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Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen. - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch.

Erstes Kapitel. Eine neue Ueberraschung.

Es war Ende November. Ein heftiger Schneesturm machte die Wege ungangbar und erschwerte den Verkehr namentlich zwischen Ortschaften, welche im Gebirge lagen und nicht durch stark befahrene Straßen untereinander verbunden waren. Auch Weltenburg theilte dies Schicksal mit vielen andern Orten. Als noch die Fabriken in voller Thätigkeit waren, fühlte man auf Weltenburg diesen Uebelstand allerdings weniger, jetzt aber, wo außer den wenigen Bewohnern des Schlosses alle früher daselbst lebenden Arbeiter ausgewandert waren, um anderwärts neue Beschäftigung und Lebensunterhalt zu suchen, betrat das schöne Flußthal Niemand mehr. In der Handelswelt war der Fall des Hauses Ammer eine längst bekannte Thatsache. Eine Wiederaufnahme des Geschäftes konnten die Brüder weder wünschen noch beanspruchen. Es zeigte sich zwar im Laufe der Untersuchung, daß eine Menge Zwischenfälle zu diesem Sturze beigetragen haben mochten; das Verhalten der unternehmenden Brüder erschien weniger leichtfertig, als es zuerst den Anschein hatte; man entdeckte vielmehr Spuren, die ferner Stehende als die eigentlichen Urheber der erschütternden Katastrophe bezeichnete: indeß ließen diese Spuren sich schwer verfolgen, ja man nahm Anstand, darauf zu dringen, um die Verwickelung nicht noch größer zu machen. Das Sicherste schien den Hauptbetheiligten, die größtentheils außer Landes, mehrere in Amerika lebten, ein Vergleich zu sein. Von einem processualischen Verfahren abzusehen, rieth den Parteien schon die Klugheit.

Den unausgesetzten Bemühungen des Kaufmannes Mirus, der als Rathgeber den klugen und listigen Advocaten Block stets zur Seite hatte, war es gelungen, der traurigen Angelegenheit diese Wendung zu geben. Man zog durch Vermittelung des Grafen Alban, der jetzt mit Entrüstung das unehrenhafte Verfahren Wimmer's erkannte und diesem deßhalb für immer sein Haus verbot, einflußreiche Persönlichkeiten zu Rathe, legte diesen im Interesse sowohl der betheiligten Gemeinden, wie der Familie Ammer die Thatsachen vor, machte auf die Wichtigkeit einer gütlichen Schlichtung aufmerksam und erzielte damit wenigstens so viel, daß die Brüder nach Austrag der Sache freie Hand gewannen, um in anderer Weise ein neues Geschäft, wenn auch nur mit geringen Mitteln, begründen zu können.

Ammer mußte schon seit Wochen das Bett hüten. Die Trennung von Wimmer, die seine leidenschaftliche Natur so gewaltig erschütterte, konnte doch die zähe Lebenskraft des starken Mannes nicht gänzlich aufreiben. Sein eiserner Wille, verbunden mit der Glaubensstärke, die ihn in schweren Stunden immer aufrecht gehalten, mochten wohl auch dazu beitragen. Obwohl seine Körperkräfte täglich mehr abnahmen, sein Geist blieb frisch und klar. Es schien, als habe er sich neu gekräftigt, seit der Schatten des unheimlichen Herrnhuters nicht direct mehr in die Lebenskreise des alten Webers hereinragte.

Die Besorgnisse aller ihn Umgebenden beschwichtigte Ammer mit den Worten:

Es hat keine Noth mit mir itzund. Zu Ende bin ich zwar bald mit dem Leben, das fühl' ich schon, jedennoch wird mein Schöpfer mich sicherlich nicht früher ausspannen, bis ich das Ende mit angesehen. Wohl habe ich es geahnt vordem, und konnte es doch nicht hindern, weil meine Hand nicht ganz rein war. Darum mußte diese Prüfung über mich kommen. Jetzt, wo die Wolken sich verziehen und die Sonne durchbricht, jetzt hab' ich mir wieder Ruhe erkämpft, und ich denke, meine letzte Stunde soll, gefällt's dem Herrn, eine fröhliche sein.

Mit seinen Söhnen lebte Ammer in vollem Frieden. Es war rührend anzusehen, wie namentlich Fürchtegott jeden Wunsch des Vaters, noch ehe dieser ihn äußerte, zu errathen und zu befriedigen suchte. Hätte nicht die schwierige Entwirrung der Geschäftsangelegenheiten drückend und gar häufig schwer beunruhigend auf dem ehedem so stolzen Manne gelastet, das stille Familienglück der Versöhnten wäre vollständig gewesen.

Christlieb und Walter waren zusammen nach der Stadt gefahren, um einem letzten Termine beizuwohnen. Während ihrer Abwesenheit brach der wilde Schneesturm aus und verhinderte sie an der Rückkehr nach Weltenburg. So lang es Tag blieb, achtete man auf dem Schlosse wenig auf das Toben des Wetters, als aber der Abend hereinbrach und bald einer entsetzlichen Finsterniß wich, zeigte Niemand eine größere Unruhe als Ammer selbst.

Ich weiß nicht, wie es kommt, sprach er, als Anna ihn nach dem Grunde seines Seufzens fragte, aber mir ist bange, als sei der Herr mir nahe. Dies Stürmen gefällt mir nicht. Ich hab's selbst erlebt, als ich noch jung war, daß solches Schneetreiben die stärksten Männer erstickte. Bin selber beinahe einmal umgekommen, und hatte doch nur einen halbstündigen Weg zu machen.

Fürchtegott glaubte den Vater auf andere Gedanken zu bringen, wenn er von dem Toben einer sturmbewegten See erzählte, weßhalb er eine lebhafte Schilderung davon entwarf. Während man so zwischen Furcht und Hoffnung lebte, vernahm man plötzlich Schellengeläute vor dem Thore.

Gott Lob, sie sind es! sagte Ammer, dankend seine abgemagerten Hände faltend. Ich will recht sanft schlafen, wenn ich sie erst wiedersehe und endlich die Gewißheit habe, daß ihr Brüder wieder ganz frei seid!

Bald hörte man auch Tritte; als aber Fürchtegott die Thür öffnete, trat ihm Albrecht Seltner, nicht Walter mit dem Bruder entgegen.

Woher kommst du? sagte etwas erschrocken der Getäuschte. Bist du in diesem Wetter im Freien?

Albrecht begrüßte den Vater, brachte Grüße von Flora und Otto, reichte Anna und Erdmuthe die Hand und sprach dann:

Mich führt heute, trotz des entsetzlichen Wetters, die blanke Neugier zu euch. Vielleicht wißt ihr's auch schon?

Was sollen wir wissen? versetzte Ammer. Die Zeitungen lese ich nicht mehr, seit uns das Unglück passirt ist, und Besuche verlaufen sich nach Weltenburg selten, zumal bei Schnee und Hagelwetter. Seit vier oder fünf Tagen haben wir keinen städtischen Rock gesehen.

Dennoch, Vater, bringe ich wirklich eine Neuigkeit.

Ist sie erfreulicher Art? fragte Erdmuthe.

Wie man's nimmt, sagte Albrecht. Uns berührt sie nur, insofern ein Bekannter davon betroffen wird.

Ammer richtete sich auf und sah dem Schwiegersohn in's Gesicht.

Du sprichst von dem Manne, dessen Namen ich nicht gerne nenne. Hab' ich Recht?

So ist es. Heute Morgens in der Frühe erhielt ich durch den alten Leisetritt die Nachricht, er habe Banquerott gemacht.

Alle verstummten, Ammer nur faltete die Hände und sagte dann ernst:

Das wäre ein Gottesgericht! Mir ist wohl, daß ich nicht die Hand ausgestreckt habe, um ihm sein Besitzthum zu entreißen. Aber wie ist das gekommen?

Genaueres wußte mir der Glassammler nicht zu erzählen, berichtete Albrecht. Er hatte nur gehört, Wimmer sei banquerott und seit zwei Tagen flüchtig geworden. Den Gerüchten zufolge, die in der Nachbarschaft Herrnhut's umliefen und von Mund zu Munde weiter erzählt wurden, muß Graf Alban eine mächtige Rolle dabei gespielt haben. Die Herrenhuter sind merkwürdige Menschen. Bei aller Milde und Humanität können sie unterweilen doch auch hart bis zur Grausamkeit sein.

Du vergibst mir, Albrecht, daß ich dich unterbreche, nahm Erdmuthe das Wort. Grausamkeit wird Niemand, der die Brüdergemeinden genau kennt, ihnen vorzuwerfen haben, wohl aber, mein Freund, sind sie streng gerecht, wenn die Unredlichkeit Gerechte übervortheilt, Schuldlose in's Unglück stürzt. Die Brüder warnen und ermahnen wie unser Herr dies ebenfalls gethan hat; allein hilft weder Warnung noch Mahnung, dann verstehen sie auch zu strafen. Und den unwürdig Befundenen, den Mann, der gegen die Grundsätze der Brüder handelte, der ein Schimpf der Gemeinde werden will, schonen sie nicht. Er wird als ein Aussätziger betrachtet und als solcher behandelt.

Ungefähr dasselbe erzählte Leisetritt, fuhr Albrecht fort. Die Leute wollten wissen, man habe dem Scheinheiligen einen Wink gegeben, daß er sich je eher, je lieber entfernen solle. Ob ihn nun diese Weisung, falls sie wirklich erfolgte, fortgetrieben hat oder ob andere Beweggründe dazu mitwirkten, wer mag es wissen! Mir erschien diese Nachricht wichtig genug, um mich sogleich auf den Weg zu machen, so schlimm auch das Wetter tobte. Selbst Flora, die sonst doch so sehr besorgt zu sein pflegte, hielt mich nicht zurück. Geh' nur mit Gott, sprach sie, und überbring' die Kunde dem Vater. Sie wird ihn aufrichten, ihn wieder gesund machen, denn wenn ein Schuft seinen Lohn empfängt, muß sich jeder Rechtschaffene darüber freuen.

Ammer schüttelte mißbilligend sein Haupt. Die Züge, von der langen Zeit hart und streng geworden, hatten etwas Geisterartiges.

Mein Schöpfer möge mich bewahren, sprach er, daß ich über das Unglück eines Nebenmenschen, auch wenn er mir Böses gethan hat, frohlocken sollte. In der Aufregung, in einer zornigen Aufwallung kann wohl solch ein unüberlegtes Wort sich über unsere Lippen stehlen; überlegt man's aber ruhig, so nöthigt es uns eher zur Bitte als zur Freude. Ist's, wie du sagst, so hat er ein schweres Kreuz mit sich herumzutragen. Es wird ihm die Schultern wund drücken und Schwielen in sein Gehirn pressen. Verdientes Kreuz wiegt schwerer, als zur Prüfung uns auferlegtes. Armer, an seinem Schöpfer irre gewordener Mann! Hätte ich ihn jetzt hier, oder wüßte ich, wo ich ihn träfe, es wäre möglich, daß ich nochmals ganz leise an sein Herz klopfte und anfragte, ob er jetzt anderen Sinnes geworden sei? Ob er die Tage, die uns der Herr etwa noch schenken möchte zur Vorbereitung auf Jenseits, mit mir gemeinschaftlich verbringen und unsere Seelen dennoch versöhnen wollte? Das Herz des Menschen ist wandelbar und unschlüssig und mir will's nicht gefallen, daß ich wissen muß, wie es, so nahe dem Grabe, einen Menschen gibt, der mir grollt, vielleicht auch gar mir flucht. Ich habe freilich mein Unrecht an ihm lange schon gesühnt, aber den Keim zu seiner verkehrten Gedankenrichtung legte doch meine Hand zuerst mit in seine Seele.

Erdmuthe's sanftmüthige Züge verklärten sich während dieser Worte. Jetzt stand sie auf, knüpfte die losen Bäder ihres Häubchens unter dem feinen runden Kinn fest und sagte:

Bester Vater, ich kenne einen Weg, der zum Heile führt. Der Herr will mich erleuchten, ich fühl's! Es ist nicht geistiger Stolz, der mich so sprechen läßt, es ist Gottes Wille, der sich oft am mächtigsten zeigt in den Schwachen. O, wie oft hat dies Gefühl mich erwärmt, mich beseligt, als ich noch das Kreuz predigte den braunrothen Söhnen des Waldes in Surinam! Glaube mir, Vater, und du, mein theurer Gatte, den mir ja Gottes wunderbare Führung auch wiedergegeben, als ich schon fürchten mußte, dich verloren zu haben, glaubt mir, ich rette den scheinbar Verlorenen, wenn ich ihm die Hand reichen und Worte mit ihm reden kann, wie der Mund Gottes sie mir in's gläubige, dankerfüllte Herz legt! Albrecht, fuhr sie in wunderbarer Begeisterung glühend fort, ich begleite dich. Wir eilen nach Herrnhut, erkundigen uns dort nach dem Verschwundenen. Glaube mir, seine Spur wird uns nicht entgehen, und sind wir ihm erst auf den Fersen, so holen wir ihn sicher ein. Aber wir dürfen nicht zögern. Noch heute, noch in dieser Stunde müssen wir aufbrechen!

Alle erstaunten über Erdmuthe's Wesen, das der Verzückung glich.

Bedenke, was du forderst! sagte Albrecht. Draußen häuft der Sturm Hügel von Schnee über einander; kein Weg ist fahrbar, die Pferde vermögen in der eisigen Luft kaum zu athmen. In solcher Sturmnacht von hier aus über die hohen Ebenen nach dem Brüderorte aufbrechen, hieße sich leichtsinnig in Todesgefahr stürzen!

Dürfen wir den zeitlichen Tod fürchten, wenn wir durch entschlossenes Handeln eine Seele vom ewigen Tode retten können?

Es ist unmöglich, Erdmuthe! Wir verirren uns in diesem Schneetreiben in der ersten Stunde, und nie erblickst du Herrnhut, viel weniger den Geflüchteten!

O wie kleingläubig bist du! sagte sanft lächelnd Erdmuthe. In den meisten Menschen nistet doch ein Zug der Schwäche, die schon Petrus so zaghaft machte. Sieh, auch ich hatte und habe noch Stunden, wo ich schwanke, aber wenn der Geist der Liebe in uns lebendig ist, dann hält und trägt uns die allmächtige Hand Gottes! Wolltest du mir folgen, gewiß, wir eilten leicht und sicher dahin über die rollenden Schneestrudel, wie des Herrn Fuß dereinst über die schäumenden Wogen des Meeres ging!

Man hatte Mühe, diesen schönen Bekehrungseifer der jungen Frau zu bekämpfen. Was aber auch die einzelnen Glieder des traulichen Familienkreises immer gegen die Ausführbarkeit ihres Vorschlages einwenden mochten, Erdmuthe schlug jeden Einwurf mit ihrer Glaubenskraft nieder.

Wer im Herrn lebt und in seinem Dienste Gefahren sich aussetzt, mit dem ist auch der Herr, sagte sie. Die Jünger und Apostel zögerten nicht, dem Rufe zu folgen, der an sie ergangen war, als es die Ausbreitung der neuen Lehre galt. Die Meisten starben als Märtyrer, aber ihr Blut düngte den Boden, in dem das Kreuz aufgepflanzt ward. Nur durch solche Aufopferung, durch solche Todesfreudigkeit konnte das Erlösungswerk des Weltheilandes ganz vollbracht werden; nur wenn wir in den Fußstapfen dieser herrlichen, großen Menschen wandeln, vollbringt es sich noch fortwährend. Und wir haben nicht einmal entfernt mit so großen Hindernissen zu kämpfen, wie die Apostel und die ersten Anhänger des Christenthums. Gegen uns tritt nicht ein fein gebildetes, machthabendes Volk auf, das geübt in allen Künsten des Lebens, geschult in der Dialectik alter Philosophen, seine Künste gegen uns spielen läßt. Unsere Gegner bekämpfen uns ferner nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern höchstens mit höhnischem Achselzucken. Nein, meine Freunde, ich kann euch nicht Recht geben. Wollt ihr in der That und Wahrheit Nachfolger Christi sein, so dürfen Sturm und Regen, überhaupt das Toben der Elemente den schon erhobenen Fuß nicht zurückhalten. Wir dienen Gott nur dann wahrhaft und fördern seine Herrschaft auf Erden, wenn wir ihm ganz ohne Rückhalt, zu jeder Zeit dienen!

Ammer winkte der beredten Frau Beifall zu und den Andern ward es schwer, wo nicht unmöglich, ihrem Drängen zu begegnen.

Du bist meine kleine Heilige, sagte der Kranke, und läge ich nicht hier der Stunde harrend, die mir erschließen soll die Pforte zum ewigen Frieden, so streckte ich wohl meine Hand aus und gäbe dir meinen Segen mit auf deinen Weg. So aber möchte ich meine Bitten vereinigen mit denen der Uebrigen und dir zurufen: bleibe bei mir! Ich fühl' es, mein Kind, daß ich nicht mehr gar lang diese Welt betrachten werde. Mein Auge wird dunkel also, als stiegen Nebel auf in mir, nicht außer mir, und ein sonderbares Ahnen und Sehnen kommt über mich. Wenn aber meine Stunde naht, so möcht' ich dich nicht missen, meine Tochter! Es kam Friede, wenn nicht in mein Haus, doch in mein Herz, als du über meine Schwelle tratest. Du hast dein frommes Auge auf mich gerichtet, als die große Trübsal hereinbrach, du hast den da, der dich fand und trotz seiner weltlichen Verblendung erkannte in deiner geistigen Größe, errettet aus großen Gefahren. Darum, Erdmuthe, lege deine Hand auf meine Schläfe. Sie wird mir Kühlung und Ruhe bringen.

So sanftem Bitten konnte Erdmuthe nicht widerstehen. Während sie den Wunsch des immer schwächer werdenden Greises erfüllte, hörte man vom Thal herauf durch die rauschenden Windstöße ängstliches Rufen, das Albrecht und Fürchtegott beunruhigte. Sie verließen unverweilt das Krankenzimmer, um, begleitet von den beiden Knechten, die noch auf Weltenburg geblieben waren, nachzusehen, was es wohl gäbe.

Der Schneesturm bebte noch immer mit ungeschwächter Kraft fort und machte einen Gang in die von eisigen Nebeln erfüllte Nacht wirklich gefahrvoll. Um nur einigermaßen sich zurecht zu finden, trugen die Knechte große Laternen. Als die vier Männer aus dem Thorweg traten, erscholl abermals der Ruf.

Es muß Jemand zu Schaden gekommen sein, sprach Albrecht, und zwar in der Gegend der Walkmühle, denn von dort her schallt die Stimme.

Die Suchenden wendeten sich nun nach dieser Gegend, sie mochten jedoch kaum dreißig Schritt durch tiefe Schneewehen weiter gewatet sein, als die rufende Stimme sich von der entgegengesetzten Seite her vernehmen ließ.

Wir müssen vorsichtig sein und Antwort geben, sagte Fürchtegott. Hört man uns, so erwidert man den Ruf ebenfalls und wir verlieren die Richtung nicht. Im Schneetreiben bricht sich wegen der vielen Windwirbel in den obern Luftschichten, der Schall, und verlockt in die Irre.

Wirklich erhielten die laut Schreienden alsbald in regelmäßigen Zwischenräumen Antwort. Sie bemerkten, daß die Verirrten eine ziemliche Strecke im Flußthale sich befanden und strebten nun dahin. Nach etwa viertelstündigem Wandern erreichten sie einen fast ganz in Schnee versunkenen Schlitten. Das einzige Pferd war, vom Wege abbiegend, auf den zugefrorenen Fluß gerathen, hier eingebrochen und hatte ein Bein gebrochen. Durch das Arbeiten und Schlagen des armen Thieres war der Schlitten umgestürzt und von herantreibenden Schneewellen schnell überschüttet worden.

Mit freudigem Erstaunen und doch auch wieder von Schreck überrieselt, erkannten die zu Hilfe Kommenden in den Verirrten Christlieb und Walter.

Ihr seid unsere Lebensretter, sprach der Arzt. Gott lohn es euch! Nie hätte ich geglaubt, daß man auf doch bekannten Wegen so ganz in die Irre gerathen könnte. Sind wir denn noch weit von Weltenburg?

Kaum zehn Minuten, erwiderte Albrecht.

Und seit länger als einer Stunde fahren wir, glaub' ich, hier im Kreise herum! sagte Christlieb. Hätte ich nicht an einigen Merkmalen erkannt, daß Weltenburg nicht mehr fern sei, ich glaube wirklich, ich hätte Walter's Drängen nachgegeben, der wiederholt behauptete, wir müßten uns weiter rechts halten. Aber kommt! Das arme Thier müssen wir seinem Schicksal überlassen, den Schlitten können wir bei ruhigem Wetter herausgraben. Wie geht's daheim?

Fürchtegott unterrichtete den Bruder und erklärte ihm zugleich die Anwesenheit Albrecht's.

Also auch ihr wißt diese Neuigkeit? sagte Christlieb ganz heiter. In der That, die Nachricht ist nicht aus der Luft gegriffen. Wimmer ist wirklich fort und auch banquerott. Uebrigens kann ich euch mittheilen, daß unsere eigenen Angelegenheiten heute zum Abschluß gekommen sind. Mirus sowohl als der alte Block haben sich dabei als Ehrenmänner benommen. Danken wir Gott, daß es ihren Bemühungen gelungen ist, einen, den Verhältnissen nach, leidlich günstigen Vergleich zu Stande zu bringen. Auf diese Weise allein konnte dem wirklichen Banquerott vorgebeugt werden. Weltenburg ist uns allerdings verloren, aber wir retten das Vermögen deiner Frau, das ich damals ihr zuzuschreiben rieth. Albrecht's Wesen ward in keiner Weise von unsern Gläubigern bedroht, die sich schon deßhalb leichter beruhigen ließen, weil unsere Fahrzeuge ihnen hinreichende Deckung gaben. Am schwersten wird es uns werden, neue Verbindungen in Amerika für die Fortsetzung unseres Linnenhandels anzuknüpfen. Diese Absatzquelle haben uns die heimtückischen Machinationen unseres falschen Freundes im Augenblick leider gänzlich verstopft. Freilich ist er selbst mit dabei zu Grunde gegangen; denn beim Zusammenbrechen unserer gemeinsamen Unternehmungen konnte Wimmer seine Nichtbetheiligung nicht nachweisen. Unsere Aussagen, unsere Bücher, die Angaben anderer Geschäftsfreunde und vor Allem das Zeugniß des Grafen Alban zeihen ihn der Lüge, der Heuchelei, der Absicht, mittelst Betruges Andere übervortheilt zu haben. Dies allein schon hätte genügt, ihm den Proceß zu machen. Seinen zeitlichen Ruin aber führte das Capital herbei, welches der Vater ihm damals geliehen hatte, das er als uns zugehörig gebucht, mit dessen Ertrage er das ganze überseeische Geschäft begründete. In dem Streben, uns zu verderben, hatte Wimmer früher durch des Vaters Geld erworbene Summen mit zu dem gemeinsamen Betriebscapital geworfen. Dies nun zu scheiden war weder thunlich, noch gingen die Anwälte der Gläubiger darauf ein. So stürzte denn der Fluch, der gewissermaßen an diesem so vielfach gemißbrauchten Gelde hängt, den Mann, der damit wuchernd uns um unsere ehrlichen Namen zu bringen trachtete und von jeher getrachtet hat. Ein kurzes Billet an Mirus, das uns dieser heute vorzeigte, spricht dies in widerwärtig giftiger Weise aus. Weil er verhaftet und noch weiter verfolgt und gerichtlich belangt zu werden fürchtete, hat er die Flucht vorgezogen. Man glaubt, er wird sich nach Hamburg gewendet haben, um von dort nach Amerika zu gehen, wo er in Pennsylvanien Freunde und Gesinnungsgenossen besitzen soll.

Diese Mittheilungen machte Christlieb seinem Bruder und Schwager theils während des Ganges nach Weltenburg, theils am Bette des sehr erschöpften Vaters, der sie ruhig hinnahm. Anna und Erdmuthe hörten ziemlich gleichgiltig zu, nur schien Letztere über die Meldung entzückt zu sein, daß schon nach wenigen Wochen Weltenburg von der Familie Ammer geräumt werden solle.

Auch dafür haben wir dem Himmel zu danken, sprach sie freudig ergeben. Die Erwerbung dieses Schlosses machte euch stolz, übermüthig und egoistisch. Mit seinem Verlust zieht die Bescheidenheit und jener wahre Humanismus wieder in eure Herzen ein, die Niemand mehr schmücken, als den Christen. So führt Gott durch Kummer und Trübsal die Seinigen zur Erkenntniß und zu jener Freudigkeit, die nun in einem kindlich schuldlosen oder einem im Feuer der Prüfung geläuterten Herzen Wurzel schlägt.

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