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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Zweites Buch.

Erstes Kapitel. Im Urwalde.

Am hohen Ufer des Surinam, unter drei neben einander stehenden Pallisadenpalmen, deren schlanker Wuchs sie jetzt in der tropischen Nacht gleich fein ausgemeißelten Säulen erscheinen ließ, auf denen das dunkle, von zahllosen flimmernden Sternen besäete Himmelsgewölbe ruhte, war ein Zelt aufgeschlagen. Um ein beinahe ausgebranntes Feuer lagerten vier Männer, von denen zwei schon an ihrer Kleidung als Europäer zu erkennen waren. Ihre Gefährten zeigten die dunkle Gesichtsfarbe der Eingebornen des Landes.

Die Inwohner dieses, nach der Flußseite zu offenen Zeltes schienen zu schlafen, wenigstens bewegte sich Keiner von ihnen. Die beiden Europäer lagen, in ihre Decken gehüllt, im Hintergrunde, während die beiden Eingebornen wie bronzene Statuen zunächst dem Feuer, und zwar einander gegenüber, Platz genommen hatten.

Von Zeit zu Zeit schlug aus dem verglühenden Aschenhaufen eine scharfe, rothe Flamme auf, flackerte Secunden lang auf und nieder und verlosch dann plötzlich wieder. Bei dem Aufflammen solcher vereinzelter Lichtblitze hob wohl einer der Indianer unmerklich sein Haupt und ließ scharf markirte Züge sehen, die jetzt von einem schläfrigen Augenpaar nur matt belebt erschienen.

Im nahen Walde herrschte tiefe Ruhe. Außer dem dumpfen Gemurmel des Flusses vernahm man nichts als das klingende Gesäusel der Palmenkronen. Nur aus der Ferne, wo das Gebüsch dichter ward, drang manchmal ein rufender Ton herüber, der wie das Echo der Stimme des Naturgeistes langsam auf den schwingenden Luftwellen ausklang.

Nach Mitternacht änderte sich die Scene. Der Wind, bisher aus Osten wehend, hatte sich südwärts gedreht und berührte mit feuchtwarmen Schwingen den Urwald. Ueber dem Untergebüsch und in den dunklen Laubgrotten, welche der Hochwald bildete, begannen rothe Flämmchen zu tanzen, auf und nieder zu steigen, bald in dem üppigen Pflanzenwuchse, der die Erde überwucherte, sich festzusetzen, bald durch die Kronen der Bäume und um die prachtvollen, federartigen Fächer der Palmen zu schwärmen. Auch an den Flußufern zeigte sich dies bewegte, wunderbar fesselnde Flammengewimmel, das von den aufgescheuchten großen Leuchtkäfern, den Laternenträgern, herrührte. Gleichzeitig ward der ganze Urwald lebendig. Hier zirpten Hunderte von Cicaden, dort pfiffen aus sumpfiger Flußniederung Kickfrösche, oder die seltsamen Bewohner dieser Gegenden, die Bauskröten ließen ihre lächerlich schnarrenden und dumpfen Töne hören, als wollten sie den fremden Gästen des Waldes ein Concert geben. Aus der Ferne endlich rollte es bisweilen wie Donnergetöse eines aufziehenden Wetters. Es waren Brüllaffen, die vom Winde in ihrer Nachtruhe gestört, ihren Verdruß darüber durch jene donnerähnlich tönenden Brülllaute zu erkennen gaben.

Die Indianer, von Jugend auf an dieses Leben im Walde gewöhnt, ließen sich nicht dadurch in ihrer Ruhe stören. Statuenartig steif, den Kopf nur wenig nach vorn gebeugt, blieben sie ruhig am erloschenen Feuer sitzen, ihre Gewehre quer über den Schenkeln haltend. Die Europäer dagegen erwachten und der Jüngste von ihnen sprang sofort auf und sah halb erschrocken, halb neugierig durch den offenen Zeltspalt hinaus in die Nacht, wo die tanzenden Funken der Laternenträger sich mit dem blauweißen Geflimmer der Sterne um die Herrschaft stritten. Beim Aufspringen stieß er seinen Gefährten unwillkürlich hart an, weßhalb dieser, sich streckend und noch mit dem Schlafe ringend ihm zurief:

Bleib doch, es ist nichts. Solche Töne muß man hören können, ohne sich aus süßen Träumen davon aufschrecken zu lassen. Der Morgen nähert sich und da beginnt die Thierwelt des Urwaldes lebendig zu werden. Ahme unsern Führern nach.

Wenn ich's könnte, warum nicht? Aber meinst du, ich sei in die Wildniß gezogen, um ruhige Tage und Nächte zu verleben? Nicht doch! Ich will lernen; ich will mit diesen meinen Augen sehen, wodurch ein Urwald der Tropen sich von einem deutschen Eichen- oder Fichtenwalde unterscheidet, um, wenn ich dereinst wieder zurückkehre in's alt werdende Europa, den daselbst still Fortlebenden sagen zu können, was anders ist in der neuen Welt, als in der alten.

Sein Gefährte lachte und suchte sich eine bequemere Lagerstelle aus. Man wird nicht auf dich hören, oder doch den Kopf dazu schütteln, sagte er. Treibt dich sonst nichts in die Wildniß, so hättest du keinen Schritt aus Mynheer Vanderholst's Comptoir zu thun brauchen.

Mich treibt aber noch etwas Anderes in die weite, weite Welt.

Nun, und darf man das nicht wissen?

Wenn du schweigen kannst, und das Vertrauen eines Freundes nicht mißbrauchst, sehr gern.

Ich stamme von angelsächsischem Blute, sprach mit Nachdruck der zweite Zeltbewohner, sich jetzt ebenfalls erhebend. Sage mir getrost, Ammer, was dieser capriciöse und nebenbei sehr kostspielige Zug in die Wildniß zu bedeuten hat. Ich bin immer bereit dir zu dienen, werde aber nie ein Wort von dem, was du mir etwa mittheilen magst, über meine Lippen gehen lassen.

Fürchtegott Ammer hatte sich auf leisen Sohlen bis an die Zeltöffnung vorgeschlichen: hier horchte er kurze Zeit auf die sonderbaren Stimmen im Walde, ergötzte sich an dem Funkengeschwärm der Laternenträger, und trat, als er sonst nichts Auffälliges oder Beunruhigendes gewahrte, wieder zurück in das luftige Nomadenhaus. Nachdem er sich auch überzeugt hatte, daß die beiden Indianer fest eingeschlafen waren, setzte er sich auf sein verlassenes Lager und sprach:

Du weißt, lieber Walter, daß meiner Reise nach Amerika für mich recht unangenehme Auftritte in der Heimath vorangingen. Gern will ich zugeben, daß dieselben, hätte mich ein anderer Geist regiert, durch größere Fügsamkeit zu vermeiden gewesen wären. Allein ich bin nun einmal ein Mensch, der vom Moment fortgerissen, bezaubert wird, der entweder rasch und kühn handelt oder lieber gar nichts thut. Ihr Gelehrten nennt das ja Temperament. Hat mir nun also die Natur oder, wie der Vater sagen würde, mein Schöpfer, ein so geartetes Temperament gegeben, so meine ich, es müsse auch Bestimmung oder Schicksal meines Erdenlebens sein, was sich sonst Gutes oder Uebles an dies mir verliehene Temperament knüpft, mit allen seinen Folgen zu tragen.

Das klingt ja ungemein ernsthaft, unterbrach ihn Walter, ein junger Arzt, der im Hause Vanderholst's lebte und dort die Bekanntschaft unsers jungen Freundes gemacht hatte, den er seines raschen und meistentheils heitern Wesens wegen schnell lieb gewann und deßhalb ihn auf seiner Reise in die von Weißen noch wenig besuchten Urwälder Surinams zu begleiten versprach. Ich will nicht hoffen, daß du mit verbotenen Gedanken dich trägst. Ziehst du etwa auf Eroberungen aus?

Wenn du es so nennen willst, warum nicht? fuhr Fürchtegott fort. Ich habe sogar eine sehr bestimmte Veranlassung, um nicht zu sagen, Aufforderung dazu, denn von meiner Person ist in diesen Wildnissen gewiß schon häufig die Rede gewesen.

Walter lachte. Ohne daß dich Jemand kennt? In der That, das finde ich originell und hast du Recht, so kann ich dir deine Hinneigung zum Fatalismus nicht verargen.

Immer scherze, sagte Fürchtegott, ich habe dennoch ein Recht, so zu sprechen. Freilich hat mein Auge nie zuvor einen tropischen Urwald gesehen, lange vorher aber, ehe ich noch daran denken konnte, eine Reise nach Surinam unternehmen zu wollen, schritt ich schon als mein eigener geistiger Doppelgänger über den Wipfeln dieser Bäume fort.

Ich verstehe dich nicht, sprach Walter, ich warne dich aber mein Freund, laß deiner Phantasie nicht zu sehr die Zügel schießen, denn ein derartiges geistiges Schwärmen ist in diesem feucht-heißen Klima häufig, ja fast immer mit ernsthaften Fiebererkrankungen verbunden.

Unser Freund sah nachdenklich in die durchleuchtete Nacht hinaus, die man jetzt nicht mehr todt nennen konnte. Im Gegentheil, die im Walde sich aufhaltenden, verschiedenen Thiere lärmten, als wollten sie mit ihren grellen, jetzt krächzenden und schreienden, dann wieder hohl bellenden Stimmen eine Schaar eingedrungener Feinde daraus vertreiben. Dazwischen vernahm man das Rauschen des Südwindes, der die tausend und aber tausend Kronen gewaltiger Riesenbäume schüttelte und die Wellen des Surinam kräuselte.

Bist du wohl früher mit einem oder dem andern der hier im Lande lebenden Missionäre zusammengetroffen? fragte Fürchtegott nach kurzer Pause seinen Begleiter.

Zusammengetroffen nicht eigentlich, entgegnete Walter, denn ich muß bekennen, daß ich mich für diese Heidenbekehrer, diese Epigonen des Apostelthums wenig interessire. Mir ist es von jeher so vorgekommen, als sei bei diesen Menschen das apostolische Wesen nur eine scheinheilige Maske, um mittelst derselben die unwissenden Wilden leichter bethören und sich Unterthan machen zu können.

Diese Ansicht scheint hier unter der Menge allgemein verbreitet zu sein, erwiderte Fürchtegott. Dennoch glaube ich, man thut den Missionären Unrecht. Nicht Alle verfolgen bloß eigennützige Zwecke, es gibt unter ihnen auch wirklich Auserwählte Gottes, die getrieben vom Heiligen Geiste des Evangeliums zu predigen hieher gehen.

Weißt du das so gewiß?

Ich weiß es, und weil ich es weiß, sitze ich jetzt hier.

Walter sah den jungen Ammer fragend und ungläubig an.

Es mögen zwei Jahre her sein, fuhr dieser fort, daß ein deutscher Missionär, Namens Johannes, nach Paramaribo kam. Er machte damals mit seiner jungen Frau, einem schwärmerischen Gemüthe, einiges Aufsehen, wie ich sehr genau weiß, und hat das Gerücht, welches über das Weltmeer zurückdrang in die Heimath des frommen und willigen Bruders, nicht gelogen, so sind ihm und seiner ihn begleitenden jungen Frau viele Bekehrungen gerade unter den am schwersten zugänglichen Indianerstämmen gelungen.

Wahrhaftig, sagte Walter, jetzt erinnere ich mich dieses Mannes. Es war ein hagerer, bleich aussehender Mann, äußerst still, und den Freuden und Vergnügungen der Welt gänzlich abgewandt. Ganz recht, ganz recht! Man bedauerte damals seine Frau, die niedliche, kleine Herrnhuterin, die Aller Augen auf sich zog und um deren Besitz mancher reiche Mynheer den schlichten, stillen Mann im braunen Rock beneiden mochte. Die etwas leichtfertige Gesellschaft Paramaribo's erzählte sich viel von dem auffallenden Paare und fand es höchst originell, und freilich auch sehr unbegreiflich, daß die kleine Frau aus überschwänglicher Liebe zu dem Missionär diesen in die Wälder begleiten wollte. Ausgeführt muß sie ihren Vorsatz wohl haben, denn das seltsame Pärchen war eines Tages verschwunden und ist seitdem nicht wieder in Paramaribo gesehen worden.

Fürchtegott's Wangen färbten sich während dieser Mittheilungen röther; jetzt fragte er:

Hast du nie wieder etwas von dem Prediger-Missionär Johannes gehört?

Nein, sagte Walter, auch kümmerte ich mich nie um die Heidenbekehrung. Mir hat es von jeher wichtiger und verdienstlicher geschienen, die Menschen leiblich gesund zu machen, als ihre Seelen mit religiösen Einbildungen zu verkümmern. Aber weßhalb interessirst du dich denn so gewaltig für den Mann?

Weil ich Aufträge für ihn aus Europa mitgebracht habe, versetzte Fürchtegott Ammer. Ja, du staunst, und dennoch verhält es sich so.

Walter mußte herzlich lachen. Nun, das muß ich sagen, sprach er, die deutschen Herrnhuter verstehen das Geschäft gründlich. Während sie, ich weiß nicht, womit Handel treiben und unermüdlich sind im Anknüpfen neuer Verbindungen an allen Ecken und Enden der Welt, haben sie den Kopf voller Bekehrungsgedanken. Also du treibst in der Stille auch ein wenig Proselytenmacherei? Gehörst du vielleicht gar der Brüdergemeinde an?

Keineswegs, versetzte Fürchtegott, weil ich aber wesentlich Mitgliedern dieser Gemeinde mein aufblühendes Glück verdanke, weil sie mich unterstützen, meine Unternehmungen billigen, meine Pläne fördern, bin ich gern bereit, mich ihnen dankbar zu beweisen. Kennst du den Grafen Alban?

O ja, sagte Walter heiter, so genau wie den Bruder Fitzliputzli's. Man sagt, es sei ein sehr frommer Mann und wenn ihm die Gläubigen noch nicht göttliche Ehrfurcht erwiesen, so soll es bloß daran liegen, daß seine Glatze noch nicht groß genug ist, um sie für den aufgehenden Mond zu hatten, wenn er bei einbrechender Nacht auf hohem Söller stehend das Himmelsgewölbe betrachtet.

Laß deine Scherze, Freund, nahm Fürchtegott etwas verstimmt das Wort wieder. Graf Alban ist eine höchst respectable Persönlichkeit. Von ihm habe ich Briefe an den Prediger-Missionär Johannes, und nun zu meiner Zufriedenheit die Handelsgeschäfte meines Hauses erledigt sind, bin ich verpflichtet, den, wie es den Anschein hat, beinahe verschollenen Mann um jeden Preis aufzusuchen. Darum habe ich mir zu Führern diese beiden kräftigen Indianer erwählt, die mir als ehrliche Neubekehrte empfohlen worden sind. Du wirst jetzt, denk' ich, meine Reise stromaufwärts mitten in den Urwald nicht mehr bloß abenteuerlich finden, mich aber, nun du den Zweck derselben kennst, hoffentlich auch nicht verlassen, weil das Romantische derselben dadurch vielleicht etwas an ursprünglichem Reiz verliert.

Nach dieser Darlegung der Verhältnisse, von denen Walter allerdings keine Ahnung gehabt hatte, betrachtete er die Reise von einem andern Gesichtspunkte, obwohl er einige leise Zweifel in Bezug auf die wahre Absicht seines Freundes nicht ganz zu unterdrücken vermochte.

Da über dem schwarzen Waldsaume im Osten bereits der Himmel sich mit fleckigem, weißen Gewölk überdeckte, beschlossen die Reisenden aufzubrechen. Ein Ruf weckte die Indianer, rasch ward das Zelt abgebrochen, zusammengerollt und, während der Tag vollends anbrach, auf unbetretenem Pfade in die Waldung tiefer eingedrungen.

Für die beiden Europäer war die fernere, mit großen Beschwerlichkeiten verbundene Reise durch schwer zugängliche Wildnisse von vielfachem Genusse. Der tropische Pflanzenwuchs, seine Farbenpracht, die häufig ganz seltsamen, eben deßhalb das Auge fesselnden Formen desselben, ferner die buntbefiederten Vögel, die zahlreichen Papageien und Arrase, die possierlichen Affen, die bald neugierig, bald die abscheulichsten Grimassen schneidend, auf Palmen und Immergrüneichen hockten oder einander in den kecksten Sprüngen von Baum zu Baum verfolgten: dies Alles unterhielt, gab Anlaß zu den mannigfachsten Gesprächen und machte alle Mühen vergessen, ließ alle Gefahren unbedeutend erscheinen, obwohl die letzteren bisweilen bedenklich genug waren.

Schon hatten die Freunde vier Tage lang die Wälder durchirrt und noch immer zeigte sich keine Spur menschlicher Niederlassungen, Fürchtegott ward nachdenklich und äußerte zu seinem Begleiter, ob man den Indianern wohl trauen dürfe oder auf seiner Hut sein müsse, um nicht etwa von ihnen in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Walter theilte diese Bedenken nicht.

Es fällt mir nicht auf, sagte er, daß wir noch kein indianisches Dorf gesehen haben. Unsere Führer meiden ein Zusammentreffen mit ihren Landsleuten absichtlich, um nicht selbst feindlicher Behandlung sich auszusetzen. Bekehrte sind nämlich denjenigen, welche fest halten an ihren alten barbarischen Sitten und Gebräuchen, sehr verhaßt. Betrifft man sie und kann sich ihrer bemächtigen, so entgehen sie selten dem Tode. Sie werden dem Zorn ihrer Götter geopfert, häufig durch grausame Martern, ja es ist nicht ungewöhnlich, daß in solchen Fällen selbst die abscheuliche Sitte, Menschenfleisch zu essen, bei einigen der wildesten Stämme noch Vertreter und Liebhaber findet. Die Europäer haben in der Regel nichts von den Ureinwohnern zu fürchten, ausgenommen, man reizt sie und ruft in ihnen den Durst nach Rache auf. Sie wissen, daß sie von den Weißen Vieles lernen können. Darum begegnen sie fremden Reisenden gern freundlich, sind immer erbötig, einen Tauschhandel mit ihnen einzugehen, und nicht selten haben ganz einsame Wanderer solcher Art Monate lang die gastlichste Aufnahme unter diesen Kindern der Natur gefunden. Wahrscheinlich dringen unsere Führer auf Umwegen nach dem Gebirge, wo gegenwärtig, der gesunderen Luft wegen, die Missionäre gewöhnlich ihren dauernden Aufenthalt nehmen. Diesen verlassen sie freilich oft, weil sie lehrend und predigend von Stamm zu Stamm, von Dorf zu Dorf pilgern, wobei sie denn auch bisweilen mehrere Wochen als Nomaden in Zelten unter freiem Himmel campiren oder im Schooße des Waldes unter breitästigen Sycomoren ihre Wohnung aufschlagen.

Diese Auseinandersetzung des Freundes verscheuchte die trüben Gedanken, die bereits Fürchtegott's freudige Naturbetrachtung beeinträchtigten. Er sollte indeß bald erfahren, daß Walter die indianischen Führer richtig beurtheilt hatte. Am Abend des fünften Wandertages zeigten sich nämlich in einer Entfernung von etwa zehn geographischen Meilen im Westen blaue, verlockende Bergsäume. Der Urwald war nicht mehr so undurchdringlich, wie in den ersten Tagen, selbst Spuren eines Jagdpfades, der nicht ganz selten betreten zu werden schien, kreuzten die Indianer. Diese Spuren veranlaßten die Führer der Freunde zur Abhaltung einer kurzen Berathung, worauf sie in nordwestlicher Richtung weiter vordrangen. Man entfernte sich dadurch scheinbar wieder von dem erblickten Gebirge, wenigstens konnte man den emporragenden Kamm desselben am nächsten Morgen nicht mehr entdecken.

Neues Bedenken verursachte im Laufe dieses Tages unserem Freunde ein höchst eigenthümliches Geräusch, dessen Entstehung er sich auf keine Weise erklären konnte. Auch Walter zeigte sich weniger heiter und sorglos, als gewöhnlich. Die Reisenden hörten nämlich, anfangs sehr fern und dumpf, später in größerer Nähe und deßhalb auch deutlicher und stärker, einen Knall, bald vereinzelt und in langen Pausen sich wiederholend, bald rasch auf einander folgend. Er hatte die größte Aehnlichkeit mit einem Pistolenschuß, nur daß er nicht so scharf und gellend klang. Auch die Indianer lauschten diesem Tone, sprachen eifrig miteinander, stießen dabei ein den europäischen Pilgern unbekanntes Wort mehrmals unter lebhaften Gebehrden mit funkelnden Augen und ihre Büchsen wie im Triumph schwingend aus, und konnten überhaupt eine ausgelassen heitere Laune nicht mehr verbergen.

Sind das Freudenschüsse oder was mag dies Geknalle sonst zu bedeuten haben? sprach der besorgte Fürchtegott. Walter zuckte die Achseln, machte ein komisches Gesicht und sagte resignirt:

Bin völlig außer Stande, mit einer vernünftigen Antwort zu dienen.

In diesem Augenblicke öffnete sich der Urwald; die Riesenbäume mit ihren undurchdringlichen Laubkronen hörten auf, eine ganz andere, aber wunderbar üppige, farbenstrahlende Vegetation von bezaubernder Schönheit lag in unübersehbarer Breite vor den Blicken der Ueberraschten und kündigte ihnen das nahe Aufhören des Waldes selbst an. Jubelnd schwangen die Indianer abermals ihre Feuerwaffen, deuteten auf die prangende Pracht des Niederwaldes und riefen, ihre flammenden Augen den Europäern zukehrend und mit der Linken vorwärts zeigend:

Cancantri! Cancantri!

Dicht vor ihnen aus dem wehenden Blätter- und Blüthenwalde, über dem außer schlanken Palmen eine Menge wunderbar gestalteter Bäume sichtbar wurden, die ganz so aussahen, als ließen sich ihre breiten Stämme scheibenartig auseinander schieben und dadurch beträchtlich ausdehnen, ward jetzt wieder schnell hinter einander der räthselhafte Knall vernehmbar und machte die Freunde abermals stutzig.

Cancantri! Cancantri! riefen von Neuem die Indianer und tanzten vor Freude und Glückseligkeit.

Fürchtegott vermuthete, die Indianer wollten mit diesem Rufe ihre heimathliche Gegend bezeichnen, und richtete deßhalb einige darauf bezügliche Fragen an sie. Die Indianer lachten und klärten den Europäer über seinen Irrthum, den sie höchst ergötzlich fanden, mit vieler Zuvorkommenheit auf.

Es war der riesige, so wunderbar gestaltete Cancantri-Baum, der durch das Platzen seiner großen Blüthenknollen schon von fern den Indianern angezeigt hatte, daß die Region des Urwaldes bald überschritten sei. Dieser Baum, der zur Zeit der Blüthe über dem grün schimmernden Fächerwerk seiner vom Hauptstamme auslaufenden, breiten Fortsätze eine schneeweiße Bedachung reizender Blüthen trägt, bietet den wunderbarsten Anblick und eine von der schöpferischen Natur selbst für die Bewohner dieser heißen Tropenländer mitten im Sonnenbrand erbaute, phantastische, kühle Laubwohnung. Es ist der poetischste Baum der Welt, der Liebling der Indianer Surinam's und der treueste Beschützer ihrer leicht gezimmerten Hütten. Wo der Cancantri seine Fächerschirme in die goldblaue Luft ausbreitet und seine schattigen Nischen bildet, in deren Inneres herab der Lockenschmuck seiner weißen Riesenblüthen hängt: da siedelt der Indianer sich gerne an; im Schutze dieser Baumnischen schlägt er nicht selten seine Hütte auf, an deren Schwelle er Abends ruht, wenn die Leuchtkäfer der heißen Zone wandernden Lichtern gleich in zahllosen Schwärmen über den thauigen Purpurkelchen phantastisch geschmückter Gewächse geräuschlos auf- und niedergaukeln. Mit diesem kunstlosen und doch so wunderbar schönen Cancantri-Hause läßt sich nichts auf Erden vergleichen.

Fürchtegott konnte wohl zuweilen in Erstaunen gesetzt, äußerst selten aber von irgend etwas freudig entzückt werden. Jetzt aber riß ihn die Großartigkeit, die Pracht und Fülle dieser tropischen Pflanzenwelt doch zu einem lauten Freudenruf hin. Einen Anblick, wie er sich dem erstaunten Europäer darbot, hatte er in seinen phantastischsten Träumen nicht einmal geahnt. Da lag sie vor ihm, die Augenbraune des Urwaldes, sonnenbeglänzt, wie ein auf die Erde gebreiteter Regenbogen. Und weit in die Ferne, am Rande dieser hundertfarbig blitzenden und funkelnden Welt stieg das Gebirge auf, von so durchsichtigem Duft überhaucht, als sei es erbaut aus Amethyst und Lapislazuli.

Bei Gott, dies ist ein wunderbares Paradies, sprach Fürchtegott nach minutenlangem Anschauen der vor ihm entfalteten Naturherrlichkeiten. Und diese Heimath konntet ihr mit dem dunstigen Aufenthalte in den Straßen einer Stadt vertauschen? setzte er hinzu, sich an die Indianer wendend. Dazu gehört wirklich große Selbstüberwindung oder Verlockungen ganz eigener Art. Ich glaube, in dieser Natur könnte ich ewig leben, ohne je wieder das Bedürfniß nach Veränderung, nach alten Gewohnheiten zu fühlen.

Vermiß dich ja nicht zu hoch! warnte Walter. Hast du erst acht Tage hier gesessen und auch Bekanntschaft gemacht mit den mancherlei kleinen und großen Unannehmlichkeiten, die sich unter dieser lockenden Farbendecke verbergen, so bist du all' des Schimmers überdrüssig und ein kaufmännisches Waarenlager hat zehnmal mehr Anziehungskraft für deinen verdorbenen, inneren Menschen.

Walter lachte, Fürchtegott achtete jedoch vorerst noch nicht auf die ein wenig spöttisch klingende Rede des Freundes. Neben den Indianern fortschreitend, sagte er:

Gibt es Wohnungen in diesem zaubervollen Lande?

Bisweilen, Herr, antwortete der rothbraune Sohn der Wälder in schlechtem Holländisch, denn diese Sprache war den mit den Europäern verkehrenden Eingebornen außer ihrem eigenen Idiom allein verständlich.

Diese herrliche Gegend ist demnach unbewohnt, ein wüst und wild liegendes Paradies?

Der Geist böser Krankheiten bewohnt es, sagte einer der Führer. Der rothe Mann besitzt nicht Kraft genug, um mit diesem Geist zu kämpfen. Er wird matt, kurzathmig, die Muskeln erschlaffen ihm und mit schlotternden Gliedern legt er sich nieder unter die brennenden Blumenblätter und schließt seine Augen für immer.

Da hast du dein Paradies, sagte Walter. Ja ja, lieber Freund, unter den Tropen ist noch weniger Alles für Gold und Edelstein zu halten, was glänzt und funkelt, als in dem nicht ganz so bunt aufgeputzten Europa.

Wo wohnen denn eure Stammesbrüder? fragte Fürchtegott, ein wenig mißmuthig und jetzt schon mit gleichgiltigerem Auge die wunderbar schöne Natur betrachtend.

Dort, jenseits der blumigen See, wo die Hügel sich an die Füße der Berge schmiegen.

Treffen wir dort auch die europäischen Prediger?

Wir werden ihnen begegnen, sagte der Indianer, denn sie wandern von Ort zu Ort, wie die Wolke, welche das Land mit Wasser begießt, wenn der Feuerathem des großen Lichtes es ausgedorrt hat.

Und wie weit ist es bis zu jenen Hügeln?

Eine Tagereise, Herr, wenn uns die Thiere dieses blühenden Pflanzengartens nicht zu weiten Umwegen nöthigen.

Also auch giftige oder reißende Thiere haben Besitz von diesem Paradiese genommen?

Viele, sehr viele, Herr, sagte mit ernster Miene der Indianer. Der Leopard, der Panther und die Unze schlafen unter dem weißen, wallenden Moos der Bäume, im Sumpf wälzt sich der Kaiman, und die Klapper- und Brillenschlange theilt gern das Lager mit dem ermüdeten Menschen. Es ist gefährlich in dieser schönen Wildniß unter freiem Himmel zu übernachten.

Meinst du jetzt noch, es sei hier gut Hütten bauen? fragte Walter seinen jungen Freund. Dieser holte tief Athem und versetzte:

Die Welt bleibt, wie ich merke, überall dieselbe. In Europa, wo es weder giftige Schlangen noch gefräßige Alligators gibt, übernehmen die Menschen das Geschäft Beider, und hier, wo die Einwohner die Kinderschuhe einer naturwüchsigen Unschuld bei aller Barbarei noch nicht ganz ausgezogen haben, ist die Thierwelt wenigstens eben so viel Herr der Erde, als der vernunftbegabte Mensch, der ein Ebenbild Gottes sein soll und auch sein will.

Freund, fiel Walter ein, halte dich nicht mit unnützem Philosophiren auf. Damit kommst du in diesem jungfräulichen Lande nicht weit. Du weißt nun, daß alle Paradiese nur zur Augenweide der verderbten Menschenbrut da sind, nicht um sich darin niederzulassen. Richte also dein Augenmerk auf die etwas weniger anlockende Ferne und denke daran, daß du als ein Sendbote einflußreicher Männer zu den Sendboten des Christenthums ziehest.

Du hast Recht, erwiderte Fürchtegott. Ich will wieder praktisch werden. Damit überwindet man zuletzt doch am sichersten auch die größten Schwierigkeiten, und, was noch höher anzuschlagen ist, man läßt sich nicht täuschen, weder von der Natur noch von den Menschen.

Diesem Vorsatze blieb Fürchtegott von jetzt an auch treu. Sein jugendlicher Geist, der seit einiger Zeit von den neuen Eindrücken, die er täglich empfing, dem Schönen und Erhabenen viel zugänglicher geworden war, wandte sich wieder der realen Welt zu. Befand er sich dabei auch nicht in einer glücklichen Stimmung, so vermied er doch wieder alle nutzlosen Aufregungen, und ein heiterer Gleichmuth, der ihn befähigte, stets völlig ruhig zu urtheilen und zu handeln, gab seinem Thun eine gar sichere Stütze.

Am Abend dieses Tages ruhten die Freunde bereits außerhalb der eigentlichen Region des Waldes. Sie schlugen ihr Zelt unter dem schirmenden Fachwerk eines ganz vereinzelt stehenden Cancantri-Baumes auf, und hatten in diesem Asyl das Glück, noch einmal, nur in größerer Entfernung, das zauberhaft berückende Leben der Nacht in dieser unbetretenen Welt zu bewundern.

Am Morgen zogen sie weiter westwärts. Schon nach zweistündigem Wandern sahen sie eine starke Rauchsäule hinter niedrigen Hügelrücken aufsteigen, wie von einem Brande. Die Indianer jauchzten, schwangen ihre Waffen und erklärten den Europäern, dies sei das erste indianische Dorf.

Mit erwartungsvollem Herzklopfen schritt Fürchtegott die Hügel hinan. Auf dem Gipfel angekommen, überblickte er ein weites, fruchtbares Thal, dessen grüne Feldmarken von einem Flusse bespült wurden, der seine silberblitzenden Wellen dem fern im Vorwalde still fortziehenden Surinam zuführte. In malerischer Zerstreuung gruppirten sich auf weit ausgedehntem Raume leicht gezimmerte Hütten, umschattet von herrlichem Gebüsch. Im Hintergrunde dieses lieblichen Thales stieg das Gebirge empor. Etwa in der Mitte der Niederlassung, auf welcher die Blicke der beiden Freunde mit Wohlgefallen ruhten, erhob sich aus einem Kranze schlanker Palmen die Rauchsäule, welche den Wanderern zuerst das Vorhandensein menschlicher Wohnsitze verkündigt hatte.

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