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Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Familie - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDie Familie
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1861
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
projectid1c482f46
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Drittes Kapitel.

Die Familie und die bürgerliche Baukunst.

Wie eine Illustration dem Texte, stellt sich dieses Kapitel dem vorigen gegenüber. Die Architektur des modernen Wohnhauses ist das steinerne Sinnbild der erlöschenden Idee vom »ganzen Hause.«

Die besseren städtischen Bürgerhäuser aus dem sechzehnten und siebenzehnten Jahrhundert öffnen dem Eintretenden sogleich große Hausfluren, Vorplätze und Höfe. Häufig ist das ganze Erdgeschoß lediglich Vorhalle; die Wohnungsräume beginnen erst im ersten Stock.

Diese großen Vorplätze waren aber allen Hausgenossen zur gemeinen Benutzung; sie sind gleichsam die Allmende des »ganzen Hauses.« Dasselbe gilt von den traulichen Gallerien und bedeckten Gängen, welche gegen den innern Hofraum oft durch alle Stockwerke gingen. Hier soll man sich versammeln und ergehen können, hier sollen die Kinder beim Regenwetter sich tummeln und spielen. In der warmen Jahreszeit tafelte das ganze Haus häufig auf der Flur des ersten Stockes, ein schönes Herkommen, welches in Oberdeutschland noch nicht ganz erloschen ist. Jener besonders wichtige Raum war in den Bürgerhäusern katholischer Gegenden häufig sogar mit einer Art Hauskapelle geziert, indem an der Hauptwand ein großes Crucifix aufgestellt war mit einem Betstuhl.

In den reichen Bürgerhäusern erscheinen diese Vorplätze mit Säulen, Bildnereien und Gemälden geschmückt, und an dem im Hofe traulich rauschenden Brunnen fehlte selten allerlei zur Kurzweil angebrachter Zierrath von wasserspritzenden Nymphen, speienden Delphinen, Larven und derlei Dingen.

Wir belächeln jetzt diese Spielereien der Rococozeit, und unsere Künstler könnten solchen Zierrath in der That viel vernünftiger, kritischer und kunstmäßiger machen. Dennoch erscheint uns auch wieder jener kindisch phantastische Schmuck ehrwürdig, er ist geweiht; denn er gibt Zeugniß von dem behaglichen, sinnigen Stillleben der deutschen Familie in einer Zeit der Erniedrigung, wo eine deutsche Politik verloren gegangen war, von einem deutschen Reiche nur noch der Schatten übrig geblieben, und das deutsche Volk allein noch Rettung für sich gefunden hatte in der Gediegenheit, Ehrenhaftigkeit und Innerlichkeit des deutschen Hauses.

Der »häusliche Herd,« welcher jetzt nur noch eine Redefigur, war auch vor Zeiten einmal eine Wirklichkeit. Im alten deutschen Bauernhause stand der Herrscherstuhl der Hausfrau hinter dem Herde. Im reicheren Bürgerhaus war die Küche eine stattliche, oft schön gewölbte Halle, und in geselligen Stunden versammelte sich wohl auch die Familie in der Küche und verzehrte ihr Abendbrod am »häuslichen Herd.« Dort wies auch der Volksglaube den guten Hausgeistern ihren vornehmsten Sitz an, in eigens am Herde angebrachte kleine Nischen legte man ihnen Speise, auch etwas Reisholz und zu Zeiten ein Käppchen und ein Röschen zum Lohn für treue Dienste.

In den modernen großstädtischen Privathäusern sind fast alle dem » ganzen Hause« dienende Räume auf das dürftigste Maß beschränkt: die breiten Vorplätze sind zu einem armseligen schmalen Hausgang zusammengeschrumpft, statt der Familie und der Hausgeister tummeln sich nur noch Mägde und Köchinnen in der profanirten Küche; namentlich sind aber die Höfe (die früher nur in den engen Gassen der Handwerker und Kaufleute eng und klein waren, in patricischen Quartieren aber weit und schmuckreich), jetzt selbst bei den reichsten großstädtischen Häusern häufig zu schmalen, feuchten, stinkenden Winkeln geworden, wohin keine Sonne und kein Mond dringt; die heimlichen inneren Gallerien sind durchaus verschwunden, und wo sonst das ganze Haus auf der Hausflur getafelt, da verzehren jetzt höchstens des Hauses Bettelleute dort ihr Gnadenbrot.

Paris und London und Neu-York kann man in unsern neuen deutschen Großstädten wiederfinden, wer aber das deutsche Haus suchen will, der muß in alte abgestorbene Reichsstädte gehen, und wo Einer in Romanen die trauliche, schmuckreiche innere Einrichtung der patricischen deutschen Wohnung aus dem sechzehnten und siebenzehnten Jahrhundert abgeschildert siehet, da wird ihm vielleicht das Herz noch einmal weit bei dem Gedanken an das Behagen des deutschen Hauses.

Wir begreifen wohl noch den gleichsam poetischen Werth jener Räume für das häusliche Leben, aber nicht mehr den reellen, weil uns die alte Gesammthäuslichkeit kein nothwendiges Bedürfniß mehr ist.

Der Blick auf die dem »ganzen Hause« gewidmeten, für den Häuserspeculanten überflüssigen Vorplätze, Gallerien, Höfe etc. leitet zu einer ethnographischen Parallele. Bei den meisten aufgelösten mitteldeutschen Bauerschaften ist die volksthümliche örtliche Bauart der Häuser zugleich mit der Volkstracht aufgegeben worden und man baut möglichst billige und rentable viereckigte Wohn-Kasten im Kleinen, wie in den Städten im Großen. Hier ist denn auch die Hausflur, obgleich für das Bauernhaus noch viel wichtiger als für das bürgerliche, zu einer winzigen Ecke zusammengegangen. Bei den reichen, selbständigen, an alter Art festhaltenden Bauerschaften des deutschen Nordens und Südens dagegen finden sich noch große, stolze Hausfluren als die Regel, ja in Oberdeutschland noch offene und bedeckte Gallerien und Erker bei den Bauernhäusern. In manchen rheinischen Gegenden kann man den Wohlstand eines Bauern ziemlich sicher nach der Größe seiner Hausflur bemessen. Der bäuerliche Proletarier hat da oft gar keine Hausflur, nicht einmal einen Hausgang. Man tritt durch die Hausthüre unmittelbar in die Küche, wohl gar in die Wohnstube, wodurch das Haus eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einer Hundehütte erhält. Oder der Hausgang ist so eng daß ein schmaler, hungriger Mensch wohl hindurch gehen kann, wenn er aber drinnen stirbt, so kann man ihn im Sarg nicht hinaustragen. Es ist diese Beschränkung sogenannter überflüssiger Räume keineswegs immer durch die Mittellosigkeit des Erbauers geboten. Da in solchen mitteldeutschen Taglöhnerfamilien die Häuslichkeit und das Familienleben überhaupt leider auf sein kleinstes Maß zusammengeschrumpft ist, so bedarf man in der That der Räume nicht, die der ganzen Familie dienen sollen. Nicht durch neue Hausfluren, sondern durch einen neuen Geist der Familienhaftigkeit wäre also hier die Bauart zu verbessern. Die stolzen Hausfluren kommen dann wieder von selber, auch im armen Hause.

Aehnlich wie mit der Hausflur des Bauernhauses verhält es sich mit dem Hofraum. Auch der äußere Schmuck des Hofes ist kein übler Maßstab für den Wohlstand des Bauern. In der Pfalz haben die alten Hofthore der reichen weinbauenden Ortschaften geradezu einen monumentalen Charakter. Als die Mordbrennerbanden Ludwigs XIV. die Pfalz verbrannten, wurden die Häuser in diesen Dörfern zerstört, nur die massiven, in stattlichen Spitzbogen und Rundbogen gewölbten Hofthore blieben mehrentheils stehen und stehen heute noch neben den später neu wieder angebauten Wohnungen und legen Zeugniß ab von dem Reichthum und der Wohnlichkeit dieser Bauerndörfer in alter Zeit. Auf dem Schlußstein des Thorbogens ist die Jahreszahl der Erbauung eingehauen, oft auch der Name des Erbauers oder das Zeichen seines Berufes, nicht selten steht auch ein Vers dabei, der uns anzeigt, was in jenem Jahre Korn und Wein gegolten. Auch ziert wohl mancherlei Ornamentenwerk die großen Sandsteinblöcke der Thorpfeiler. Wo hält wohl jetzt noch der Bauer so viel auf den sinnigen und massiven Schmuck seines Hauses und Hofes? Haus und Gehöfte der damals so reichen Pfälzer Weinbauern muß wie eine kleine Burg anzuschauen gewesen seyn, während freilich anderwärts der deutsche Bauer zu selbiger Zeit auch noch in Lehmhütten wohnte, die an die Hütten der Wilden erinnern. Zu dem stattlichen Doppelchor stimmte die hohe steinerne Hofmauer. Das Haus stand mit der schmalen Giebelfronte gegen die Straße gekehrt, die Längenseite mit den meisten Fenstern und der Hausthüre ging also auf den Hof; ein unberechenbarer Vortheil für ein Bauernhaus, denn auf seinen Hof soll der Bauer aus dem Fenster schauen, nicht auf die Straße. An der Langseite im Hofe war die große steinerne Bank angebracht, auf welcher das »ganze Haus« am milden Sommerabend plaudernd beisammen saß. Durch diese Frontstellung des Hauptgebäudes und den beschlossenen Hof war das Haus gleichsam überall nach Innen gekehrt, während wir es jetzt mit der langen Straßenfaçade nach Außen gewendet haben. In diesem einzigen Umstande liegt eine ungeheure Krisis im. Familienleben angedeutet. Der trauliche Binnenhof hat den besten Theil seiner Bedeutung für die gemüthliche Häuslichkeit verloren, seit wir die Hauptseite des Hauses von ihm weggewendet haben und höchstens noch die Küchen- und Abtrittsfenster auf den Hof schauen lassen. Nur durch den Hof konnte man ins Haus gelangen; man trat nicht unmittelbar von der Straße in das Heiligthum des Hauses ein. In dem Maße als die Familie an öffentlicher Bedeutung verloren hat, sind die Häuser gegen die Straße offener geworden. Im Orient, wo die Idee der freien Persönlichkeit wie der Gesellschaft und des Staates noch vielfach gefangen gehalten ist in dem Bann der übermächtigen Familie, sind die Häuser in gleichem Extrem ganz nach Innen gekehrt, der Harem kerkermäßig abgeschlossen: das Haus hat gar keine Straßenfronte, weder architektonisch noch social. In jenen Bauernhöfen der reichen Pfalz mußte der Bauer, wenn das große Hofthor hinter ihm ins Schloß gefallen war, sich fühlen nicht wie der Türke im Kerker seines Hauses, wohl aber wie der Ritter in seinem Burgfrieden. Ahmte er vor Zeiten doch selbst den Ritter darin nach, daß er die Strafe des Burgfriedensbruches in seinem Hofe so gut versinnbildete, wie der Ritter in seinem Schloßhofe. Wo dieser das Bild der abgehauenen blutigen Hand als Warnungsmal für den Friedensbrecher aufstellt, da nagelte der Bauer den schlimmsten Friedensbrecher seines Hofes, den Habicht oder die Eule zum warnenden Exempel an das Scheuerthor:

»Wer diesen Burgfrieden bricht,
Der wird also gericht.«

Es ist eine höchst bemerkenswerthe Thatsache, daß in der ganzen bayerischen Vorder-Pfalz, wo fast durchaus das löbliche Herkommen noch herrscht, die Bauernhäuser nach Innen, nach dem Hofe gekehrt zu stellen und nur die schmale Giebelfront auf die Straße zu richten, eine große Reinlichkeit und Ordnung die Hofräume auszeichnet, während in dem angränzenden Westrich, wo man die Häuser mit der Langseite nach Außen gewendet hat, Schmutz und Unordnung als unmittelbare Folge eingezogen ist. Die Straße selber wird hier zum Hof, die Misthaufen sitzen auf der Straße, das Ackergeräthe fährt lüderlich daneben umher, der Hof ist offen geworden, er ist aus dem Frieden des Hauses herausgerückt, der Gasse preisgegeben; das Heiligthum des Hofes aber wie des Hauses, wie der Familie, vor allem des deutschen Hauses und der deutschen Familie, ist gegründet in deren Abgeschlossenheit und Innerlichkeit.

In der mannigfaltigen Bauart unserer Bauernhäuser, die sich sehr genau nach ethnographischen Gruppen abscheidet und hierin den Volkstrachten entspricht, hatte sich die wunderbar reiche Vielartigkeit des deutschen Volksgeistes ein schönes Denkmal gesetzt. Es bezeichnet andererseits den viel tieferen Standpunkt des slavischen Volkslebens, daß das slavische Bauernhaus überall gleichförmig, ohne bildungsfähige architektonische Motive ist und z.B. durch das ganze weite russische Reich sich wesentlich gleich bleibt in der Dürftigkeit und Nüchternheit seiner Linien und dem Schmutz seiner inneren Ausstattung. Wo noch eine ursprüngliche Bauart des deutschen Bauernhauses besteht, da sollte man sie zu erhalten, nötigenfalls mit Schonung ihrer charakteristischen Formen zu verbessern suchen. Außerdem wäre es jetzt hoch an der Zeit, in Bild und Schrift eine Zusammenstellung aller deutschen Volksbauweisen ebensogut wie aller deutschen Volkstrachten zu veranstalten; denn in vielen Strichen dürfte bald mit dem letzten ächten Bauernrock auch das letzte ächte Bauernhaus verschwunden seyn.

Während sich vordem ein Herrenhaus und Schloß wieder dadurch vor dem stattlichsten Bürger- und Bauernhause auszeichnete, daß es, wenn auch nicht an sich größer, doch Höfe, Gallerien, Vorplätze und offene Hallen in weit größerem Verhältnisse besaß, sieht man jetzt in den Städten sogar fürstliche Paläste, die nicht einmal eine weite, stattliche Vorhalle, geschweige denn einen ordentlichen Hof besitzen, und die sich nur durch den Portier und die Schildwachen als Paläste legitimiren. Es lag ein tiefer Sinn in der Forderung, daß ein Herrenhaus gerade die dem »ganzen Hause« geweiheten Räume, die unnützen und doch so nothwendigen, in gedoppeltem Maße besitzen solle; denn die höchste Bedeutung der Aristokratie wurzelt darin, daß sie die Familie und das »Haus« am umfassendsten auf die sociale Potenz erhoben hat. Solche von ächt aristokratischem Schmuck entblößte Herrenhäuser namentlich der modernen Beamtenaristokratie in den großen Residenzstädten, nennt man in Norddeutschland sehr passend »Hôtels,« da dergleichen Gebäude in der That eines bessern und deutschen Namens in der Regel nicht werth sind.

Schauen wir in das Innere unserer Wohnungen, so findet sich's, daß das » Familienzimmer,« der gemeinsame Aufenthalt für Mann und Weib und Kinder und Gesinde immer kleiner geworden oder ganz verschwunden ist. Dagegen werden die besondern Zimmer für einzelne Familienglieder immer zahlreicher und eigenthümlicher ausgestattet. Vater, Mutter und Kinder beanspruchen für sich bereits eine ganze Reihe verschiedenartiger Gemächer. Man raffinirt förmlich darauf, neue Zimmer zu erfinden. Sie sollen auch im Einzelnen wieder charakteristisch ausgestattet werden. Die Vereinsamung des Familiengliedes selbst im Innern des Hauses gilt für vornehm; sie ist darum schon in dem Aeußeren einer »fashionablen« Einrichtung zu veranschaulichen. Die eigentlichen »Familienmeubel« sind altväterisch geworden. Als der Großvater die Großmutter nahm, da galt es noch als das Wahrzeichen eines soliden Hauses, eines Hauses vom alten Glanze, daß die Braut einige capitale Familienmeubel, alte, treue Diener des Hauses, zur Aussteuer mitnehmen mußte. Jetzt gilt umgekehrt nur diejenige Ausstattung für vornehm, bei welcher alles funkelneu ist. So tief haben uns die Tapezierer, Schreiner und Meubelhändler unterjocht! Das Ehebett existiert nur noch bei den Bauern und den Engländern, und die Wiege der Kinder steht nicht mehr zu Händen bei dem Bett der Eltern. Das »Kinderzimmer« muß vielmehr möglichst entfernt vom elterlichen Schlafgemache seyn; denn ein »gebildeter« Vater kann in der Regel gar kein kleines Kind mehr schreien hören. Wer aber Kinder in die Welt setzen, will, der muß sie auch können schreien hören, und wer das eine nicht kann, soll auch das andere bleiben lassen.

Ganz besonders sind hier wiederum die Bauernhäuser ins Auge zu fassen. Hier ist die ganze Familie schon durch den gemeinsamen Beruf aller ihrer Mitglieder viel enger zusammengeschlossen als in der Stadt, darum auch im Hause vorzugsweise auf gemeinsame Räume angewiesen. Nichts desto weniger sucht man jetzt in den reicheren Bauernhäusern gleichfalls eine Menge gesonderter Räume und isolirter Winkelchen anzubringen, die dem alten Bauernhause ganz fremd waren. Hierin zeigt sich's schon, daß das patriarchalische Zusammenleben und Wirken der Bauernfamilie gebrochen ist. Ein Haus mit vielen kleinen Stuben ist gar kein ordentliches Bauernhaus mehr. Selbst das wirthschaftliche Hausregiment wird zerstört durch die vielen gesonderten kleinen Räume; in der großen Familienhalle dagegen, wo der Speisetisch zur Seite des Herdes steht, herrscht der Bauer und die Bäuerin. So ist z.B. in alten Bauernhäusern der Stall häufig unmittelbar an die Küche gebaut und durch einen bedeckten Gang mit derselben verbunden, damit die Hausfrau die Hantierung des Gesindes in Küche und Stall mit Einem Blick übersehen und ihr Zepter ungetheilt führen könne.

Ein herrliches Muster altpatriarchalischer Einrichtung zeigt in dieser Beziehung das alte Sachsenhaus, wie es Justus Möser geschildert und wie es bei den reichen oldenburgischen Marschbauern und in Schleswig heute noch besteht. Hier steht der Herd im Mittelpunkte des Hauses, und hinter dem Herde thront die Bauernfrau. »Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht sie zu gleicher Zeit drei Thüren, dankt denen, die hereinkommen, heißt solche bei sich niedersetzen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immerfort und kocht dabei. Ihre Schlafstelle ist gleichfalls hinter dem Herde und sie behält aus derselben eben diese große Aussicht, sieht ihr Gesinde zur Arbeit aufstehen und sich niederlegen, das Feuer anbrennen und verlöschen und alle Thüren auf- und zuschlagen, höret ihr Vieh fressen, die Weberin schlagen, und beobachtet wiederum Keller, Boden und Kammer. Wenn sie im Kindbette liegt, kann sie noch einen Theil dieser häuslichen Pflichten aus dieser ihrer Schlafstelle wahrnehmen. Jede zufällige Arbeit bleibt ebenfalls in der Kette der übrigen. Sowie das Vieh gefüttert und die Dresche gewandt ist, kann sie hinter ihrem Spinnrade ausruhen, anstatt, daß in andern Orten, wo die Leute in Stuben sitzen, so oft die Hausthür aufgeht, Jemand aus der Stube dem Fremden entgegen gehen, ihn wiederum aus dem Hause führen und seine Arbeit so lange versäumen muß. Der Platz beim Herde ist der schönste unter allen.« So zeichnet Möser das plastische Bild der Bauernfrau, die in der patriarchalischen Würde längst verklungener Zeiten von ihrem Sitz hinter'm Herde das ganze Haus beherrscht. Auf diesem Herde aber brennt das Feuer den ganzen Tag und glimmt die ganze Nacht hindurch, urväterlicher Poesie zu Ehren und der modernen Feuerpolizei zum Trotz; wenn aber der Hausherr stirbt, dann wird nach altem Brauch das Herdfeuer gelöscht.

Auf der untersten Stufe bäuerlicher Armuth treffen wir freilich ein scheinbar ähnliches Bild wieder, wo auch die ganze Familie auf einen einzigen häuslichen Raum zusammengedrängt ist; aber nicht in eine weite, geräumige Wohn- und Speisehalle, sondern in ungesunde Winkel, nicht im Bewußtseyn der Familienhaftigkeit und des Familienregiments, sondern bloß aus Noth.

Wenn der Städter sieht, wie in der Bauernhütte oft nicht bloß die Familie, sondern dazu auch noch Hühner, junge Gänse und Enten, Hunde und Katzen in einer Stube zusammenwohnen, dann macht ihm dies wohl den Eindruck des äußersten Elendes, und er bedauert die armen Leute recht herzlich, die mit Hühnern und Gänsen ihr Zimmer theilen müssen. Ein Zeichen von Wohlstand und Gesittung ist es nun freilich nicht, wenn das »ganze Haus« mitsammt den Hausthieren in einer einzigen engen Stube lebt und webt. Es bleibt aber doch noch sehr die Frage, ob es unappetitlicher und gesundheitswidriger, wenn, wie auf dem elendsten Bauerndorf, Hühner und Gänse in der Stube sitzen, oder, wie in den reichen Häusern Wiens, die Mägde in der Küche schlafen. Und ob wir jenen armen Leuten nicht das beste Theil ihres häuslichen Behagens mitnähmen, wenn wir, ich will nicht sagen die Kinder, sondern auch nur die Hühner und Gänse, Hunde und Katzen in ein besonderes Gemach einquartierten, das ist eine zweite Frage.

Wer will entscheiden, was menschenwürdiger sey: das bittersüße Elend dieses gemeinsamen Lebens, oder die Vereinsamung eines wohlbezahlten Fabrikarbeiters?

Jene Hausthiere, mit welchen die arme Bauernfamilie ihr Zimmer theilt, sind ihr in der That Glieder des Hauses. Der Bauer schließt oft eine keineswegs sentimentale, sondern durchaus naive Freundschaft, aber eine Herzensfreundschaft, mit seinem Vieh, von der die wenigsten Stadtmenschen einen Begriff und ein Verständnis; haben. Sein Vieh ist ihm eine nothwendige Ergänzung zum »ganzen Hause,« und es charakterisirt das alte deutsche Bauernhaus fast aller Gaue, daß der Stall mit der Wohnung wenigstens unter einem Dache steht.

Ein armes geplagtes Bäuerlein, welches über Niemand Herr und Meister ist, übt ein absolutes Hausregiment wenigstens über sein Vieh. Es ist ein wunderbares Geheimniß der Menschennatur, daß der Mensch nicht fröhlich leben kann, er habe denn eine andere lebende Seele, und wär' es auch bloß ein Hund, die er meistere. Gegenüber unserem Hunde sind wir wie allwaltende Götter, schicksalspinnende Dämonen. Darum vertraut der ächte Hund blind seinem Herrn. (Was freilich ein Hund im stillen Sinne denkt, wenn er die frevliche Hand des Herrn leckt, die ihn malträtirt, das hat uns bis jetzt noch keiner gesagt.) Darum finden wir in der Genossenschaft der Thiere eine Ergänzung, die uns kein menschlicher Umgang bieten kann. Das Hausvieh soll im Hausregiment unser eingeborenes Gelüsten zum aufgeklärten Despotismus auf seinen Rücken nehmen, und es ist noch lange nicht menschenunwürdig, wenn die armen Leute ihr Geflügel in der Wohnstube herbergen. Der Bettelmann ist zufrieden, weil er seinen Hund als seinen letzten Knecht behandeln kann, und der Hund dankt ihm dafür, indem er seines Zuchtmeisters letzter Freund wird. Der rohe Materialismus unserer Zeit, der die Existenz bloß nach dem Essen und Trinken abmißt, sagt freilich, es sey eine Sünde, wenn man erbetteltes Brod auch noch mit einem Hunde theile. Es stehet aber geschrieben: der Mensch lebt nicht vom Brode allein, und ich möchte es nicht auf mein Gewissen nehmen, auf dem Wege der Besteuerung den armen Mann dahin zu bringen, daß er seinen letzten Freund und Hausgenossen zum Schinder führt.

Treibt ihr dem Bauern seine Hühner und Gänse, Hunde und Katzen aus der Stube, so zerstört ihr seine Häuslichkeit. Man lasse jeden nicht nur nach seiner Façon selig werden, sondern auch schon auf Erden möglichst nach seiner Façon glücklich seyn. Zu einem ganzen Hause gehört auch ein Hund, und den alten Jungfern muß der Mops, gerade wie beim Bettelmann, das ganze übrige Haus ersetzen. Der Fanatismus, mit welchem gegenwärtig so Mancher, der gar nicht recht weiß, was eigentlich ein Hund ist, für die Vertilgung der Hunde durch hohe Steuer eifert, zeigt eben auch, wie sehr die Idee des »ganzen Hauses« sich verdunkelt hat. Denn gerade darin bewährt sich so recht die läuternde und veredelnde Kraft des hausgenossenschaftlichen Lebens, daß dasselbe selbst der in seinen Kreis gezogenen Thierwelt eine höhere Weihe, daß es selbst dem Verhältnis; des Menschen zum Thier eine humane Deutung gibt.

Das ist derselbe Hund, der Hausgenosse, den wir auf mittelaltrigen Grabsteinen zu Füßen des Hausvaters und der Hausmutter ausgehauen sehen. Für Mahomets Hündlein ist ein Platz im türkischen Himmel reservirt, und in dem frommen Mittelalter durfte der Hund – nicht bloß der steinerne sondern auch der lebendige – die Familie in die Kirche begleiten. Es wurde den Leuten wohl häuslicher in der Kirche, wenn während des Gebetes der Hund zu ihren Füßen lag. Heutzutage verbietet die Polizei nun gar das Mitnehmen der Hunde ins Wirthshaus. So steuert unsere ganze Zeit der eigensüchtigen Vereinzelung zu, der Vereinzelung selbst zwischen Mensch und Hund.

Ein deutscher Meister, Schnorr, hat die Austreibung des ersten Menschenpaares aus dem Paradiese dargestellt: den Verwiesenen folgt auf dem Bilde nur – der Hund. Das ist ein tiefsinniger Gedanke, eines deutschen Meisters würdig. In dem treuen Hausthier ist uns in der That der letzte Zeuge der unschuldsvollen Freundschaft aller Creatur aus dem Paradiese nachgezogen.

Ich knüpfe nach dieser Abschweifung wieder an bei meiner Kritik der Räume des modernen bürgerlichen Wohnhauses.

Jene dem »ganzen Haus« gewidmeten Plätze und Hallen sind also auf das Kleinste zusammengedrängt, die Gastzimmer für Freunde des Hauses u. dgl. sind entweder ganz verschwunden oder doch bedeutend beschränkt worden. Der bedeutsamste Raum im vornehmeren bürgerlichen Hause wird dagegen einem ganz neuen Gemache zugetheilt: dem Salon.

Aller architektonische Schmuck, der sonst auf Hof, Vorhalle, Hausflur und Familienzimmer verwendet wurde, kommt jetzt dem Salon zu gut. Es ist aber dieser Schmuck nicht mehr, wie bei dem alten Familienzimmer, durch eine feste, langsam und organisch nur sich umbildende Sitte bestimmt, sondern er wechselt nach Mode und persönlicher Laune. Der Salon dient aber auch nicht, wie jene Räume, dem »Hause,« sondern der »Gesellschaft« und diese Gesellschaft des Salons ist weit entfernt, gleichbedeutend zu seyn mit dem engen, festgeschlossenen Kreis der Freunde des Hauses. Die nichtsnutzige, sociale Fiction der sogenannten »Gesellschaft,« als des Inbegriffs einer Gruppe von interessanten oder eleganten feinen Leuten, bei denen man von den bürgerlichen, häuslichen und sittlichen Qualitäten absieht, die bonne société, bezeichnet vielmehr geradezu die Auflösung des häuslichen Freundeskreises und des Familienlebens.

Die wohlhabenden Leute hatten wohl immer ihr Prunk- und Staatszimmer und auch im reichen Bauernhause wird die stattlich geputzte »Obenhinaufstube« nicht fehlen. Das sind aber keine Salons. Der Unterschied ist ein sehr wesentlicher, ein social begründeter. Die Staatsstube stand neben der Familienstube in zweiter Linie, sie diente den Festlichkeiten des Hauses; sie hatte ihren typischen Schmuck, ihre herkömmliche, provinciell unterschiedene Einrichtung, die so fest stand, wie die Sitten, welche die Feste des Hauses regelten. Sie war nicht der Schauplatz der gewöhnlichen häuslichen Geselligkeit. Die Freunde des Hauses versammelten sich im Familienzimmer. Der Salon dagegen hat das Familienzimmer in die zweite Linie geschoben; er ist zum bedeutsamsten Raum des modernen Hauses geworden; da er aber fast nur eine negative Bedeutung für die Familie hat, so ist in dem Salon der Schwerpunkt des architektonischen Hauses außerhalb des socialen gerückt und damit das »ganze Haus« windschief geworden. In den großen Städten gibt es jetzt unzählige Familien der »guten Gesellschaft,« die selbst ihre Gesundheit dem Salon zum Opfer bringen. Wohn- und Schlafzimmer werden in die ungesundesten und engsten Räume des Hauses verlegt, damit nur für den Salon der beste und glänzendste Theil übrig bleibe. Hinterdrein wundert man sich dann noch, warum die Cholera nicht aus unsern großen Städten auszutreiben sey! Das ist ja dieselbe vornehme Lumperei, die mit dem elegantesten Rocke gleißt, darunter aber kein ganzes Hemd auf dem Leibe hat. Wo noch ein ächtes Familienleben ist, da sollte das Familienzimmer das stolzeste Gemach seyn und die Hausfrau sollte in demselben thronen, wie jene niedersächsischen Bauernfrauen hinter dem Herde; gegenwärtig aber würden sich unzählige Hausfrauen schämen, wenn ein Fremder zufällig in ihr Familienzimmer geriethe statt in das Empfangszimmer oder den Salon.

Der Salon ist, wie schon sein Name besagt, ein dem deutschen Hause aufgepfropftes fremdes Gewächs.

Es ist überhaupt ein trauriges Wahrzeichen, daß wir für viele Räumlichkeiten des Hauses die deutschen Namen vergessen haben und beweist, wie tief sich französische Anschauungen in unsere häuslichen Sitten einfressen. Souterrain, Parterre, Beletage etc. sind uns viel geläufiger als die entsprechenden deutschen Wörter. Von dem unübersetzbaren »Hôtel« der Minister und großen Herren habe ich bereits geredet. Den »Salon« können wir zum Glück ebenfalls nicht übersetzen. Ja es erscheint sogar bereits als fast allgemeine deutsche Sitte, die Geschosse des Hauses nach französischer Art zu zählen, so daß man die Beletage den ersten Stock nennt u.s.w., da es doch deutsche Art gewesen, von dem auf dem Kellergeschoß (dem Raume der Werkstätten, Kaufmannsgewölbe und Trinkstuben) errichteten Stock anzufangen und also das Parterre als den ersten, die Beletage als den zweiten Stock zu bezeichnen u.s.f. Nur in einzelnen Landstrichen hat sich die deutsche Art, die Geschosse zu zählen noch erhalten, was dann der viel allgemeiner eingebürgerten französischen Weise gegenüber zu allerlei Confusion führt und auch ein Zug im Bilde der deutschen Einheit ist.

Gerade solch ein Aufnehmen nicht eines einzelnen fremden Wortes, sondern eines auf fremder Anschauung beruhenden Brauchs und noch dazu bei einem so nahe liegenden und so tief ins nationale Leben eingewachsenen Gegenstande wie das Haus, ist fürwahr ein böses Omen.

Für den Einzelnen ist das moderne Haus wohnlicher, geräumiger geworden, für die Familie enger und ärmer, wie überhaupt die meisten Verbesserungen unserer Lebensweise vorwiegend den Junggesellen und Hagestolzen zu gut kommen. Das architektonische Symbol für die Stellung des Einzelnen zur Familie war im alten Hause der Erker. Im Erker, der eigentlich zum Familienzimmer, zur Wohnhalle gehört, findet der Einzelne wohl seinen Arbeits-, Spiel- und Schmollwinkel, er kann sich dorthin zurückziehen: aber er kann sich nicht abschließen, denn der Erker ist gegen das Zimmer offen. So soll auch der Einzelne zur Familie stehen, und nach diesem Grundgedanken des Erkers müßte von Rechtswegen das ganze Haus construirt seyn.

Der Erker war auch in künstlerischer Beziehung der eigenthümlichste Schmuck unserer bürgerlichen Privat-Architekturen im Mittelalter wie in der Renaissancezeit. Wenn Nürnberg von seinen Kunstdenkmalen auch nichts weiter gerettet hätte, als seine zahlreichen schönen Erker, so würde es bloß darum immer noch ein für die deutsche Kunstgeschichte höchst wichtiger Punkt bleiben. Eben weil der Erker nichts zufälliges ist am deutschen Hause, sondern eine wesentliche Idee desselben versinnbildet, ist er eine wirklich volksthümliche Form selbst in unserer bäuerlichen Architektur geworden. In dem oberdeutschen Gebirgshaus ist der Erker aufs mannigfaltigste und sinnreichste angebracht, in Mitteldeutschland schmückte er im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert wenigstens die reicheren Bauernhäuser, und in den äußersten Nordostmarken Deutschlands sind die sogenannten Beischläge und Balkone an den Bauernhäusern noch heute als eine Art verkrüppelter Erker übrig geblieben. In alten Schlössern und Herrenhäusern findet man häufig den Erker prunkvoller und kunstreicher ausgeschmückt als irgend einen andern Raum; manchmal scheint sich die ganze Baukunst eines einzelnen Besitzers erschöpft zu haben in der Herstellung eines neuen prächtigen Erkers am altväterlichen Hause. Da ist dann aber auch außen die reichste Steinmetzarbeit angebracht, innen Täfelwerk und Holzschnitzerei, bemalt und vergoldet und mit bedeutsamen Versen und Sprüchen geziert, und solch ein Erker erscheint dann am Hause wie der Chor an der Kirche, als das schmuckreichste Heiligthum des Hauses.

Der Eifer, mit welchem die moderne Baupolizei ihr Interdikt gegen die Erker seit mehr als hundert Jahren gehandhabt hat und noch handhabt, ist höchst charakteristisch. Die äußerliche Gleichmacherei der Häuser hängt eng zusammen mit der Nivellirung des Staates, der Gesellschaft, der Familie, die einen Grundzug der Bestrebungen des achtzehnten und teilweise auch noch des neunzehnten Jahrhunderts bildet. Damit die Häuserfronten glatt nach dem Lineal abgeschnitten sehen und dem Nachbar die Aussicht nicht verdorben werde, rasirt man die Erker, die ein organisches, nothwendiges Product des deutschen Familienlebens geworden sind! Als ob die Häuser da seyen um der Aussicht willen, als ob das Haus von außen nach innen gebaut werde und nicht vielmehr von innen nach außen!

Mit diesem Satze bin ich in das Centrum des vorliegenden Capitels gekommen. Die kunstgeschichtliche Thatsache, daß das Mittelalter Häuser und Burgen und Kirchen von innen heraus gebaut hat, die äußeren Maße und Formen nach dem Bedürfnisse des Innern, nach den praktischen Zwecken des Hauses frei gestaltend, während wir als ächte Doctrinäre schablonenweise von außen nach innen bauen: diese kunstgeschichtliche Thatsache müssen wir als in der entsprechenden socialen wurzelnd erkennen.

Wir bauen auch in der Gesellschaft, in der Familie symmetrisch, mechanisch von außen nach innen, statt organisch von innen nach außen. Darum helfen alle Experimente nichts, einen modernen, wirklich lebensfähigen Styl für unsere Häuserbauten zu finden. Der eine Baumeister probirt's mit der Gothik, der andere mit der Renaissance, ein dritter mit dem griechisch-römischen, ein vierter mit dem byzantinischen Styl, ein fünfter gar mit dem Zopf. Es gibt aber immer nur neu zusammengesetzte Häuserdekorationen, keine wirklich neuen Häuser. Das architektonische Haus der Zukunft muß von innen heraus gebaut werden, wie das sociale. Schafft erst die neue Familie, dann wird diese Familie sich selber ihr Haus bilden, – »anleiben.«

Wenn also einmal unsere Salons wieder veröden, dagegen aber eine allgemeine Sehnsucht nach einer wirklichen Familienhalle, nach stattlichen Hausfluren, Höfen und Gallerien, vor allem aber nach dem traulichen Erker empfunden wird, das heißt, wenn wir wieder einmal eine neue und feste Sitte des Hauses gewonnen haben, dann wird auch ein neuer, organischer bürgerlicher Baustyl da seyn, und die Baumeister werden gar nicht wissen, wie sie zu demselben gekommen sind. Sie sind dann auch nicht zu ihm gekommen, sondern er zu ihnen. Wie können sie aber jetzt Häuser von innen heraus bauen, wo die Mode alle architektonisch entwicklungsfähigen Innenräume des Hauses für überflüssig erklärt?

Viele werden sich nicht einmal einen klaren Begriff machen können von dem, was es heißt, von »innen heraus« zu bauen; Andere werden befürchten, daß dabei in der Regel ein abenteuerliches, für das künstlerische Auge monströses Ganze zu Tag kommen wird. Ich verweise aber nur auf die schönsten Muster ächter deutscher Bauernhäuser, wie sie sich in den Hochgebirgen finden und bereits in der Kunstarchitektur überall nachgeahmt werden. Diese sogenannten Schweizerhäuser sind in ihrer Grundanlage rein nach Rücksichten der häuslichen Zweckmäßigkeit von innen heraus gebaut und doch sind sie bei dem im Volke lebenden, in seiner Sitte geregelten naiven Schönheitssinn von selber so schön geworden, wie ein Volkslied schön, wie eine Volkstracht malerisch wird.

Bei den bürgerlichen Häusern wie den Schlössern und Burgen des Mittelalters kommt noch ein anderer Umstand hinzu, der ihnen ganz besonders das Gepräge des Gewordenen, organisch Erwachsenen aufdrückt. In der Regel hat eine ganze Reihe von Geschlechtern an dem massiven altväterlichen Hause umgebaut, erweitert, geschmückt, fortgebildet und zwar immer in freier Gestaltung, nach Bedürfniß, nach eigenen Heften, nicht nach einem conventionellen Plan. Man ist dabei oft zwanglos bis zur ästhetischen Barbarei gewesen. Allein wie eine Sitte in der Familie und Gesellschaft wächst und wird, so ist hier auch das Haus geworden, es blieb das alte und ist doch ein anderes. So machte selbst das steinerne Haus denselben von der Poesie geweihten Gang der Entwickelung durch, welcher der Volkstracht, der Volkssitte, dem Volkslied einen idealen Werth verleiht. Ein Denkmal nicht bloß des Erbauers, sondern auch seiner Söhne und Enkel war es in einem so tiefen Sinne das Eigenthum der Familie, als einer historisch wachsenden und fortblühenden Kette von Geschlechtern, wie es das moderne Haus mit seinen unterschiedlosen, fortbildungsunfähigen Räumen und seinen wechselnden Miethern und Besitzern niemals werden kann. Derselbe Zauber ruht auf jenem alten Hause, der uns eine mittelaltrige Kirche, an welcher Jahrhunderte weitergebildet, verbessert und verdorben haben, in dichterischem Schimmer verklärt, während uns eine künstlerisch vielleicht weit schönere und reinere neue gothische Kirche kalt läßt.

Hier möge ein kurzer kulturgeschichtlicher Rückblick auf die Entwickelung unserer bürgerlichen Architektur vergönnt seyn.

Im Mittelalter nahm das reichere Bürgerhaus seine architektonischen Motive von der Kirche, der Burg und dem Rathhaus und verarbeitete sie eigenthümlich. Es entsprachen diese maßgebenden Vorbilder den drei großen mittelaltrigen Mächten der Hierarchie, der Ritterschaft und des Bürgerthums. Diese Mächte werden im sechzehnten Jahrhundert gebeugt durch die neue Fürstensouveränetät. In der Eingangsepoche zur neuen Zeit schreibt Macchiavell bedeutsam ein Buch vom »Fürsten,« und das Urbild aller Architektur wird von nun an der fürstliche Palast. Die Burg wird zum Schloß, die Renaissance- und Rococokirche wird zu einem prunkvollen Palaste Gottes, das reichstädtische Rathhaus entlehnt seine Motive von dem Königsschloß. Wie nun aber auch Hofsitte und Hoftracht allmählig eindringt in die bürgerlichen Kreise und zuletzt eine vornehme allgemeine Sitte und Tracht der europäischen gebildeten Welt an die Stelle der bürgerlichen Nationaltrachten und Sitten setzt, so gestaltet jetzt auch der Bürger sein Haus nach dem Muster des Palastes und die nationale bürgerliche Bauart verschwindet in allen großen Städten Europas.

In Italien hatte Macchiavell seinen Fürsten geschrieben; von Italien aus begann der neue Palaststyl seinen Eroberungszug durch unsern ganzen Welttheil. Nach den italienischen Einflüssen kamen die französischen im Zeitalter Ludwigs XIV. Die nationalen Architekturformen wurden dem schulmäßig erfaßten antiken Schönheitsideal geopfert. Nun konnte man nicht mehr von innen heraus bauen, denn die Bedürfnisse, die Sitten, die socialen und häuslichen Zustände des classischen Alterthums waren ja ganz andere gewesen als die unsrigen. Man gelangte daher zu einer decorativen äußeren Symmetrie der Gebäude, die mit der Gestaltung der Innenräume in keinem, organischen Zusammenhang mehr stand: das Gesammtergebniß war eine todte Scheinarchitektur.

Es ist nun höchst merkwürdig, kunstgeschichtlich aber noch gar nicht genügend beachtet, wie sich die deutsche Hausarchitektur zu dieser großen Krisis verhielt.

Das deutsche Bauernhaus wurde bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts nur wenig und äußerlich von den neuen Bauformen berührt. Zu derselben Zeit aber, wo die Volkstrachten im westlichen und mittleren Deutschland zu verschwinden beginnen, wird dort auch das Bauernhaus nach städtischem Muster umgestaltet. Es verliert seine localen und volksthümlichen Räume und Formen; da es aber anderseits den akademisch regelrechten Schmuck der städtischen Wohnhäuser sich nicht aneignen kann, so sinkt es zur gemeinsten und häßlichsten Bauart herab, ähnlich wie der städtisch gekleidete Bauer (den man in der Pfalz einen »Manschettenbauer« nennt) immer am geschmacklosesten gekleidet ist. Wo dagegen Bauernsitte und Bauerntracht erhalten ist, da ist auch in der Regel das eigenthümliche, nationale, malerische Bauernhaus gerettet worden.

Weit interessanter ist der Umbildungsproceß des Häuserbaues in den Städten. Im sechzehnten Jahrhundert verschwindet der deutsche Baustyl rasch bei Kirchen und Schlössern. Nicht so bei dem bürgerlichen Wohnhause. Der deutsche Erker, der den antikisirenden Formen schnurgerade widerspricht, behauptet sich bis ins achtzehnte Jahrhundert. Die deutsche Art, das Haus mit der schmalen Giebelfront gegen die Straße zu kehren, kämpft bis zur Zopfzeit, meist siegreich, um ihr Recht, obgleich der neu aufgekommene italienische und französische Baustyl mit den schmalen spitzen Giebeln durchaus nichts gescheidtes anzufangen weiß und breite, gleichförmige Façaden verlangt. Die altdeutschen treppenförmig aufsteigenden Giebelwände erhalten sich sogar durch die ganze Rococoperiode. Gothische Kreuzgewölbe werden in den Reichsstädten noch tief im siebzehnten Jahrhundert bei den Hausfluren und Kaufhallen der Bürgerhäuser angebracht, während man sie bei jedem andern Bau längst als barbarisch verworfen hatte. Die innere Anlage des Hauses bleibt gleichfalls in dieser Zeit noch die alterthümliche; bei den öffentlichen Architekturen hatte man längst verlernt, von innen heraus zu bauen, bei dem bürgerlichen Hause verstand man es noch.

In diesen höchst merkwürdigen Thatsachen spiegelt sich die Zähigkeit der deutschen Familiensitte. In seinem Hause hat der Deutsche zu allerletzt sich selber aufgegeben. Schloß und Kirche und Rathhaus waren schon lange verwälscht, verzopft worden in den neuen Formen des europäischen Geschmackes: da bewahrte das bürgerliche Haus allein noch die Reste der alten nationalen Ueberlieferung. Fürwahr diese Thatsache wiegt schwer für den Culturhistoriker. Sie hängt eng zusammen mit der anderen: daß der deutsche Bürger in dem altfränkischen Hause sich damals aus Instinkt tüchtig und ehrenhaft erhielt, während die vornehme Welt in den neumodischen Prunkpalästen entartete und verlüderlichte. In ihrem politischen Leben hatten die deutschen Reichsstädte frühzeitig das alte Rom copirt, so daß auch in dem kleinsten reichsstädtischen Krähwinkel Consul und Senat gespielt wurde, frühzeitig das römische Recht eingeführt, frühe schon die ganze römische Kunst und Wissenschaft der Renaissance gehegt: dennoch blieb die Sitte wie der Bau des Hauses in diesen Städten deutsch bis gegen die neueste Zeit und gar mancher Reichsstädter, der auf dem Forum ein grauenvoller Spießbürger, ist in seinem Hause ein ehrwürdiger deutscher Patriarch gewesen.

Erst das Zeitalter Ludwigs XIV. propfte den französischen Palaststyl mit Erfolg auch dem deutschen Bürgerhause auf. Die veränderten politischen und wissenschaftlichen Zustände lassen damals eine Menge neuer Städte aufblühen, in denen Raum gegeben war, sich nach französischem Muster mit breiten symmetrischen Façaden anzubauen. Ja es werden von einzelnen Fürsten ganze Musterstädte in dieser Art gebaut, die man in ihrer äußerlichen Regelmäßigkeit damals für die schönsten Städte hielt, während man sie heutzutage für die langweiligsten hält. Als Kurfürst Karl Friedlich von der Pfalz im Jahr 1718 um Erneuerung der erloschenen Privilegien der Stadt Frankenthal angegangen wurde, fragte er die Abgeordneten des Frankenthaler Stadtraths, wie ihre Stadt angelegt sey? Die Antwort lautete: sie sey »auf den Mannheimer Fuß angelegt« – und die Privilegien wurden erneuert.

Wie bei diesen »auf den Mannheimer Fuß« angelegten Städten das lebendige Werden und Wachsen der ganzen Stadt dem Schulgesetz einer äußern Symmetrie geopfert wird, so geschieht es von nun an in reißend schnellem Fortschritt auch bei den einzelnen Häusern. Seltsam genug befreiten wir unsere Gärten fast in derselben Zeit von der Tyrannei der Baumscheere und den geradlinig zugeschnittenen Alleen und Hecken und symmetrischen Beeten, als die gleiche Tyrannei der geraden Linie und der Fenstersymmetrie bei dem bürgerlichen Hause durchaus den Sieg gewann. Dieser Widerspruch in äußeren Dingen wiederholt sich im tiefsten Seelenleben der Nation. Gerade in der Zeit, von der ich eben geredet, in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, befreit sich ja unsere Nationalliteratur, unsere Wissenschaft, unsere Kunsttheorie von dem steifen Regelzwange des Zopfes, und doch wird in demselben Zeitpunkt unser politisches, sociales und häusliches Leben einseitiger als je zuvor nach der geraden Linie zurecht geschnitten, ausgeebnet und in die Fessel der Symmetrie geschlagen. Die Poesie als Kunst blüht auf, während die Poesie im Volke, in der Gesellschaft, im Hause erlischt.

Das ist das gleiche Schauspiel, wie wenn wir heute geradlinig symmetrische Häuser neben die krummlinig naturwüchsigsten englischen Gärten bauen.

Die Zeit ist aber nicht mehr fern, wo man diesen Widerspruch nicht bloß erkennen, sondern auch im Praktischen herausfühlen wird, und mit einer organischen Erneuerung des Familienlebens werden uns die geradlinig symmetrischen Wohnhäuser wieder ebenso widernatürlich erscheinen, als weiland die geradlinig zugeschnittenen Hecken und Alleen bei der Erneuerung eines nationalen Kunstlebens.

Für das Recht der krummen Linien, der Winkel und Ecken, erhebe ich daher hier meine Stimme aus dem gleichen Grund, aus welchem ich sie in einem andern Buche erhoben habe für das Recht des Waldes neben dem Feld, der Berge neben den Ebenen, des natürlichen Volkslebens neben einer ausgleichenden Civilisation. Das mittelalterliche Haus hatte ein ganz bestimmtes persönliches Gepräge, eine dem Familienleben entsprechende Individualität. Darum liebte man es auch, dem Privathause einen persönlichen Namen zu geben. Wir finden Häuser nach der Familie genannt, wie das »Haus Limpurg« in Frankfurt a. M., nach Erinnerungen aus der alten Götter- und Heldensage, wie das Haus »zum großen Schmied Wieland« in Würzburg; nach Erinnerungen aus der Volkssage, wie die Häuser »zum kurzen Heinrich,« »zur schönen Müllerin« etc.; dazu kommen noch tausend andere oft phantasiereiche und phantastische Häusernamen von allen möglichen Dingen der Natur und des Aberglaubens entlehnt. Das organische Haus hatte einen Namen; das symmetrische hat eine Nummer. So hatten auch die alten gewachsenen Straßen ihre historisch »gewordenen« Namen; die neuen gemachten Straßen tauft man willkürlich, und in der am meisten symmetrischen Stadt Deutschlands, in Mannheim, konnte man sich nicht einmal bis zu einem gemachten Namen der schnurgeraden Straßen aufschwingen, sondern ist bei dem bloßen Buchstaben stehen geblieben, und hat solchergestalt gleichsam die ganze Stadt zu einem ABC-Buch in Großfolio gemacht.

In dem Kunstbau reicher städtischer Privatarchitekturen sind wir bereits aus ästhetischem Bewußtseyn wieder abgekommen von der Übertragung des absolut symmetrischen italienisch-französischen Palaststyles auf das bürgerliche Wohnhaus. Man hat es wohl endlich begriffen, daß eine solche Façade, die bei den großartigen Massen eines Königsschlosses imposant erscheinen kann, inhaltlos und nüchtern wird, wenn man sie auf ein gewöhnliches Haus überträgt. Wir sehen demgemäß in Städten wie München und Berlin mancherlei künstlerisch wohlgelungene Versuche, einzelne Häuser wieder mit zierlichen Erkern, schönen Giebeln, malerischen Galerien u. dgl. zu schmücken. Allein dies sind eben doch nur künstlerische Studien, die man bei den Prunkgebäuden reicher Leute versucht. Sie sind der Erkenntnis des Schönen bei dem einzelnen Meister, nicht dem häuslichen Bedürfnis des städtischen Volkes entquollen.

Die wahren Häuser des modernen Bedürfnisses sind und bleiben vorerst noch die traurigen kahlen Wohnungskasernen unserer Großstädte, bei denen Alles auf Geldgewinn und Geldersparnis ausgerechnet ist, jede individuelle Gestaltung verpönt, weil sie nutzlos Geld kosten würde, jeder sinnige Schmuck unterlassen, weil man Geld dafür wegwerfen müßte, jede Berechnung auf den dauernden Wohnsitz einer Familie und vollends ganzer Generationen derselben Familie beseitigt, weil Häuser und Wohnungen eine wandelbare Waare geworden sind, hineingezogen in den tosenden Wirbel der allgemeinen städtischen Kapitalwirthschaft.

Man hat in unserer Zeit wieder ganze Musterstraßen mit großem Aufwande von Kunst und Geld gebaut – wie weiland ganze Musterstädte. Es sind aber doch nur Paradestraßen geworden, keine wirklichen Straßen und auch keine eigentlich neuen Straßen. Das glänzendste und großartigste Beispiel der Art ist wohl die Ludwigsstraße in München. Sie nimmt sich bei aller Schönheit im Einzelnen dennoch aus wie ein tootes akademisches Modell, nicht wie eine natürliche Straße. Sie müßte imponiren durch ihre Länge, wenn sie nicht so breit gerathen wäre, daß man gar nicht merkt, wie lang sie eigentlich ist. Allen ihren schönen Häusern sieht man es an, daß sie theoretisch ersonnen, nicht aus dem praktischen Bedürfnis von innen heraus gebaut worden sind. Sie ist eine Straße von Palästen, nicht von Häusern. Die meisten ihrer Häuser sind – ganz nach der Weise des Palastbaues – in so übergroßen Maßen angelegt, daß man meint, sie sollten von zwölf Fuß hohen Menschen bewohnt werden. Jedes Haus hat nur eine Front, keines ein Profil. Dies ist aber das fast untrügliche Kennzeichen eines organisch von innen heraus für die Familie gebauten Hauses, daß es sich stark und mannigfaltig profilirt, während das mechanisch symmetrisch für eine Summe von einzelnen Miethinsassen gebaute Haus gar kein Profil hat. Darum gewährt die Ludwigsstraße auch nur eine architektonisch stattliche, nicht aber eine malerische Perspektive. Sie symbolisirt die Zeit ihrer Entstehung: das Nivellement der modernen Bildung und der modernen Geldwirthschaft ist in solchen Straßen dargestellt, nicht das individuelle Leben der Familie. Solche Straßen schauen sich langweilig an, wie in Parade aufmarschirte Militärcolonnen. Eine natürliche Straße dagegen, wo große und kleine, vorspringende und zurücktretende, stark und schwach profilirte Häuser zusammenstehen, sieht malerisch aus, wie eine in den mannigfaltigsten Formen bewegte Volksversammlung.

Bei der kitzlichen Frage, wie es denn hier (vorerst wenigstens ästhetisch) besser zu machen sey und wie neue Straßen malerisch angelegt werden müßten, komme ich nun freilich eben so sehr mit unserer Baupolizei in Conflict wie bei den Erkern. Das einfachste Muster einer schönen Straßenlinie ist der natürliche Fußpfad, den des Wanderers Fuß unwillkürlich immer in anmuthig geschwungenen Wellenlinien zeichnet, niemals schnurgerade. In derselben Linie wachsen auch heute noch in unsern Dörfern häufig die Straßen auf; man verständigt sich über die allgemeine Richtung, innerhalb derselben aber legt Jeder sein Haus nach Bedürfniß, Sitte und eigenem Geschmacke an, und zuletzt wird eine malerisch gewundene Straße mit reicher Profilirung der Häuserfronten daraus, ganz von selber, ohne Absicht und Theorie. In unsern Gärten ahmen wir längst den schönen Linienschwung des natürlichen Fußpfades auch bei künstlichen Wegen nach: wer gewinnt den Ruhm, in unsern Städten die erste anmuthig gekrümmte neue Straße wieder zu bauen? Etwa eine Straße von so anmuthigen Windungen wie die stolze Maximiliansstraße in Augsburg, oder die sich in einem so spitzen Winkel gabelförmig spaltet, daß man vom Hauptarme aus gleichzeitig den Einblick in beide Seitenzweige hat, wodurch bei dem in den Scheitelpunkt des Winkels gestellten Hause die schönste Gelegenheit zu einem großen Pracht-Erker oder auch zu einem alle drei Arme beherrschenden Thurm gegeben ist! Zu solchen malerischen Straßenführungen bieten unsere alten Städte noch Muster ohne Zahl; es gilt nur die Ehre der ersten Nachahmung zu erwerben!

Selbst die äußere Decoration unserer Wohnhäuser, in der wir eine so überwiegende Meisterschaft gewonnen haben, trägt fast immer den Stempel der innern Unwahrheit. Denn auch dieser Schmuck des architektonischen Hauses steht mit dem inwendigen socialen Hause in gar keinem nothwendigen Zusammenhange mehr. Ein reicher Schuster läßt etwa sein Haus mit Löwen ornamentiren, ein Schneider das seine mit Adlern, ein Kaufmann mit gothischen Drachen! Was in aller Welt hat aber ein Schneider mit Adlern zu schaffen, oder ein Schuster mit Löwen, oder ein Weinhändler mit Drachen? Auch das Ornament des Hauses darf kein zufälliges seyn; es muß den Bewohner charakterisiren.

Da sind in dem alten Brauch, die Gewerbszeichen des Erbauers oder kleine genreartige Scenen aus seinem Berufsleben am Hause auszubauen, doch ganz andere Motive zu wirklich neuer und geistvoller Ornamentik gegeben. Auch an den Häuserschmuck durch Heiligenbilder und Gruppen aus der heiligen Geschichte darf hier erinnert werden. Welch großartiges Denkmal häuslichen und künstlerischen Sinnes haben sich vor Zeiten die Bürger Augsburgs gesetzt, indem sie die Außenwände fast jedes bedeutenderen Privathauses mit großen Freskobildern aus der heiligen und Profangeschichte oder mit Darstellungen aus dem bürgerlichen Berufsleben bedeckten, und welche Schmach hat die spätere Zeit auf sich geladen, indem sie diese Bilder, darunter wirkliche Kunstwerke, großentheils muthwillig zerstörte und übertünchte!

Und hier soll auch der schönen alten Sitte gedacht seyn, welche das Haus innen und außen mit ernsten und gemüthlich heiteren Versen und Sprüchen schmückte. Die Bauernschaften, die, von dem Nationalismus der Zeit berührt, das löbliche Herkommen aufgaben, über ihrer Hausthür einen Spruch oder Vers eingraben zu lassen, haben sich damit den reichsten Quell epigrammatischer Volkspoesie selber verstopft. Wo aber die alte Sitte des Hauses, Volkstracht und voltsthümlicher Häuserbau bewahrt blieben, da blüht auch meist solche Spruchdichtung heute noch. Dieser »Hausschatz« deutscher Spruchverse ist in seiner Art nicht minder reich an lauterem Golde wie das eigentliche Volkslied. Ich getraute mir wohl ein kleines Büchlein zusammenzustellen voll sinniger Weisheit aus dem Volksmund, voll beschaulicher und erbaulicher, naiver und drolliger Verse, die alle nur von Hausthüren und Innen- und Außenwänden deutscher Bauernhäuser abgeschrieben seyn sollten.

So schrieb der gottesfürchtige Bauersmann vor Zeiten an sein neues Haus:

»Wo Gott nicht gibt zum Haus sein Gunst,
Da ist all unser Bau'n umsunst.

Oder:

»Wir bauen hier so feste
Und sind doch fremde Gäste:
Wo wir sollen ewig seyn,
Bauen wir so wenig ein.«

Ein Dritter setzte einfach den Spruch über seine Thür: »Der Herr segne unsern Eingang und Ausgang.« Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß in den hundert Jahren seit eine solche Inschrift etwa steht, nicht wenigstens Ein Mann aus oder eingegangen sey mit einer Spitzbuberei im Sinne, die er beim zufälligen Blick auf diesen Spruch habe bleiben lassen.

Das beliebteste Thema weltlicher Verse an den Bauernhäusern gilt dem Protest gegen unbefugte Kritik des Hausbaues.

Was stehet ihr für diesem Haus
Und laßt die bösen Mäuler aus?
Ich hab' gebaut, wie mir's gefällt,
Mich hat's gekost mein gut Stück Geld.«

Oder:

»Wer da bauet an Markt und Straßen
Muß Neider und Narren reden lassen.«

Feiner und eleganter findet man denselben Gedanken an städtischen Rococohäusern ausgesprochen in der Inschrift: » Plures judices quam artifices.« Sehr häufig ist er aber auch zu einem allgemeinen Sittenspruch erweitert, der das stolze Selbstgefühl des Bauherrn und seine Gleichgültigkeit gegen fremdes Urtheil überhaupt ausspricht. Hierher gehört der schöne plattdeutsche Hausspruch:

Wat frag ick na de Lü!
Gott helpet mi!«

Als Seitenstück dazu mag folgender oberdeutscher Spruch dienen, den ich im Elsaß an einer einsamen Mühle fand, in knorrigen, wie mit dem Dreschflegel geschriebenen Lapidarversen:

»Thu Recht! steh fest! kehr dich nicht dran,
Wenn dich auch tadelt manch ein Mann:
Der muß noch kommen auf die Welt,
Der thut was jedem Narr'n gefällt.«

In manchen Gegenden dehnt sich diese Spruchpoesie auch auf die Nebengebäude des Hauses aus, namentlich sind mitunter die Gemeindebackhäuser ganz bedeckt von Versen voll derben Humors. Eine einfach schöne Inschrift für Scheunen und Wirtschaftsgebäude ist die mittelalterliche: »Gott versieh die Deinen,« welche sich an den Ruinen des Klosters Otterberg in der Pfalz findet.

Am reichsten und mannichfaltigsten ist der Schatz dieser Hausepigramme noch da, wo auch die Wohnstube an passender Stelle mit Inschriften geschmückt ist. Als Probe dieser meist erbaulichen oder humoristischen Poesie der Familienhalle, möge hier ein Vers stehen, der über dem ungeheuern altväterischen Ofen einer Bauernstube im Illerthal angebracht ist:

»Wenn Haß und Neid
Brenneten wie ein Feuer,
Dann wär das Holz in dieser Zeit
Nicht gar so tbeuer.«

An alten großen Standuhren in unsern Bauernstuben kann man das tiefsinnige Wort lesen:

»So geht die Zeit
Zur Ewigkeit.«

Es sind aber die meisten dieser Hausverse ein wirkliches Gemeingut des Volkes, denn sie finden sich in mancherlei Varianten oft in den entlegensten Gegenden wieder. So kann man z. B. jenen Vers aus dem Illerthale auch in der Pfalz über Hausthüren lesen, wo er sich wohl auf das theuere Bauholz beziehen soll und dann noch zu der Würde einer Hausthüren-Inschrift erhoben wird durch den moralischen Zusatz:

Ob's aber auch gibt der Neider gar viel,
So geschieht doch Alles wie Gott will.«

Sind nun solche Sprüche nicht ein köstliches Ornament des deutschen Hauses, auch des städtischen, dem sie früher nicht fremd waren? Wer aber hat den Muth, einen schönen Vers und ein schönes Bild wieder über seine Hausthüre setzen zu lassen?

*

Wenn uns Nordamerika in socialer Beziehung das Bild des Hauses gibt, wie es nicht seyn soll, dann trifft dies auch in architektonischer zu. Nicht bloß das »ganze Haus« trägt hier das Gepräge des Wechselnden, Flüchtigen, sondern auch die Wohnung. Man baut die Häuser fabrikmäßig und bewohnt sie meist nur auf kurze Dauer. Ein Haus, welches fünfzehn bis zwanzig Jahre gestanden, ist dort ein altes Haus und reif zum Abbruch. Man macht wohl auch transportable gußeiserne Häuser. Nur in einer Zeit, wo das Haus ein rein symmetrischer Kasten geworden ist und alle individuelle Gestaltung verloren hat, kann man auf die Idee kommen, Häuser aus Eisen fabrikmäßig zu gießen. Unsere eisernen Industriepaläste, bei welchen dieses Verfahren zum höchsten technischen Kunststück ausgebildet ist, erscheinen dem entsprechend als das Äußerste, was in schablonenmäßig symmetrischem Bau geleistet werden kann. Die organische Freiheit der architektonischen Formen ist hier so weit ertödtet, daß der ganze Bau eigentlich nur aus der vieltausendmaligen Wiederholung eines einzigen Pfeilers, eines Sprenggitters, eines Stabes etc. besteht, welche nach dem einmal gefertigten Metall fabricirt und dann in todter Gleichförmigkeit bis ins Unendliche zusammengefügt werden können. Wir sind hiermit auf der äußersten Spitze des Gegensatzes zur mittelalterlichen Architektur angekommen. Jeder Säulenknauf, jeder Pfeiler, jeder Fensterbogen war dort selbständig, individuell, persönlich ornamentirt. Nur in der Gesammtanlage saß die Symmetrie, daneben ging dann die Durchbildung des Einzelnen überall ihren eigenen, freien Weg. Welch ungeheurer Sprung von diesem architektonischen Detail, bei welchem kein Blatt, kein Schnörkel wie der andere gewunden ist, und die persönliche Menschenhand, ähnlich wie die schaffende Natur selber, zwar das Ganze nach gleichem Plan und Gesetz, aber im Einzelnen doch kein Stück wie das andere bildet und niemals sich selbst wiederholt – und der modernen Eisenarchitektur, die über die einmal gegebene Form weniger magerer Glieder und Ornamentstücke in tausendmaliger Wiederholung das Ganze mechanisch abgießt! Greller ist die schroffe principielle Scheidung zweier einander so nahe liegender in vielen Stücken auch noch so innig verbundener Epochen nirgends ausgesprochen.

Von dem für den socialen Conservatismus so wichtigen Einleben langer Generationen der Familien in dieselben festgegründeten Räume kann bei dem wandelbaren nordamerikanischen Hause gar nicht die Rede seyn. Die meisten Familien wohnen dort ohnedies zur Miethe und sind alljährlich auf der Wanderschaft nach einer neuen Wohnung. Darum beschränkt man auch den Hausrath auf das Nothdürftigste. Selbst bei wohlhabenden Familien übersteigt dessen Werth oft nicht die Summe von etwa 250 Dollars. Dies ist doch die Armseligkeit im Schooße des Reichthums. Je wandelbarer Haus und Hausgeräth, desto wandelbarer ist natürlich auch die Sitte des Hauses.

Als äußerster Gegensatz alter deutscher Sitte gegen neue amerikanische erscheint hier das Herkommen in einigen unserer ehemaligen Reichsstädte, wo nicht nur glänzend ausgestattete Prunkzimmer im Patricierhause zur Schau eingerichtet sind, deren reiches Mobiliar fast niemals benutzt wird, sondern auch eigene Staatsküchen, sogenannte » Putzküchen« d. h. Küchen, in denen man niemals kocht, sondern die, mit einer Überfülle des besten, blankesten Kochgeschirres ausgestattet, gleichfalls nur zur Augenweide und Zierde des Hauses dienen.

Nicht einmal die Zimmerwände sind in Neuyork durchgängig niet- und nagelfest. Man ist dort auf die charakteristische Erfindung gekommen, die Zwischenwände verschiebbar zu machen, so daß man eine Reihe von kleineren Zimmern beliebig in größere verwandeln kann. Und zwar treten sich die verschiedenen in einem Hause wohnenden Familien solche erweiterte Räume gegenseitig für bestimmte Gesellschaftstage ab! Man hat also sogar aus den Zimmern ein Stück Meubel gemacht und leiht seine Zimmer aus!

Von Hausfluren, Vorhallen und andern dergleichen »unnützen« Räumen ist in dem großstädtischen nordamerikanischen Hause natürlich äußerst wenig zu sehen. Auch die besten architektonischen Motive für einen traulichen Hof fallen von selbst weg, da man äußerst selten Nebengebäude an diesen Häusern anbringt. Wie beim Mobiliar, so vermeidet man auch bei der Zimmerverzierung alle auf das »ganze Haus« berechnete Bequemlichkeiten. Nur der Einzelne hat sein egoistisches Behagen. Daher speist die Familie im Kellerraum (zu deutsch »Souterrain«), und das Gesinde schläft in der Küche.

Ganz ähnliche schauerliche Einrichtungen brechen sich mehr und mehr in den deutschen großen Städten Bahn. Auch in Wien schlagen bereits die Mägde am Abend ihr Bett in der Küche auf, um es am Morgen wieder abzuräumen! Die modernen himmelhohen Häuserkasernen gerade in den reichsten, gewerbfleißigsten Straßen unserer Großstädte, in Straßen, welche in der knickerigen Auftheilung der inneren Räume und Winkel nur in den Ghettos und Judengassen des Mittelalters ihres Gleichen finden, zeigen an, daß auch das Haus der Gier des Gelderwerbs geopfert ist. So mußten naturgemäß unsere commerciellen Straßen auch architektonisch zu Judengassen werden.

Viele rühmen es als ein glänzendes Zeichen großstädtischen Lebens, daß man in solchen Häuserkasernen jahrelang wohnen möge, ohne die Mitinsassen auch nur dem Namen nach zu kennen, und daß eine ganze Familie aussterben könne, ohne daß es die Hälfte der übrigen Hausgenossen nur merke. Es ist dieses Zeichen aber fürwahr ein sehr trauriges.

In Bremen, wo noch so Manches von der alten hanseatischen Gediegenheit übrig geblieben ist, herrscht heute noch, mehr als in einer anderen größeren deutschen Stadt, das Verhältniß, daß der wohlhabendere Mann allein in seinem Hause wohnt. Miethsleute bloß um des Geldes willen ins Haus zu nehmen, galt dem vornehmeren deutschen Bürger in den Reichsstädten früher als etwas Unfeines. Es liegt dieser Auffassung ein Stolz zu Grunde, den ich nicht verdammen möchte, weil er zusammenhängt mit der Idee, daß das väterliche Haus das ausschließliche Heiligthum der Familie seyn und bleiben solle. Der stolze englische Spruch: » My house is my castle« wird geradezu lächerlich, wenn man dabei an eine Miethwohnung denkt. So ist es ein Segen unsers Dorflebens, daß auf dem Lande je nur eine Familie ein Haus bewohnt. Zahlreiche Miethsleute im Dorfe sind der sichere Beweis, daß es kein ächtes Bauerndorf mehr ist. Das uralte deutsche Sachsenhaus hat darum, so groß es auch seyn mag, immer nur ein Erdgeschoß, und der ächte niedersächsische Marschbauer soll sich mitunter fürchten, in den Städten eine Treppe hinaufzusteigen. In der That, dem geheimen Grauen, welches ihn beim Anblick der aufgethürmten Stockwerke beschleicht, läßt sich eine tiefe Begründung und Deutung geben.

Es besteht für das Wohnhaus ein natürliches Normalmaß. Wird dasselbe bedeutend überschritten, oder ist man bedeutend unter demselben zurückgeblieben, so ist allemal ein bedenklicher socialer Zustand angedeutet.

Im einen Falle erhalten wir die Wohnkaserne, ein Produkt der Uebercivilisation, im andern die Hütte, das Haus der Uncivilisation.

Es muß aber dieses Normalmaß nach zwei Richtungen bestimmt werden. Einmal für die Größe des Hauses an sich und dann für die Verhältnisse seiner einzelnen Theile zu einander.

Für die Größe des Hauses läßt sich in der von der Natur ja hinreichend begrenzten Ausdehnung der Familie der Maßstab finden. Aus einer Familie können bei Lebzeiten der Stammeltern wohl drei bis vier vollzählige Familien werden. Eine größere Vervielfältigung gehört zu den seltenen Ausnahmen. Hiermit ist auch ein natürliches Maß für die größte Ausdehnung des Hauses gegeben. Ein Haus, in welchem mehr als vier vollständige Familien wohnen, ist schon monströs und wird zur Kaserne.

Nun braucht aber eine arme Familie viel weniger Raum als eine reiche, schon weil die Diener, Gehülfen ec., die Mitglieder des »ganzen Hauses,« mit dem aufsteigenden Stand und Vermögen zahlreicher werden. Es ist also in jenem Normalmaße selber schon ein genügender Spielraum gegeben: das Haus wächst naturgemäß mit der socialen Bedeutung der Insassen, ohne daß es ins Endlose und Ungeheuerliche wachsen könnte. Ein reicher Mann kann noch ein ächtes Wohnhaus von einer Größe bauen, in welcher ein für arme Familien berechnetes Haus bereits eine Kaserne würde, und der fürstliche Palast tritt naturgemäß weit über die Normalverhältnisse der bürgerlichen Häuser hinaus.

Ein ähnliches Maß läßt sich für die Verhältnisse der einzelnen Theile des Hauses finden. Ich deutete oben bereits auf jene modernen Kunstwohnhäuser, die sich schon dadurch vorweg als künstliche und gemachte ausweisen, daß ihre gesammte architektonische Gliederung zu groß gegriffen ist.

Die mittlere Mannesgröße gibt hier ein festes und zugleich dehnsames Normalmaß. Denn was ist natürlicher, als daß der Mensch selber die Maßeinheit seines Hauses sey?

Ein Wohnhaus, dessen Fenster in ihrer Höhe eine mittlere Mannesgröße bedeutend überragen, sieht unwahr aus, denn es gibt das Bild, als müsse es von Riesen bewohnt werden. Aus einem Hause dagegen, dessen Fensterhöhe nicht einmal die halbe Manneshöhe erreicht, lugt eine beschränkte Existenz, wo nicht gar Elend und Verkümmerung.

Ein Wohnzimmer wird nicht über dritthalb Mannesgrößen hoch seyn dürfen, wenn es nicht den Eindruck eines unwohnlichen Saales machen soll.

Ueber diese natürlichen Maße gehen die mittelaltrigen Wohnhäuser fast niemals hinaus, häufiger bleiben sie, dem das Enge und Individuelle bis zum Aeußersten anstrebenden Geiste der Zeit gemäß, hinter denselben zurück. Auch zwang der karge Raum, welcher in den festungsmäßig abgeschlossenen Städten dem einzelnen Hause vergönnt war, nicht selten zu engen und winkeligen Bauten, die ich gewiß nicht als Muster empfehle. Anders schon ist es in der Renaissance- und Rococozeit. So unglücklich diese Periode für das künstlerische Element in der Architektur ist, so musterhaft ist sie in vielen Stücken für das praktische beim bürgerlichen Wohnhaus. In den inneren und äußeren Verhältnissen desselben wird fast durchweg das natürliche Maß eingehalten. Denn der Gedanke des socialen Hauses und der Familie war damals noch weit lebendiger als späterhin. Unsere traulichsten Zimmer, Erker, Höfe, Hausgärtchen ec. stammen aus dem Jahrhundert vor dem dreißigjährigen Kriege. Man baute das Haus eben damals noch von innen heraus, während jetzt unsere weit kunstreicheren, gelehrteren und geschmackvolleren Architekten in übermäßigen Proportionen experimentiren, weil sie über dem Streben nach großartigen Formen vergessen, daß doch immer der Mensch das Maß seines Hauses bleibt und daß sie nicht für den Riesen Goliath, sondern für fünf bis sechs Fuß hohe Menschen Häuser bauen sollen. Ein ander Ding ist es bei öffentlichen Gebäuden, die nicht für die Familie bestimmt sind, sondern für die Gemeinde, das Volk, den Fürsten mit seinem ganzen Hofstaat u.s.w. Hier ist es naturgemäß, daß man entsprechend über die Maße des Hauses hinausgehe, und der Baumeister wird hier nur um so charakteristischer in großartigen Massen und Maßen gestalten können, wenn er beim bürgerlichen Hause sich auf die kleineren natürlichen Verhältnisse beschränkt.

Es wäre eine der schönsten Aufgaben der neuerdings erstandenen »gemeinnützigen Baugesellschaften« durch ihre Musterbauten für die kleinen Leute dahin zu wirken, daß die Familie wieder als das natürliche Maß des Hauses betrachtet werde. Es mögen diese Gesellschaften beherzigen, daß es im Geiste ihrer Mission als einer socialen liegt, nicht Wohnungskasernen hinzustellen, und seyen dieselben noch so trefflich eingerichtet, sondern wirkliche Familienhäuser, kleine Häuser, die von innen heraus gebaut sind.

Das Familienhaus und die ächte Sitte des Hauses bedingen sich gegenseitig. Das Extrem der Wohnungskaserne ist das große Gasthaus; dort hört die Familie ganz auf und nur noch das egoistische Individuum sitzt in allen Winkeln. Die Baugesellschaften würden häufig Fluch auf sich laden statt des Segens, wollten sie Wohnungskasernen, Hôtels für Arbeiter bauen, statt der Familienhäuser. Sie dürften sich nicht verwundern, wenn die Arbeit durch die architektonische Wohnungskaserne allmählig auch in der socialen Kaserne des Socialismus heimisch würden; denn der arme Mann verträgt das massenhafte Zusammenwohnen noch weit weniger als der Reiche. Scharf gegenüber der Wohnungskaserne steht die Hütte des bäuerlichen Proletariers. Sie zeigt an, daß das »ganze Haus« noch eine ungegliederte Masse ist. Darum aber trifft diese armselige Hütte, wo Hausflur, Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Stall in einem Raum beschlossen sind, doch wieder mit dem glänzenden Hôtel zusammen: beide verneinen die gegliederte Familie. Nur daß die Bauernhütte eine Zukunft hat, das Hôtel keine.

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