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Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel. Ammer und seine Söhne.

Schlummerlos wie die Brüder verbrachte auch der alte Ammer diese Nacht. Sein scharfes Ohr vernahm den Hufschlag des spät heimkehrenden Sohnes; er hörte die Tritte der Brüder auf der knarrenden Wendeltreppe, welche in die oberste Etage des Thurmes führte. Während die Söhne ihr Gehirn anstrengten, um Rettungspläne zu ersinnen, überdachte der Vater sein Leben, es prüfend Jahr nach Jahr vor seinem Geiste aufrollend. Er war nicht selbstsüchtig und anmaßend genug, um seine Vergangenheit tadellos, fehlerfrei zu finden, ach nein! Auch er hatte geirrt, gefehlt, bisweilen wissentlich, öfter in dem unklaren Drange, das Gute zu wollen, ohne es doch erreichen zu können. Was Andere entschuldbar gefunden hätten, das machte sich der alte Mann schon zum Verbrechen. So erhob er im Gedanken selbst eine Anklage gegen sich, die jetzt schwer auf dem Vielgeprüften lastete.

Mit seinen Söhnen mußte er sprechen, denn die Ehre seines Namens war für immer verloren, wenn die Eröffnungen seines alten Freundes Mirus nicht auf bloßen kaufmännischen Voraussetzungen beruhten. Was er aber den beiden jungen Männern sagen sollte, darüber konnte er mit sich selbst nicht einig werden.

So verging die Nacht. Erst gegen Morgen schlief der Greis einige Stunden, aber dieser Schlaf erquickte ihn nicht, denn schreckhafte Träume gaukelten um seine Seele.

Die Brüder gaben sich ihren gewohnten Arbeiten hin. Niemand erfuhr, in welche Lage sie gedrängt waren, was Alles in der nächsten Zukunft geschehen konnte, wenn Graf Alban entweder sein Versprechen zu halten nicht vermochte oder sonst Umstände eintraten, die dies unmöglich machten.

Gegen Mittag ließ endlich der alte Vater beide Söhne zu sich entbieten. Sie folgten dieser Einladung unverweilt. Unterwegs vom Comptoir in die Wohnung des Vaters sprach Keiner ein Wort, nur ihre Blicke begegneten sich einige Male bedeutungsvoll, und gaben sich schweigend zu erkennen, daß sie einander verstanden.

Ammer war allein in seinem Zimmer. Er saß in seinem Rollstuhle neben dem Tische, der mit weißer Damastserviette überdeckt war. Vor ihm lag das Buch Hiob aufgeschlagen, in dem er wohl gelesen haben mochte. Beim Eintritt seiner Söhne wendete er den Kopf ein wenig und machte mit der kräftigen linken Hand eine gebietende Bewegung.

Tretet mir gegenüber, sprach er, und laßt mich euch einmal in die Augen sehen. Ich habe immer gehört, daß jeder ehrliche Mann den Blick eines Gerechten aushalte und sei er auch scharf wie ein zweischneidig geschliffener Dolch, oder so blendend, wie das Feuer, welches der Herr im Wetter auf die Erde herabschleudert. Dahingegen erinnere ich mich, gelesen zu haben, daß sündhafte Menschen und schwer beladene Gewissen keinem Ehrenmanne grade in's Auge schauen sollen.

Die Brüder hatten bereits dem ernst blickenden und in strengem Tone sprechenden Vater gegenüber Platz genommen, nicht aber mit der Miene Schuldiger oder Bittender, sondern mit jener Nonchalance, die anzeigen sollte, daß sie zwar aus Achtung vor dem alten Manne seine Einfälle anhören wollten, daß sie dies aber durchaus nicht als eine ihnen obliegende Pflicht betrachten möchten.

Du sprichst seltsam, Vater, erwiderte Fürchtegott. Ich will nicht hoffen, daß du uns für Diebe hältst.

Ich spreche seltsam und ihr handelt seltsam, gab Ammer zur Antwort, und ich habe, denk' ich, ein Recht so zu sprechen, weil es mein fester Vorsatz ist, nicht zu gestatten, daß ein Makel auf meinen reinen Namen sich festsetze, welcher losen Buben Anlaß geben könnte, mit Fingern auf mich zu deuten. Seht, diese meine Haare sind grau und endlich weiß geworden mit Ehren. Ich will nicht in die Grube fahren, bis daß jedes einzelne ausgefallen ist, wenn meine Kinder mich um die Reputation bringen, die mir höher stand, als äußerlicher Glanz und eitel hohle Pracht!

Vater, vermiß dich nicht! sagte Christlieb mit bittender Stimme.

Ammer beugte sich hastig vorn über und indem er heftig und wiederholt mit seinem Krückenstocke auf den Tisch schlug, rief er den Söhnen stirnrunzelnd und mit heiß aufflammenden Augen zu:

Habt ihr Waaren verfälscht, he? Habt ihr baumwollene Lappen in die Welt geschickt und drauf geschrieben, es sei altes, gutes, haltbares Linnen? Habt ihr das gethan, ihr Herren auf Weltenburg?

Der Krückenstock des erzürnten Webers schlug nochmals dröhnend auf den Tisch und im Zucken der Aufregung raffte er das aufgeschlagene Bibelbuch damit herab.

Hat man uns dessen bezichtigt? fragte Fürchtegott, eine bequeme nachlässige Stellung einnehmend.

Denkt ihr, ich alter Mann führe mit meiner lahmen Hand in die blaue Luft hinein und griff nach dem, was da herumfliegt, um es zusammen zu ballen, mir vor die Füße zu werfen und aus purem Eigensinn oder Langeweile mir einen Stein des Anstoßes daraus zu formen? Ich bin kein Thor, der sich selbst mit spitzer Hacke auf's Herz schlägt, um sich zu martern, denn ich fühlte niemalen die Stimmung und Lust in mir, zu den Märtyrern und Heiligen gezählt zu werden. Wenn aber die erprobte Redlichkeit zu mir tritt, mir auf die Schulter klopft und sagt: Ammer, reiß die Augen auf und sieh um dich, es zerrt eine leichtfertige Hand an dem Gewande deiner bürgerlichen Ehre herum und hat schon ein Loch hineingerissen: da fahr' ich auf und greife nach der frevlen Hand; und kann ich sie packen, und mein Schöpfer stärkt mir noch einmal die alten Sehnen und Muskeln, so brech' und zermalm' ich solche Hand, ohne danach zu fragen, von wessen Körper sie ein Theil ist! Redet, ihr Herren aus der neumodischen Zeit, habt ihr dem Kaufmann Mirus jederzeit reines Leinenfabrikat, gestempelt mit meinem Stempel, geliefert?

Ammer's Auge lag wie ein versengender Sonnenstrahl auf den Mienen seiner Söhne. Dennoch ertrugen sie den Blick des Forschenden. Fürchtegott versetzte kalt:

Ist uns niemals eingefallen, Vater. Wenn Herr Mirus baumwollene Zeuge von uns begehrte, hat er sie eben so gut erhalten, wie jeder Andere. Ist es etwa verboten, mit baumwollenen Artikeln Handel zu treiben?

Es ist nichts verboten, als der Betrug, der schlau vorbereitete und durchgeführte Betrug! rief Ammer, ergrimmt über den eiskalten Ton des Sohnes, den er für schuldig hielt. Mirus hat niemals Baumwolle statt Leinwand von euch gefordert, und dennoch habt ihr zu so unerhörtem Frevel euch aus elender, gemeiner Gewinnsucht verleiten lassen!

Fürchtegott lächelte mitleidig. Wenn du nicht schon so heftig erbittert gegen uns wärest, fiel er ein, so könnte ich dir dies Räthsel, das Mirus freilich nicht begreifen wollte, mit wenigen Worten lösen.

Bin sehr begierig auf diese Lösung, bitte aber zu bedenken, daß mit neumodischen Flausen meinem alten ehrlichen Webergewissen keine Narrenkappe aufzusetzen ist. Löse es, wenn du kannst.

Ach, ich sehe ein, sprach Fürchtegott seufzend, du bist voreingenommen gegen uns; es wird mir demnach nichts helfen, wenn ich dir auch die ganze Wahrheit sage.

Sage sie! Die Wahrheit schändet Niemand; sie kann selbst begangenes Unrecht zuweilen wieder gut, ob auch nicht ungeschehen machen.

Herr Mirus, sagte Fürchtegott leichthin, indem er ein prächtiges ostindisches Taschentuch entfaltete und damit den Staub von seinen sehr elegant gearbeiteten Glanzstiefeln wischte, Herr Mirus erhielt durch einen bloßen Zufall, durch eine Verwechselung jene Kiste, von der hier ganz allein die Rede sein kann. Wir vermißten sie später und konnten uns ihr Verschwinden durchaus nicht erklären. Trotz allen Suchens fand sie sich aber nicht wieder. Erst lange nachher brachten wir in Erfahrung, daß der peinliche, alte Herr sie erhalten hatte, was uns sehr ärgerlich war. Es hätte dem erfahrenen Kaufmanne, der so gern von seiner Redlichkeit spricht, wohl angestanden, uns Meldung zu machen, als er die Kiste entdeckte, denn von uns konnte man doch schwerlich verlangen, daß wir an alle unsere Kunden dieser Bagatelle wegen durch die halbe Welt ein Circulär laufen ließen, um zu ermitteln, wo sie geblieben, an wen sie zufällig gekommen war. Herr Mirus schwieg aber, schwieg lange und sprach erst, als uns durch sein beharrliches Schweigen der Verdacht des Betruges treffen mußte.

Der Inhalt der Kiste ward durch einen Dritten verkauft, bemerkte Ammer. Nicht Mirus entdeckte, daß er statt Linnen nur Halbleinen erhalten, sondern der, welcher die Kiste kaufte.

Mag sein, fiel Fürchtegott ein, indeß kann uns dies gar nicht zur Last fallen. Nie früher und auch nie später ist dieser Fall wieder vorgekommen. Hätte Mirus, als er von seinem Abnehmer die ärgerliche Kunde erhielt, unverweilt uns Anzeige davon gemacht, so würden wir gewiß nicht säumig gewesen sein, den Fehler einer Verwechselung in genügender Weise wieder zu verbessern.

Gut, ich will dir glauben, sagte etwas ruhiger der alte Ammer, dennoch ist es Thatsache, daß ihr mit gemischter Leinwand handelt und dadurch euern Ruf untergrabt, vielleicht schon untergraben habt. Könnt ihr das leugnen, und habt ihr nicht immer mir in's Gesicht behauptet, ihr triebt das Geschäft unverwandelt, wie ich es getrieben, es euch gelehrt habe, nur daß ihr es zehnfach erweitert hattet?

Warum sollten wir dies leugnen, Vater?

So habt ihr mich betrogen, ihr – Lotterbuben!

Fürchtegott zuckte zusammen, alle Farbe entwich aus seinen Wangen, er sah den ergrimmten Vater an wie ein Geist.

Ich glaubte in meiner schlichten Weise Christen erzogen zu haben, und nun sitzen zwei Lügner vor mir in feinen Kleidern, fuhr der Alte fort. Wollte, ihr müßtet den linnenen Kittel wieder anziehen und ich könnte euch meine reine Hand reichen zum Gruße als Ehrenmänner. Jetzt that es Noth, ich verbänd' mir die Augen, damit ich euch nicht sähe und der Gram ob eurer Unredlichkeit mir nicht das Herz abfresse.

Fürchtegott sprang auf und stellte sich dem Vater gegenüber. Die Arme zusammenschlingend versetzte er:

Es hat Alles seine Grenzen, Vater, auch die Rechte der Eltern über die Kinder. Was du an uns gethan, wir danken dir's, seit wir jedoch Männer geworden sind, haben wir verlernt, auf bloße Winke zu gehorchen, und seit wir als Männer selbst denken und prüfen, wollen wir den schulmeisterlichen Ton eines grillenhaften Vaters eben so wenig hören, als die Ruthe küssen, die uns schlägt. Es könnte sich ereignen, Vater, daß die zu Männern herangereiften Söhne in solchem Ausnahmsfalle die Ruthe zerbrechen oder sich wie Männer wehrten. Die Beleidigung unter sechs Augen wollen wir verzeihen, für Beleidigungen, von denen die Welt unterrichtet wird, gibt es den Schutz der Gesetze. Und es wäre wohl nicht das erste Mal, daß ein Advocat den Söhnen gegen den Vater diente. Hast du noch mehr auf dem Herzen, so schleudre es von dir. Ich meinestheils habe Lust, dieser artigen Unterhaltung noch eine Viertelstunde meiner Zeit zu opfern, für eine längere Dauer würde ich jedoch danken müssen.

Ammer hatte sich während dieser Worte mit Hülfe seines Krückenstockes langsam aus dem Stuhle erhoben, die Mütze war dabei seinem Haupte entfallen und das volle silberne Lockenhaar rollte in glänzenden Ringeln um das stolze Gesicht des ehrwürdigen Greises. Er sah den Sohn mit wunderbaren Augen an, sich fest auf den Krückenstock lehnend.

Fürchtegott, Fürchtegott! sagte er jetzt mit einer Stimme, die wie der Ruf eines warnenden Gottes klang, du versündigst dich schwer, aber ich will dich nicht strafen. Die Schuld, die du leugnest, steht mit flammender Schrift geschrieben auf deiner Stirne! Du hast mich belogen und du belügst mich jetzt wieder. Lüge bleibt Lüge, mag man sie beschönigen, wie man will! Du drohst mir, deinem alten, rechtlichen Vater, mit dem weltlichen Gerichte. Nun immerhin! Geh', du Entarteter, von den Dämonen des Reichthums Besessener, geh' und hetze deine Advocaten gegen mich, ich werf' sie zu Boden mit sammt ihren Gesetzen durch einen Blick meines Auges. Fürchtegott, Fürchtegott, du wandelst die Wege des Verderbens, des weltlichen wie des ewigen! Kehre um! Wasche den Lotterbuben ab, den der Vater dir als Kennzeichen in's Herz gedrückt, und wenn du ein anderer, ein besserer Mensch geworden bist, dann komm' wieder!

Zitternd sank der alte Mann zurück in seinen Stuhl. Die bebenden Füße berührten die Bibel. Er wollte sich bücken um sie aufzuheben. Christlieb kam dem Vater zuvor. Ammer's Auge haftete auf dem Blicke seines ältesten Sohnes. Er nahm ihm die Bibel aus der Hand.

Da, sprach er, Christlieb unverwandt ansehend, das ist die Schrift, von der die Christenheit glaubt, es stände der Wille Gottes drin, den er kundgegeben dem sündhaften Geschlecht der Menschen. Ich alter Mann hab's auch geglaubt und glaub's noch. Wenn ihr neumodischen Herren mit dem weiten Gewissen gleicher Meinung seid und nicht Alles verlacht, was in dem alten Bibelbuche steht, so legt jetzt drei Finger eurer Rechten darauf, hier oben auf das Kreuz, darüber das Auge Gottes gemalt ist, und schwört, daß ihr mich nicht belogen, sondern jederzeit ehrlichen Handel getrieben habt, wie ich, mit allerlei Volk, diesseits und jenseits der großen Wasser. Schwört, so wahr euch Gott helfe und sein heiliges Evangelium!

Zweimal schon hatte es geklopft, allein weder Ammer, der Vater, noch seine Söhne hörten den Störer in der gewaltigen Aufregung, die sich Aller bemeistert hatte.

Der alte Weber wiederholte nochmals mit gebieterischer Stimme sein: Schwört! den Söhnen die Bibel hinhaltend.

Schon trat Fürchtegott vor und streckte seine Rechte aus, obwohl erdfahle Bläße sein Gesicht überzog, nur Christlieb wich zaudernd zurück. Da ward geräuschvoll die Thüre geöffnet und eine Stimme, die sofort die verhängnißvolle Situation veränderte, rief in das Zimmer hinein:

Richtig! Tres faciunt collegium! Darum geht es auch so überaus laut zu. Der Herr Vater hält den Herren Söhnen, wie es scheint, eine Vorlesung. Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe; kann aber nicht helfen. Durch einen von allen Seiten sanctionirten, Staats- oder vielmehr Familienvertrag derer von Weltenburg und des Herrn Ammer, beigenannt »im Rohr«, ist mir die Verpflichtung auferlegt worden, für das Wohl sämmtlicher Mitglieder der Ammer bestens, d.h. nach Befragung und Begutachtung meines rite examinirten und promovirten ärztlichen Gewissens Sorge zu tragen. In Folge dieses gegen- und allseitig genehmigten Familien- oder Burgvertrages bin ich genöthigt, die gegenwärtig gepflogene, allzu lebhafte, ja, dem Anscheine nach sogar leidenschaftliche Unterhaltung eines Vaters mit seinen Söhnen zu unterbrechen. Dem Alter ist es noch weniger gut als der Jugend, daß es sich ereifert. Ich decretire deßhalb, als wohlbestallter Leibarzt aller Bewohner Weltenburg's, ganz besonders aber des Herrn Ammer senior, der die seltsame Grille besitzt, zu allen Tages- und Nachtzeiten sich für dreißig Jahre jünger zu halten als sein Taufschein, dies aufregende, die Gehirnnerven angreifende und den Herzschlag in bedenklicher Weise beschleunigende Gespräch sofort abzubrechen. Gleichzeitig befehle ich den geehrten Herren auf und zu Weltenburg, bekannt in Alt- und Neu-England, nicht minder im Feuer- und Kaffernlande als »Gebrüder Ammer«, sich in ihre fürstlichen Apartements zu begeben, sintemal ein alter, leicht reizbarer Weber, der nicht aller seiner Gliedmaßen Meister mehr ist, solchen sinnlosen Spectakel ohne Nachtheil für seine Gesundheit gar nicht vertragen kann. Die Herren werden von mir, wegen Mangel an Schlaf, ein Opiat erhalten, und dem alten, ehrwürdigen Herrn Ammer wird Brause-Limonade die trefflichsten Dienste thun. Sie sind entlassen, meine Herren, der Arzt befiehlt, wo der Wille anderer Gestrenger nicht mehr ausreicht. Wer mich übrigens, seines Zustandes wegen, allein zu sprechen wünscht, der weiß mich jederzeit zu finden.

Diese mit schalkhafter Miene und in scheinbar heiterster Stimmung gehaltene Rede entfloß dem Munde Walter's, dessen unbemerktes, aber scharfes Beobachten längst schon einen Sturm zwischen Vater und Söhnen vermuthen ließ. Er kleidete mit Absicht seinen Vortrag in ein schalkhaftes Gewand, um eine Handlung zu verhindern, deren Folgen unabsehbar sein mußten. Seine List gelang, Ammer legte, während Walter sprach, die Bibel auf den Tisch, lehnte sich zurück und zeigte alsbald die Züge eines Mannes, dem vor Allem körperliche und geistige Ruhe Noth thut.

Die Brüder gewannen inzwischen ebenfalls Zeit, sich zu sammeln, und da eine matte Handbewegung des gänzlich erschöpften Vaters für sie ein Wink zu sein schien, daß sie sich entfernen möchten, verließen sie das Zimmer des Greises, einige sprechende Blicke mit dem Allen gleich befreundeten Arzte wechselnd, der gleichsam als ein Bote von Gott im Augenblick der höchsten Noth erschienen war.

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