch immer ein gar starker Halt gewesen ist in bangen Tagen. Aber seit ich, eine Sendbotin des Erlösers, nun Braut und Geliebte eines Erdensohnes, ihm nicht mehr allein, ja wohl zu wenig angehöre, seitdem trösten mich die Sterne nicht, und der Thau, welcher die Erde netzt, dient meinem Herzen nicht mehr zum lindernden Balsam. Ich fürchte, daß ich eine Unwürdige geworden bin vor dem Herrn, und eben weil ich dies glaube, bitte ich Dich, bei dem hochwürdigen Herrn Bischof oder dem vielvermögenden Grafen Alban ein Fürwort für mich einzulegen. Gram und Kummer und ach ich muß es gestehen Gewissensbisse müßten mich verzehren, müßte ich es selbst ansehen, wie ich, eine Unwürdige, aus der Gnade des Herrn Entlassene, die Schöpfung, welche ich begründet, selbst wieder zerstörte! Das kann weder der Herr, unser Aller Vater und Richter, wünschen, noch könnten es die Aeltesten der Gemeinde verantworten, wenn sie einer so schwachen Kraft so Großes ohne Unterstützung überlassen wollten.

»Aus diesen Worten, mein Freund, wirst Du errathen, für welches Anliegen ich in dieser wichtigen Stunde Deine wärmste Verwendung erflehe. Ich bin die Aeltesten angegangen, mir einen Gehilfen, einen begeisterten Lehrer und Prediger des Evangeliums zur Unterstützung zu senden, und wie ich die Brüder kenne, werden sie diese Bitte einer Vereinsamten, einer Verwaisten sicherlich nicht abschlagen.

»Dich aber, mein Bruder, nehme Gott in seinen hochheiligen Schutz! Mögen die himmlischen Heerschaaren die Raaen Deines Schiffes halten, wenn der Sturmwind sie zu zerbrechen droht, und den Kiel frei und heil hinwegtragen über alle Klippen und Riffe der tückisch rollenden Meerfluth!

»Lebe wohl, mein Freund und Bruder! Noch glaube ich Dich wieder zu sehen. Mögen die Tage, die zwischen diesem Schreiben und jenem Augenblicke liegen, den Gedanken des Schöpfers gleichen, vor welchen Jahrtausende nicht mehr sind und nicht längere Dauer haben, als das kaum sichtbare Zucken einer blinzenden Augenwimper! Mit Herz und Seele in ewig treuer Liebe

Deine
Erdmuthe.«        

Von diesem Schreiben war Fürchtegott nicht sehr erbaut. Es verstimmte ihn, ohne daß er sich genaue Rechenschaft über den Grund seiner Verstimmung ablegen konnte. Hätte das Schiff nicht aufgetackelt, jede Secunde des Absegelns gewärtig, im Hafen gelegen, er wäre vielleicht noch einmal in's Innere des Landes vorgedrungen, um zu erfahren, wie Erdmuthe gestimmt sei. Ihn sah aus diesem Briefe mit zweifelhaftem Muthe eine Unschlüssigkeit an, die er bis dahin nie im Charakter der Missionärin bemerkt hatte. Dann glaubte er wieder, sie liebe ihn nicht; es reue sie, daß sie sich ihm gegenüber schwach gezeigt, daß sie sich zu Aeußerungen habe hinreißen lassen, die vielleicht einer Heidenbekehrerin übel ausgelegt werden konnten, wären sie vor Zeugen gefallen.

Die Meldung des Capitäns, der Wind sei jetzt günstig und bei nächster Fluth werde er die Anker lichten, verscheuchte diese selbstquälerischen Gedanken unseres Freundes. Es blieb nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen. Noch einmal wurden einige Freunde besucht, noch einmal schüttete Fürchtegott sein Herz an der Brust Walters aus, der ihm Muth und Hoffnung zusprach, und bestieg dann die Planken seines Schiffes, das, von frischem Winde erfaßt, rasch hinaustrieb auf die hohe See.

An den Mastbaum gelehnt, sah Fürchtegott zurück nach den schön bewaldeten Küsten Surinams, bis sie im rollenden Goldnebel der niedergehenden Sonne seinen Blicken für immer entschwanden.

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