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Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Familie - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDie Familie
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1861
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
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Drittes Kapitel

Die Emancipirung von den Frauen

In Tagen der Abspannung des öffentlichen Lebens, der erschlafften Sitte des Hauses, in üppigen Friedenstagen bemerken wir in den verschiedensten Zeitläuften ein Vordrängen der Frauen auf den offenen Markt, ein Hereinpfuschen namentlich in die geistigen Berufe der Männer.

So geschah es in der Zeit nach den Kreuzzügen, wo die vornehmen Frauen mit Sprachstudien dilettirten und oft besser lesen und richtiger schreiben konnten als ihre Männer, während andererseits der Minnedienst in einer Weise überwucherte, daß er zu einem sittlichen und gesellschaftlichen Fluch zu werden drohte.

Aehnlich stand es am Ausgang des Mittelalters. Die gewaltigen Gährungen eines neuen Culturlebens brausten auf. Der Märzsturm dieser weltgeschichtlichen Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche rüttelte auch an allen Pfosten des deutschen Hauses. Da traten aus diesem sonst so verschwiegenen Hause gelehrte Streiterinnen des Humanismus, die mit Latein und Griechisch um sich schlugen und in den klassischen Staats- und Privatalterthümern besser zu Hause waren als in den »Alterthümern« der strengen deutschen Haussitte.

Als die Araber in Spanien sich unabhängig gemacht hatten von dem Khalifat, als die Omejjaden den höchsten Prunk eines orientalischen Hofes in Cordova entfalteten, da war mit diesen Thatsachen der Glaubensstaat des Islam bereits in seiner Idee verleugnet, in seinem Kern angefressen. Alsbald kommen aber auch spanisch-arabische Dichterinnen in erklecklicher Zahl und eine Favorit-Sultanin schreibt historische und ästhetische Untersuchungen. Das sind die Leichenhühner, die das Absterben des Reiches Mohameds ankündigen. Als mit der Ermordung Ali's, mit der Herrschaft der Omejjaden in Damaskus die Periode der großen Glaubensspaltung und des Glaubensspottes im Islam beginnt, sehen wir sogleich eine Frau, der strengen Bande orientalischer Frauenzucht vergessend, an der Spitze der Spötter. Die eigene Gemahlin des Khalifen Muavia macht ein Spottgedicht auf ihren Eheherrn: dieser aber als resoluter Muselmann schickt den Blaustrumpf im Harem sofort wieder zu ihrem heimathlichen Stamme zurück.

Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert erscheint eine kurze Periode, wo in den Niederlanden und Italien die Malerinnen und Kupferstecherinnen wie Brombeeren an allen Wegen wachsen. In der Perücken- und Zopfzeit treten die fürstlichen Mätressen in den Vordergrund, nach Kräften sich in der Staatskunst versuchend. In Frankreich nahmen die Buhldirnen am Throne Revange dafür, daß das salische Gesetz den Frauen verbietet, auf dem Throne das Land zu beherrschen, und die Pariser Damen wurden geistreich und trugen in Briefen, Memoiren und Romanen gar emsig Urkunden zusammen zur Gesellschaftskunde ihrer Zeit.

In unsern Tagen ist es vorwiegend die Kunst und die schöne Literatur, worin eine große Gruppe von Frauen auf die Zeitstimmung Einfluß übt. Immer deutet aber auch hier das massenhafte Hervorströmen geistig productiver Frauen und die Vergötterung der weiblichen Schöngeister auf eine Periode des politischen Stillstandes. Die Geschichte unseres politischen Elendes läuft parallel mit unserer Geschichte der Blaustrümpfe. Wo aber das öffentliche Leben einen kräftigen neuen Aufschwung nimmt, da sind allezeit die Frauen in den Frieden des Hauses zurückgetreten.

Ein wahnsinniger Cultus der Sängerinnen bezeichnet die Zeit der Karlsbader Beschlüsse. In den schwülen, matten Tagen nach der Julirevolution stoßen wir auf eine ganze Schaar von Schriftstellerinnen, welche das junge Deutschland mit einem Zwiebacksüpplein aufziehen helfen. Bettina's »Schwebereligion« und die »Gedankenatomistik« der Rahel würden zu einer andern Zeit schwerlich so begeisterte Bewunderer, selbst in Berlin nicht, gefunden haben. Nur an dem unheimlichen nebligen Vorabend der Februarrevolution konnte es noch Lärm erregen, daß etliche Frauen von deutschem Namen und französischer Art mit der »Emancipation« gleichsam auf den Messen hausiren gingen, indem sie dem ganzen deutschen Publikum zeigten, wie eine emancipirte Frau ißt, trinkt, raucht und mit der Polizei Scandal hat.

Die Zeit der sprachgelehrten Frauen im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert ist zugleich eine Zeit der sprachgelehrten Wunderkinder gewesen, gerade so wie jetzt das künstlerische Dilettantenthum bei den Frauen mit den künstlerischen Wunderkindern zusammenfällt. Melanchthon schrieb bekanntlich, als er fünfzehn Jahre alt war, seine griechische Grammatik und hielt im sechzehnten als Magister Vorlesungen über die Philosophie des Aristoteles. Andreas Canter aus Gröningen legte schon vor dem zehnten Jahre die h. Schrift öffentlich aus, ward im zehnten Jahre beider Rechte Doctor und disputirte öffentlich vor Kaiser Friedrich III., der ihn nach Wien berief. Das geht noch über die Milanollo's. Wie aber heutzutage das künstlerische Virtuosenthum miasmatisch in der Luft der Zeit schwebt, daß ja auch heuer zehnjährige Bübchen schon Verse machen so glatt und schön wie Platen und Rückert: – so erging es damals mit dem sprachgelehrten Virtuosenthum. Dringt nun ein solches Miasma einmal so gründlich durch, daß die Frauen massenhaft davon berührt werden, dann müssen zuletzt selbst auch noch die Kinder daran, und wo die Blaustrümpfe epidemisch auftreten, da kommen alsbald auch einige Wunderkinder nach. Es ist dann aber auch hohe Zeit, daß man die Luft reinige.

Ich sage nicht, daß eine Frau überhaupt alle künstlerische und literarische Produktivität sich versagen solle. Aber das massenhafte Aufsteigen weiblicher Berühmtheiten und ihr Hervordrängen in die Oeffentlichkeit ist allemal das Wahrzeichen einer krankhaften Nervenstimmung des Zeitalters. Gar leicht unterschätzt man den Einfluß dieser aus dem Rahmen der Familie in ganzen Schwärmen heraustretenden Frauengeister. Kunst, Literatur und Gesellschaft der Gegenwart zeigen aber wahrhaftig genug sichtbarliche Spuren desselben.

Als die Schauspielkunst noch vorwiegend oder ausschließend von Männern geübt wurde, war sie ganz anders geartet als gegenwärtig. Die Gründung eines eigenen Berufs der Schauspielerinnen und Sängerinnen ist nicht bloß ein Bruch mit alten Sitten gewesen: sie schloß zugleich eine ästhetische Umwälzung der gesammten Bühnenkunst in sich. Ebenso erging es mit der Kirchenmusik, als die Kirchensängerinnen dazu kamen. Der ganze katholische Cultus hat durch dieses weibliche Element eine andere Nase bekommen. Die Kirchenmusik hat ihren Mönchscharakter, ihren ascetischen Ton verloren, sie ist dramatisch geworden, der Welt geöffnet, als die Frauen auf den Singchor stiegen; und die gemächlichen Wiener Meister konnten zuletzt gar eine förmliche Volksmusik zur Messe machen, und weil die Kirchweih ja auch mit der Kirche zusammenhängt, so umklingt selbst etwas Kirchweihmusik naiv und rührend und weiblich schalkhaft den alten, strengen, männlichen Text.

Wenn man es in früherer Zeit als selbstverständlich ansah daß die Schauspielerinnen, weil sie sich ja so manchmal hinwegsetzen mußten über weibliche Sitte, auch hinwegsprangen über die Sittlichkeit, so lag in dieser Folgerung eine aus tiefer Kenntniß der weiblichen Natur geschöpfte Wahrheit. Und die That bestätigte sie. Die Schauspielerinnen waren wirklich im Ganzen sehr zuchtlos, solange ihr Beruf außerhalb der Schranken der bürgerlichen Sitte gestellt erschien. Erst als dieses freie weibliche Künstlerleben allmählich selbst Sitte und Regel zu werden anfing und in der Gesellschaft einen bestimmten Platz zu finden begann, hob sich auch die Sittlichkeit hinter den Kulissen.

Es begegnen uns hier allerlei interessante Einzelzüge, charakteristisch für die Stellung der Frauen überhaupt. Die Schauspielerin tritt durch ihre öffentliche Wirksamkeit aus den Schranken des Familienheiligthums heraus. Die früher fast allgemeine Sitte, daß solche Künstlerinnen ihren Familiennamen dem Publikum gegenüber mit einem Künstlernamen vertauschten, ist hierfür höchst bezeichnend. Verheirathete Schauspielerinnen dienen zweien Herren; es liegt ein richtiger Gedanke der Forderung zu Grunde, daß eine Frau, welche sich einem öffentlichen Dienste widmet, der Familie entsage. Die weiblichen Priesterinnen, die Nonnen, sind darum auch mit Recht familienlos. Im priesterlichen Amt, in der Kinderzucht, in der Kranken- und Armenpflege etc. tragen sie den Tribut an die Gesellschaft ab, welchen sonst das Weib in seiner Wirksamkeit für die Familie abzutragen pflegt. Der Staat stellt nicht gerne verheirathete Lehrerinnen an. Der Brauch der Schauspielerinnen, in der Ehe ihren ursprünglichen Namen mit dem neuerworbenen ihres Mannes zusammengekoppelt fortzuführen, findet seine sociale Rechtfertigung. Die verheirathete Künstlerin, selbständig wirkend und erwerbend, steht nur halb unter dem Hausregiment ihres Mannes. Man präsumirt auch in der Regel nicht mit Unrecht, daß sie ihren Mann mehr als andere Frauen unter dem Pantoffel habe.

Wir befinden uns hier aber auch auf einem der lehrreichsten Gebiete für das Studium der Frauennatur in ihren kunstgeschichtlichen Einflüssen. Eine vollere Hingabe des Künstlers an die Oeffentlichkeit als auf der Bühne läßt sich nicht denken. Er macht seine eigene Persönlichkeit als solche zum Kunstwerke. Daher scheidet sich auch hier der Gegensatz von männlicher und weiblicher Art ästhetisch am schärfsten ab. Das Weib, seinem vorwiegend passiven Wesen gemäß, wirkt auf der Bühne auch künstlerisch weit mehr durch das, was es ist, wie es sich giebt, als durch sein Handeln, mehr in dem fertigen, als in dem sich entwickelnden Charakter. Gerade der äußerlich hinreißendste Effekt genialer Darstellerinnen weist auf diesen Satz zurück. Ich erinnere an Jenny Lind und Henriette Sonntag. Frauenrollen sollten darum vom Dichter mehr bloß angelegt als ausgeschrieben seyn. Man erzählt von der Pasta, daß sie schon durch ihr bloßes Kommen und Gehen den Zuschauer in die ahndungsvolle Stimmung der Situation zu versetzen gewußt habe, und daß das ruhende Kunstgebilde ihres bloßen Erscheinens bei der weiblich maßvollen Plastik ihrer Geberden von weit hinreißenderer Wirkung gewesen, als das vordringende Spiel Talma's. Es war die ruhende Majestät der idealen Weiblichkeit, welche wesentlich nur erscheinen, nur sich geben darf, um zu wirken. Die gleiche Beobachtung wird man bei der Rachel machen können: ihre stärksten Effekte weiß sie meist in die Pausen zu legen, am wildesten bewegt erscheint sie, wenn sie stille steht, und durch die Kunst der Repräsentation ihrer Persönlichkeit macht sie die Sünden ihrer französisch manieristischen Declamation auch für den deutschen Zuschauer wieder gut.

Solche Erscheinungen, denen sich hundert verwandte anreihen ließen, mußten eine ganz neue Art von dramatischer Kunst schaffen.

Seit die Frauen die Bühne überwiegend beherrschen, wird das Schauspiel mehr und mehr durch die Oper verdrängt. Auf einen großen Sänger kommen gewiß vier gleich bedeutende Sängerinnen, aber auf vier selbstschöpferische Schauspieler kaum eine Schauspielerin vom gleichen Range produktiver Künstlerschaft. Dieses Verhältniß ist ganz naturgemäß. So wie der Bühnenkünstler singt, stellt er fast immer die handelnde Entfaltung des Charakters still und zeigt uns denselben in seiner objektiven Erscheinung; er tauscht die männliche Gedankenfülle des gesprochenen Wortes mit der weiblichen Gemüthsfülle des Tons. Hier sind die Frauen obenauf. Der Milder-Hauptmann fehlte der eigentliche Genius, ja selbst die strenge musikalische Schulbildung; sie sang die edelsten Recitative in Mozarts und Glucks Opern im Wiener Dialekt, ihr Organ ermangelte der Biegsamkeit, ihre Bewegungen der freien höheren Grazie. Und dennoch galt sie Jahrzehnte hindurch für eine Künstlerin ersten Ranges. Es war die ruhende Schönheit der gewaltigen Fülle des reinen metallklingenden Tones, die Naturschönheit einer weiblichen Heldengestalt, welche ein Kunstwerk ahnen ließ, ohne daß ein solches ausgeführt vorhanden war. Nicht durch das, was sie that, sondern durch das, was sie repräsentirte, wirkte die Künstlerin.

Hier ist die Gefahr einer tiefen Verderbniß des Geschmacks durch den Einfluß einer solchen vorwiegend weiblichen Kunstrichtung sehr nahe gelegt. Die eigenthümlich weibliche Kunstauffassung der einzelnen großen Sängerinnen wirkte seit Faustina Hasse's Tagen häufig selbst maßgebend zurück auf die ganze Schreibart des Componisten. Gar mancher neuere italienische und französische Meister ist zum Manieristen verdorben worden durch die Sängerinnen, denen er seine Rollen auf den Leib schrieb. Nur von sehr wenigen Sängern wird man einen ähnlichen Einfluß nachweisen können, und beim Schauspiel wird sich vollends gegen ganze Dutzende von Componisten kaum ein einziger Dichter finden, der seine Dramen für eine bestimmte Schauspielerin gedichtet hätte.

Durch den Beruf, auf der Bühne die eigene Persönlichkeit in freier, wechselnder Gestaltung als Kunstwerk zu setzen, wird es, wie schon angedeutet, den Künstlerinnen nahe gelegt, auch im bürgerlichen Leben nach freier Laune sich ihre wechselnde originelle Rolle zu schaffen, unbekümmert um die nüchterne Einförmigkeit der socialen Sitte. Der romantische Reiz dieser künstlerischen Entfesselung der Frauensitte wirkt ansteckend auch weit über die Künstlerkreise hinaus. Seit Frauen öffentlich die Bretter betreten, seit die bürgerliche Sitte sich allmählig ausgesöhnt hat mit dieser Thatsache, recken die Philinen, obgleich sehr selten im Geiste der Goethe'schen Romanfigur, in allen Ecken der verfeinerten Gesellschaft die Köpfchen in die Höhe. Es gibt wenig Grillen der modernen emancipirten Frauen, die ihren Ursprung nicht auf die Künstlerlaunen der weiblichen Bühnenwelt zurückführen ließen.

Ein Urbild einer solchen modernen Künstlerin, die auch das bunte Drama ihres wirklichen Lebens dichterisch frei gestaltete und im hellen nüchternen Tagessonnenlicht ganz ebenso phantastisch auftrat, als sey sie von dem gedämpften Lampenschimmer der Schaubühne umleuchtet, war die Malibran. Wenn das ungelehrige Kind, von der geißelnden Ruthe ihres harten Vaters in die Vorhallen des Kunsttempels getrieben, plötzlich umschlägt, und in der eigenthümlichsten, genialsten Erfassung ihrer Kunst ganz in derselben aufzugehen scheint, trotz dem schmerzensfeuchten Ausdruck ihres tief wehmüthigen Auges naiv und ausgelassen fröhlich, scheinbar dennoch ein ganzes Kind ist und bleibt, wenn sie, die zarte Jungfrau, doch zugleich als kühne Reiterin auf wilden Rossen dahin jagt, bei ihren Seereisen als nicht minder kecke Schwimmerin in leichter Matrosenkleidung über Bord mitten in die Fluthen springt, ebenso in ihrem Gesang mit bestrickendem Zauber das Widersprechendste zu vereinigen weiß, und plötzlich, räthselhaft wie sie aufgetaucht, wieder verschwindet und gerade zur rechten Zeit in der vollen Frühlingsblüthe ihrer Schönheit und ihres Ruhmes stirbt: dann glauben wir nicht nüchterne Wirklichkeit, sondern ein zartes Idyll, ein duftiges Mährchen vor uns entfaltet zu sehen, oder auch den vollendeten Roman eines ächt modernen künstlerisch emamcipirten Blaustrumpfes.

Diese Damen arbeiten nicht bloß auf den ästhetischen, sondern auch auf den bürgerlichen Kulisseneffekt. Eine geraume Zeit erschien das fashionable Virtuosenthum als die affenmäßige männliche Copie einer solchen weiblichen Bühnenkunst außerhalb der Bühne. Diese eleganten Virtuosen, die bald genial struppig wie Buschmänner, bald geschniegelt wie Ladendiener auftraten, stiebten gleichfalls mehr durch das zu wirken, was sie repräsentirten, als durch das, was sie leisteten. Interessant zu sein lag ihnen näher als interessant zu musiciren, und in Weiberlaune sich über die Sitte hinaus zu setzen, dieß eben dünkte ihnen interessant. Hier zeigte sich's recht deutlich, daß, wenn eine Nachahmung männlichen Wesens beim Weibe unter gewissen Umständen und in engen Gränzen noch passiren mag, die Koketterie mit weiblicher Art beim Manne unter allen Umständen läppisch und ekelhaft erscheint.

Es wirft interessante Streiflichter auf den Entwicklungsgang des Frauenthums, wenn wir der ächt modemen weiblichen Kunstübung des Bühnenberufs und ihren Folgen für Gesellschaft und Haus die entsprechend vorwiegende Neigung der kunstbegabten Frauen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts zur Malerei vergleichend gegenüber stellen.

Während gegenwärtig die Frauen eine selbständige, sozusagen weibliche Seitenlinie der dramatischen Kunstschöpfung eröffnet haben, schmiegen sich jene zahlreichen Malerinnen im Gegentheil wunderbar treu und voll Selbstentsagung den großen männlichen Meistern an. Also auch hier ist in der höheren Bildungsepoche das weibliche Naturell eigenartiger hervorgetreten. Jene Malerinnen beschränken sich fast durchweg auf Kunstzweige, deren oberste Anforderung auf die treue und fleißige Ausführung, nicht auf neue Erfindung und geniale Composition zielt: Blumenstücke, Porträte, Miniaturbilder. Der Zahl nach sind diese Künstlerinnen sehr bedeutend, der kunstgeschichtlichen Geltung nach unbedeutend.

Die italienische Historienmalerin Sirani wird als die einzige genannt, »deren Lob nicht von Schmeichelei eingegeben, sondern von ihrem Verdienst gefordert worden sey,« und dieses Lob ist doch auch schon längst von Vergessenheit gedeckt. Es handelt sich hier weniger um einen epochemachenden geistigen Aufschwung der Frauen, als um eine Fortsetzung der mittelalterlichen Damenliebhaberei an allerlei Curiositäten, an niedlicher Arbeit. Sie stickten mit Pinsel und Grabstichel.

Gar viele dieser Malerinnen waren zugleich – und darin klingt abermals eine mittelalterliche Reminiscenz durch – Sprachgelehrte. Die Porträtmalerin Anna Maria Schurmann, eine Musterfigur dieser Gattung, war eine wahre Tausendkünstlerin von Jugend auf. Sie dichtete, musicirte, malte, stach in Kupfer, schnitzte in Holz und Elfenbein, sprach im siebenten Jahre Latein, übersetzte im zehnten Seneca's Schriften ins Flandrische und Französische. Nebenbei handhabte sie noch das Griechische, Hebräische, Syrische, Spanische und Italienische in Versen und in Prosa. Die Malerin Elisabeth Cheron war Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften und übersetzte als ein weiblicher Ambrosius Lobwasser die Psalmen aus dem hebräischen Urtext in französische Reime. Dieß giebt ein ungefähres Bild von den damaligen als Künstlerinnen hervorragenden Frauen. Sie waren keine Emancipirten. Es handelte sich vor allem um einen Bienenfleiß, mit dem ein abenteuerlicher, jedenfalls sehr äußerlicher Wissenskram zusammengetragen und ein Kunstwerk in's feinste ausgedüftelt wurde. Es wird mit der dicken Gelehrsamkeit so mancher großen Philologen kaum anders gewesen seyn. Von Joseph Justus Ecaliger steht freilich gefchrieben, daß er dreizehn Sprachen gesprochen, aber wie er sie gesprochen, steht nicht dabei.

Wenn man damals den Kupferstichen der beiden Töchter des Malers Klöcker das höchste Lob gab, indem man ihre Blätter mit dem Prädikat »muliebris industriae ingniique monumenta« einzeichnete, so würde sich eine moderne selbstschöpferische Künstlerin wenig von einem solchen Lob geschmeichelt fühlen, worin die industria, und mit Recht, vor das ingenium gesetzt ist.

Was es überhaupt mit dem aus dem Mittelalter herüberragenden gelehrten und künstlerischen Fleiß der Frauen in socialem Betracht auf sich hatte, leuchtet am klarsten daraus hervor, daß solche Gelehrsamkeit in jener früheren Zeit bei Männern als weibisch machend angesehen wurde, und daher die vornehmen Frauen mehrentheils besser lesen und schreiben konnten, als ihre Ehemänner. Noch Jahrhunderte später, zur Reformationszeit, wird die gelehrte Humanistin Olympia Morata, der die (wahrscheinlich unbegründete) Sage eine Berufung als Lehrerin der griechischen Sprache an die Heidelberger Universität zukommen läßt, geradezu wegen der in ihrer Gelehrsamkeit offenbarten ächten Weiblichkeit, gerühmt und auch in diesem Sinne eine »Perle ihres Geschlechts« genannt. Hier zeichnet sich wie in einem Epigramm der Gegensatz des romantischen und modernen Zeitalters: im Mittelalter galt die Gelehrsamkeit bei den Männern aus demselben Grunde für unmännlich, aus welchem sie in der Gegenwart bei den Frauen für unweiblich gilt.

Die von den Frauen so fleißig geübte Kabinetsmalerei war an sich keine der Oeffentlichkeit zugewandte Kunst, und die weibliche Mitarbeit an derselben eine durchaus naturgemäße. Wenn aber einer der bedeutendsten unter den lebenden Aesthetikern die Blüthe der Kabinetsmalerei an sich als ein Wahrzeichm der politischen Verderbniß und darum auch als ein ästhetisch sehr zweideutiges Phänomen ansieht, so möchten wir ihm von unserm socialen Standpunkte entgegen halten, daß in diesem auch den Frauen so vertrauten Kunstzweige wenigstens eine Gediegenheit und Innerlichkeit des häuslichen Lebens, eine Fülle und Kraft des Familiengeistes ausgesprochen ist, welche, namentlich in der Sphäre des Bürgerthums, jene Epoche noch so ehrenwerth auszeichnet. Das ächte Familienleben ist aber an sich schon eine Form des öffentlichen Lebens. Im Reiche der Socialisten würde freilich die Pflege der Kabinetsmalerei ein Staatsverbrechen seyn.

Die Bedeutung jenes harmlosen Kunstzweiges für das Haus und die Familie führt uns zurück auf die sociale Stellung der alten Malerinnen, die ebenso entschieden noch im Herzen der Familie war, als die modernen Künstlerinnen sich meist von der Familie zu emancipiren suchen. Ich bemerkte über diesen entscheidenden Punkt in meinen »Culturgeschichtlichen Briefen«: »Die meisten der alten Kabinetsmalerinnen stammten aus Malerfamilien, und sehr viele haben sich auch wieder mit Malern und Kupferstechern verheirathet. Landschaftsmalerinnen sind selten, Historienmalerinnen noch seltener, und kunsthistorisch von wenig Bedeutung; Anna von Deyster radirte zwar Landschaften, aber ächt weiblich – mit einer Nähnadel. Wir finden hier ein weibliches Künstlerthum, welches noch fast gar keinen Beischmack von Blaustrumpferei hat.« – »Wo die malenden Männer selbst kaum erst der Zuchtschule des Handwerkes entronnen waren, wo der Künstlerberuf so häufig als ein Erbstück der Familie angesehen wurde, und dadurch die Atmosphäre der Kunst auch für die Weiber eine häusliche war, da konnte sich auch die weibliche Künstlerschaft leichter in den rechten Schranken halten, indem sie vorwiegend nur die Aufgaben der sinnigen, feinfühligen Beobachtung, der zart detaillirten Nachahmung für sich erkor. Von der Frau des Landschaftsmalers Parmigiano aber steht geschrieben, sie habe mit ihrem Manne das Land durchzogen und ihm bei seinen Arbeiten geholfen – und diese rein aufopfernde Art weiblicher Künstlerschaft ist sicherlich von allen die beste gewesen.«

Eine moderne Erscheinung, welche sich der Frau des Parmigiano würdig zur Seite stellt, war Dorothea Schlözer, die Tochter des bekannten Historikers.

In dem gelehrten väterlichen Hause ward sie selbst eine Gelehrte, aber sie blieb eine ächt weibliche Natur, eben weil ihr diese Gelehrsamkeit mit dem Hause überliefert war. Sie bearbeitete, um ihrem Vater Freude zu machen, die russische Münzgeschichte und trug als Jungfrau sogar den philosophischen Doktorhut. Als sie aber die Haube des Ehestandes aufsetzte, legte sie den Doktorhut bei Seite und lebte fortan nur noch der Familie.

*

Die modernen in der Öffentlichkeit wirkenden Künstlerinnen, deren grundverschiedenes Gegenbild aus einer vergangenen Zeit ich eben skizzirte, haben aber doch immer nur einen vereinzelt thatsächlichen, nicht aber einen durchgreifenden und principiellen Kampf mit der überlieferten Frauensitte durchgefochten. Den Krieg gegen die Gesellschaft führen sie harmlos, naiv, unbewußt, durchaus mittelbar, und es werden sich wohl wenige Sängerinnen finden, die gleich der Schröder-Devrient – buchstäblich oder figürlich – auf den Barrikaden der Revolution gestanden haben.

Selbst in Nordamerika, wo doch die Lebensluft der Frauen, die häusliche Sitte, so dünn und trocken geworden ist, gibt es nur ganz zahme, sanfte Dichterinnen. Literarische Blaustrümpfe sind höchst selten, gesellschaftstürmende Damen unerhört. Vor einigen Jahren erschien ein Werk: » the female poets of America,« welches uns nicht weniger als neunzig nordamerikanische Dichterinnen vorführte. Ein französischer Berichterstatter in der Revue des deux Mondes, der in Paris ganz anders geartete Priesterinnen der Muse vor Augen haben mochte, konnte sich nicht genug darüber wundern, daß diese Dichterinnen nicht sammt und sonders aus Eitelkeit oder Scandalsucht geschrieben, auch nicht, was bei einer Französin besonders pikant, aus Reue über verübten Scandal, sondern ganz harmlos, »wie bei uns junge Mädchen zeichnen oder singen.« Es waren eben anmuthige Unterhaltungen, ein künstlerisches Spiel mit Versen, wie es Frauen ebenso wohl ansteht, als wenn sie stickten oder einen Lampenschirm malten. Am meisten aber fühlte sich der Franzose betroffen durch die Entdeckung, daß keine einzige dieser neunzig amerikanischen Dichterinnen das Glück der ehelichen Liebe in Versen schildere. Allein eben darum weil diesen Frauen die eheliche Liebe kein Stoff zum Spielen war, kein Gegenstand, den man auf den Lampenschirm malt oder in Versen stickt, haben sie die eheliche Liebe aus ihrer Poesie gelassen, die dadurch das Präjudiz einer wirklich weiblichen Poesie erhält.

Es gibt aber in unserm alten Europa auch eine grundsätzliche und durchgreifende Fehde der Frauen gegen die historische Gesellschaft und den darauf gebauten Staat. Eine Reihe von Schriftstellerinnen und praktischen Professorinnen der »Emancipation« haben in dieser Richtung entschieden Front gemacht und sind mit offenem Visir in die politischen Schranken getreten. Hier steigt eine ganz neue, wesentlich moderne Erscheinung auf. Auch das achtzehnte Jahrhundert hatte seine freien Frauen. Aber die Zügellosigkeit des Lebensgenusses, die Befreiung von der drückenden Fessel der Sitte genügte ihnen, sie wollten nur für ihre eigene Person emancipirt seyn. Jene dagegen wollten die ganze Welt emancipiren und rücken angriffsweise vor als die streitende Kirche des Frauenthums.

Der Gegensatz wird recht klar, wenn man die in Sitte und Sittlichkeit entfesselten Frauengestalten der Heinse'schen Romane etwa mit Gutzkows Wally vergleicht. Heinse's Hildegard von Hohenthal und ihre Genossinnen sind üppige, sinnlich vollsaftige, vor allem aber kunstberauschte Weiber. Sie bilden sich ein, in dem Epicuräismus des Schönheitsgenusses das Ideal eines ächt weiblichen Lebenswandels gefunden zu haben, aber sie übersehen, daß die derb sinnliche Naturschönheit erst zur künstlerischen verklärt wird, indem sie sich durchgeistigt und sich selbst ein strenges Maß setzt. Wally dagegen ist ein für die Kunst des seligen Genießens verlorenes, durchaus theoretisch raffinirendes Wesen, ein Kind gekünstelter Gesellschaftszustände, viel zu kokett und selbstbewußt in ihren Reflektionsspielereien, um noch sinnlich üppig seyn zu können. Ganz nothwendig thut sie sich daher auch alsbald als Schriftstellerin auf, während Heinse's Frauen bloß im Kunstgenuß schwelgen. Indeß Wally eine lange pointirte Abhandlung gegen die christlich-kirchlichen Dogmen schreibt, ziehen es die Rubens'schen Weiber des üppigen Poeten aus dem achtzehnten Jahrhundert vor, mit Augen und Ohren zu schmausen, zu trinken und zu küssen. Wally verneint mit kaltem Bewußtseyn die Sitte, jene im trunkenen Taumel und ohne Tendenz. Wo Heinse theoretische Auseinandersetzungen über das Ideal der gesellschaftlichen Stellung der Frauen gibt, wird er geradezu komisch.

Die klassische Stelle hierfür findet sich am Schlusse des Ardinghello. In dem auf den »glückseligen Inseln« gegründeten Idealstaate, dessen oberster Würdeträger den officiellen Titel eines »Hohenpriesters der Natur« führt, wird den Frauen folgende Rolle zugewiesen: sie erhalten Stimmen bei den allgemeinen Geschäften, jedoch nur zehn Procent im Vergleich mit den Männern, und werden nicht als bloße Sklavinnen behandelt. »Neben anderem Amazonenhaften« rüsten sie Schiffe und laufen auf Streifereien aus. Sie sind Mitglieder des Staates, obgleich die schwächeren, und ihnen bleibt das Recht, besonders das gut oder nicht gut zu heißen, was sie selbst betrifft. Uebrigens besteht immer der Hauptunterschied, daß die Männer erwerben und sie bewahren.

Man sieht, Heinse, obgleich im Punkte der Entfesselung der Frauenzucht und Sitte der keckste Stürmer und Dränger seiner Zeit, steht mit seiner Reducirung der politischen Währung der Frauen auf zehn Procent noch arg zurück in der Kultur gegen unsere modernen Verfechter der vollen politischen und socialen Gleichberechtigung der Frauen, und das Ikarien seiner glückseligen Inseln wäre heutzutage noch lange nicht ikarisch genug, um auf »Entschiedenheit« Anspruch machen zu können. Auch läßt Heinse doch noch den Grundunterschied gelten, daß die Männer erwerben, die Frauen bewahren sollen. Er ahnt den aristokratischen Beruf der Frauen.

Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert blühete eine reiche satyrische und polemische Flugschriftenliteratur über die Stellung von Mann und Weib. Sie war für den großen Markt bestimmt, eine Art Volksliteratur, oder, wenn man lieber will, Philisterliteratur. In diesen zahllosen Flugblättern macht sich jene Sorte von trivialen Späßen und platt komischen Scenen breit, über welche unsere Großeltern noch recht herzlich lachen konnten, und wo die Satyre nicht mit reinem Salz gesalzen war, da that es auch Salpeter aus der Kloake. Da tritt nun in solchen Blättern gemeiniglich der Advokat der Frauen auf und klagt über die Tyrannei, die Prügelsucht, die Trinklust der Männer; oder es kommt der Advokat der Männer und schildert das Pantoffelregiment der bösen Weiber, das Hauskreuz in Gestalt einer alten Schwiegermutter oder einer jungen Tochter, zu deren Hütung kein Argus Augen genug habe etc. So harmlos amusirte man sich damals noch über den Krieg der Männer und der Frauen. Nur die zufälligen Thatsachen der Haustyrannei wagte man anzugreifen, nur im platten Spaß den Männern das Scepter zu entwinden, aber nimmermehr im Ernst dem ersten Kapitel aus dem ersten Buche des ersten aller Bücher entgegen an eine wirkliche Ausgleichung von Beruf und Regiment zwischen Mann und Frau zu denken!

Wie ganz anders hat sich jetzt die vielfach von weiblichen Federn geschriebene Tagesliteratur über die gesellschaftliche und politische Unterdrückung der Frauen gestaltet! Sie ist theoretisch und mit einem Anfluge von Wissenschaftlichkeit disciplinirt, sie hat ihr Theil ergriffen an den großen Fragen des öffentlichen Lebens, sie erscheint im engsten Zusammenhange mit unserm politischen Liberalismus, mit den radikalen Gesellschaftslehren. Welcher Fortschritt gegenüber jener alten hausbackenen Schnurrenliteratur von »Männer- und Weiberherrschaft!« Die emancipirten Frauen stellen sich jetzt gewappneten Armes auf den Boden des Naturrechts, um die äußersten Consequenzen der Ausebnung des historischen Sitten- und Rechtsbestandes zu ziehen, und jenes Heraustreten des Weibes aus dem Heiligthume des Hauses, welches bis dahin höchstens als Ausnahme seine Rechtfertigung fand, für die Regel zu erklären.

Dahinter steckt die Ueberweiblichkeit, die gar leicht in ihr Gegentheil, die Unweiblichkeit umschlägt; sie hat bereits den verschiedensten Gebilden unsers nationalen Lebens ihren Stempel aufgeprägt, und von ihr müssen wir uns emancipiren.

An diese Ueberweiblichkeit knüpfen die Socialisten den Strick, womit sie die historische Gesellschaft erwürgen wollen. Erst wenn man das Weib dem Hause entrissen hat, kann man die Ehe »vor den Richterstuhl der Vernunft« entbieten und statt ihrer die »freie Liebe« decretiren. Mit dem Hause und dem Hausregiment aber fallen alle natürlichen Gruppirungen der Gesellschaft, und der erste Schöpfungstag, ein Chaos selbstsüchtiger Einzelwesen, wäre als höchster Triumph der Gesittung wiederhergestellt.

Merkwürdig genug ist es aber den Revolutionsmännern selbst in der Regel wieder Angst geworden vor den Frauen, wenn sie an deren Emancipirung gingen. Sie fürchteten das Zaubernetz der Ueberweiblichkeit. Im Jahr 1848 zog man die Frauen in Paris in das politische Klubwesen. Als aber im Mai jenes Jahres der große Pariser Frauenklub seine erste – sehr stürmische – Sitzung gehalten, ließ das Ministerium Arbeitssäle für müßige Frauenzimmer errichten und Armenküchen, in denen volksfreundliche Damen der Kochkunst sich widmen konnten. Also ein Revolutionsministerium selbst wußte nichts eiligeres zu thun als die politischen Frauen aus dem Klub geradenwegs in die Küche zu schicken. Man hatte kaum mit der Emancipirung der Frauen angefangen, als man schon flugs mit der Emancipirung von den Frauen wieder schloß. Es geschah dieß aber in denselben wunderlichen Tagen, wo das französische Ministerium decretirte, daß »keine Schriftsteller mehr als Erdarbeiter angestellt« werden sollten.

Die Frauenklubs waren überhaupt ein gar lustiges Intermezzo zu dem trüben Schauspiele der Revolution. Die Frauen konnten auf der Tribüne immer nur sprechen, nicht reden, sie konnten Zwiesprach halten, aber nicht debattiren. Dagegen redeten und debattirten damals ganz bildungslose Arbeiter mit mehr Sicherheit als mancher kathedergewohnte Professor. Vor den Wirkungen der Ueberweiblichkeit auf diesem Wege brauchte man sich also nicht zu fürchten; aber wo sie sich still und unmerklich in unsere Sitten und Anschauungen einschleichen will, da mögen wir der Emancipirung von den Frauen gedenken.

Ganz ernsthafte Demonstrationen, an welchen 1848, namentlich in Paris, politische Frauen theilgenommen, glänzen jetzt durch den Humor des inneren Widerspruches zwischen Zweck und Mittel. Als Cremieux das neue Ehescheidungsgesetz in die Nationalversammlung eingebracht hatte, bewegte sich am 30. Mai eine »Damendemonstration« über den Vendômeplatz, wo sie aus ihrer Mitte einen Ausschuß von zwölf Köpfen in das Kabinet Cremieux's, des Justizministers, abordnete. Diese weiblichen Deputirten begrüßten dann den verblüfften Mann mit dem Rufe: »Es lebe Cremieux! Es lebe das Ehescheidungsgesetz.« Die Art moderner Frauen, von denen wir uns emancipiren müssen, begreift nämlich nicht einmal, daß einzig und allein ein recht strenges Ehescheidungsgesetz, welches im Sinne des Wortes der Schrift die Lösung der Ehe auf's Aeußerste erschwert, zu besonderen Gunsten der Frauen gemacht ist. Alle leichten Ehescheidungsgesetze sind zum Frommen der Fessellosigkeit der Männer und ein Spott auf die Würde der Frauen. Das allerleichteste Ehescheidungsgeseh entsteht, wenn man die Weibergemeinschaft zuläßt. Als aber vor drei Jahren eine Gesellschaft von Schwärmern tief hinten in Nordamerika die Weibergemeinschaft unter sich einführte, fanden sie, Zweihundert an der Zahl, nur sechzig Weiber die mitthun wollten. Denn den Weibern mochte hier doch wohl klar geworden sein, daß eine solche allerleichteste Form der Eheschließung und Lösung weder ihrem Vortheil noch ihrer Würde zusage.

Die Auflehnung der verfeinerten Frauen wider die geschichtliche Familie und Gesellschaft war überall die ergötzliche Karikatur der Revolution, wie zu andern Zeiten die unmittelbare Theilnahme des weiblichen Pöbels an der Volksbewegung als ihr bestialisch diabolisches Zerrbild erschienen ist.

Auch in Deutschland traten Frauen auf und machten Profession aus der Lehre der Entfesselung weiblicher Art und Sitte. Wir sehen nicht bloß in Paris, sondern auch in norddeutschen Städten, namentlich in den Jahren 1842-1848, Damen in Männerrock und Hosen, mit Sporen und Reitpeitsche, die wogende Feder auf dem Hut, die brennende Cigarre im Mund durch die Straßen stolziren und in den Bierkneipen zechen. Wir sehen Luise Aston – vor andern der »öffentliche Charakter« unter dieser Gruppe – ausgewiesen, eine »Märtyrerin.« Sie wird wegen Preßvergehen angeklagt, weil ihre »wilden Rosen« als zu stachelicht erschienen waren, und steht mannhaft dem Berliner Polizeipräsidenten, Herrn von Puttkammer, Rede, und entwickelt ihm in großer Geläufigkeit ihre politischen, religiösen und socialen Ansichten, nicht ohne einige theoretische Excurse über die Ehe und die Freigebung der Naturechte der Frauen. Nachgehends wird sie wieder ein Weib und geht mit in den schleswig-holsteinischen Feldzug, um in den Spitälern zu helfen und die verwundeten Krieger zu pflegen. Und diese vielbesprochene Dame war nicht etwa ein tolles Mädchen oder eine alte Jungfer, sondern eine, wenn auch geschiedene Gattin, eine Mutter. Die Ehe wirkt sonst am tiefsten dahin, das Weib weiblich zu bewahren. Die Ueberweiblichkeit aber begreift den Ernst der Ehe nicht mehr; wie in ihr das Geschlecht schrankenlos in seiner Eigenart sich gehen läßt, so auch das Individuum. Da bleibt kein Raum mehr zur Opferwilligkeit für die große Idee der Familie und des Hauses. Jene emancipirte Frau war die Tochter eines deutschen Landpfarrers, in der Einsamkeit des Dorfes erzogen, von früh auf nur ein schwärmerisches Gemüthsleben führend, dann einem reichen, nüchternen englischen Maschinenfabrikanten angetraut, aus ihrer Einsamkeit plötzlich in die fremde große Welt gestoßen. Da waren alle Vorbedingungen zur Ueberweiblichkeit gegeben.

Wenn Tausende von Männern gegenwärtig aus dem socialen Geleise kommen, weil sie, in zärtlichster Besorgnis; um sich selbst, die »rechte Existenz« und den »rechten Beruf« verfehlt zu haben wähnen: dann werden Tausende von Frauen irre an der natürlichen Stellung des Weibes, weil sie, bei gleicher Selbstverhätschelung in den falschen Ehebund getreten zu seyn glauben. Gerade für den Ernst der Ehe find wir im Durchschnitt viel zu sentimental gegenüber unserm werthen Ich, zu zärtlich gegen uns selbst. Das wirkt die Ueberweiblichkeit, die auch Manner weibisch macht. Vordem war man fatalistischer, oder, wenn man will, gottergebener, biß die Zähne zusammen und hielt den einmal erwählten Beruf, die einmal geschlossene Ehe als eine in Gottes Rathschluß vollendete Thatsache fest, und so gab es gar keine communistischen Männer und nur wenige emancipirte Frauen. Das ist ja eben das eigentliche Salz der Ehe, daß man, wenn man einmal Ja gesagt hat, nicht wieder Nein sagen kann.

In solchen Erscheinungen wie Luise Aston sehen wir die Frucht unserer ungesunden literarischen Entwickelungen. Aus Ueberweiblichkeit copirt die Dame die Männer, zeigt aber auch zugleich den Männern, wie weibisch sie geworden sind. Die Frau besitzt einen ungleich mächtigeren Nachahmungstrieb als der Mann. Er muß ihr zum Theil die mindere Schöpfungskraft ersetzen. Die Gier, mit welcher so viele literarische Damen gerade der blasirtesten, zerrissensten, innerlich faulsten Poesie der Zeit nachahmend sich zuwenden, gemahnt mich an jene russischen Poeten und Künstler, die auch nur solche Schöpfungen des abendländischen Europa, welche tüchtig von der Verderbniß veräußerlichter Cultur angefressen sind, nachzuahmen pflegen.

Es ist sehr verführerisch, hier eine Parallele zwischen den Slaven und den Frauen zu ziehen. Die Slaven sind ein gemüthliches, häusliches, in der Selbstbeschränkung zufriedenes Volk, ganz nach guter Frauen Art, singen gern und gut und tanzen noch besser, halten fest an väterlicher Sitte und haben viel passive Tapferkeit, wie das alles auch bei guten Frauen seyn soll. Aber es fehlt ihnen der erfinderische und künstlerisch selbstschöpferische Geist. Dafür sind sie wunderbare Virtuosen in der Nachahmung; gerade wie die Frauen. Wenn sie – die Slaven – aber einmal beginnen, fremde Art nachzuahmen, dann werden sie wahrhaft zügellos in der Aufnahme des Ausländischen, vor dem sie sonst spröde sich abschließen. Also: national und conservativ in den Sitten, im ruhenden Seyn und Wesen; fessellos dem Fremden hingegeben in der Productivität. Das ist auch Frauen-Art, und bei diesem Geschlecht so wenig ein innerer Widerspruch wie bei jenem Volk.

Aber nicht bloß bei den sogenannten emancipirten Damen, auch bei Frauen ganz entgegengesetzter Art bricht die Ueberweiblichkeit hervor und steckt uns mit ihrem marklosen Wesen an. Als im vorigen Jahrhundert der Pietismus von einem deutschen Schloß und Herrenhause zum andern zog, waren es vorzugsweise die Gräfinnen und Baronessen, welche die neue weiche, schwärmerische Gemüthsstimmung hegten, dieselbe dann noch weicher und kranker auf die Männer wieder zurück leiteten, den Pfarrer spielten, als seyen sie ordinirt und nach Außen auf's trefflichste Propaganda machten für ihre Partei. Das war auch Ueberweiblichkeit, die ins Männliche umschlug und unter deren Einfluß die ganze Sache verdarb.

Viele unserer heutigen milden und frommen Frauenvereine zur Heilung von allen möglichen sittlichen und socialen Schäden trifft derselbe Vorwurf. Der rechte Frauenverein ist das Haus. Wenn eine wohlhabende Frau einsam steht, dann soll sie sich vorerst umschauen, ob in ihrer Sippe keine Familie ist, bei der sie als »alte Tante« einziehen kann und mitarbeiten am Hause. Es ist dieß immer noch ein stolzerer und weiblicherer Wirkungskreis denn Präsidentin mehrerer Frauenvereine zu seyn. Kann sie nicht alte Tante werden, dann gibt es vielleicht ein Kloster, wo sie arme Kinder erziehen und als in einem großen Hause mit den andern Nonnen zusammenleben und wirken kann. Schickt es sich aber auch mit dem Kloster nicht, dann möge sie in Gottes Namen Frauenvereine gründen und leiten. Ich weiß recht wohl, wie viel Frauenmilde, Frauenbarmherzigkeit, Frauenaufopferung in solchen Vereinen als in einem köstlichen Gefäß geborgen liegt. Ich weiß aber auch, daß gar oft das überweibliche Gelüsten, die Männer nachzuahmen, dahinter spuckt und daß die großartigsten Gedanken umfassender Association zur Hülfe in unsern socialen Nöthen häufig travestirt werden in diesem weiblichen Vereinswesen und dadurch unmöglich gemacht. Es gibt auch viele Frauen, die dadurch ihrem Hause ohne Gewissensbisse zu entschlüpfen wähnen, daß sie in einen milden, frommen Verein gehen. Aber ihr Gewissen wird eines Tages wach werden und wird ihnen sagen, daß eine Frau nicht gerecht werden kann vor dem Herrn, wenn sie nicht vorher gerecht worden ist vor ihrem Hause. Es ist am Ende bloß ein kleiner Unterschied, durch Erziehung und Lebensgewohnheit bedingt, ob man sich dem Hause entzieht, indem man im Verein sich mit Plänen zur Aufhülfe der nothleidenden Klassen unterhält oder im Literatenklubb über Freiheit und Gleichheit räsonnirt.

Ein merkwürdiges Zeugniß, wie ganz und gar der Begriff von dem Ernst und der Würde des Eheberufs in der zimperlichen Ueberweiblichkeit untergegangen ist, liegt darin, daß sich feine Damen am meisten geschmeichelt fühlen, wenn sie Einer gar nicht für Hausfrauen oder Mütter hält. Es ist hier bei dem weiblichen Berufe ganz dieselbe Erscheinung, wie wenn der Schneider sich schämt, ein Schneider zu heißen – ächtes sociales Philisterthum! Wo ist doch der Stolz der Frauen hingekommen auf den Ehestand als den »ächten Stand,« auf den Segen einer zahlreichen Familie und Verwandtschaft, auf das Haus mit allem was dazugehört, auf die selbstgesponnene Leinwand, auf deren Menge die Frauen vordem so ehrgeizig erpicht waren, wie der Bauer auf den größten Misthaufen. Denn beides war das sicherste Wahrzeichen glänzender Wirthschaft.

Die Pariser Damen schicken ihre kleinen Kinder zur Erziehung auf's Land und übergeben ihr eigen Fleisch und Blut Miethlingen, damit sie selber für ehelos und kinderlos, und darum noch für jugendlicher und weil für jugendlicher, auch für schöner gelten mögen, als sie sind. Denn jung ist auch der Teufel schön gewesen. Dieß ist der schnurgerade Gegensatz zu dem vollständigen Aufgehen der Bauernfrau in der Familie. Verheirathet zu seyn erweckt immer noch einen gewissen Respekt in den Kreisen des gemeinen Mannes, während der Ehe in der feineren Welt schon ein Beigeschmack des Philisterhaften anhängt. Darum wird es immer mehr »guter Ton,« die Familienfeste möglichst kurz und still abzumachen, eine Taufe etwa, wie sie eine deutsche Schriftstellerin uns schildert, zu zwölf Personen bei einer Flasche Malaga und einer Schüssel Süßes, wovon der Conditor den Rest wieder an sich nimmt. Man schämt sich ordentlich, ein Kind zu bekommen und taufen lassen zu müssen. Wo diejenige Ehe für die reizendste gilt, von der es kein Mensch merkt, daß sie überhaupt vorhanden ist, da muß die natürliche Stellung beider Geschlechter, namentlich aber des weiblichen, bereits total verschoben seyn.

Gegenüber dem Bilde der modernen Pariser Mütter, die sich ihrer kleinen Kinder schämen und dieselben »auf's Land« ins Exil schicken, stehe die wahrhaft poesiegetränkte Kunde, welche uns der Limburger Chronist von dem ächten Frauenstolz einer deutschen Mutter der alten Zeit überliefert hat. Die Frau vom Stein, des großen deutschen Freiherrn Ahnfrau, hatte vier Töchter, von denen jede einem Ritter vermählt war, und zwei Söhne, beide Ritter und beide beweibt, und ihr Mann war auch ein Ritter. Da fügte es sich eines Tages, daß alle ihre Kinder in ihrem Hause waren, und es hatte die edle Frau sechs Töchter zu Tische sitzen und sechs Söhne, und diese sechs waren Ritter. »Und als sie also bey einander über einer Taffel sassen, da sagte die Frau ingemein: dieser Ehren ist zu viel. Darauff hatte niemand kein Acht; sehr kurz darnach steht dieselbe Frau auff und gehet heimlich ihre Strassen weg, daß nie kein Mensch davon die Wahrheit erfahren können, wohin sie kommen wäre.«

Eine moderne Dame wäre vielleicht auch davon gelaufen, wenn sie sich als die Mutter von zwölf Kindern und Schwiegerkindern hätte präsentiren müssen, aber gewiß nicht, weil ihr »Solcher Ehren zu viel« gedünkt, gewiß nicht, um im großherzigen Opfermuthe einer fast antik heidnischen Schicksalsbeschwörung durch das eigene Entsagen den Neid der Götter von den Häuptern der Kinder abzuwenden.

Uebrigens wurde auch im Mittelalter die Ueberweiblichkeit zu Zeiten Meisterin über ächte Frauenart. Der übertriebene Minnecultus setzt schon diese Ueberweiblichkeit voraus. Die feinste Schule der Galanterie an den provenzalischen Liebeshöfen stellte geradezu den Satz auf, daß sich die Liebe mit dem Ehestande nicht vertrage. Man schloß dem entsprechend Liebesbündnisse, die keineswegs Ehebündnisse waren oder werden sollten, unter großen Feierlichkeiten und ließ sie selbst vom Priester einsegnen.

Das Schauspiel dieser Liebeshöfe, nur in anderm Kostüm, wiederholt sich in der Zeit Ludwigs XIV., wo überhaupt in so vielen Stücken ein letztes Aufleuchten mittelalterlichen Gepränges erscheint, und nicht bedeutungslos der Brustharnisch immer noch neben der Perücke getragen wird. Aeußerst klar sehen wir in der Geschichte der Frauen dieser Zeit, wie die Ueberweiblichkit ausgebrütet wird, wie sie sich entwickelt und zuletzt das ganze französische Culturleben umstrickt, das ganze öffentliche Leben verfälscht und verdirbt. Zuerst nehmen wir da wahr, daß die Frauen empfindsam werden, überfein; die Ehe und das Haus sind ihnen zu plumpe Dinge, sie frischen jene Idee mittelalterlicher Liebeshöfe wieder auf, daß die Liebe mit dem Augenblicke der Hochzeit aufhöre. Dann werden wirkliche neue Liebeshöfe im Rococogeschmacke gegründet. Die feine Dame hält große Cour in ihrem festlich geschmückten Alcoven, wobei allerlei Hofsitten nachgeäfft werden. Der Alcoven wird zu einem förmlichen Tempel des Minnecultus, und der Herr, welcher dort als Hofmarschall die Etikette handhabt, führt den wunderlichen Ehren-Namen eines »Alcovisten.« Die Unterhaltung muß sich in verfeinerten überweiblichen Redeweisen bewegen; plumpe Wörter, wie »Ehestand,« »Sich verheirathen« u. dgl. vermeidet man gänzlich. Man sagt statt des Letzteren » donner dans l'amour permis,« wie man statt »Tanzen« sagt »Liebesrunen mit den Beinen zeichnen« tracer des chiffres d'amour. Von solchen verzwickten Redewendungen sind hunderte in der Schriftsprache sitzen geblieben und haben die kräftige und gesunde volksthümliche Redeweise verdrängt. So wird also schon der Genius der Sprache weibischer durch die überweiblichen Frauen. Bei dieser Sprachverbesserung sind aber die feinen Damen nicht stehen geblieben. Weil sie im Hause nichts mehr zu thun hatten, so warfen sie sich zuerst auf die schöngeistige Literatur. Die ganze maßlose Schöngeisterei des achtzehnten Jahrhunderts ist weiblichen Ursprungs. In den Salons des Hotel Rambouillet wird ein Forum für die schöne Literatur eröffnet, viele Poeten sind schon so gefesselt von den weiblichen Einflüssen, daß sie ihre Werke vor diesen Gerichtshof bringen. Die Frauen selber werden schöpferisch und übertragen die verzwickte Empfindsamkeit ihres Minnecultus im Alcoven in die Literatur. Dann werfen sie sich auf wissenschaftlichen und religiösen Dilettantismus. Das ganze Geistesleben des Zeitalters Ludwigs XIV. kommt unter den Pantoffel. Furchtbar rasch geht es nun auf der einmal betretenen abschüssigen Bahn in die Tiefe. Ludwig selber, der sich anfangs streng gegen weibliche Einflüsse abzuschließen trachtete, erhält nachgerade ein vollständiges Kartenspiel von vier Herzensköniginnen. Das Frauenregiment dringt nun auch zur Politik vor. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war die Galanterie der überweiblichen Frauen noch ein harmloses Spiel gewesen. Die Dame des Salons, wie wir sagen würden, oder wie man damals hätte sagen müssen, die Dame des Alcoven, empfing zwar ihren glänzenden Cirkel, nach höfischer Sitte, im Bette liegend, allein der »Alcovist« machte dabei nicht nur die Honneurs, er war auch ein Ehrenwächter. Das änderte sich rasch, und der Alcov sah im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ganz andern Minnecultus. Mit den häuslichen Sitten wird das Weib auch allemal der Sittlichkeit ledig. Und so ist dann die letzte Folge jener Überweiblichkeit, jenes Uebergreifens der Frauen in Kunst und Literatur, in religiöses und politisches Volksleben ein Abgrund von sittlicher Fäulniß. Mit der Frivolität geht bald die religiöse Heuchelei, verschwommene pietistische Schönseligkeit Hand in Hand, und die Büßerinnen selber unterwühlen den sittlichen Ernst des religiösen Geistes. Molière, der nur die besseren, unschuldigeren Zeiten dieses Weiberregiments erlebte, hat in seinen »gelehrten Frauen« bereits prophetische Blicke in die Zukunft solchen Treibens geworfen. Die Moral der »gelehrten Frauen« ist: die Emancipirung von den Frauen. Es ist darum ganz zeitgemäß, daß uns unlängst Adolph Laun in Oldenburg diese Warnungskomödie gesondert übersetzt und mit einer lesenswerthen Einleitung »über das Preziosenthum im siebzehnten Jahrhundert« herausgegeben hat. Denn die Einflüsse der Ueberweiblichkeit dringen wieder unmerklich in alle Poren unsers Culturlebens ein. Die Folgen lassen sich bereits leise spüren. Vor einem weiteren Fortschreiten auf dieser Bahn aber möge uns der Himmel bewahren, sowohl um der Würde der Frauen wie um die Würde der Männer willen.

Die Wurzel aller solcher weiblicher Krankheitseinflüsse steckt in der von der feinen Gesellschaft angestrebten Ueberweiblichkeit. So war es im Mittelalter und in der Rococozeit; so ist es noch jetzt. Nur durch die Zucht des Hauses, nur durch das Leben in der Familie kann man diesen Teufel der Ueberweiblichkeit bannen. Wie sollen aber die Kinder für die Familie und in der Familie erzogen werden, wenn die Eltern selber ein strenges häusliches Leben längst aufgegeben haben? Dagegen finden wir meist eine vom Hause weit abführende, wohl gar von Frauen selbst geübte Damenpädagogik, welche den Schaum aller Kunst und Wissenschaft als »Bildungsstoff« für halbwüchsige Fräulein abschöpft und dadurch die unerhörte Individualisirung und falsche Selbständigkeit der weiblichen Natur erzielen hilft. Von solcher Frauenart müssen wir uns emancipiren.

Gerade der natürliche conservative Beruf der Frauen zum Erhalten und Pflegen der überlieferten Sitten, zur Bewahrung des Hauses, zur Hebung eines Geistes der Selbstbeschränkung, des Maßes und der Opferwilligkeit geht bei dem überweiblichen Wesen am sichersten verloren.

In Rußland, dem Lande der raffinirtesten Ueberfeinerung bei der vornehmen Welt, hat die Polizei ein besonders scharfes Auge auf überweibliche Frauen. Auffallend vornehme Damen, die von ihren Reisen durch Italien, Frankreich, Deutschland nach Petersburg zurückkehren, werden dort vom Thorschreiber oft ebenso vorweg für verdächtig angesehen, wie bei uns die Handwerksburschen, und der Czaar verbannt höchst gebildete unruhige Frauenköpfe nicht selten zur socialpolitischen Kur in das etwas minder gebildete Land Sibirien. Ein liberaler Schriftsteller macht nicht ohne Grund darauf aufmerksam, daß bei verschiedenen polnischen Aufstandsversuchen die »heroischen modernen Weiber« weit mehr die Fäden der revolutionären Intrigue eingefädelt hätten, als die Männer, und daß die deutschkatholische Sache weit eifriger durch den Fanatismus der Frauen als durch die Nüchternheit der Männer befördert worden sey. Letzteres ist vollkommen richtig. Ronge war von überweiblichen Frauen noch eine gute Weile mit zarten Spenden fast erdrückt, als Männer von Bildung längst nur noch ein Lächeln für ihn hatten. Seine Theologie entsprach so ganz der veräußerlichten, ästhetisch und moralphilosophisch verdünnten Religionsidee, wie sie in Briefen, Memoiren und Romanen der schöngeistigen Frauenliteratur, in Stammbuchsprüchen und Almanachversen seit einem halben Jahrhundert entwickelt worden war, daß die überbildeten Frauen im Bekenntnis des Ronge'schen Katechismus im Grunde nur das als Geschenk noch einmal hinnahmen, was längst ihr eigenstes Besitzthum gewesen war.

So haben gar viele feine, überweibliche Frauen auch im ersten Rausche unserer letzten revolutionären Bewegung sofort ihren natürlichen Geschlechtsberuf des Beharrens und Bewahrens vergessen und den Radikalen begeistert zugejubelt. Die Demokraten mit ihren jungen, stattlich bebarteten Wortführern, mit ihren Turnerschaaren, den wallenden Fahnen und wogenden Federn, den malerischen Volksversammlungen, den prächtig deklamirenden Volksrednern stellten mehr dar, als sie thaten und waren. Der weiblichen Natur entging diese Wahlverwandtschaft nicht. Die gesetzten, glatt rasirten conservativen Männer dagegen, deren Chorführer in den Parlamenten einen bedenklich starken Beitrag zur Statistik der Glatzköpfe lieferten, stellten für ein Frauenauge äußerlich wenig oder nichts dar. Aber auch die politische Lehre der Demokraten entsprach jenem merkwürdigen radikalen Naturrecht der Gesellschaft, weches sich bei den Frauen sofort da ausbildet, wo sie das feste geschichtliche Recht der überlieferten Sitte aufgeben.

Dieses Naturrecht wird in folgender Weise entwickelt. Zuerst fällt die Frau auf den Gedanken, daß ihr in der Familie vermittelter öffentlicher Beruf ein geringfügigerer sey, als der unmittelbar politische des Mannes. Sie glaubt nun dem Manne nur gleich seyn zu können, wenn sie das Gleiche wirkt, und beginnt demgemäß allerlei männliche Geschäfte eifrigst in's Weibliche zu travestiren. Jetzt ist die Folgerung nahegelegt, daß das Festhalten verschiedener Berufe der Geschlechter nur eine von den Männern in unvordenklicher Zeit ersonnene und wie durch einen Geheimbund des starken Geschlechtes fortwährend aufrecht erhaltene Tyrannei sey. Mit den verschiedenartigen Geschlechtsberufen fallen dann natürlich auch die verschiedenen Berufe der Stände – und so geht es mit Siebenmeilenstiefeln weiter zur vollständigen Ausebnung von Gesellschaft und Staat. Vermag das Weib einmal nicht mehr die nothwendige Ungleichartigkeit des Berufes von Mann und Frau einzusehen, dann wird sie in der Regel noch weit ausschweifender in socialistischen Schwärmereien, als der Mann. Selbst wo das Weib thun darf, was der Mann thut, darf es dasselbe doch nicht thun, wie es der Mann thut. Es ist z. B. die Sitte der städtischen Frauen, auch im gewöhnlichen Verkehr mit einem bis über die Knöchel herabfallenden – ursprünglich höfischen – Gewande einherzugehen, so überweiblich und darum für eine rührige Hausfrau so unpraktisch und widersinnig, daß eine Empörung gegen dieses Hofkleid in der Küche an sich ganz berechtigt erschiene. Obendrein bieten die Volkstrachten herrliche Motive zu zweckmäßigerem und schönerem Gewand. Jede einzelne Frau kann nun wohl ganz still in ihrem Kreise dahin wirken, daß die Sitte allmählig in ihrer Verkehrtheit erkannt werde und sich aus sich selbst umgestalte. Wenn aber eine Handvoll Frauen für eine solche Kleiderreform stracks eine Agitation eröffnen, weibliche Meetings mit langweiligen Reden und desto kurzweiligeren Debatten abhalten und nicht nur eine neue Sitte machen, sondern auch neue gesellschaftliche Grundsätze so beiläufig als Garnitur zu den neuen Röcken aufsetzen wollen, dann haben sie schon die Schranken ihres Berufes durchbrochen. Nicht um des Gegenstandes willen, sondern wegen der Art, wie sie ihn angreifen, sind sie unweiblich geworden.

Das weibliche Talent der Nachahmung können wir gegenwärtig hinreichend in unserem ganzen Geistesleben verspüren. Die Gewandtheit, eine neue Zeitstimmung aufzunehmen und in geschmeidige Formen zu gießen, der Reproduktionsgeist, welcher den Frauen einen so entschiedenen Beruf für die Bühne gegeben, ist von den Frauen auch immer mehr den Männern übermittelt worden. In der Leichtigkeit, mit welcher jetzt jegliches Wissen und jede Kunst Gemeingut wird, steckt mehr weiblicher Einfluß, als man ahnt. In männlicheren Zeiten vertieft sich der Einzelne in das Einzelne; jetzt haben Alle alle Weisheit mit Löffeln gegessen – aber es ist meist ein Schaumlöffel gewesen und das Beste ist doch durchgelaufen.

Ich sprach oben von dem Einfluß des weiblichen Singchores auf die Kirchenmusik. Der entschied sich schon in alter Zeit. Wie viel größer ist jetzt der weibliche Einfluß auf die ganze schöpferische Tonkunst geworden, wo die Frauen nicht bloß mitsingen, sondern auch componiren und namentlich kunstrichtern, wo sie ein »Publikum« geworden sind, auf welches der Tondichter vor allen Dingen rechnen muß. Man vergleiche z. B. die spröden, herben, einseitig männlichen musikalischen Formen und Gedanken aus Händels und Bachs Periode mit unserm heutigen flüssigen, zierlichen, schmiegsamen Styl, um dieses weiblichen Einflusses inne zu werden. Es ist in der ganzen Epoche keine einzige große, schöpferische Tondichterin aufgetreten, und höchstens sind sinnigen Frauen kleine volksthümliche Lieder trefflich geglückt, während es mit dem ausgearbeiteten Musikstück und dem strengen, contrapunktischen Satz, d. h. mit der höheren musikalischen Architektonik, bei den Frauen niemals recht flecken etc. will. Und dennoch haben sie einen mächtigen Einfluß über unsere ganze musikalische Entwicklung erstreckt. Die Schnörkeleien und das zärtliche Girren der Zopfcomponisten haben sie schon auf dem Gewissen; dann zum guten Theil die Sentimentalitäten und Ueberschwänglichkeiten der Romantiker, und die Blasirtheit, Koketterie und raffinirte Putzsucht der neuesten Schulen obendrein. Wenn Mendelssohn manchmal so gar blaß und eintönig und traumhaft verschwommen im Colorit wird, daß sich diese dünne Farbe unmöglich auf die Dauer halten kann, dann möge man sich nicht bloß seiner angeborenen weiblichen Natur, sondern auch der weiblichen Einflüsse erinnern, die seine Entwickelung fortwährend begleiteten.

An der Ehre der geschmeidigen, wasserflüssigen Prosa im Schriftthum des neunzehnten Jahrhunderts haben die Frauen keinen geringen Antheil. Was uns die oft so holperige, ungefüge Rede des sechzehnten Jahrhunderts noch immer so frisch und wunderbar anziehend macht, das ist dagegen der männliche Geist jener harten Zeit, der aus ihrer volksthümlich kernhaften Sprache wie Feuer aus einem Felsen bricht.

Bei einer raffinirten, auf's Aeußerste und äußerlich entfalteten Gesittung ist die Gefahr eines übermächtigen Vordringens der weiblichen Art in eben dem Maße nahe gerückt, wie gegentheils bei rohen Naturzuständen, in der Urzeit, im heroischen Zeitalter, im niederen Volksleben die zarte Weiblichkeit leicht von der wilden, ungeschliffenen Mannheit erdrückt wird.

Weit zeitgemäßer wäre daher am Ende statt einer »Emancipation der Frauen« eine »Emancipation von den Frauen.«

Unsere Buchhändler speculiren auf nichts eifriger als auf Damenlectüre: ein Dichter, den die Frauen kaufen, ist ein gemachter Mann. Die Frauen sind jetzt »ein Publikum« geworden für den Poeten, wie sie vor zweihundert Jahren ein Kunstrichtercollegium im Hotel Rambouillet waren. Am Ende sind sie gar »das« Publikum, und das Publikum erzieht sich seine Poeten. Können wir uns z. B. Redwitz denken ohne die Voraussetzung eines Frauenpublikums?

Wir haben »weibliche Hochschulen,« Frauenzeitungen und Damenvorlesungen aller Art. Es gibt kaum eine Wissenschaft mehr, von der Metaphysik bis zur Maschinenkunde, welche nicht in eigenen Büchern zum besondern Handgebrauch der Frauen verarbeitet worden wäre. Von solch literarischer Betriebsamkeit im Frauendienste hat man sich noch nichts träumen lassen, als der Großvater die Großmutter nahm. Man hat aber damals auch nichts gewußt von dem rückwirkenden Einfluß, den die Frauen allmählig auch auf das wissenschaftliche Leben üben werden. Denn solche Beziehungen bleiben niemals einseitig.

Durchwandert die Säle unserer Kunstausstellungen: zwei Drittel der Gemälde sind in der Regel auf den Geschmack und das Urtheil der Frauen berechnet. Hat der Ernst der Kunst dabei gewonnen?

Seit es bei den Damen der feinern Welt wieder vorherrschend »guter Ton« geworden ist, kirchlich gläubig und politisch loyal zu seyn, ist der Bruch mit der Revolution nicht bloß durch die Bajonette, sondern auch in der Stimmung der Massen entschieden. Haben die Frauen, jede durch gründliche Umkehr im eigenen Hause, einen solchen Umschwung bewirkt, dann haben sie in ächt weiblicher Art ihren Beruf erfüllt. Aber Mission nach Außen machen in der religiösen und socialen Welt, das sollen die Frauen nicht. Das Haus ist ihre Gemeinde. Das unmittelbare Leben im Glauben und im Gebet liegt der Frauennatur oft viel näher als der männlichen. Wir mögen die Frauen darum glücklich preisen. Aber wenn sie mit dem Glauben nicht etwa Berge versetzen, sondern noch viel mehr, den Staat und die Gesellschaft neu bauen wollen und diese Rechnung mit ungleichartigen Größen auch bei den Männern in Curs bringen, dann muß sich der Politiker seiner Haut wehren. Die Staatsmänner und Staatsbürger sollen als Menschen Gott im Herzen tragen; der Staat bleibt darum doch eine menschliche Anstalt und die Gesellschaft zeigt uns den Menschen zuvörderst von seiner wirthschaftlichen, beruflichen, ständischen Seite, nur mittelbar von seiner religiösen. Wer die Gesellschaft verjüngen und den Staat fortbilden will, der soll freilich im Namen Gottes an's Werk gehen, aber als Politiker an ein politisches Werk. Der Satz, daß nur durch Gottes Wort die zerfallende Gesellschaft wieder aufgebaut werden könne, ist so allgemein wahr, daß er speciell wieder nichts besagt, und der Staatsmann nichts mit ihm anfangen kann. Er würde zum politischen Quietismus führen; er ist Frauenweisheit im guten und schlimmen Sinne. Ein« neue Gliederung der Stände, ein neues Innungsleben, eine Neubelebung tüchtiger Sitten und Gesetze des Hauses schafft man nicht durch Gottes Wort. Gute Christen aber soll aus uns Allen Gottes Wort schaffen, damit wir fähig sind, gute neue Gesetze und gute alte Sitten zu ertragen und zu üben. Die heilige Schrift sagt: Gebet dem Kaiser was des Kaisers und Gott was Gottes ist.

Es könnte Mancher mich mißverstehen, als wolle ich jede höhere Bildung von den Frauen genommen wissen, als wolle ich die Frauen, ganz und gar nur in die Haushaltung schlachten. Ich bin aber nicht entfernt ein solcher Barbar.

Molière hat folgende treffende Verse über die feinere Geistesbildung der Frauen:


»Je consens qu'une femme ait de clarté de tout:
Mais je ne lui veux point la passion choquante
De se rendre savante afin d'être savante;
Et j'aime que souvent, aux questions qu'on fait,
Elle sache ignorer les choses qu'elle sait:
De son étude enfin je veux qu'elle se cache,
Et qu'elle ait du savoir sans voulor qu'on le sache.«

Das ist mir aus der Seele gesprochen. Eine Frau mag in künstlerischer und wissenschaftlicher Bildung ihren Geist auf's reichste entfalten; aber diese Bildung soll ihr nur in seltenen Ausnahmefällen Selbstzweck seyn, die Frau soll nur ganz ausnahmsweise Profession davon machen. Dann wäre aber solche Bildung nur ein müßiger Putz des Geistes? Keineswegs. Der Mann, die Familie, die Freunde, die ganze Umgebung einer Frau werden mittelbar die reichsten Früchte edler, durchgebildeter Weiblichkeit ernten. Herrschen soll die Frau, indem sie dient, den Mann aus seiner Beschränkung herausreißen, indem sie sich selbst beschränkt, Einflüsse üben, wo sie nur Einflüsse zu empfangen scheint. Das glänzendste Beispiel solch ächt weiblicher Wirksamkeit in den höchsten Sphären des Geisteslebens gibt uns die neuere Culturgeschichte in dem Verhältniß der Freundin Goethe's, Charlotte von Stein, zu dem Dichter. Eine reichbegabte, tiefgebildete Frau, wirkt sie bestimmend mit auf die Gestaltung der deutschen Literatur, nicht indem sie selber auf den Markt tritt, Bücher schreibt u. dgl., sondern indem sie für den Freund und mit dem Freunde die Leuchte ihrer Gedanken entzündet und dadurch den versöhnten, milden, harmonischen Geist edler Weiblichkeit in des Dichters Seele gießt, der ihn auf dem klassischen Höhepunkt seines Wirkens so, hoch vor Allen auszeichnet. In diesem Sinne hat die Freundin Theil an Tasso, an Iphigenie, an Egmont, an der italienischen Reise, die ja fast ganz für sie und im Gedächtnis; an sie geschrieben wurde; sie hat Theil an der Unsterblichkeit des Poeten, den sie bestimmen half, indem sie sich von ihm bestimmen ließ; und indem sie im Hause blieb, ist sie doch auch vor die Nation getreten und ihr Name wird genannt werden, solange man Goethe's Namen nennt.

Solch ächter, in den Schranken der Weiblichkeit gehaltener Einfluß der Frauen tritt fast immer ein in den eigentlich klassischen Perioden des Culturlebens der Nationen. Ich komme noch einmal auf die Musikanten zurück, die mir nun eben an's Herz gewachsen sind. Mozart und Haydn zeigen den versöhnenden, sänftigenden Einfluß edelster Weiblichkeit in fast jeder Note, die sie geschrieben. Sie hatten es beide gern mit den Frauen zu thun. Mozart hat ja von der Liebe so innig in Tönen gedichtet wie kein Anderer; Haydn, in seinen Gedanken so deutsch gemüthlich, in seinen Formen so hellenisch plastisch, ist der größte Meister der Hausmusik. In seinen alten Tagen hat sich Vater Haydn noch besonders schöne Mädchenköpfe, die ihm in Wien aufstießen, malen lassen, zur Anlegung eines kleinen Schönheitskabinets. Aber für ein »Damenpublikum« haben beide niemals componirt. Sie componirten auch nicht vorwiegend für Männer, wie der spröde, in die Tiefen seines einsamen Geistes versunkene Sebastian Bach: sie componirten für das ganze Volk, für Männer und Frauen zumal. Das ist ein ganz anderes Ding als die Herrschaft, welche ein Publikum überweiblicher Damen auf die moderne Kunstentwickelung übt. Von diesen Damen müssen wir uns emancipiren, nicht von Frauen der anderen Art.

Die Deutschen hatten den großen Beruf in der Weltgeschichte, Mann und Weib zuerst in der ganzen Tiefe ihres Gegensatzes zu erkennen und namentlich die weibliche Natur frei zu machen, zu vollen Ehren zu bringen. Diese deutscheste That hat ihr kleines aber wunderbar tiefsinniges Symbol in dem Charakter des deutschen Volksliedes gefunden. Das deutsche Volkslied ist männlich gegenüber den schwärmerisch weichen, weiblichen, oft weibischen Mollweisen der Slaven, gegenüber der schmiegsamen Anmuth der italienischen Gesänge. Dennoch aber klingt weibliche Innigkeit und Gefühlsunmittelbarkeit wiederum so klar und edel aus den meisten männlichen Rythmen und männlichen Dur-Weisen unserer Lieder hervor, daß männliche und weibliche Art zum reinsten Einklang wie bei keiner andern Nation hier verbunden scheinen. Das haben die drei größten Meister der Versöhnung männlicher und weiblicher Art von den neueren Kunstlern, Goethe, Haydn und Mozart, wohl herausgefühlt, denn gerade diese Drei haben wiederum das deutsche Volkslied in Wort und Ton zur Verjüngung der ganzen Kunst in ihre klassischen Schöpfungen hinüber geleitet.

Mann und Weib denken und handeln nach den gleichen, allgemeinen menschlichen Denk- und Sittengesetzen. Darum spricht man in der Logik nicht vom männlichen und weiblichen Geiste und in der Moral nicht vom männlichen und weiblichen Gewissen, sondern in beiden Wissenschaften nur vom Menschen. Die Psychologie dagegen scheidet schon zwischen Mann und Frau,, und ihre Base,, die Physiologie, noch viel mehr. Denn die Richtung in welcher diese Gesetze von Mann und Weib angewandt und entwickelt werden, ist eine unterschiedene. Es gibt nur Einen menschlichen Geist, aber es gibt eine männliche und weibliche Seele, die mitbedingt ist durch die höchst verschiedenartige Nerven-, Knochen-, Blut- und Muskelbildung von Mann und Frau. Es entspringt daraus ein gesonderter männlicher und weiblicher Beruf.

Wir treten hier vor das große Geheimniß des Zusammenhanges zwischen dem sterblichen Leib und dem unsterblichen Geiste. Ein moderner Naturforscher sagt, die Gedanken werden vom Gehirn erzeugt, wie der Urin von den Nieren. Das ist keine neue Weisheit. Ein Materialist des achtzehnten Jahrhunderts hat sie etwas derber, aber gleich ernstlich gemeint, in folgenden Spruch gefaßt: »Wenn ein hypochondrischer Dunst in unsern Eingeweiden wüthet, so kommt es nur darauf an, welche Direktion er nimmt. Steigt er aufwärts, so wird es ein sublimer Gedanke, steigt er abwärts, so wird eine Blähung daraus.«

Zu so gemeiner Auffassung des Menschen wird derjenige nicht kommen, welcher im menschlichen Geiste zugleich den »Odem des Lebens,« den göttlichen Geist erkennt, der in seinem Wesen und seinen Gesetzen unabhängig ist von den Besonderheiten des Körpers und des Geschlechts, in der Richtung der Entwicklung, die er einschlägt aber mitbedingt durch den Körper. So kreuzt sich hier, wie in allen menschlichen Dingen, Willensfreiheit und Naturnotwendigkeit – göttliche Vorbestimmung.

Und ein Produkt dieser Kreuzung erkennen wir auch in den verschiedenen Berufen der Geschlechter. Das Weib kann thun, was der Mann thut, aber es soll es anders thun als der Mann. Es handelt in den Schranken der Sitte und des Hauses und indem die Ueberweiblichkeit diese durchbricht, wird sie zugleich zur Unweiblichkeit.

Es ist höchst unlogisch, daß gerade die Materialisten, denen der Gedanke aus dem Hirn sich absondert wie der Urin aus den Nieren, für die Gleichartigkeit männlichen und weiblichen Berufes eifern. Für sie gibt es ja nur eine Sonderung der Geschlechter, zuletzt Ueberweiblichkeit und Uebermännlichkeit; denn sie bleiben ja stecken in der körperlichen Ungleichartigkeit, welche ihnen die verschiedenen Phasen des Geisteslebens erzeugt, und von da gibt es für sie gar keine Brücke zu dem allgemein Menschlichen und Gottlichen im Menschen, außer in den Extremen, die sich berühren, indem das überweibliche Weib den Mann zum Weibe macht – auf der Stufe der veräußerlichten Gesittung – oder der übermännliche Mann das Weib zum Manne – im Zustande der Rohheit und Barbarei. Wir erkennen in und mit der Besonderung der Geschlechter zugleich die Versöhnung des Gegensatzes; für den Materialisten gibt es eine Ausgleichung nur in dem widerlichen Bilde des Hermaphroditen.

Der griechische Mythus aber sagt, daß Atalantius, der Sohn des Hermes und der Aphrodite, zur Strafe von den Göttern in den geschlechtlosen Hennaphroditen verwandelt worden sey, weil ihm die Liebe gefehlt habe.

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