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Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen. - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Siebentes Kapitel. Nach Weltenburg.

Am Frühstückstische des Kaufmanns Mirus ging es ungewöhnlich laut zu. Der alte Herr sah selten so viele Gäste auf einmal bei sich, und ebenfalls gegen seine Gewohnheit ließ er exquisite Speisen und feinen Wein auftragen. Von Letzterem gab es sogar drei Sorten, alten Rüdesheimer, vortrefflichen Burgunder und ächten Malaga.

Der lauteste Sprecher an dem Tische des heute so merkwürdig freigebigen Kaufmannes war Advocat Block. Speise und Trank hatte der kenntnißreiche, mit mancherlei diabolischen Eigenschaften ausgerüstete Rechtsgelehrte, wie wir wissen, niemals verschmäht. Die letzten Jahre konnten ihn wohl verdrießlich machen und ihm Veranlassung geben, mehr noch als früher menschliche und göttliche Einrichtungen einer schonungslosen Kritik zu unterwerfen, seinen guten Appetit hatten sie nicht einmal abgestumpft. Er ging deßhalb den übrigen Gästen des Kaufmannes mit gutem Beispiele voran und langte tüchtig zu. Den braungelb schimmernden Rheinwein im schön geschliffenen Pokale erst gegen das Licht haltend, dann mit Kennermiene prüfend und mit einem Anfluge von Andacht langsam schlürfend, sagte er zu Mirus:

Für diesen Wein spreche ich Euch von allen kaufmännischen Sünden frei, denn sündhaft seid und bleibt Ihr, mögt Ihr nun kaufen oder verkaufen. Aber solcher Wein wäscht alle Flecken von Eurer Seele ab; und wenn Ihr jetzt stürbet, und St.Petrus sähe nicht recht genau zu bei Eurem Herantritt zur Himmelsthür, so ließ er Euch wahrhaftig, trotz Eurer sehr starken Anlage zur Stößigkeit, als schneeweißes Lämmlein hineinspringen. Auf Euer Wohl, Mirus! Gott erleuchte Euch, daß Ihr in Zukunft immer nur solch ächtes Gewächs führt, und Euern Gästen nicht, wie es bei Euch sonst üblich war, mit dem vermaledeiten vaterländischen Gebräu auf acht Tage die Zunge ruinirt. Wißt Ihr, Mirus, daß Euer schlechter Meißner aus Zitschewich mich auch mit zu Euerm Gegner machte?

Block riß sein Auge weit auf, schob die Sammetmütze auf die eine Seite, daß sein merkwürdig spitzer Schädel halb entblößt ward, und sah den Kaufmann mit komischer Ernsthaftigkeit an.

Mirus mußte lachen. Es sieht Ihnen ähnlich, versetzte er, obwohl ich der Meinung bin, der saure Wein hätte sich mittelst einiger Goldfüchse bei Ihnen versüßen lassen. Sie waren immer ein Verehrer der gelben Farbe, mein Herr Advocat, was ich Ihnen, so es gewünscht wird, beweisen kann.

So? Nun, da laßt doch Euern Beweis hören. Er ist, ich wette, gerade so sauer, wie Euer früheres Lieblingsgetränk.

Herr, ich muß Ihr sagen, konnte die Erfahrung zu wiederholten Malen machen, daß hochgelber Wein, wie dieser Rüdesheimer, hochgelbes Gold und ins Gelbliche schimmernde Weibsleute Euer absonderlicher Geschmack waren. Konnten Sie's doch gestern Abend nicht aushalten; um ruhig und süß zu träumen, mußten Sie erst Ihrer früheren Hauswirthin, der schweigsamen und friedfertigen Frau Sempiterna Stillin, in ihr citronenfarbiges Antlitz sehen.

Jetzt lachte nicht bloß Mirus, auch die jüngern beiden Männer, Albrecht und Walter, konnten ihre Heiterkeit nicht mehr verbergen. Block aber verzog sein Gesicht zu einer malitiösen Fratze, und indem er dem Kaufmanne die Zähne wies, erwiderte er, sein Auge zukneifend und das Weinglas von Neuem erhebend:

Ihr seid ein Satan, Mirus, aber es thut nichts, Euer Rüdesheimer ist doch gut, und deßhalb absolvire ich Euch.

Beide stießen miteinander an, denn ungeachtet ihrer sehr verschiedengearteten Charaktere und der früheren Jahre langen Feindschaft hatten sie sich doch geraume Zeit ihrem wahren Wesen nach erkannt, und blieben einander innig zugethan. Nur das Necken konnten sie nicht lassen.

Apropos, nahm der Advocat abermals das Wort, habt ihr in vergangener Nacht den Spektakel gehört? So lange ich lebe, ist es nie früher einem Postillon eingefallen, mit solcher Ausdauer das Horn zu blasen und durch seine schauerlichen Töne ehrliche Leute um ihre Nachtruhe zu bringen.

Hab's auch vernommen, das Lärmen, erwiderte Mirus. Herr, ich muß Ihr sagen, muß ein Courier gewesen sein, oder ein Kerl, der viel Trinkgelder übrig hat. Kenne unsere Postillone; die blasen nur dann uno tenore, wenn sie ordentlich gespickt werden.

Mirus erkundigte sich hierauf mit großer Theilnahme nach dem Candidaten und Frau Sempiterna, und Block, der keinen versteckten Hohn in den Worten des Kaufmanns bemerkte, gab bereitwillig Antwort.

Ein sonderbarer Mann, dieser Still, sagte er. Als ich noch meiner Praxis oblag und häufig mit unangenehmen Besuchen lange Unterredungen halten mußte, wich er mir geflissentlich aus, als wäre ich ein gefährlicher Mensch. Nun kann es wohl vorgekommen sein, daß ich ihn bisweilen mit seltsamem Auge angeblickt habe, denn es amüsirte mich, wenn der runde kleine Mann dabei zusammenfuhr, als habe ihn eine giftige Schlange gestochen. Und seine Frau, die an sich auch eine recht brave Creatur ist, wenn man die gewöhnlichen Schwächen aller Weibsleute, die allerdings in ihr sehr ausgebildet sind, abzieht, mochte ich gern ein klein wenig an der Nase herumführen. Das gab denn ein immerwährendes Bangen, Sehnen, Fürchten, Erschrecken. Ich war der schwarze Mann, der Popanz, welcher das ganze Still'sche Haus beherrschte, so daß es meinen Launen sich fügen, nach meiner Pfeife tanzen mußte. Dies Alles nun hat sich seitdem geändert. Die gesprächige Sempiterna ist stiller und fügsamer, der Candidat lauter und widerhaariger geworden. Seht, das freut mich, weil er doch seine Mannheit herauszukehren verstanden hat, aber ich kann's Euch bei Allem, was mir heilig ist, zuschwören, ein hohes Seelengaudium würde es mir doch gewähren, könnte ich beide wunderlichen Leute noch einmal umkrempeln, und zwar so, daß der Candidat wieder unterducken müßte, und die alte Gluckhenne, die freilich keine Küchlein zu hüten hat, abermals den Hahn im Korbe spielte. Rein zu meinem Plaisir wünschte ich mir zur Ausführung dieses ganz leichten Kunststückes Zeit und Gelegenheit.

Glaub's, Herr Rechtsanwalt, versetzte Mirus. Ihr Herren von der Juristerei haltet's nicht lange aus, wo die Palme des Friedens und der Oelzweig weht. Darum werdet Ihr auch nicht in den Himmel kommen.

Doch, sagte Block, und das noch dazu leichter und sicherer als ihr Jünger Merkurs. Wir disputiren uns hinein, und beweisen dem heiligen Petrus im allerschlimmsten Nothfalle, daß er eigentlich der Cerberus sei, mithin gar nicht vor der Himmelsthüre mit dem Schlüssel spiele, Ihr aber könnt, habt Ihr sehr großes Glück, Euch höchstens hineinschmuggeln.

Block kniff sein Auge wieder zu, lachte innerlich vergnügt, und schlürfte mit unbeschreiblichem Behagen den trefflichen Rheinwein des Kaufmannes. Mirus blieb dem Rechtsgelehrten eine passende Antwort nicht schuldig, dieser replicirte in geeigneter Weise, und so spann sich denn das einmal angeschlagene Thema noch einige Zeit in ergötzlicher Weise fort, ohne daß Einer oder der Andere sich durch die allerdings bisweilen etwas spitz ausfallenden Bemerkungen verletzt gefühlt hätte. Albrecht und Walter machten bei diesem Wettstreit der muntern alten Herren die Beobachter, und Walter äußerte später, daß er bedaure, nicht mit dem Zeichnenstift umgehen zu können, weil eine flüchtige, aber wahrheitsgetreue Skizze der beiden in scherzhafter Rede sich Streitenden ein prächtiges Genrebild abgegeben haben müsse.

So kam die Zeit heran, welche der Stadtrichter zur Abholung Fürchtegott's aus dem Gefängniß festgesetzt hatte. Mirus drängte zum Aufbruche. Es ward ausgemacht, daß Block und Albrecht im Hause des Kaufmannes verbleiben, dieser aber mit Walter den ihrer Harrenden abholen sollten. Fürchtegott erschien frischer, als ihn die Freunde Abends vorher gefunden hatten, nur zeigte sein ganzes Wesen eine fieberhafte Erregung, die dem Arzte nicht gefiel. Indeß hoffte er auf die Heilkraft der Luft und einen, wie er glaubte, herzlichen Empfang von Seiten des Vaters.

Mit vollen, durstigen Zügen sog Fürchtegott die Luft der Freiheit ein, obwohl der Tag neblig und kalt war und wenig Lockendes hatte. Beim Erblicken des Advocaten wechselte er die Farbe, weil er dem ränkevollen Manne nicht recht vertrauen zu können vermeinte. Mirus indeß beruhigte ihn in dieser Beziehung und gab ihm die Versicherung, daß gerade Block ihm und dem Vater mehr als irgend ein Anderer dienen werde bei dem, was er beabsichtige. Nur habe man durchaus keine Zeit mehr zu verlieren, denn es sei unerläßlich, sich vor einer nochmaligen Zusammenkunft mit Wimmer vollkommen und bis in die geringsten Details zu verständigen.

Auch Block trieb zur Eile. Gegen seine Gewohnheit sprach er fast gar nicht, so daß, da auch die Uebrigen, jeder für sich, mit ihren Gedanken beschäftigt waren, die Fahrt nach Weltenburg Allen unendlich lange dünkte. In die schweigsame Gesellschaft kam erst wieder ein regeres Leben, als die Mauern des alten Schlosses mit den verlassenen Nebengebäuden über der Thalwand sichtbar wurden.

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