Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Willkomm >

Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel. Das Briefpaquet.

Körperlich und geistig erschöpft, traf Fürchtegott erst spät wieder in Weltenburg ein. Außer dem dämmernden Lichtschimmer in Erdmuthe's Wohnung lag der weitläufige Schloßbau dunkel und schweigend vor ihm. Kaum jedoch näherte sich der späte Reiter der Pforte, so bewegte sich diese geräuschlos in ihren Angeln, und ein todtenbleiches Gesicht sah zu ihm empor.

Christlieb? fragte Fürchtegott, rasch aus dem Sattel springend. Du lebst in Sorgen.

Du bist es, versetzte der Bruder beklommen. Du kommst so spät, und ich vergehe vor Angst! Hast du ihn gesprochen?

Nein, sagte Fürchtegott fest und zuversichtlich, um den Geängsteten zu ermuthigen, aber das thut nichts. Es ist so vielleicht noch besser.

Das thut nichts, sprichst du, und unsere Noth vergrößert sich mit dem Ablauf jeder Secunde! Wir haben Besuch gehabt und es sind Briefe angekommen ein großes Paquet nur für dich! Seit sechs Stunden liegt es schon vor mir und unter meinen Füßen fühl' ich ein Erdbeben, so oft meine Blicke es berühren!

Briefe! wiederholte Fürchtegott. Von Wimmer?

Nein, von unserm Correspondenten und Agenten in Hamburg.

Ach, von Beinheim! Der Mann ist ja ungeheuer praktisch, fügte er scherzend hinzu. Gib Acht, er meldet uns Gutes. Es werden Anweisungen eingegangen sein.

Gott gebe! sagte Christlieb, noch immer niedergeschlagen. Aber der Besuch beunruhigt mich sehr.

Kaufmann Mirus? sagte Fürchtegott, und sein Herz begann stärker zu klopfen. Hast du ihn gesprochen?

Er war beim Vater, erwiderte Christlieb, ganz allein – wohl vier Stunden lang. Niemand weiß, was die Beiden mit einander verhandelt haben. Als er endlich fortging, ließ der Vater Erdmuthe rufen und sich aus dem alten Gesangbuche das Lied: »Wer nur den lieben Gott läßt walten« vorlesen. Dabei weinte er ganz laut, er schluchzte beinahe ich konnt' es auf dem Corridor hören denn die Angst ließ mir keine Ruhe. Erdmuthe fragte, was ihm fehle. Da sagte er: Nichts, meine kleine Heilige. Ich fühlte nur so ein Drücken auf dem Herzen; du hast's fortgeweht mit deinen Engelslippen nun bin ich wieder leicht. Hierauf schickte er deine Frau wieder fort und Mutter mußte bei ihm bleiben. Mich aber mich, setzte Christlieb erschüttert hinzu, mich, lieber Bruder, wollte der Vater nicht sehen. Er könnte blind werden, ließ er mir sagen, wenn er in meine Augen blicke!

Mirus hat uns verklagt, murrte Fürchtegott ingrimmig. Ich dachte mir's wohl, konnt' es aber nicht hindern. Nun, ich hoffe, er verrechnet sich, wie mancher Andere! Komm, Bruder, und sei ein Mann! Foppen dich die Nerven, so trinke Wein. Wir müssen den Kopf oben behalten. Wimmer ist fort verreist wohin? darüber wird der Teufel oder Beelzebub oder sonst einer seiner Brüder wohl die beste Auskunft geben können. Aber ich lasse mir von einem Pferdefuß nicht auf die Zehen treten. Ich war bei Graf Alban, habe mich entdeckt und die feierliche Zusage von ihm erhalten, daß er im Fall der Noth mit seinen und seiner zahlreichen Freunde Mitteln für uns eintritt.

Gott sei gelobt! rief Christlieb. Wenn der Graf Wort hält, dann sind wir außer Gefahr.

Er wird und muß es, sagte Fürchtegott zuversichtlich. Und nun gib mir die Briefe. Wo hast du sie?

Oben im Thurmzimmer. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hielt sie im Comptoir nicht für sicher. Deßhalb nahm ich sie mit mir, als ich dasselbe nach dem Weggang aller Uebrigen verließ.

Ich bin erschöpft, Bruder, erschöpft bis zur Ohnmacht. Hole Wein und etwas Brod, aber nur trockenes Brod, nichts weiter. Benachrichtige auch nicht Erdmuthe, daß ich wieder hier bin. Ich kann sie jetzt doch nicht sprechen, ihr Anblick machte mich vielleicht gar unschlüssig, falls Beinheim's Nachrichten nicht erfreulichster Art sein sollten.

Während Christlieb dem Bruder die begehrten Erquickungen holte, löste Fürchtegott voll banger Erwartung die Siegel des vor ihm liegenden Briefpaquets. Eine Menge Briefe, alle von transatlantischen Correspondenten, fielen ihm entgegen. Auch von Beinheim fand sich ein Schreiben vor, das Fürchtegott zuerst entfaltete. Der alte Handelsherr schrieb:

»Mein Werthester,

Habe von Anfang an wenig Freude an der Neuerung gefunden, die Sie zu treffen für gut hielten. Herr Vanderholst mag recht calculiren in seiner Weise, mich kümmert das aber nicht. Er ist ein Holländer, hat anderes Blut als Unsereiner, und überdies sitzt er drüben in der neuen Welt, wir in der alten. Blieb deßhalb lieber bei den Tuchlappen, denn ich bin gern immer ungeheuer praktisch. Jetzt, mein werther Herr und Freund, haben Sie gehandelt, wenn Sie nicht verschlucken können, was drüben die Yankee's Ihnen eintränken. Bitter schmeckt's, aber nur hinunter damit! Ich bin ungeheuer praktisch. Und haben Sie's jetzt satt mit dem halbschierigen Krame, so treten Sie als Compagnon in mein Geschäft. Es ist weniger glatt von Außen, aber sicher, Freund, sicher! Und Sicherheit ist immer ungeheuer praktisch. Bitte um baldigen Bescheid. Der ich hochachtungsvoll verharre

ergebenst
Beinheim.«        

Ohne eine Miene zu verziehen, erbrach jetzt Fürchtegott einen Brief nach dem andern, las ihn aufmerksam durch und legte ihn offen vor sich hin. Er gab keinen Laut von sich, aber er ward immer blässer, die Hände begannen zu zittern, kalter Schweiß rieselte auf die ausgebreiteten Papiere herab. So traf ihn der zurückkommende Bruder.

Christlieb, in dem Glauben, der starke Ritt und die geistige Aufregung hätten den Bruder in diesen Zustand körperlicher Schwäche versetzt, reichte ihm unverweilt Brod und Wein.

Nimm, sprach er, es wird dich stärken.

Fürchtegott trank das gereichte Glas auf einen Zug aus.

Mehr! sagte er mit lallender Zunge, noch immer Briefe öffnend, lesend und sie zu den übrigen legend. So trank er rasch hintereinander vier Gläser. Er hatte die Lectüre beendigt.

So, sprach er aufstehend und seinen Bruder auf den verlassenen Sessel niederdrückend. Jetzt lies du, und ich will Mundschenk sein. Unsere Firma heißt »Gebrüder Ammer«, wir müssen deßhalb aus brüderlicher Liebe Alles, was wir unter dieser Firma verdienen, gleich unter uns vertheilen. Du kannst dir übrigens das Geschäft bequem machen, indem du nur einen einzigen Brief zu lesen brauchst, denn sie lauten alle vollkommen gleich, als hätte man sie nach einer Schablone abgefaßt.

Christlieb folgte der Aufforderung seines Bruders, allein weniger stark von Charakter als Fürchtegott, verließ ihn schon nach Durchlesung des ersten Schreibens die Kraft zur Einsicht der übrigen. Er schlug beide Hände über sein Gesicht, beugte sich nieder und legte so den Kopf auf die mit dem Angstschweiß seines Bruders getränkten Papiere. Fürchtegott hörte ihn röcheln, wie einen Sterbenden. Er schenkte das leere Glas voll.

Nimm! sprach er. Der Wein erfreut des Menschen Herz, behaupten die Altmeister einer feinen Küche. Wir wollen's probiren. Noch sind wir nicht verloren. Graf Alban hat mir Hilfe zugesichert, er muß sein Versprechen halten, schon der Gemeinden wegen, in deren Interesse wir gehandelt. Mögen sie's wissen, daß sie getäuscht worden sind, mögen sie die Zahlung verweigern, mögen sie processiren; die Firma steht fest, so lange Herrnhut für uns bürgt. Es lebe Graf Alban und seine Freunde diesseits und jenseits des Oceans! Dies Glas weihe ich der Zukunft, an deren Pforte er als Schließer steht.

Er leerte es zur Hälfte, dann rüttelte er den immer noch stöhnenden Bruder, bis dieser sich ermannte und den Rest des Weines wie ein Träumender schlürfte. Ohne zu sprechen sank er wieder zurück in seine vorige Stellung.

Die heisere Schelle von Weltenburg schlug die zweite Morgenstunde und noch immer saßen die Brüder in dem kleinen Thurmgemache neben einander.

Fürchtegott's Vorstellungen, verbunden mit den belebenden Geistern des Weines, hatten Christlieb schon längst aus seiner Betäubung oder fernem apathischen Hinbrüten wieder zu vollem Leben erweckt. Ihre gegenseitigen Mittheilungen erleichterten wenigstens vorübergehend die Last des Schmerzes, der sie beinahe erlegen wären. Vor Allem hielt sie die Hoffnung der gräflichen Zusage aufrecht.

Einig mit sich, nur der unabwendbaren Nothwendigkeit zu weichen, beriethen sie den Plan ihres ferneren Handelns in den nächsten Wochen.

Uns steht Niemand im Wege als Mirus und Wimmer, sagte Fürchtegott, Beide müssen deßhalb unschädlich gemacht werden, vorausgesetzt, was leider für uns noch ein zu ermittelndes Geheimniß ist, daß sie uns schaden wollen oder können. Mirus mag in seiner Weise ein braver Mann sein, der es ganz ehrlich meint, namentlich mit dem Vater, dennoch kreuzt er mit seinen peniblen Begriffen von Solidität und ehrlichem Handel unsere Pläne dergestalt, daß er uns noch viel gefährlicher werden kann als ein offen operirender Feind.

Dennoch möchte ich auf möglichste Schonung gerade dieses Mannes dringen, bemerkte Christlieb. Ich vermag nicht zu beweisen, daß er sich freundschaftlich gegen uns gezeigt habe, eher ließen sich Beispiele für das Gegentheil anführen, aber ich weiß, daß er den Vater liebt und Wimmer haßt.

Von dem Herrnhuter später, sprach Fürchtegott. Er kommt nicht in Betracht, so lange Graf Alban auf unserer Seite steht, und außerdem, wer kann wissen, ob er nicht gerade diese Reise vor Jedermann so geheim gehalten hat, um uns zu nützen? Es liegt etwas in dem einsamen Charakter dieses ungewöhnlichen Menschen, das mich vermuthen läßt, er könne in aller Stille für uns handeln, und wenn Alles durch seine kluge Vermittelung geschlichtet und wieder geordnet ist, lächelnd vor uns hintreten und sagen: Da, liebe Brüder, mache ich euch ein christliches Geschenk, ein andermal verfahrt aber klüger. Dagegen fürchte ich Mirus. Er hat mich durchschaut, schon seit Jahren, und den Vater gegen uns erbittert.

In welchem Lichte müssen wir ihm erscheinen! sagte Christlieb. Was sollen wir zu unserer Entschuldigung anführen?

Ueberlasse das dem Zufall und einer glücklichen Eingebung des Augenblickes. Seine Anklage wird uns der beste Fingerzeig sein. Du schwankst, du bist eingeschüchtert, du kannst auch nicht dreist auftreten, wenn es die Noth erheischt. Tritt also mir die Erörterung dieses ärgerlichen Punktes ab. Wie steht die Bilanz?

Gut, es fehlt nur an baaren Mitteln.

So laß uns hoffen. Die Arbeiter ahnen doch nichts?

Christlieb sagte achselzuckend: Manchmal besorge ich, daß sie etwas Ungewöhnliches erwarten, und dann scheint es mir wieder zweifelhaft. Wüßte ich, wie man sie mit einer geschickten Täuschung gänzlich verblenden könnte, so würde wenigstens keine Stockung eintreten.

Für diese Täuschung hat der richtige Tact des gewandten, die Welt kennenden Grafen den besten Ausweg gefunden. Wir müssen demnächst mit ganz enormem Glanz auftreten, dürfen in keiner Weise karg oder kleinlich erscheinen und vor Allem nicht säumig im Zahlen sein. Ich werde die nöthigen Summen auftreiben, um diese Karte unseres Glücksspieles reich mit Gold zu besetzen. Ein Fest, wie es Weltenburg, wie es die ganze Provinz noch nie gesehen, soll arrangirt werden und zwar zu Ehren des Mannes, dem wir den Besitz dieses Schlosses verdanken. Des Vaters siebzigjähriger Geburtstag soll die reich decorirten Schloßhallen von Weltenburg mit der glänzendsten Gesellschaft des Landes erfüllt sehen.

Vergißt du des Vaters Abneigung gegen alle rauschenden Feste und seine Hinfälligkeit?

Ich vergesse nichts, Bruder. Der Vater wird uns nicht hindern, er wird unser Verfahren sogar billigen, sobald die Einflüsterungen des alten Mirus durch mich entkräftet worden sind.

Und wie lange, glaubst du, kann man ihn über unsere wahre Lage täuschen?

Für immer, d. h. bis an seinen Tod. Graf Alban's gegebenes Wort ist mir ein ganzes Vermögen werth.

Christlieb schien ruhiger zu werden.

Was fangen wir mit diesen Briefen an? fragte er, einen scheuen Blick auf die unordentlich durch einander geworfenen Schreiben werfend. Man muß den Unseligen doch antworten.

Morgen! sagte Fürchtegott. Einige Stunden Ruhe werden uns helle Gedanken in das fieberheiße Gehirn träufeln. Laß sehen, wie glücklich wir im Erfinden sind. Wer weiß, ob unser Schöpfer uns nicht aus demselben Holz geschnitzt hat, aus dem man sagt, daß man Poeten mache!

Fürchtegott erschien in seiner Aufregung fast heiter, und Christlieb, der sich eben so leicht von Umständen wie von Menschen leiten ließ, ward dadurch oberflächlich beruhigt.

Die Lage der Brüder war in der That eine verzweifelte. Sämmtliche Abnehmer ihrer Waaren sowohl in den vereinigten Staaten, wie in dem Süden Amerika's und auf den Antillen hatten sich geweigert, die letzte Sendung anzunehmen, weil Alle gleichzeitig die Entdeckung machten, daß sie statt der gewünschten reinen Leinwand eine Mischung aus Linnen und Baumwollen empfangen hatten. Wie sie zu dieser Entdeckung gekommen, war noch unermittelt. Sie drohten nun mit öffentlicher Bekanntmachung dieser Fälschung, im Fall die Firma »Gebrüder Ammer« sich weigern sollte, gegen Tragung aller Kosten die unächten Waaren wieder anzunehmen und dagegen ächte für einen billigeren Preis zu senden. Ging die Firma auf diese Bedingungen ein, so wollte man aus Rücksichten der Billigkeit und Humanität schweigen, von einer Zahlung aber könne vor genügender Regulirung dieser Angelegenheit unter allen Umständen nicht die Rede sein. Nur zwei Häuser in Boston und Philadelphia machten eine Ausnahme. Sie allein waren stets reell bedient worden. Die von beiden eingehenden Zahlungen ermöglichten vorerst den Brüdern, das grenzenlose Unglück, das sie betroffen, den Augen der Welt zu verbergen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.