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Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Familie - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDie Familie
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1861
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
projectid1c482f46
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Viertes Kapitel.

Zur Nutzanwendung.

»Je länger Junggesell, je tiefer in der Höll',« – sagt das Volk. Wenn es aber schon nicht gut ist, daß der Mann allein sey, dann taugt das noch viel weniger für die Frau. Erst in der Familie finden wir den ganzen Menschen. Damit ist beileibe nicht gesagt, daß jeder sich verheirathen solle; aber einer Familie angehören, in einem Hause, zum mindesten in einer familienartigen Genossenschaft leben, sollte ein Jeder.

Es gehört zu den höchsten und schwierigsten politischen Aufgaben der Gegenwart, diesen Zustand, von dem wir sehr weit entfernt sind, möglichst wieder herzustellen.

Wenn mich der praktische Staatsmann fragte, was denn alle die in den vorhergehenden Kapiteln angestellten Untersuchungen über den Gegensatz und die Entwickelung männlicher und weiblicher Natur zum Aufbau einer »deutschen Social-Politik« nützen sollen? dann würde ich ihm erwidern: Sie sollen vor allen Dingen zu der Erkenntniß führen, daß wir in unserer Gesetzgebung und Verwaltung noch kaum einen Anfang gemacht haben, auf diesen Urgegensatz alles menschlichen Lebens und seine ungeheuern Folgen Rücksicht zu nehmen. Wie wollen wir da von einem organischen Staatswesen reden? Nur wer die Ursachen und Folgen der verschiedenen Abstufungen des Geschlechtsgegensatzes erfaßt hat, wird die politische Bedeutung der Familie ermessen.

Schon hier wird der Staatsmann eingestehen müssen, daß in allen deutschen und europäischen Staaten noch wenig oder nichts geschieht, um die Stellung von Mann und Weib in ihrem fortlaufenden Entwicklungsproceß statistisch zu erforschen und den Männern der Gesetzgebung und Verwaltung als ein hochwichtiges Material geordnet vorzulegen.

Unsere Zahlenstatistiker rechnen pflichtlich aus, wie viele Männer und Frauen, wie viele Familien im Lande leben, wie viele Durchschnittsköpfe die Familie zählt, wie viele Ehen alljährlich geschlossen werden, wie viele vereinzelte Existenzen neben den Familien hergehen, wie viele Familien in einem Hause wohnen, und wie die Menschen fruchtbar sind und sich mehren. Das ist eine recht nützliche Wissenschaft; aber soll dies unser ganzes statistisches Wissen von den Geschlechtern und der Familie bleiben? Dem Staatsmann soll ja doch nicht bloß ein Blick in das Kirchenbuch, es soll ihm auch ein Blick in's Haus eröffnet werden. Er soll auch wissen, wie das Verhältniß von Mann und Weib sich stellt in den verschiedenen Volksschichten, wie es sich entwickelt, stehen bleibt, zurück geht. Hat denn die Familie des Kleinbauern, wo Mann und Weib noch in gleicher Bildung gefesselt sind und hinter demselben Pfluge gehen, den gleichen politischen Sinn, wie die höhere bürgerliche Familie mit ihren voll und übervoll entfalteten Geschlechtsgegensätzen? Sollen beide in der Gesetzgebung über Einen Kamm geschoren werden? Die Erkenntnis; von diesen Dingen, nicht bloß in allgemeinen Umrissen, wie ich sie hier gezeichnet, sondern die genaue statistische Erkenntniß, die eindringt in das Detail nach den einzelnen Provinzen, Städten, Dörfern, eine Statistik, die das fortlaufende Werden der Gestalten dieser Zustände aufzeichnet und vergleichend zusammenstellt, ist mindestens ebenso wichtig für die Staatsverwaltung als die Zahlenstatistik der Bevölkerung. Es handelt sich hier nicht um zufällige Aperçus, nicht um persönliche Ansichten und Erörterungen, sondern um ein Erkennen und Festhalten ganz bestimmter Thatsachen, die sich in der Sitte und Lebenspraxis des Volkes fest und klar aussprechen.

Gar häufig findet man aber, daß selbst Localbeamte, die doch nur an und mit dem Volk fortwährend ihre Amtsthätigkeit zu üben haben, von den socialen und Familienzuständen ihres Bezirks wenig oder nichts wissen. Es haben mir bei meinen Entdeckungsfahrten in's Innere von Deutschland Beamte mitunter ganz naiv dieses Geständniß selber abgelegt, ohne etwas Arges dabei zu ahnen. Sie leben unter dem Volk und sehen und hören täglich, was es treibt; weil sie aber weder die Bedeutung der täglich wahrgenommenen Einzelzüge seines Lebens ahnen, noch dieselben durch Vergleichung mit den Zuständen anderer Landstriche in ihrer Eigenthümlichkeit zu erfassen wissen, so vegetiren sie eben so bewußtlos in diesem Volksleben fort, wie der ächteste Bauersmann. Forscht man bei solchen Leuten etwa auch nur, wie der gemeine Mann ihres Bezirkes seinen Tisch bestellt, so ist die regelmäßige Antwort, dast das Volk hier dasselbe esse, was man wohl auch anderwärts essen werde. Höchstens hört man, daß die Kost »gut« oder »schlecht« sey. Nun muß der Wißbegierige an ein förmliches, wohlberechnetes Inquiriren gehen, und von dem Frühstücke bis zum Abendbrod, von der täglichen Kost bis zu allen festlichen Speisen im Jahreskalender durchkatechisiren, und so wird er zuletzt ganze Seiten von Notizen über eigenthümliche Verhältnisse aufzeichnen können, wo man ihm anfangs gar nichts besonderes zu sagen wußte. Der Beamte hatte also wohl die Kenntniß von diesen einfachsten Thatsachen des Volkslebens, aber er wußte nicht, daß darin etwas Unterscheidendes lieget er hatte kein Bewuhßtseyn seiner Kenntniß – d. h. eben kein »Wissen,« obgleich er alles »wußte« und schließlich auch mittheilte. Wenn aber nun ein solcher Beamter sich nicht einmal der unterscheidenden Küche seines Bezirkes bewußt geworden ist, wie viel weniger wird er die so viel subtileren, aber auch so viel gewichtigeren, Unterschiede im Wesen und Leben der Familie erfaßt haben?

Kein wissenschaftliches Material über die Stellung von Mann und Weib ist in wahrhaft ungemessener Fülle aufgehäuft. In der Rechtsgeschichte und im Privatrecht wurde wohl kaum ein Kapitel gründlicher und vielseitiger durchgearbeitet als jenes, welches von den besonderen Rechtsverhältnissen des Mannes und Weibes handelt. Die allgemeine Culturgeschichte strotzt von Aufzeichnungen über Frauensitte und Frauenbildung. Die vergleichenden ethnographischen Studien über die Beziehungen der beiden Geschlechter bei den verschiedenen Völkern sind vollends bereits so sehr Gemeingut der Bildung geworden, daß es schwer ist, hier noch wichtige Thatsachen zusammenzustellen ohne trivial zu werden. Aber für die Ausnutzung aller dieser Weisheit zur Erkenntniß des socialen und politischen Geistes im Volk und vollends zu einer der Staatsverwaltung zu gut kommenden Erforschung des Lebens der Geschlechter und der Familien in einem Lande ist überall noch gar wenig geschehen.

Ich will nur auf eine einzige – freilich die gewichtigste – Thatsache in der Stellung von Mann und Weib hinweisen, um deren unabsehbare politische Consequenzen anzudeuten, die keineswegs bereits ihre ganze Berücksichtigung im Staate gefunden haben.

Als Resultat unserer Betrachtung erschien uns nämlich die Geltung der Frauen im öffentlichen Leben als eine bloß indirekte, in der Familie vermittelte. Wir wollen einmal diese Thatsache nach ihrer ganzen Ausdehnung und ihrem praktischen Werth zergliedern.

Alle Nationen, selbst die rohesten, haben wenigstens eine Ahnung davon, daß die häusliche Tugend zugleich die öffentliche Tugend des Weibes sey. Geschlechtliche Unsittlichkeit entwürdigt darum das Weib noch unendlich tiefer als den Mann; sie ist Hochverrath an der Familie. Folgerecht bestrafen selbst Nomaden und Wilde den Ehebruch der Frau schärfer als den vom Manne verübten; er ist eines der wenigen Staatsverbrechen, welche die Frau begehen kann. Selbst in unsern modernen Ehescheidungsgesetzen klingt diese Anschauung noch mitunter durch. Die alten Skandinavier gestatteten dem Manne Kebsweiber zu halten: die Frau aber verpflichteten sie bei Todesstrafe zur unverbrüchlichen ausschließlichen Treue gegen ihren Eheherrn.

Wir sind jetzt hoffentlich auf dem Punkte der Gesittung angelangt, wo derartige Unterscheidungen vom Gesetzgeber nicht mehr gemacht werden dürfen. Dagegen besteht eine andere Thatsache, die ans dem gleichen Urgrund quillt. Die Frauen sind gegenwärtig im Allngemeinen ohne Zweifel sittlicher als die Männer. Sie haben den Libertinismus des achtzehnten Jahrhunderts weit gründlicher überwunden. Die meisten Männer schämen sich jetzt wohl, öffentlich solcher Unsittlichkeiten geziehen zu werden, mit denen ein galanter Herr vor hundert Jahren noch laut prahlte; die meisten Frauen sind dagegen wieder zu dem sittlichen Instinkt zurückgekehrt, sich solcher Unsittlichkeiten überhaupt, auch bloß vor sich selber, zu schämen. Das hat ihr ganz der Familie hingegebenes Leben gewirkt. Im Hause haben sie einen naiven religiösen Glauben, eine naive Sittlichkeit wiedergewonnen, daß wir Männer sie hier auf Umwegen erst noch einholen müssen. Positiv ist hiermit also dasselbe bewiesen, was durch jene schärfere Bestrafung des Ehebruchs der Frau negativ bewiesen war.

Die Wahrheit, daß die Frauen durch das Haus besser sind wie wir, aber auch durch das Haus in ihrer Wirksamkeit beschränkt, hat das germanische Alterthum schon so tief erfaßt in der Anschauung, nach welcher ihm die Frauen vorzugsweise religiös geweiht erscheinen, vorahnend, Wunder wirkend mit göttlichen Zauberkräften, während den Frauen selbst der ältesten deutschen Götter- und Heldensage kaum irgend eine männliche Heldenarbeit zugetheilt wird. Eine so reine und tiefsinnige Erfassung des Weibes finden wir wohl in der Urzeit keines andern Volkes wieder.

Die Orientalin geht verschleiert außerhalb des Hauses: sie existirt überhaupt nur im Hause. Ihre freie Persönlichkeit geht unter in der Familie; ihr Haus ist nicht ihre Burg, sondern ihr Kerker. Das ist das Uebermaß der Bindung weiblicher Wirksamkeit an das Haus, wie uns überhaupt der Orient die erdrückende, alles persönliche Leben tödtende Uebermacht der Familie zeigt.

In Rom, dem Rechtsstaate, kümmert sich die Regierung nicht um das Leben in der Familie. Die Frau lebt im Hause; die Kindererziehung gehört dem Innern des Hauses an. Aber der Mann, als die einzige politische Person, ist zugleich der politische Despot des Hauses. Der Staat erdrückt das persönliche Leben der Familie: er erkennt nicht an, daß das Walten der Frau im Hause zugleich ein politisches, ein öffentliches Wirken ist.

Und die römischen Frauen haben sich furchtbar dafür gerächt; denn durch sie ist die alte einfache römische Familiensitte und, in nothwendiger Folge, auch die öffentliche Sitte zerstört worden. Weit flotter noch wie unsere modernen emancipirten Damen haben die Römerinnen einen Aufstand gemacht und Sturmpetitionen überreicht, um die Zurücknahme des den Luxus beschränkenden Oppischen Gesetzes zu erzwingen. Mit der von den Frauen eingeleiteten Ueppigkeit im Hause war die Verderbniß des alten Römerthums angebahnt, und als der stolze römische Staat in Trümmer stürzte, ist es mit zur tragischen Sühne dafür gewesen, daß er die politische Macht des Hauses und die politische Wirksamkeit der Frauen im Hause nicht erkannt hatte.

Hier ist der Punkt, wo man in Wahrheit von einer gebotenen Emancipation unserer Frauen reden kann: Die Familie muß politisch emancipirt werden, dann sind die Frauen emancipirt.

Das Weib wirkt in der Familie, für die Familie; es bringt ihr sein Bestes ganz zum Opfer dar; es erzieht die Kinder, es lebt das Leben des Mannes mit; die Gütergemeinschaft der Ehe erstreckt sich auch auf die geistigen Besitzthümer, aber vor der Welt kommen die eigensten Gedanken, die eigensten sittlichen Thaten des Weibes meist nur dem Manne zu gut; auf seinen Namen häufen sich die Ehren, während man gar bald der Gattin vergißt, die ihm diese Ehren hat mitgewinnen helfen. Nun kann aber doch wahrlich die Frau fordern, nicht daß der Staat ihre Person theilnehmen lasse an dem öffentlichen Leben, wohl aber, daß er die große politische Macht der Familie, in weit höherem Maße als gegenwärtig, berücksichtige bei der Volksvertretung wie in der Staatsverwaltung. Wird man der Familie gerecht, dann wird man den Frauen gerecht, denn der Herd des Hauses ist ja der Altar, darauf sie ihr verschwiegenes und doch so entscheidendes Wirken für Gesellschaft und Staat niedergelegt haben.

Wir leben in einer Zeit, die gezwungen ist, mit neuen Wahlgesetzen, mit neuen Systemen der Volksvertretung Versuche anzustellen. Denn die alten Formen fallen hier auseinander. Ueber die beste neue Art der Volksvertretung aber gibt es schier so viele Meinungen als Köpfe darüber urtheilen. Jeder hat seinen besondern Eintheilungsgrund, nach welchem er das Volk neu gegliedert haben will, Jeder seine apparte neue Art von Kammern und Landtagen. Man wird also in deutschen Landen so lange nach verschiedenen Richtungen experimentiren, bis sich der Kern einer allgemeinen Ueberzeugung über das Beste in allen den Versuchen gefestet hat, und dann gewinnt wieder ein bestimmtes neues Princip der Volksvertretung auf ein Menschenalter Bestand und Alleinherrschaft.

Da wir uns also eben in dieser Uebergangszeit befinden, wo Jeglicher Vorschläge zu einer neuen Zusammensetzung der Volksvertretung zu Markte trägt, so erlaube auch ich mir im Interesse der wahren Emancipation der Frauen folgenden Vorschlag.

Bei den Wahllisten soll nicht bloß auf Stand, Vermögen, Beruf etc der Wahlmänner und Wahlcandidaten gesehen werden, sondern ihre Eigenschaft als Familienväter oder Junggesellen soll eben so sehr mitentscheiden über Wahlrecht und Wählbarkeit. Nur ein Familienvater oder Wittwer kann Wahlmann seyn: gewählt werden kann auch ein Junggesell; allein die Junggesellen müßten doch auch nur in geringerer Zahl gewählt werden dürfen, etwa so, daß in der Kammer höchstens auf zwei Familienväter ein Junggesell käme. Dünkt das den Hagestolzen zu hart, dann geben wir ihnen allenfalls zu, daß auch bei den Wählern auf je zwei Familienväter ein Junggesell mitwählen darf. Damit haben wir wenigstens unser Princip noch vollständig gerettet.

Diese Verkürzung der Junggesellen bei der Volksvertretung geschieht nicht etwa auf Grund des Spruches: »Je länger Junggesell, je tiefer in der Höll',« sondern aus folgenden beweglichen Gründen der socialen Politik.

Streng genommen sollte eigentlich nur der Familienvater (Ehemann oder Wittwer) als Vertreter des Volkes gewählt werden können, denn er allein ist der natürliche Repräsentant der großen öffentlichen Macht der Familie, die außerdem gar nicht vertreten und berücksichtigt ist. Nicht die Einzelperson, sondern die Familie ist die nächste Voraussetzung der Stände, der Gesellschaft, überhaupt der Volkspersönlichkeit. »In den Familien schaut,« nach dem oben citirten Worte J.J. Wagners, »das Volk sich selbst an.« Wenn das Volk sich selbst erschaut und erkennt in seinen Familien, dann wird es seine Persönlichkeit auch am reinsten im Kleinen wiedergespiegelt, d.h. vertreten wissen in einer mit Berücksichtigung der Familie gestalteten Volksvertretung. Der Mann ist nicht nur der rechtliche Vormund des Hauses: alle Bildungs- und Gesittungsarbeit des Hauses wird durch ihn erst den weiteren Kreisen, der Öffentlichkeit vermittelt. Wo die Ehe eine wahre, eine geistig ebenbürtige und sittlich vollgültige ist, da weben stets zwei Personen in den vornehmsten Gedanken und Gesinnungen des Mannes – er selbst und seine Frau. In diesem hohen und reinen Sinn werden auch alle ächten Ehefrauen mitvertreten seyn im Parlament, wenn der Ehemann darin sitzt. Allein nicht bloß Mann und Frau, das »ganze Haus« wirkt, in seinen Gliedern gegenseitig sich bestimmend, zusammen als eine moralische Gesammtpersönlichkeit. In dem »ganzen Haus« ist auch gar mancher Junggesell, gar manche Jungfrau eingeschlossen, die als Verwandte oder Geschäftsgehülfen Unterkunft bei der Familie gefunden haben. Es gehört selbst das Gesinde dazu, worunter ich freilich nicht solche Knechte und Mägde verstehe, die auf jeden Georgi und Michaeli in einen andern Dienst laufen. Sie alle werden insbesondere mitvertreten seyn in dem Familienvater. Dabei mag man freilich auch ermessen, welches politische Gewicht in der Idee des Wiederaufbaues des »ganzen Hauses« liegt, wie ich dieses im zweiten Buche gezeichnet habe, halb als eine Ruine der Vergangenheit, halb als das Zauberschloß einer besseren Zukunft. Endlich gibt dann doch der Besitz einer Familie, wofern nur die Ehegesetze die rechten sind, in noch weit höherer Weise eine Gewähr für die bürgerliche Gediegenheit des Volksvertreters und für sein natürliches Interesse an der Erhaltung des Staates als der bloße Besitz von Grundeigenthum.

Dies ist also die einzige vernünftige politische Emancipation, welche die Frauen noch anzustreben haben: die durchgreifende Berücksichtigung der Familie im Staate. Die Emancipation der Frauen ist kurzweg zu verdeutschen in die »staatliche Anerkennung der Familie.«

Der Gedanke, daß nur als Familienglied auch der Mann im Staate erst vollständig »seinen Mann stelle,« schaut unstreitig auch aus dem seltsamen Antrag auf Einführung einer »Hagestolzensteuer« hervor, der vor einigen Jahren in mehreren deutschen Kammern eingebracht wurde. Dort haben die Antragsteller gewiß an den Spruch gedacht:'»Je länger Junggesell, je tiefer in der Höll'.« Es wäre aber doch sehr lustig, wenn man heutzutage, wo alles, was wir besitzen und thun, bereits besteuert ist, die Leute nun auch noch besteuern wollte für das, was sie nicht sind, nicht besitzen und nicht thun. Der Staat soll allerdings mit allen Mitteln dahin wirken, daß die furchtbare Zahl der von jedem Familienleben losgerissenen Einzelexistenzen, der Träger des proletarischen Geistes, verringert werde. Es ist aber ein großer Unterschied zwischen diesen vereinzelten Leuten und einem Hagestolz. Ein Hagestolz kann ebensogut in einer Familie leben und wirken wie eine alte Jungfer. Nur die Familie repräsentiren kann er nicht, das kann allein der Hausvater und Eheherr. Der Staat soll so wenig einen Prohibitivzoll auf die Ehelosigkeit als eine Prämie auf's Heirathen setzen. Nur die Ueberzahl familienloser, keinem Hause angehörender Sonderinteressen soll er beschränken. Das wird aber geschehen, wenn die Idee des »ganzen Hauses« wieder zu höheren Ehren, und die Macht der Familie zur vollen politischen Anerkennung kommt.

Selbst die freiesten Frauen, die in Gedanken für einen gleichen Beruf mit den Männern schwärmen, ahnen in der Regel den inneren Widerspruch, wenn es gilt, hier zur That zu schreiten. Zur Candidatur für die französische Nationalversammlung von 1848 wurde von Männern Frau Dudevant, George Sand, vorgeschlagen. Aber mit dem natürlichen Takt eines Weibes wies die berühmte Dichterin, die man doch wohl für sehr freigesinnt, für sehr fehdelustig gegen die überlieferten Sitten halten mußte, das unsinnige Ansinnen der Männer entrüstet zurück.

Dem natürlichen Taktgefühl, dem angebornen Conservatismus der Frauen muß man eben zu Hülfe kommen, indem man in der erhöhten Anerkennung der Familie zeigt, daß man den weiblichen Beruf im Hause versteht und politisch würdigt. Ignorirt aber der Staat die Familie, dann legt er selber ja den Frauen die Frage in den Mund, ob sie denn eine vollkommene Null im öffentlichen Leben für alle Ewigkeit seyn und bleiben sollen?

Wer dem Gedanken der in der Familie vermittelten politischen Stellung der Frauen weiter nachgeht, dem wird dadurch auch ein neues Licht aufgehen über die grenzenlose Halbheit in unsern bisherigen Zusammensetzungsarten der Volksvertretung.

Die Censustheorie z. B. wägt die Stimme des Einzelnen zur Volksvertretung nach der Summe des Beitrags, den derselbe durch seinen Besitz und Erwerb zum Nationalvermögen leistet. Da müßte aber doch wahrlich die Frau des armen Kleinbauern oder Handarbeiters, noch mehr die selbständige Taglöhnerin, die Künstlerin etc. ebensogut ein Stimmrecht haben wie der Mann. Beide treiben das gleiche Geschäft, erwerben, besitzen selbständig, stehen in der Bildung auf wesentlich gleicher Stufe. Warum läßt man solche Frauen nicht mitwählen zum Parlament? Auf die Frage muß die Censustheorie schlechterdings die Antwort schuldig bleiben. Nur aus Instinkt, der Überlieferung folgend, handelt man gescheidter als man in der That ist, und schließt die Frau ohne Grund von der Wahl aus. Denn wollte man zugestehen, daß die Frauen um deßwillen nicht mitwählen, weil die Volksvertretung ja nicht ein Abbild der Einzelnen in der Nation darbieten soll, sondern das verkleinerte Bild aller natürlichen Organismen der Volkspersönlichkeit, und folglich die Frauen ja schon vertreten seyen in dem Organismus der Familie – so würde damit die Censustheorie sich selber den Hals brechen, denn nur indem sie die politische Bedeutung dieser natürlichen Organismen leugnet, besteht sie.

Nur eine ständische Wahlform verträgt sich mit dem Erkennen und Anerkennen der Familie. Darum hat sich der einseitige moderne Constitutionalismus auch niemals sonderlich mit der Lehre von der Familie befaßt; man geht nicht ohne Noth auf's Glatteis, und aus der Idee der Familie wächst die Idee der natürlichen Stände auf.

Man rechnet z. B. aus, daß die ritterbürtigen großen Grundbesitzer einer Provinz etwa nur ein Zwanzigstel von sämmtlichem Grund und Boden ihres Landstriches inne haben und demgemäß besteuert sind, und folgert nun hieraus, daß es doch schreiendes Unrecht sey, solcher Zwanzigstels-Minderheit ein gleiches Gewicht im Landtag einzuräumen wie der neunzehnfach mehr steuernden Mehrheit der übrigen Grundbesitzer. Vom Standpunkt der reinen Censustheorie ist diese Folgerung ganz richtig. Ich frage dann nur immer wieder, woher man das Recht leitet, die selbständig erwerbenden Bäuerinnen und Taglöhnerinnen, noch mehr die sogar selbständig steuernden Putzmacherinnen, Lehrerinnen und Sängerinnen vom Wahlakt auszuschließen? Entweder stellt die Volksvertretung die gesammte Volkspersönlichkeit nach der Gliederung ihrer natürlichen Organismen dar – (und dies ist das einzige Mittel, die Proportionen des Urbildes auch auf das Abbild richtig zu übertragen) – oder sie ist bloß aus den erwerbenden und besitzenden Individuen gegriffen, wobei man davon absieht, das Volk als ein organisches Ganze, eine Persönlichkeit zu fassen. Im ersteren Falle gehört der Stand wie die Familie zu diesen natürlichen Organismen; und mit demselben Recht, womit man die Familie als solche vertreten seyn läßt in den Männern, laßt man die ritterlichen Gutsbesitzer gesondert wählen neben den Kleinbauern und wägt beide Gmppen als sociale Mächte im Ganzen, nicht aber zählt man die Köpfe ihrer Mitglieder im Einzelnen. Wer aber bloß die steuerzahlenden Individuen abschätzt und zählt, der hat gar kein Recht, die steuerzahlenden selbständigen Frauen zu übergehen. So wie er es aber damit rechtfertigt, daß er die Frauen als nur in der Familie zählend gelten läßt, wird er seinem eigenen Principe untreu und steht schon mit einem Fuß auf dem ketzerischen Boden der organischen Gliederung der Volkspersönlichkeit.

*

Die vereinzelten, familienlosen Frauen, namentlich der arbeitenden Klassen, werden in Zukunft den Staatsmännern noch manche schwere Stunde bereiten. Ihre Zahl droht sich in geometrischer Steigung zu vermehren, während die Zahl der in der Familie wirkenden Frauen nur in arithmetischer wächst.

Nicht von der zunehmenden Ehelosigkeit spreche ich, sondern von der wachsenden Familienlosigkeit. Was nützt aller Beweis, daß der Beruf des Weibes in der Familie gegeben sey, wenn Tausende von Frauen keine Familie mehr finden können, die sie aufnimmt? Die Familie schließt sich, namentlich im wohlhabenden Bürgerthum, immer enger ab; lieber miethet der moderne Hausvater drei wildfremde Mägde, als daß er ein einziges armes Bäschen in seine Familie aufnähme.

So sehen sich unzählige Frauen in einen Zustand versetzt, welcher vollkommen dem des socialen Proletariates entspricht. Sie sind beruflos, mittellos, familienlos. Das geht durch alle Stände.

Vom Stricken und Spinnen kann auch das genügsamste weibliche Wesen kaum mehr leben. Der Kreis der von Frauen selbständig betriebenen Geschäfte hat sich zwar nach andern Seiten bedeutend, ja übermäßig erweitert, aber dennoch ist er viel zu klein für die täglich wachsende Masse vereinzelter verdienstloser Frauen. Hier bildet sich eine Gruppe der stillen und verschämten Armuth, deren Elend auf ganz eigenthümlichen und neuen Voraussetzungen beruht. Der Jammer dieser weiblichen Proletarier wird nicht in der Presse zur Schau getragen, wie bei dem männlichen Arbeitervolk; sie machen auch keine Aufläufe und bauen keine Barrikaden. Sie verhungern und verkommen ganz in der Stille, und ihr Nothschrei stört nicht die behagliche Verdauung dinirender und soupirender Minister. Gott allein siehet ihr verschwiegenes Dulden. Auch daran möget ihr erkennen, wie die Entsagung die eigentliche Pfahl- und Herzwurzel ist von dem natürlichen Conservatismus des Weibes.

In der Verzweiflung haben sich viele vereinzelte Frauen allerlei neue Hantierungen vom Zaune gebrochen, die oft nur halb Gewerb, halb Bettelei sind. Soll man es nun gestatten, daß auf solche Existenz hin die Frau sich etwa mit einem ähnlich proletarischen Mann verheirathet? Geben zwei halbe Existenzen zusammen eine ganze? Ich glaube nicht. Ein familienhaftes Haus wenigstens werden sie gewiß nicht geben, und ein familienloses Haus ist schlimmer als gar keines.

Als in den dreißiger Jahren der vielbesprochene »Donner der Julikanonen« nur insofern an der Spree wiederhatte, daß die Berliner Schneidergesellen Krawall machten wegen der Schneidermamsellen, lachte man über diesen Contrast großer Ursachen und kleiner Wirkungen. Ich glaube aber, es steckt eine dräuendere revolutionäre Zukunft hinter dem Krieg der Schneidergesellen gegen die Schneidermamsellen als hinter der ganzen Julirevolution. Denn die Noth der Familienlosigkeit und der weiblichen Beruflosigkeit zeigt sich hier zusammengekoppelt mit der Angstfrage des Proletariats.

Die einfachen Hantierungen der Fabrikarbeiterinnen entsprechen noch allenfalls dem Begriff einer untergeordneten weiblichen Gewerbthätigteit. Sie sind bloß eine Arbeit, kein Beruf, sie erheischen kein meistermäßiges Erlernen und drängen das Weib nicht, gleich so mancher anderer Arbeit, aus den Schranken ihres Geschlechts. Sieht man aber die von der verdorbenen Luft, dem Staub und Maschinenöldunst der Fabriksäle gebleichten Gesichter dieser Arbeiterinnen, die gekrümmten Gestalten kaum entfalteter Jungfrauen, und erwägt dabei die sittlichen Folgen eines derartigen massenhaften Zusammenlebens vereinzelter Bursche und Mädchen, dann möchte man es wahrlich nicht auf sein Gewissen nehmen, die Fabriken als Zufluchtsstätten für beruflose Frauen besonders zu empfehlen.

Es haben ehrenwerthe Fabrikherrn wohl ein sittlich veredelndes Vereinswesen unter ihren Arbeitern begründet, welches den Männern ein Stück des Hauses ersetzen kann: die volle Familie niemals, den Frauen aber gar nicht. Was auf der einen Seite durch die Fabriken gewonnen wird, indem eine große Zahl von Frauen dort wenigstens Arbeit und Unterhalt finden, das kehrt sich andererseits wieder zum Schaden, denn hunderte von Frauen, die, wenn sie ihren Eigenwillen opfern wollten, ächt weiblich einer Familie dienen könnten, gehen, um frei und fessellos zu seyn, in die Fabrik. Dadurch wird aber der Geist der Familienlosigkeit selber wieder gehegt, der eben darin wurzelt, daß Jeglicher sein eigener Herr zu seyn begehrt, und nicht erkennt, daß es höher ist, seinen Eigenwillen vor der großen sittlichen Institution der Familie zu beugen. »Eines Andern Knecht soll Niemand seyn, der für sich selbst kann bleiben allein.« Der Vers ist nicht für Frauen gemacht. Er war der Wahlspruch des Paracelsus, und ein Mann wie Paracelsus durfte wohl ein so stolzes Wort im Munde führen. Heutzutage aber will es ihm jeder Esel nachsprechen, der doch nichts weniger als ein Paracelsus ist.

Es gibt viele familienlose Frauen, die, wie man sagt, »von ihrem Geld leben können.« Sie verkümmern aber auch als mit sich selbst zerfallene alte Jungfern. Sie stehen vereinsamt und ohne Beruf. Ich möchte sie dem aristokratischen Proletariat vergleichen. Ihr Geschlecht und ihre Stellung verbietet ihnen geschäftsmäßig zu arbeiten. Sie verzehren ihre Renten als unsers Herrgotts Tagediebe. Viele dieser Frauen üben Werke der Mildthätigkeit, um nur überhaupt etwas zu thun. Das ist gewiß ein heiliger Beruf für Frauenhand, und Gott wird ihnen vergelten. Aber ein voller, ganzer, das Weib erfüllender Beruf ist es doch noch nicht, und ich glaube, viele von diesen in wohlhäbiger Unabhängigkeit lebenden Frauen beneiden manchmal eine arme Dienstmagd, der es vergönnt war, unter Müh und Plage sich in eine Familie einzuleben, die Kinder aufziehen zu helfen und liebzugewinnen, als wären sie ihr eigen Fleisch und Blut, und mit ihrem harten Stück Brod unvermerkt auch den Frieden eines weiblichen Berufs im Hause zu finden. Es ist wohl das fürchterlichste Ding, beruflos, ziellos ein Pflanzendaseyn zu leben, und sey es auch ein üppiges, und es gehört die ganze natürliche Entsagungskraft, der Duldermuth einer Frau dazu, um bei einem solchen Daseyn nicht aus der Haut zu fahren.

Als man den Kreis der Familie auch in den Städten noch weiter zog und eine wenn auch entfernte Base nicht vereinsamen ließ, so lange noch ein Platz am Tische und eine Schlafstatte noch in den Dachkammern vorhanden war, da fanden solche arme Wesen nicht nur eine Häuslichkeit, sondern auch einen Beruf in der Familie, der sie nahe standen und als natürliche Hausgenossen einverleibt waren. Das ist anders geworden, wie ich im Kapitel vom »ganzen Hause« zeigen werde. Aber muß es anders geworden seyn?

Das Volk hält jede häßliche Frau vorweg für eine gute Haushälterin. In den gebildeteren Kreisen ist man jetzt versucht, jede häßliche Frau vorweg für eine Schriftstellerin oder für eine Gouvernante zu halten. Eine häßliche Frau ist in der Regel auch eine Verbissene, Verbitterte, Gekränkte. Und in der That ist die überwiegende Zahl der modernen Schriftstellerinnen lediglich durch Verbitterung über die Verschrobenheit ihrer Stellung in Familie und Gesellschaft, wozu sich noch der Fluch der raffinirten Ueberweiblichkeit gesellt haben mag, zur Schriftstellerei getrieben worden. Groll und Trotz gegen Gott und die Welt war oft genug die einzige Begeisterung, welche sie an's Werk trieb, und doch – wie gemäßigt haben die meisten geschrieben gegenüber unsern im Weltschmerz unter die Literaten gegangenen Männern! Der sociale Roman ist seit Johanna Schoppenhauers Tagen äußerst fleißig von Frauen angebaut worden. Damen aber, welche solche Romane schrieben, um der Gesellschaft Fehde anzukündigen, haben dies meist nur im Sinne eines veräußerlichten Aristokratismus gethan, Bettler sollen Fürstenbrüder werden, – aber die Verbrüderung muß jedenfalls im Salon und mit Anstand vor sich gehen.

Neben den Schriftstellerinnen stehen die Gouvernanten. Die Frau soll erziehen; das beste Theil unserer Erziehung haben wir Alle wohl von Frauen erhalten. Soll aber die Frau auch lehren und ein Gewerb aus dem Lehramt machen?

Sie soll lehren in der Familie. So wie sie öffentlich lehrt, treten dieselben Gefahren ein, wie bei der öffentlichen Kunstübung der Frauen, und wenn die Frauen massenhaft dem Lehramt zuströmen, wenn es sich gleichsam von selbst versteht daß jedes häßliche und nicht allzureiche Mädchen aus guter Familie Lehrerin wird, dann ist damit bereits ein krankhafter Zug in der ganzen Physiognomie des weiblichen Geschlechtes angezeigt.

Diese Gruppe vereinzelter Frauen ist um so gefährlicher, weil sie in der That einen ächt weiblichen Beruf üben, nur nicht in weiblicher Art; weil auch am Ende weniger die Erscheinung an sich als die Massenhaftigkeit ihres Auftretens den Staatsmann stutzig machen muß.

Auch hier tritt immer wieder die Frage, wie die Familie diese tausend durch den weiblichen Lehrberuf sich absondernden Elemente auf's Neue an sich ziehen könne, als die eigentliche Frage der »Nutzanwendung« für den Staatsmann in den Vordergrund.

Auf die verschobene Stellung der beiden Geschlechter zu einander übt das weibliche Erziehungswesen den entscheidendsten Einfluß. Ein Unterrichtsminister würde zwar gewiß darüber lachen, wenn man ihm sagte, daß das Studium des Gegensatzes von Mann und Weib speciell in sein Departement einschlage; es hat aber doch seine Richtigkeit. Zur gerechten oder verfälschten Herausbildung jenes Gegensatzes, in dem die Gesundheit und Dauerbarkeit der Familie beruht, wirkt die Erziehung auf's Entschiedenste mit.

Ich verwies oben bereits auf den Einfluß der Dorfschulen, wo Mädchen und Buben bis zur Confirmation auf denselben Schulbänken sitzen.

So treibt die Ueberweiblichkeit der feinen Welt in der Töchtererziehung dieser Kreise ihre erste tiefe Wurzel. Wo ein Mädchen schon mit dem ABC-Buch anf den Isolirschemel einer aparten weiblichen Bildung gestellt wird, da ist es kein Wunder, wenn die erwachsene Dame zuletzt vor lauter Weiblichkeit zu Grunde geht.

Die erste Erziehung gehört der Frau, aber – in der Familie. Vornehme Damen schicken ihre kleinen Mädchen, wenn diese kaum ordentlich laufen können, häufig bereits in eine weibliche Pension, nicht um sie besser erziehen zu lassen, sondern um sie los zu werden. In einem Lebensalter, wo das Kind noch rein in der Zucht des Hauses stehen sollte, wird hier bereits die künftige Dame in ihm vorgebildet. Gegenüber solchen Müttern erscheint mir der berühmte Strauchdieb Matthias Weber, weiland Zeit- und Ruhmesgenosse des Schinderhannes, immer als ein höchst respektables Gegenbild. Als Weber vor seiner Hinrichtung gebeichtet hatte, sagte er zu dem Beichtvater, nun habe er nur noch einen Herzenswunsch: nur eine kleine Weile möchte er frei seyn, um – noch einmal etwas recht Großes stehlen zu können! Als ihm der Beichtvater staunend diesen letzten Wunsch verwies, erwiderte der Räuber:

»Ja, das wollt' ich, ich würde das Geld nehmen und dafür mein armes Kind erziehen lassen. Es wird doch zu Grunde gehen!« Der Spitzbube hatte noch väterliches Gefühl; er hätte bei besseren Verhältnissen sein Kind gewiß nicht in ein Pensionat geschickt, um es los zu werden.

Die Tochter soll, noch weit entschiedener als der Sohn, möglichst lange in der elterlichen Familie gehalten werden, denn wenn sie auch nebenbei in die Schule geht, ihre Hochschule wird immer das elterliche Haus seyn.

Die ausschließliche Bildung durch Privatunterricht, die vorzugsweise bei den Töchtern eingerissen ist, läßt zwar das Kind im Hause, trägt aber auch von der andern Seite zu der bei dem weiblichen Geschlecht so verfänglichen Vereinzelung der Persönlichkeit und des Geschlechtes bei. Ueberall liegen hier Keime, aus denen später die Ueberweiblichkeit aufsproßt.

Auch in den Städten sollte man die Mädchen bis zum zwölften oder vierzehnten Jahre durchaus in die Volksschule schicken, seyen ihre Eltern so vornehm wie sie wollen. Die Kinder werden hier von den Kindern gemeiner Leute zwar manche Rohheit lernen, sie werden aber auch vor der Ziererei überweiblicher Art gründlich bewahrt und erhalten Auge und Sinn für des Volkes derbe und kräftige Natur. Es liegt ein unberechenbarer Gewinn für die Charakterbildung der Männer und Frauen der höheren Kreise darin, wenn sie wenigstens in der Schule mit der Gesammtheit der Kinder aus dem Volke auf einer Bank gesessen und mit den barfüßigen Kameraden und Gespielinnen unter dem gleichen Kriegsrecht des Bakels gestanden haben.

Die Mädchen erhalten hier auch wenigstens noch männliche Schulmeister und keine weibliche »Erzieherinnen.« Sie sollen den Ernst und die harte Disciplin einer öffentlichen Volksschule durchkosten, als Präservativ gegen die Ueberweiblichkeit.

Das Weib kann die mannichfachsten Bildungsstoffe in sich aufnehmen; es kann in der Kunst und Wissenschaft festen Fuß fassen, und sofern es dadurch nur dem weiblichen Hauptberuf, welcher der Familie gehört, nicht untreu wird, mag eine solche anspruchlose und feine männliche Bildung auch dem Weibe ein köstlicher Schmuck werden. Dieses Ausnahmeverhältniß aber wird in den meisten weiblichen Erziehungsanstalten zur Regel verkehrt. Geradezu auf der Grundlage der Wissenschaft und Kunst soll hier das Mädchen erzogen werden. Und es ist das noch nicht einmal die männlich ernste, strenge Kunst und Wissenschaft, in welche mühsam einzudringen schon allein zur Zucht des Geistes wird, sondern bei der weiblichen Erziehung ist ein bloßes Dilettantenwesen mit Musik, Malerei und Poesie obenauf, die Sprachbildung zielt nicht auf die logische Zucht der Erkenntniß der Sprache und ihrer Gesetze, sondern auf sein renommistisches Parliren. Wenn dazu der Unterricht in allen möglichen Wissenschaften von Frauen ertheilt wird, die selbst niemals Gelegenheit hatten, die festen Fundamente eines streng wissenschaftlichen akademischen Studiums zu legen, was soll da anders herauskommen als eine Oberflächlichkeit, die zur ächten Zucht des Geistes zu wenig und zur Bewahrung der naiven natürlichen Frauenart viel zu viel ist? So fängt denn der Blaustrumpf bereits im Institute an, und jene specifisch weibliche Literatur der glänzend lakirten Oberflächlichkeit hat hier ihre wahre Universität gefunden.

Man spricht von der strengen Häuslichkeit, dem festen Charakter der Mütter und Frauen der guten alten Zeit, und im ehrenden Gedächtniß an sie nennt man den natürlichen Scharfblick, die natürliche Gesundheit und Schlagfertigkeit des Urtheils »Mutterwitz« – als den von der Mutter ererbten Witz. Diese Frauen mit den vollen ehrwürdigen Gesichtern in den großen steifen Halskrausen, die Frauen, von denen wir den Mutterwitz geerbt, hatten aber auch ganz andere weibliche Erziehungsanstalten durchzumachen als unsere Pensionen und Institute, in denen gemeinhin der Mutterwitz todtgeschlagen wird.

In der »Christlichen Kirchenordnung« des Landes Braunschweig-Wolfenbüttel vom Jahre 1543 finden wir einen Abschnitt »Von der Junkfrouwen Scholen,« der uns ein höchst anschauliches Bild von den »Dameninstituten« des sechzehnten Jahrhunderts gibt. Die Jungfrauen sollen in diesen Schulen lesen und schreiben lernen und zwar ziemlich bedächtig, nämlich »allein lesen« in einem bis zwei Jahren. Dann lernen sie Psalmen singen, lernen den Katechismus und ein gutes Stück der Bibel auswendig. »Wer seine Jungfrauen mehr will lassen lernen, der lasse sie auch mit dem Schreiben lernen, geschriebene Briefe zu lesen« u.s.w. wie es naiv genug heißt.

Wenn die Schulstunden der Mädchen vorüber sind, dann »sollen sie bei ihrer Mutter seyn zu Haus', sollen etwas lesen, und lernen von ihrer Mutter tüchtig haushalten und was dar mehr zu gehöret. Man soll ihnen auch nicht zu viel auflegen, Maß ist zu allen Dingen gut. Man lasse die kleinen Kinder zu Zeiten auch spielen, daß sie darnach desto fleißiger zum Studiren wieder ankommen.«

Auch über die religiöse Erziehung in den Jungfrauenschulen redet die Schulordnung Dinge, die heute noch nützlich zu hören sind. Da heißt es unter Anderem: »Salomon am Ende seiner Sprüche sagt, daß es nicht genug ist, wenn eine Hausfrau schön ist, so sie nicht auch gottesfürchtig ist; die nach Gottes Worte Gott allezeit in allen ihren Geschäften vor Augen hat. Gottlose Mütter fragen nichts nach Gott, das heißt nach Gottes Wort, darum halten sie auch ihre Knechte und Mägde nicht zu Gottes Wort und ziehen gottlose Kinder auf. Aber aus solcher Jungfrauen-Schule können wir viele Hausmütter kriegen, die mit Gottes Wort zu Gottes Furcht gehalten sind, die gedenken bei Christo zu bleiben, in welchem sie getauft sind, die halten nachgehends ihre Kinder und Gesinde, auch zu Gottes Wort« ... »Von solchen Hausmüttern, die Gott fürchten, wird nachmals die Stadt besetzet mit ihren Kindern, die fromme Bürger und Bürgerinnen werden, und kommt von ihnen ein edel Geschlecht, die Kinder Gottes werden durch den Glauben an Jesum Christum bis zum jüngsten Tag: darum wollen wir traun solche Jungfrauen-Schulen nicht versäumen, sondern in Ehren halten.«

Diese Jungfrauen-Schulen hatten auch damals schon eine »Jungfrauen-Schulmeisterin,« obgleich die alte Zeit weit bedenklicher war als die unsrige in der Zulassung der Frauen zum Lehramt, und schon Karl der Große wollte, daß nicht Frauen sondern Männer die Mädchen erziehen sollten. Allein die »Jungfrauen-Schulmeisterin« sieht dann doch ganz anders aus als die moderne »Erzieherin.« »Zu dieser Schule soll man verschaffen eine ehrliche Matrona, die wohl lehren kann und mit den Jungfrauen wohl und vernünftig kann umgehen, die Gottes Wort liebt und gern in der Bibel und sonst was gutes lieset.« Aus dem Nonnenkloster geht die Jungfrauen-Schule hervor, darum fordert man zuerst eine Matrone zur Schulmeisterin, und zwar, da das Kloster wie die Jungfrauen-Schule im Sinne der Zeit nur die häusliche Erziehung ergänzen soll, wo möglich eine verheirathete oder verwittwete, keine alte Jungfer. Joh. Ludw. Bives in seiner damals als klassisch anerkannten Schrift » de institutione christianae foeminae« fordert sogar, daß der Mädchen-Schulmeister verheirathet sey und obendrein, daß er wo möglich eine schöne Frau habe – » ita demum in alienas minime exardescet

In diesen Jungfrauen-Schulen erkennen wir erst recht die ehrsamen Hausfrauen, wie sie uns von den Bildern Dürers, Holbeins und Kranachs hellen Auges entgegenschauen, und in den modernen Pensionaten und Instituten mögen wir die Damenköpfe unserer Almanachkupfer und Modejournale erkennen.

Mit allen diesen Erörterungen über die politische Vertretung der Frauen durch eine erweiterte Anerkennung der Familie, dann über die vereinzelten Frauen und damit zusammenhängend über die Erziehung zur Ueberweiblichkeit habe ich also nur verschiedene Folgen der Einen Thatsache dargelegt, daß der Beruf der Frauen überall in der Regel nur ein in der Familie vermittelter seyn könne.

Diesem Centralsatze sind aber überhaupt alle Untersuchungen über Wesen und Natur der Frauen zugewandt. Er ist der geheime Kern aller im Vorhergehenden aufgestellten Thesen über den Geschlechtsgegensatz. Er führt uns auch hinüber zu dem nächsten Buche, welches von dem Ideal und der Reform des Hauses und der Familie handelt.

Wo aber bleibt die Nutzanwendung?

Was soll man denn beginnen mit den vereinzelten Frauen? Wie soll man die täglich wachsende Heerschaar Derjenigen mindern, die ohne ihr Verschulden losgelöst sind von der Familie, hinausgestoßen, einsam dastehend in der eigensüchtigen, wirr bewegten Welt, beruflos, mittellos, oder doch wenigstens von vornherein ohne Gnade verdammt zu einem verfehlten, ziellosen Leben? Was soll man mit diesen Aermsten anfangen? Soll man sie in Nonnenklöster sperren? in Pfründnerhäuser einkaufen? barmherzige Vereine aus ihnen organisiren? soll man die Wittwenkassen erweitern, Lebensversicherungen für Schwestern und Basen gründen, die voraussichtlich alte Jungfern werden? soll man die Ueberzahl der familienlosen Frauen über's Meer nach Australien schicken? soll man sie todtschlagen?

Mit einem Sturme solcher Fragen wird der Socialpolitiker leicht vom praktischen Staatsmann übergossen. Er gibt aber auf so viele Fragen ganz kaltblütig nur eine einzige Antwort: »Beginnen« soll man mit der ganzen Legion der vereinzelten Frauen gar nichts. Man soll sie ihrer Wege gehen lassen nach wie vor. In allen den eben aufgeworfenen Fragen mögen gute Aushülfen für einzelne Fälle liegen – nur das Todtschlagen will ich nicht empfohlen haben – allein für den Krankheitszustand als Ganzes und in seiner Wurzel ist durch solche örtliche Linderung noch nichts gewonnen.

Man will aber helfen, augenblicklich helfen! – Ja man mag augenblicklich helfen, aber die Frucht wird sich frühestens zeigen binnen heute und fünfzig Jahren -gerade wie bei der »Reform der Gesellschaft.« Wer in solchen Dingen sogenannte praktische Rathschlage begehrt, wundersame Geheimmittel, die von heute auf morgen wirken, der möge bedenken, daß in der Regel nur der Idealist oder der Charlatan derlei praktische Rathschlage in socialen Fragen gibt; der besonnene, ehrliche, gründliche und praktische Mann glaubt auch hier an keine Universalpillen.

Aber soll man denn solche Krankheitszustände ganz sich selber überlassen?

Gewiß nicht. Der Verfasser, welcher ein ziemlicher Ketzer im Glauben an die medicinische Facultät ist, befolgt für seine Person bei Unpäßlichkeit das Selbstheilverfahren der Hunde, die sich lediglich durch Fasten, heftige Bewegung und Schlafen curiren und ist dabei so wohl gefahren, daß er seit seinen Kinderkrankheiten – unberufen! – für den Dittersdorfischen Doctor und Apotheker mehr Geld ausgegeben hat als für den wirklichen. Er glaubt auch, daß alle vernünftigen Heilmittel keinen andern Zweck haben können, als eine oder mehrere der Wirkungen dieser drei Naturhülfen künstlich zu erzielen.

Die Naturhülfen müssen wir auch für das sociale Heilverfahren aufsuchen. Die Rückführung der vereinzelten Frauen zur Familie wird nur dann erfolgen, wenn die ganze Nation wieder tiefer durchdrungen seyn wird von dem Geiste der Familienhaftigkeit. Einen solchen »Geist« citirt man aber nicht wie ein Gespenst durch ein Zauberwort mit etwas social-politischem Hocuspocus. Man kann ihn nur entzünden – langsam und allmählich – bei den Einzelnen, man kann durch ein treffendes Wort den Leuten klar machen, was sie wohl geahnt und gefühlt, aber nicht auszusprechen gewußt haben, man kann solchergestalt allmählig eine stille Gemeinde der Gleichgesinnten stiften, und in Jahr und Tag, wenn vielleicht längst unsere Kinder an unsere Statt eingerückt sind, wird der ursprüngliche zündende Funke zu einem hellen Feuerschein geworden, der Geist wird in allem Volke »entzündet« seyn. So zu wirken soll der Stolz, aber auch zugleich die Selbstbescheidung des Socialpolitikers seyn.

Meine Antwort, wie man die vereinzelten Frauen ins Familienleben zurückführen solle, war darum in sehr wenigen Worten gegeben, sie folgt aber auch noch in vielen. Denn das ganze nunmehr folgende Buch vom »Haus und der Familie« ist eigentlich auch eine Antwort darauf. Dort habe ich nämlich meine Ansicht über das Urbild der Familie, über ihren Verfall und Wiederaufbau niedergelegt. Ich habe wiederum viele einzelne praktische Rathschläge angedeutet, aber kein einziges Universalmittel. Den Geist der Familienhaftigkeit wünschte ich zu entzünden durch dieses Buch, und wenn mir dieß gelänge bei einigen Wenigen, Gleichgesinnten, wenn ich nur ein Dutzend deutscher Männer und Frauen bewegen könnte, die verklungene Idee des »ganzen Hauses« wieder in sich aufleben zu lassen, dann würde ich mich glücklich preisen mit diesem Buche einen großen praktischen Erfolg gewonnen zu haben. Mit dem Geiste der Familienhaftigkeit werden die Frauen nicht mehr fessellos und persönlich eigenherrisch ins Weite schweifen wollen; sie werden ihre Seligkeit wieder darin finden, zu Hause zu bleiben. Die Familien selber aber werden sie dann auch wiederum nicht mehr von sich stoßen, sie werden es Gott danken, die natürlichen Genossen des Hauses statt gemietheten Volkes wieder in ihre Mauern einziehen zu sehen. Ein Jeder fange nur in seinem eigenen Hause an, dann wird die deutsche Familie bald reformirt seyn.

Der Staat kann viel thun, er kann trefflichen Hebammendienst verrichten bei socialen Geburten, aber selber ein neues sociales Leben zeugen oder gebären kann er nimmermehr. Und gerade den allgemeinsten Urverhältnissen der socialen Erscheinungen gegenüber ist der Staat am ohnmächtigsten. Wo es nicht für das deutsche Haus begeisterten Männern und Frauen gelingt, einen wahren apostolischen Glaubenseifer für die große sittliche und nationale Idee der Familie anzufachen, da wird es dem Staate nie und nimmer gelingen die verschobene Stellung des männlichen und weiblichen Geschlechtes in die rechte Linie zu rücken.

Das deutsche Haus baut sich auf wie die gothische Kirche: von Innen nach Außen. So wird aus dem Innern der Familien heraus die Stellung von Mann und Weib wieder ins Loth gebracht werden müssen. Dann wird auch wieder herrlich erfüllt werden, was Goethe so wunderbar schön von dem Beruf der Frauen gesagt hat und was ich den ächten deutschen Frauen zur Erbauung, den modernen Damen aber zum Trutz als den rechten Zimmermannsspruch hierhersetzen will, da ich nun den letzten Balken zum äußeren Fachwerk meiner Familie aufgeschlagen:

»Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach ihrer Bestimmung:
Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,
Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.
Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,
Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen,
Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für Andre.
Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer
Wird und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages,
Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,
Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in Andern!«

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