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Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Familie - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDie Familie
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1861
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
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Zweites Kapitel

Die Scheidung der Geschlechter im Processe des Culturlebens

Bei fast allen Bildnissen berühmter weiblicher Schönheiten aus vergangenen Jahrhunderten überraschen uns die bestimmt geführten Conturen und Züge; es dünken uns diese Köpfe zu männlich gegenüber dem Urbild weiblicher Schönheit, welches uns Modernen vorschwebt.

Sowie die mittelaltrigen Maler den allgemeinen Typus der Engel- und Heiligenköpfe aufgeben, so wie van Eyck und Hemmling Madonnen und weibliche Heilige mit persönlichen, individuell durchgebildeten Köpfen malen, schleichen sich in diese so tief empfundenen Bildnisse zartester Jungfräulichkeit gewisse harte Züge ein, welche uns die Köpfe auffallend männlich oder ein klein wenig zu alt erscheinen lassen. Van Eyck'sche Madonnen mit dem Christuskind auf dem Schooße sehen uns häufig wie Dreißigerinnen aus. Dennoch folgte der Maler der Natur; aber die Natur ist seitdem eine andere geworden. Auch die zarte Jungfrau hatte vor drei Jahrhunderten noch männlichere Züge als jetzt, und wer in dem Porträt der Maria Stuart ein Gesicht wie aus dem Modejournal geschnitten sucht, der wird sich enttäuscht finden, durch die bestimmten, für das Auge des neunzehnten Jahrhunderts fast männlich bestimmten Umrisse dieser gepriesenen Schönheit.

Der Unterschied von Mann und Weib entwickelt sich immer tiefer mit der steigenden Gesittung. Und diese immer individuellere Ausprägung des Geschlechtsgegensatzes erstreckt sich über den ganzen Menschen an Leib und Seele. Nicht bloß die alten Maler, auch unsere Aerzte und Anatomen können hier die Beobachtungen des Socialpolitikers vermehren helfen.

Bei dem rohen Naturmenschen, desgleichen bei verkümmerten, in ihrer Gesittung verkrüppelten Volksgruppen zeigt sich der Gegensatz von Mann und Weib noch vielfach verwischt und verdunkelt. Er verdeutlicht und erweitert sich in gleichem Schritt mit der wachsenden Cultur.

Bei sehr abgeschlossen lebenden Bauerschaften, bei einer verarmten und gedrückten Landbevölkerung wie bei den in harter körperlicher Arbeit und Entbehrung erstarrten Proletariern hat der männliche und weibliche Kopf fast ganz die gleiche Physiognomie. Ein in Männertracht gemaltes Frauengesicht aus diesen Volksschichten wird sich kaum von einem Mannskopf unterscheiden lassen. Namentlich alte Weiber und alte Männer gleichen sich hier, wie ein Ei dem andern.

Selbst der mittlere Durchschnitt der Körperlänge wird sich beim gemeinen Volke für beide Geschlechter weit gleichmäßiger stellen als bei den verfeinerten Klassen. Unsere kleinen städtischen Weibchen neben den langaufgeschossenen Männern künden den Culturmenschen an. Wer Scenen aus den Nibelungen malt, der darf seine Kriemhild und Brunhild nur um weniges kleiner messen als seinen Siegfried und Hagen. Das Weib des Recken ist selber noch reckenhaft gewesen. In den norddeutschen Marschen sind grenadiermäßige, ihrem Manne schier gleichgewachsene Bauernweiber noch nahezu die Regel. In unsern Städten sind solche Erscheinungen bereits eine auffallende Ausnahme. Mit dem höheren Alter wird die Bauernfrau sehr häufig ein förmliches Mannweib. Selbst die Klangfarbe der Stimme der beiden Geschlechter ist bei einfacheren Zuständen der Gesittung im Allgemeinen gleichmäßiger. Der hohe Tenor, als die weibliche Mannsstimme, und der tiefe Alt, als die männliche Frauenstimme, sind bei den Culturmenschen viel seltener als bei den Naturmenschen, wo männliche und weibliche Art noch unterschiedsloser in einander übergreift. Unsere Kapellmeister reisen nach Ungarn und Galizien, um helle, hohe Tenore zu suchen, und für den tiefen Alt wird fast gar nicht mehr componirt, weil die mannweiblichen Contra-Altistinnen bei den civilisirten Völkern aussterben. Herrschend wird dagegen der bestimmteste Gegensatz der geschlechtlichen Klangfarbe: Sopran und Baß. Diese Thatsache ist bereits bestimmend geworden für unsere Gesangschule, bestimmend für unsere vocale Tondichtung – auf welche versteckte Seitenwege führt doch hier die Wahrnehmung des stets sich erweiternden Gegensatzes zwischen Mann und Weib!

Dinge, welche die emancipirten Damen als eine ganz neue Eroberung hinzustellen suchen, finden sich bei den niedern Volksklassen in frischer und berechtigter Ursprünglichkeit längst vor, nur daß sie hier von einem etwas abschreckenden bucolischen Parfüm durchdrungen sind. Die Tirolerinnen z.B. gehen, ohne es zu ahnen, in fast vollständiger Bloomertracht: Männerhut, kurzer Rock und hohe Schnürstiefeln. Auch das Kleid der patriarchalisch in den Harem gekerkerten Türkinnen wollten socialistische Damen zum Abzeichen der befreiten Weiblichkeit erwählen: sie vergaßen nur, daß auch der Schleier zum türkischen Costüm gehört.

Als Seitenstück zu den jungen Damen mit der Papier-Cigarre im Munde sind mir bei Mittel- und niederdeutschen Bauernhochzeiten, Kindtaufen und Metzelsuppen häufig häßliche alte Weiber aufgestoßen, die, als holzschnittmäßige Vordergrundsfiguren, mit dem qualmenden Thonpfeifenstummel, einem sogenannten »Backenwärmer,« am Tische saßen und eine Tabakssorte in die Luft bliesen, bei deren Arom es selbst einem starknervigen Städter schwarz vor den Augen hätte werden können. Bei der untersten Hefe des Bauernvolkes, dazu bei Vagabunden und Zigeunern, hat die Verschmelzung männlicher und weiblicher Sitte ihren wahren geschichtlichen Boden. Hier sind die Frauen emancipirt. Hier herrscht keine prüde Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Decenz, und eine Zote, die den Männern zu ungewaschen ist, findet bei den Weibern immer noch eine gute Statt.

Der gemeine Mann bezeichnet das Weib gerne geschlechtlos als »das Mensch« und zwar keineswegs immer im verächtlichen Sinn, sondern gerade auch dann, wenn ihm das Treue, Geduldige, Entsagende der weiblichen Natur vorschwebt. Also: ein, treues, ehrliches, fleißiges Mensch. Er ahnt noch nicht die tiefe Herabsetzung, welche darin liegt, wenn man eine Person als geschlechtlos bezeichnet.

Die Volkssprache kennt sogar Wörter, darin die beiden Geschlechtsbezeichnungen geradezu zusammengekoppelt sind, wie etwa wenn sie die Frauen »Weibskerle« nennt. Das ist wiederum kein Schimpfwort; es soll nur die dem Weib aus dem Volke eigene selbstbewußte, aktiv vorschreitende Mannesnatur bezeichnen. Mit der Logik der gebildeteren Sprache vertragen sich solche Wörter nicht mehr, weil den gebildeteren Kreisen die Scheidung von Mann und Weib bereits zum vollsten Bewußtseyn gekommen ist.

Recht klar veranschaulicht sich das der steigenden Cultur Schritt für Schritt folgende Auseinandergehen männlicher und weiblicher Art in der Kleidersitte.

Die Tunica, womit wir den gemeinen Mann des deutschen Mittelalters auf alten Bildern und Holzschnitten bekleidet sehen, ist, gleich dem heutigen Bauernkittel, nur ein abgekürzter Weiberrock. Die Wörter »Kappe« und »Haube« gelten in der älteren Sprache oft unterschiedlos für die Kopfbedeckung beider Geschlechter. In Altbayern nennt man heute noch die Kappen der Männer Hauben, wie anderwärts die Hauben der Weiber Kappen. Die altbürgerliche Riegelhaube ist nichts weiter als der männliche Haarbeutel, auf einen Weiberzopf angewandt.

Dagegen ist die Tracht der beiden Geschlechter wohl niemals gründlicher geschieden gewesen als bei der feinen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts. Hier scheint überhaupt die Trennung der Geschlechter ebenso ins Uebermaß erweitert, als sie bei den untersten Volksschichten unter dem rechten Maß zurückgeblieben ist. Ein unversöhnlicherer Gegensatz ist nicht wohl denkbar, als der des Fracks und des langen Frauengewandes, des topfartig geschlossenen runden Männerhutes, und des gleich den Scheuledern der Pferde zu beiden Seiten offenen Schirmhutes unserer Damen. Selbst in den Farben der Gewandung hat das eine Geschlecht die dunklen charakterlosen und abgedämpften, das andere die hellen, vollen und saftigen für sich ausschließlich in Beschlag genommen.

Aber auch der geschäftliche Beruf des Weibes aus dem Volke fällt mit dem des Mannes noch völlig zusammen. Je mehr dagegen die Berufskreise Reichthum und Bildung voraussetzen, um so weniger ist dem Weibe eine Mitarbeit an dem Berufe des Mannes vergönnt.

Bei dem bäuerlichen Taglöhner und dem armen Kühbauern schafft die Frau ganz das Gleiche wie der Mann. Auch die geistige Bildungsstufe Beider wird völlig gleichartig seyn. Beide arbeiten am Acker, lenken Pflug und Wagen gemeinsam, säen, ernten und verkaufen gemeinsam oder in zufälliger Abwechslung. Das Walten im Hause ist nur eine gelegentliche Zugabe für die Frau. Ja, männlicher und weiblicher Beruf findet sich auch hier oft ebenso ausgetauscht, wie die Bezeichnung von Kappe und Haube. So bewacht der Hirt vielleicht, Strümpfe strickend, die Heerde, während seine Frau hinter dem Pfluge geht. Es ist selbst oft, als wäre der alttestamentliche Fluch, daß das Weib mit Schmerzen gebären solle, von solchen Weibern genommen: denn sie gebären wohl gar »hinter den Hecken,« packen den neugebornen Wurm auf, tragen ihn eine Stunde Wegs weit nach Hause und stehen nach drei Tagen wieder an ihrer gewohnten Arbeit. Gerade Schwangerschaft und Kindbett ist es ja, was in andern Kreisen den Frauen unmöglich macht einen äußern geschäftlichen Beruf stätig durchzuführen gleich dem Mann, der immer seines Körpers Herr ist.

Bei einer reichen, blühenden, an großen Verkehrsstraßen gelegenen bäuerlichen Bevölkerung tauscht die Frau schon durchaus nicht mehr so consequent ihre Arbeit mit der des Mannes. Da würde es die Frau in der Regel schon für sehr unschicklich halten, das Gespann zu lenken oder auch nur einen Kahn zu steuern: sie würde ausgelacht werden, wenn sie hinterm Pfluge ginge, und der Mann wenn er Strümpfe strickte. Die Hauptthätigkeit der Frau ist in den entwickelteren Schichten des Bauernthumes schon selbständiger auf das Haus beschränkt; auch die Unterscheidung männlicher und weiblicher Tracht und Sitte ist bei blühenden Bauerschaften in der Regel weit höher entfaltet als bei armseligen, zurückgebliebenen. Aber wenigstens ein Theil des landwirthschaftlichen Geschäftes wird doch überall auf dem Lande unterschiedslos von Mann und Weib geübt werden.

Aehnlich geht es beim handarbeitenden Proletarier. Taglöhner und Taglöhnerinnen üben meist den ganz gleichen Beruf. Bei den Fabrikarbeitern stehen Männer und Frauen, Kinder und Greise oft durchweg in der nämlichen Thätigkeit.

Nur bei Straßenräubern von Fach und gemeinen Dieben hilft auch die Frau mit im Geschäft; bei vornehmen Gaunern übt der Mann in der Regel seinen Beruf ganz allein.

Hier sey nun ferner daran erinnert, daß die Theilung des Berufs nicht bloß nach dem Geschlecht, sondern selbst nach den Altersstufen immer verwischter wird, je tiefer wir zu besitz- und bildungslosen Volksschichten hinabsteigen. Bei dem armen Kleinbauern muß schon der Schulbube dem Vater die halbe Berufsarbeit abnehmen. Die Beschäftigung der Frau, der heranwachsenden Kinder und des Hausgesindes fällt in eins zusammen. In den Städten haben die Kinder, bis sie zu Jünglingen und Jungfrauen herangereift sind, ihre eigenthümliche Kindertracht. Auf den Dörfern steckt der fünfjährige Bube schon in den verkleinerten Wasserstiefeln und dem Miniaturrocke des Vaters, und ruft uns in dieser drolligen Zwergenmaske die alte naturgeschichtliche Wahrheit ins Gedächtnis, daß nur die höchsten Formen des organischen Lebens auch die reichsten und bestimmtesten Gliederungen in sich schließen. Der unterschiedlose Beruf der Geschlechter ist ein trauriges Erbtheil armer und verkommener Leute, und das gliederungslose, abstracte Staatsbürgenthum wollen wir den Würmern und Mollusken nicht streitig machen.

Die Absonderung der beiden Geschlechter im geschäftlichen Beruf, wie sie beim entwickelteren Bauernthum bereits begonnen, setzt sich bei den Bürgern stufenweise fort. Dem Schuster, dem Schneider, dem Schenkwirth, überhaupt dem eigentlichen Kleingewerb ist die Frau noch ein ganzer Gesell im Geschäft. Bei den größeren Gewerben aber und vollends bei den geistigen Berufen hört diese weibliche Mitarbeit ganz auf. Des Ministers Frau kann nicht mehr im Kabinet aushelfen, wie des Krämers Frau im Laden. Je höher der Berufskreis: um so gesonderter ist die Thätigkeit von Mann und Frau.

Während man aber in Europa eine Frau nirgends auch nur in das unterste Bureau des Ministeriums läßt, setzt man in Oesterreich, England, Rußland, Spanien, Portugal Frauen auf den Thron. Man läßt sie zu keinem öffentlichen Amte zu, nur zu dem höchsten, staatlichsten, männlichsten von allen – zum Königsamte. Griechen und Römer kannten solches Frauenregiment nur bei den Barbaren, und nur ein Heliogabal konnte seine Mutter in den Senat führen. Die weibliche Thronfolge, ist bei unsern Gesittungszuständen eine der wunderlichsten Abnormitäten, die aus dem Mittelalter stehen geblieben sind, und erklärt sich nur aus der Auffassung, daß das ganze Land als Privateigenthum des regierenden Hauses gedacht wird. Wenn der Mann stirbt, dann nimmt ja die Frau auch das Regiment über ihr ererbtes Haus in die Hände. Je geläuterter aber die Idee des Staates und der Familie wird, um so sicherer muß die weibliche Thronfolge abgeschafft werden.

*

In der Urgeschichte der Völker zeigt sich eine verwandte Vertuschung der Geschlechtsgegensätze wie bei den rohen Urschichten der modernen Gesellschaft.

Im altgriechischen Olymp theilen sich Götter mit Göttinnen ganz ähnlich in die himmlischen Berufsgeschäfte, wie heutzutage die Proletarier und die Kleinbauern mit ihren Weibern. Pallas übt Mannesberufe, und Göttinnen mischen sich in das Getümmel des Kampfes. Es ist eine der bedeutsamsten culturgeschichtlichen Signaturen des deutschen Volles, als des familienhaftesten, daß die Göttinnen des deutschen Olymps nur wie himmlische Mütter des Hauses gedacht werden. Wo die griechische Göttin den Speer führt, da führt die deutsche den Rocken.

Dieß hängt eng zusammen mit einer andern Thatsache, die ein Stolz der germanischen Volksstämme seyn sollte. Mit dem Eintreten des deutschen Volkes in die Weltgeschichte werden die Frauen erst wahrhaft frei, eigenartig; das volle Bewußtseyn über Beruf und Stellung von Mann und Weib ist der Menschheit erst von den Germanen hell entzündet worden. Die Frauen des Orients und des klassischen Alterthums wandeln dahin wie in einem Traumleben, nur der Mann waltet dort im klaren Sonnenlichte des Tages. Erst die Germanen haben die Würde der Frauen und die Würdigung der Frauen mitgebracht in die abendländische Welt. Wie eine eingeborne göttliche Gabe seines Stammes hat das rohe Krieger- und Jägervolk die wahre Idee von der Stellung der beiden Geschlechter herübergetragen aus seiner dunklen asiatischen Urheimath, gleich als ein Erbstück aus dem verlorenen Paradiese. An dieser germanischen Erkenntnis der Berufe von Mann und Weib konnte das Christenthum erst recht fest anknüpfen und zu ganz neuen Entwickelungen der Gesittung treiben. So ist die reinere Erfassung des Geschlechtsgegensatzes im deutschen Geiste zu einem der granitenen Pfeiler geworden, auf denen die große Epoche des neuen christlich-germanischen Culturlebens ruht.

Bei Jakob Böhme finden wir den sinnvollen Mythus tief und herrlich entwickelt, daß der Urvater Adam ursprünglich ein volles Bild Gottes gewesen sey, »Mann und Weib und doch keines von beiden.« Auch Platon hat diesen Gedanken, und in der biblischen Schöpfungsgeschichte wird das Weib nur abgelöst aus dem männlichen Urmenschen, nicht neu geschaffen.

Die theosophische Anschauung des großen Schusters von der Geschlechtseinheit im Urmenschen ist das Spiegelbild der geschichtlichen Thatsache von der Verdunkelung des Geschlechtsgegensatzes bei den Naturvölkern. Eine Semiramis und Deborah, eine Sibylle und Velleda ist nur bei ganz unentwickelten Gesellschaftszuständen denkbar. Als in der Zeit der Karolinger die Seherin Thiota aus Allemannien ihre Weissagungen verkündet, wird sie bereits kraft bischöflichen Synodalbeschlusses öffentlich mit Ruthen gepeitscht und hört von da an auf zu weissagen.

Die faule, veräußerlichte Civilisation des späten römischen Alterthums sucht aus Blasirtheit uralte Anschauungen und Zustände wieder aufzuwärmen. Da ergötzt sich dann auch die verderbte Sinnlichkeit an der Darstellung des Hermaphroditen, des geschlechtseinheitlichen und darum geschlechtslosen Menschen. Gesunden Naturen ist ein solcher Zwitter ebenso zuwider, wie eine emancipirte Dame, der Hermaphrodit der modernen veräußerlichten Civilisation.

Die Sage von den Amazonen symbolisirt uns die im Urzustande noch nicht vollzogene Trennung des männlichen und weiblichen Berufs. In einem Lande wie Dahomey, wo Sklavenjagd noch die nobelste Arbeit ist und Menschenopfer der höchste Festprunk, gibt es auch jetzt noch Amazonen. Dort besteht die Hälfte des Heeres aus Weibern. Dort schlägt aber auch der König seinen Unterthanen noch nach Belieben die Köpfe ab: der Oberhenker ist sein erster Minister, und als Oberhofmeisterin des Harems figurirt die Frau Oberhenkerin. Man ist so glücklich, die reinste Civilehe zu besitzen: die Braut reicht ihrem künftigen Gemahl einen Schnaps, und mit dieser einzigen sinnreichen Ceremonie ist die Ehe geschlossen. S. Dahomey and the Dahomans by F. E. Forbes. London 1851. Trotzdem ahnen selbst die Dahomer schon den Berufsgegensatz von Mann und Weib; denn die Amazonen dürfen sich nicht verheirathen, weil sie, wie sie selber sagen, »ihr Geschlecht vertauscht« haben und »Männer, nicht Weiber sind.«

Es sind zwar in den deutschen Befreiungskriegen, in den polnischen und italienischen Revolutionskämpfen allerlei verkappte weibliche Husaren aufgeritten, und bei den letztjährigen Wiener Straßengefechten gab es auch einige Barrikadenamazonen. In solchen Erscheinungen mag der Patriotismus oder die politische Schwärmerei ein Wunder wirken, allein bis zur Generalissima gleich der Jungfrau von Orleans wird es in unserer modernen Gesellschaft auch die heldenmüthigste Schwärmerin nicht mehr bringen können. Der Gedanke der strengsten Theilung der Arbeit zwischen Mann und Weib ist eine zu tief gewurzelte Grundlehre aller höheren Gesittung geworden.

In Südamerika kann Manuelita, die Tochter des Dictators Rosas, noch das Amt eines Unterstaatssecretärs im Kabinette ihres Vaters führen, ihre Büreaux einrichten, alle Fäden einer verwickelten modernen Verwaltung in Händen halten, und doch eine liebenswürdige Dame bleiben. Mit diesem Zug aus dem dortigen Staatsleben muß man aber auch einen Zug aus dem geselligen Leben vergleichen. Manuelita sitzt am Pianoforte und singt im erlesenen Cirkel spanische Romanzen. Da tritt ihr Vater ins Zimmer mit einem silbernen Präsentirteller, worauf ein paar Menschenohren liegen, von dem Kopf eines Unitariers abgeschnitten. Langsam schreitet der Dictator auf das Pianoforte zu und stellt den Teller vor den Augen seiner Tochter nieder. Mit Wuth und Entsetzen springt sie auf: aber mit seinem festen, schrecklichen Blick bannt der Dictator ihre Zunge und ihre Mienen, daß sie, statt seine Barbarei zu verfluchen, ohnmächtig zu Boden sinkt. Wo solche Scenen noch möglich oder denkbar, da kann eine Frau immer noch Unterstaatssecretärin in einem wohlgeordneten Ministerium seyn.

Nur in alten Zeiten konnte den Nonnen der Beruf weiblicher Priesterinnen zugetheilt werden. Hatten sie ihn nicht als ein uraltes Erbstück in die Gegenwart herübergebracht, sie würden ihn jetzt gewiß nicht erworben haben. Nur indem sich dieses weibliche Priesterthum hinter seinen Klostermauern gleichsam außerhalb des Staates und der Gesellschaft gesetzt hat, konnte es sich in unserer Zeit noch seinen Bestand retten. Dem Bewußtseyn des gemeinen Mannes liegt freilich ein weibliches Priesterthum auch heute noch viel näher als den gebildeteren Schichten. In strengkatholischen Schichten Oberdeutschlands hält es der Bauer keineswegs für eine Profanation, wenn beim Läuten der Abendglocke die Dienstmagd sich erhebt und inmitten der anwesenden Männer die Gebetformeln vorspricht, indeß diese mit den Responsorien einfallen. Der gebildete Reflektionsmensch hat diese Naivetät nicht. Er würde den Patriarchen des Hauses zu solch priesterlichem Dienste erküren, aber gewiß nicht ein Weib, geschweige die Magd! Vielleicht belehrt ihn aber Tacitus über diese Naivetät, wenn er von den alten Deutschen erzählt, daß sie den Frauen vorzugsweise den Charakter der Heiligkeit, eine Priester- und Sehernatur zugeschrieben. Und der Name Frau stammt von einer Göttin her, von Frouva, der frohen Frau, der huldvollen Schwester des Fro. Aber der Name der Göttin selber ist wieder aus der Rippe eines Mannesnamens genommen, wie das Urweib aus des Urmannes Rippe.

Es zeugt für das höhere Alter der katholischen Cultusformen, daß in den katholischen Kirchen Männer und Frauen nebeneinander beten, während es protestantische Art ist, die beiden Geschlechter in den Kirchenstühlen abzusondern. Dem naiven Sinne der alten Zeit, der eben erst Nonnen zu Priesterinnen geschaffen, lag eine solche Scheidung ganz fern, und zu Ehren des Hereinragens der Familie in den Gottesdienst der Gemeinde wünschten wir, daß sie auch in den protestantischen Kirchen wieder beseitigt würde. Wenn Mann und Frau untrennbar zusammen durchs Leben gehen sollen, dann sollen sie auch in der Kirche neben einander beten.

*

Man könnte nun wähnen, weil bei den niederen Volksschichten eine so auffallende Gleichartigkeit der beiden Geschlechter in Natur, Sitte und Beruf herrscht, so müsse dort das Weib auch im bürgerlichen Leben drein reden können gleich dem Manne. Allein nirgends tritt in diesem Stücke das Weib tiefer in den Hintergrund der stillen Häuslichkeit zurück, als gerade bei den Bauern. Es pflügt mit dem Manne den Acker, aber »es schweigt in der Gemeinde.« Das Amt der Gemeinde-Gänsehüterin schließt bezeichnend genug die ganze öffentliche Laufbahn in sich, welche einer Frau auf den Dörfern offen steht.

In der Last der Arbeit steht die Bäuerin dem Bauern gleich, in der Zucht des Hauses ist sie ihm am gründlichsten unterthan. Die Mädchen heirathen meist sehr früh und ehe ihr Charakter zu einiger Selbständigkeit gereift ist, bekommen rasch viele Kinder, arbeiten sich das Mark aus den Knochen, werden darum alt und häßlich vor der Zeit und gehen vollständig in der täglichen Plage um die Familie auf. Sie sind die wahren Leibeigenen, vielleicht nicht immer des Mannes, aber doch allezeit des Hauses. Die selbständige Persönlichkeit prägt sich bei der Bauernfrau in der Regel erst dann aus, wenn sie eine Matrone geworden ist. Weibliche Originalköpfe, über den stillen Beruf ihres Geschlechtes hinausdrängende Frauencharaktere, die sich in der Stadt schon mit achtzehn Jahren als Dichterinnen, Malerinnen, Sängerinnen geltend gemacht hätten, müssen hier warten, bis sie alte Weiber geworden sind; dann erst können sie als zahnlose Hexen die Karte schlagen, das Vieh beschwören, oder sonstwie die Eigenart ihres Genius walten lassen. Das ist schier alles, was unsern Naturmenschen von dem persönlichen Erbtheil der Sibyllen und Velleden verblieben ist. Böse Hexen sind aus den Seherinnen geworden: »Wo der Teufel nicht selber kommen kann, da schickt er ein altes Weib.« Von den jungen und schönen Bauernmädchen dagegen gleicht eine so sehr der andern, daß kein Dorfgeschichtchen-Dichter damit zurechtkommen kann, ein individuelles Porträt von dieser Art zu zeichnen, oder er mischt fremde, städtische Farbentöne hinein.

Es fügt sich zu einem wunderbar vollendeten Bau, den nicht Schulwitz ersonnen, sondern der aus dem innersten Wesen unserer Natur frei emporgewachsen ist, daß das Weib aus dem Volke, äußerlich zumeist dem Manne gleichgestellt, in der Zucht des Hauses ihm am strengsten untergeordnet ist, während die höhere Gesittung, welche Mann und Weib besondert, dennoch – oder gerade darum! – das Verhältnis des Weibes zum Manne in der Familie erst zur harmonischen Gleichstimmung gebracht hat.

Noch reicher und geordneter aber gestaltet sich dieser Bau, wenn wir ihn in seinem Verhältniß zu den natürlichen Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft betrachten.

Die Familie des Bauern ist noch patriarchalisch gebunden. Bei den verdorbenen Bauerschaften geht es so wüst und gemein im Hause zu, daß alle feineren Züge des Familienlebens gleichsam von Schmutz überdeckt und verrostet sind; nur den groben Grundzug des patriarchalischen Hausregiments merkt man noch im Verhältniß von Mann und Frau. Der Großvater, der Patriarch des Hauses, heißt in manchen Gegenden »das Herrchen.« Im Volksmund gelten aber auch im Allgemeinen »Mann« und »Herr« vielfach als Ein Wort. Die Dorfschulzen auf der schwäbischen Alp reden ihre Gemeindebürger in den Gemeindeversammlungen nicht »ihr Herren Bürger« an, sondern mit dem stolzen Amts- und Ehrentitel: »ihr Mannen-Bürger.« Als sich's ein neuerungssüchtiger Schulze beikommen ließ, seine Bauern als Messjes (messieurs) zu begrüßen, erhoben sich dieselben und riefen im Gefühl ihrer verletzten Mannes-Herrenwürde: wir sind nicht Messjes, wir sind Mannen.

Gegen solches »Mannen«-Bewußtseyn tritt das Weib vollständig in den Hintergrund. Weil sich die weibliche Natur noch nicht zu ihrer vollen Eigenart herausgebildet hat neben der männlichen, bleibt sie trocken, spröde, unbedeutend, sie entbehrt der Idealität. Der Bauer ist oft ein viel größerer Virtuose der Persönlichkeit, als unsere bürgerlichen oder aristokratischen Männercharaktere: allein mit den gebildeten Frauen kann sich in diesem Punkte die Bäuerin nur selten messen. Sie ist der leibeigene Gehülfe des Mannes, recht eigentlich die »Männin« nach Luthers Ausdruck, die nicht aufkommen kann neben dem Manne, weil sie ihm gleich ist.

Hier trifft der höchste Idealismus mit dem gröbsten Realismus zusammen, wie hochstudirte Salondamen wohl auch mit Viehmägden und Zigeunerinnen auf dem gleichen Boden der Mannweiblichkeit sich begegnen. Plato kommt in seiner Republik auf dieselbe Vermischung des Berufes der Geschlechter, welche bei unsern Kleinbauern die unterste Stufe der Gesittung bezeichnet. Seine Frauen würden darum gerade so trocken, spröde und unbedeutend geworden seyn, wie die verkommenen armen Bäuerinnen. Ich kann mir's nicht versagen, zur Veranschaulichung die Worte Hegels hierher zu setzen, in welchen er mit seinem kurzangebundenen Sarkasmus die Stellung der Frauen in Platons Idealstaat zeichnet: »Die Frauen, deren wesentliche Bestimmung das Familienleben ist, entbehren in der Platonischen Republik dieses ihres Bodens. In derselben folgt daher: indem die Familie aufgelöst ist und die Weiber nicht mehr dem Hause vorstehen, so sind sie auch keine Privatpersonen und nehmen die Weise des Mannes als des allgemeinen Individuums im Staate an. Und Plato läßt die Weiber deßwegen ebenso wie die Männer vertheilen, alle männlichen Arbeiten verrichten, ja selbst mit in den Krieg ziehen. So setzt er sie auf beinahe gleichen Fuß mit den Männern, hat aber dennoch kein sonderliches Zutrauen zu ihrer Tapferkeit, sondern stellt sie nur hinterdrein, und zwar nicht als Reserve, sondern als arrière-garde, um wenigstens dem Feinde durch die Menge Furcht einzujagen und im Nothfalle auch zu Hülfe zu eilen.«

Man sieht eben, so wie die Frauen gleich berufen werden mit den Männern, kommen sie doch immer ins Hintertreffen, verlieren ihre Eigenthümlichkeit und gewinnen keine neue dafür, in der Platonischen Republik so gut wie bei unsern Kleinbauern.

Das Familienleben des Bauern hat darum auch eine sehr eintönige Färbung. Weil der Gegensatz der Geschlechter auf's kleinste zusammengeschrumpft ist, so wurzelt die eheliche Liebe hier auch weit mehr in der Freundschaft als in der Minne. Daher ist die Ritterlichkeit des Frauendienstes, wie sie in der Anschauung der feineren Welt immer noch durchklingt, dem Bauern ganz fremd. Die Bauersfrau bewahrt die Sitte des Hauses am treuesten und macht dadurch das Bauernhaus gar oft zu einem wahren Musterhaus, daran man dem Städter ein Exempel aufstellen kann. Aber dieses Leben in der häuslichen Sitte ist auch wieder passiv und unbewußt; ein Dritter erschauet wohl die in diesem Hause webende Poesie, aber die darinnen wohnen, ahnen sie selber nicht.

Dieselben Ursachen und dieselbe Wirkung finden wir auch in der Familie des germanischen Alterthums. Man muß die romantischen Züge aus dem mittelaltrigen Ritterschloß nicht in die Bauernhütte der deutschen Urwälder übertragen. Treffend sagt Weinhold in seiner »Geschichte der Frauen des Mittelalters«: »Die Hochstellung der Frauen unter den Germanen war eine mehr religiöse als weltliche, mehr eine passive als active. Wir würden sehr irren, wenn wir die Frauen im Vordergrunde des Volkes und als die Mittelpunkte der Gesellschaft und des geistigen Lebens ansehen wollten. Die altgermanische Frauenverehrung ist durchaus nicht zu modernisiren; das Weib war Weib, zu deutsch ein Wesen hinter dem Manne. Rechtlich war die Lage der Frau völlig untergeordnet und läßt sich durchaus nur mit der des Kindes im väterlichen Hause vergleichen.« Bei den Wisigothen durften die Frauen nicht einmal ohne einen Beistand zur Ader lassen.

Erst als in den höher gesitteten Gesellschaftsschichten des Mittelalters die Sonderung der Geschlechter bis ins Aeußerlichste vollzogen wurde, kam die romantische Minne und der ritterliche Frauendienst in das patriarchalische Haus. Denselben mittelaltrigen Frauen, die so opfervollen Minnedienst begehrten, war es bei den beschimpfendsten Strafen verboten, Männerkleider zu tragen, und die scheidende Etikette im Verkehr beider Geschlechter ist wohl niemals peinlicher zugespitzt gewesen als in jener Zeit.

Seit dem Mittelalter blieb nun der Aristokratie das Streben eigen, nicht nur die Sonderung der Geschlechter immer schärfer zu vollziehen – was die nothwendige und wohlthätige Folge der entwickelten Gesittung überhaupt ist – sondern sie auch in allem äußeren Nebenwerk auf die letzte Spitze zu treiben. Dadurch sind wir dann endlich zu einem Extrem der Ueberweiblichkeit gekommen, das eben so einseitig ist als die Unweiblichkeit bei dem rohen Volk.

Selbst der leibliche Gegensatz von Mann und Weib hat sich in der sogenannten »feinen« Welt zu einer fast erschreckenden Bestimmtheit durchgebildet. Schier findet man in dem Schmächtigen, Marklosen, Krankhaften das eigenthümlich Weibliche, wenn man bei dem Mann die frische Natur noch allenfalls gelten läßt. Die Unterscheidung des »schwachen« und »starken« Geschlechts wird auf dieser Stufe eine bittere Wahrheit. Eine schmächtig in der Stubenluft aufgeschossene Gestalt mit leidend weißer Gesichtsfarbe gilt uns schon als der Typus ächter moderner Frauenart. Die weichen, rundlichen, unterschiedslosen Formen in Gestalt und Zügen nehmen bei unsern Frauen so bedenklich überhand, daß wir fast den Sinn für persönlich charakteristische weibliche Schönheit verlieren. Wir zwingen unsere Maler immer mehr zu der Manier, einen Frauenkopf wie den andern zu bilden.

Während beim gemeinen Volk das Weib die volle Hälfte von des Mannes harter körperlicher Arbeit auf seine Schultern nimmt, wird unter feinen Leuten die einfachste Kraftäußerung und Leibesübung für unweiblich gestempelt. Eine Dame, die auch nur einen ehrlichen Tagemarsch rüstig zu Fuß machen kann, gilt für ein Mannweib. Wer die edle, schönen Frauen so wohl anstehende Reitkunst übt, erscheint schon halbwegs als eine Emancipirte. Schon bei den höfischen Frauen des Mittelalters gilt es als eines der obersten Gesetze des Anstandes, möglichst langsam und mit ganz kleinen Schrittchen zu gehen, andeutend, daß nicht eine geschäftliche Nöthigung, sondern lediglich die freie Laune eine Dame zu dem plebejischen Akt des Gehens treiben dürfe.

Hiermit hängt zusammen, daß das lange bis auf die Füße herabfallende Hof- und Paradekleid, welches jede freie und rasche Bewegung hemmt und eine Zwangsjacke zum feierlich langsamen Tempo ist, allmählig auch das Werktagskleid der vornehmen Damen und dann leider sogar der Bürgersfrauen wurde. Die Bauernweiber haben bei ihrer Theilung des landwirthschaftlichen Berufs mit den Männern vernünftigerweise noch zumeist die netten kurzen Röcke beibehalten.

Hände, so fein und niedlich, daß man ihnen ansieht, es sey niemals mit denselben gearbeitet worden, Füße, so klein und nach dem Reihen hinauf widernatürlich zusammengedrückt, daß ein vollkommener Körper gar nicht ordentlich darauf stehen, geschweige gehen kann, gelten für besondere weibliche Schönheiten. Aphrodite zeigt uns auf den Bildsäulen der Griechen und Römer noch so kräftig ausgebildete und gut proportionirte Füße, daß eine moderne Dame sich schämen würde, dergleichen zu besitzen.

So kommen wir auch zu der Forderung, daß ein schönes Frauengesicht nur Mienen haben soll, aber keine Züge. In den Mienen spiegeln sich die Stimmungen des Augenblicks, aus den Zügen aber spricht Schicksal und Charakter des Menschen. Hat eine Frau »Züge« – etwa wie eine Van Eyck'sche Madonna – dann dünkt uns ihr Kopf schon männlich, denn eine moderne feine Dame soll keine Schicksale gehabt, sie soll nichts erlebt, sie soll auch keinen bestimmten Charakter haben. Auch das Volk sagt: »Die häßlichste Frau ist die beste Haushälterin.« Ein häßliches Gesicht hat eben Züge, und hinter den Zügen steckt etwas. Darum besitzen große Geister das Privilegium der Züge und damit ein gewisses Privilegium der Häßlichkeit.

Es ist offenbar, daß wir mit alle diesem bei dem unnatürlichen Extrem der Weiblichkeit, bei dem Ueberweiblichen angekommen sind. Wir gehen hier selbst weiter als das im Punkte der haarscharf ausgeklügelten Frauensitte doch äußerst pretiöse spätere Mittelalter. Damals gab man z.B. das Alleinreisen der Frauen noch in sehr liberaler Ausdehnung zu, während wir bald dahin gekommen seyn werden, daß sich anständige Damen nur paarweise gleich den Nonnen vor ihrer Hausthüre sehen lassen dürfen. So zwingen wir die gebildetere Frau, entweder in reiner Unthätigkeit zu verharren, oder die Schranken ihres Geschlechtes zu durchbrechen und ihrem Thätigkeitstrieb in Dingen, die außerhalb des Hauses liegen, Genüge zu leisten. Die feinste Spitze der Gesittung biegt sich hier wieder zur ursprünglichen Barbarei zurück, und die Dame des europäischen Salons verbringt gar oft ihr Leben ganz in derselben Weise wie das ungebildete Weib des orientalischen Harems, dessen Tagesarbeit erfüllt ist, wenn es sich geputzt, gebadet, mit Oelen und Pomaden gesalbt und zum Zeitvertreib ein wenig gestickt oder gewebt hat.

Die Vertilgung der persönlichen Originalität im Weibe durch die Ueberweiblichkeit ist schon in den modernen Frauennamen angedeutet. Sie sind ohne Vergleich charakterloser als die Taufnamen der Männer. Nur ganz wenige ächt deutsche Frauennamen sind noch im Schwang, dafür unzählige fremdländische. In allerlei Formen und Unformen sind die neueren Frauennamen von männlichen abgeleitet, während die alte Zeit noch überwiegend viele, jetzt verklungene, selbständige weibliche Namen hatte. Wenn es unweiblich geworden ist, das persönliche Gepräge der »Züge« im Gesicht zu führen, dann ist auch ein wahrhaft persönlicher und originaler Taufname unweiblich und überflüssig. Und so glauben wir denn auch in unsern abscheulichen Christinen, Adolphinen, Georginen, Henrietten, Louisen, Charlotten, Albertinen, Seraphinen etc. wunder wie bedeutsame Namen zu besitzen, während sie gegenüber den stolzen, selbständigen Namen einer Gerberg, Liuba, Rosamunde, Hedwig, Bertha, Gertrud etc. doch eigentlich auf nichts deuten, als auf die Unselbständigkeit und Verblasenheit der persönlichen Natur bei unsern Frauen.

Die veräußerlichte und übertriebene Scheidung der Geschlechter bei der Aristokratie und die daraus hervorwachsende Ueberweiblichkeit ist allmählich auch in die höheren Schichten des Bürgerthums eingezogen. Hier fehlt aber der feste Zusammenhalt der Familie und des Stammes, der es bei der Aristokratie noch einigermaßen unschädlich macht, daß dort fast alle eigene That von den Frauen genommen ist. Im Bürgerthum tritt die sociale Geltung der Familie in den Hintergrund. Die Ehe hat allenfalls noch ihre Romantik, aber nicht mehr ihre Politik. Die Neigungsheirathen überwiegen in eben dem Grade, wie bei den Bauern und Edelleuten die Standes- und Convenienzheirathen. Die Aufstellung förmlicher Ehegedinge wird in den Städten immer seltener. Die modern bürgerliche Sitte hat die patriarchalische Gewalt des Hausvaters möglichst abgeschwächt. Die altfränkische Forderung eines »Segens der Eltern« ist hier in der Oper und dem Schauspiel fast zu größerem Ansehen und drastischerer Wirksamkeit gekommen, als im wirklichen Leben. Ein Liebender, der nach altbürgerlicher Art zuerst beim Vater um die Hand der Tochter anhielte, um hintendrein seine Ehewerbung bei jener zu beginnen, würde sich geradezu lächerlich machen. Bei dem Bürgerthum verengert sich die historische und sociale Anschauung von der im Stamme und allen seinen Zweigen erst abgeschlossenen Familie zu der des vereinzelten häuslichen Kreises. Da kann dann freilich die Poesie der Minne, das ideale Moment der Einigung und Gleichstellung beider Geschlechter im Hause, die freie Liebeswahl von Mann und Frau zur vollen Geltung kommen, während das Alles bei dem Bauern niedergehalten wird durch die Starrheit des Familienbegriffs. Allein, was die Familie an traulicher Innerlichkeit und dichterischer Weihe gewinnen mag, das geht ihr am äußeren Umfang und an festem Zusammenhalt verloren. Und hiezu kommt dann also der auf's äußerste zugespitzte Begriff der modernen Weiblichkeit.

Bei den französischen Damen berührt sich Unweiblichkeit und Ueberweiblichkeit am nächsten. Auch dem Hause ist dort der feste Boden der überlieferten Sitte fast ganz weggezogen. Darum droht in Frankreich aber auch das ganze Familienleben in Trümmer zu fallen. Auch bei den englischen Frauen grassirt die Ueberweiblichkeit. Weil aber in England ein wirkliches Hausregiment, strenge Familiensitte und Heilighaltung des häuslichen Herdes noch gangbarere Dinge sind, als in Frankreich, hat das weibliche Geschlecht seinen letzten Rückhalt noch nicht verloren. Als der Friedenskongreß im Jahre 1850 in Frankfurt tagte, erregte es bei uns Deutschen kein geringes Aufsehen, daß die englischen Teilnehmer, sowohl aus Britannien wie selbst aus Nordamerika, fast sammt und sonders ihre Frauen über's Meer mitgebracht hatten. Ein Franzose und wohl auch ein Deutscher aus der verfeinerten Gesellschaft würde im Gegentheil froh seyn, bei solchem Anlaß einmal auf ein paar Wochen familienlos erscheinen zu dürfen, und die Frau jedenfalls zu Hause lassen, um sich wieder einmal auf etliche Tage recht ohne alle Fessel in die goldene Zeit des Junggesellenlebens zurückzuversetzen.

Die veräußerlichte und übertriebene Sonderung der Geschlechter ist ein wahrer Keil zum Auseinandersprengen der Familie geworden. Der feinen Dame ist das Walten im Hause zuletzt auch nicht mehr weiblich genug. Die Unweiblichkeit auf niederen Culturstufen verdunkelt die eheliche Liebe und Hingebung: die Ueberweiblichkeit der veräußerlichten Civilisation zerstört das »Haus.«

Bei den Bauern und den Kleinbürgern kann es häufig ein Gebot der Nothwendigkeit seyn, eine Frau zu nehmen, weil auf dem Acker und in der Werkstatt die Mitarbeit einer Hausfrau gefordert ist. Die Frau findet also ihren ganz bestimmten Beruf in der Familie bereits vor.

Ebenso kann der sociale Beruf des Aristokraten, der in dem Stamme erst dem Individuum vermittelt ist, um der Aufrechthaltung dieses Stammes, um der Pflege des historischen Familienlebens willen, zur Heirath gebieterisch zwingen. Auch hier findet die Frau, und sey sie noch so überweiblich geworden, wenigstens eine Seite ihres Berufes in der Familie bestimmt vorgezeichnet. Und dieser Beruf in der Familie ist zugleich ein Beruf im Stande, wie er bei der Bäuerin und Kleinbürgerin nebenbei ein geschäftlicher Beruf ist.

Bei dem reichern und gebildetem Bürger dagegen wird die Gründung einer Familie fast immer rein die Sache persönlicher Neigung seyn. Ist daher die Frau zu fein, um in der Familie und dem Hause, rein um der Familie selbst willen, ihren Beruf und ihren Frieden zu finden, dann steht eine solche Ueberweibliche ganz ohne den sittlichen Halt eines festen Berufes in der Luft. Nichts thun ist aber hier schon so viel wie zerstören. Die Frau, welche das Haus nicht erbaut, reißt das Haus nieder. Eine Zwischenstellung gibt es nicht.

Nun hat aber auch die neuere Zeit eine große Zahl selbständiger weiblicher Berufszweige ausgebildet, durch welche das Weib der Familie ganz entrückt wird. Diese Künstlerinnen und Erzieherinnen aller Art bis herab zu den Köchinnen und Näherinnen treiben für sich ein eigenthümlich weibliches Geschäft, sie stehen da als social ganz vereinzelte und eigenherrische Wesen und unterscheiden sich dadurch ganz bestimmt von der Frau des Bauern oder des Kleinbürgers, die ihrem Manne um der Familie willen in seinem – männlichen – Berufe aushilft. Die Familie besteht für diese selbständigen Frauen nur noch als etwas Zufälliges, wie auch ihr Geschlecht nur noch etwas Zufälliges ist. Diese Erscheinung, die wohl immer im Kleinen vorhanden war, rückt jetzt massenhaft vor, verwirrt die Klarheit des Gegensatzes von männlichem und weiblichem Beruf und hemmt eine durchgreifende Reform der Familie.

Dazu kommt eine andere Neubildung, der vierte Stand, in welchem die Familienlosigkeit geradezu zur Regel wird. Wo hier die Familie auftritt, ist sie meist zur Existenz gar nicht berechtigt.

Wie soll sie nun eine gesunde, vollgültige Familie werden? Der Stand setzt sonst das Haus voraus; der vierte Stand hat aber kein Haus. Er erweist sich also auch in diesen Sinne als der Stand, der sein eigenes Wesen verneint. Das Weib steht hier vereinsamt, fessellos; es kann sich nicht in seiner Eigenthümlichkeit entfalten, weil es von seinem natürlichen Boden, der Familie, abgelöst ist. Neben unberechtigten Familienexistenzen wuchert freie Liebe, wilde Ehe. Unweiblichkeit und Ueberweiblichkeit gehen hier oft die seltsamste Mischung ein. Nachdem daher den modernen Poeten die Bauernmädchen zu grob und die Fräulein zu fein geworden waren, haben sich die französischen Neuromantiker mit besonderer Liebe dem »Weib aus dem Volke,« den Frauen des vierten Standes zugewandt. Hier gehen noch die herbsten Gegensätze einträchtig mit einander, romantische Rohheit und pikante Fäulniß der Civilisation, hier kann man noch einen Teufel zum Engel verklären, und eine Buhldirne, die an den Straßenecken Abends auf den Fang lauert, zu einer Magdalena rein waschen.

Man muß sich nicht verhehlen, daß die »Marien-Blüthen« und »Camelia-Damen« dieser Poeten trotz ihrer künstlerischen und sittlichen Unwahrheit das Lesepublikum, namentlich das weibliche, am Herzen gepackt haben. Denn es spiegelt sich in ihnen eine der unheimlichsten, aber auch sicherlich folgenschwersten Gährungen der Zeit, angerührt durch die übertriebene und veräußerlichte Sonderung der Geschlechter und die damit zusammenhängende innere Familienlosigkeit im höheren Bürgerthume und die äußere Familienlosigkeit beim vierten Stande.

Die Stellung der Frau in der Familie bei Bauern, Bürgern und Aristokraten ist kurz und bündig in Folgendem versinnbildet:

Bei den Bauern reden sich die Ehegatten mit Du an, das Kind aber muß den Vater Ihr heißen.

In der höheren Aristokratie sagt häufig nicht bloß das Kind zum Vater, sondern mitunter wohl auch zum Uebermaß der die Geschlechter scheidenden Etikette ein Gatte zum andern Sie.

Altbürgerliche Sitte war es, daß wenigstens das Kind den Vater Sie oder Ihr nannte. Neubürgerliche Sitte dagegen ist's, daß sich die ganze Familie, für welche die Gemüthlichkeit des häuslichen Lebens an die Stelle der patriarchalischen Zucht des Hauses getreten ist, durch die Bank duze.

Nicht bloß im gesunden, selbst im kranken leiblichen Leben scheiden sich in den verfeinerten Gefellschaftsschichten die beiden Geschlechter auf's bestimmteste. Die Gruppe der eigenthümlichen Frauenkrankheiten, welche bei den niedern Volksklassen nur klein und gleichsam die von der Natur diktirte Ausnahme ist, erweitert sich hier künstlich zur Regel. Das ganze Krankheitsleben der verfeinerten Frauenwelt ist ein individuelles, von dem Kreise der Männerkrankheiten unterschiedenes geworden, und die Berufung eigener Damenärzte wäre eben so zweckmäßig wie die von eigenen Damenpredigern und Beichtvätern.

In den Dorfschulen erhalten Buben und Mädchen die ganz gleiche geistige Ausbildung; sie sitzen sogar meist zusammen auf der nämlichen Schulbank. Beim Kleinbürgerthum, in der niedern städtischen Volksschule, nehmen wir wohl noch das Gleiche wahr; aber so wie wir höher aufsteigen sondert sich eine selbständige weibliche Erziehung von der männlichen ab. Wollte oder könnte man eigene Töchterschulen auf dem Lande errichten, so würde man dort eine vollständige Revolution in die gegenseitige Stellung der beiden Geschlechter werfen.

In der gebildeteren Gesellschaft haben wir aber nicht bloß eigene Schulen, eigene Lehrsysteme, eigene Lehrerinnen und Lehrbücher für das weibliche Geschlecht, sondern auch eine ganze Bibliothek von Schriften, welche alle Zweige der Wissenschaft, von der Astronomie bis zur Aesthetik, weiblich machen, für Frauen popularisiren und verwässern. Es ist dieß also eine Art von Volksliteratur für gebildete Frauen.

Den Schriftstellern dagegen, die für das »wirkliche Volk,« für die bildungsärmeren Volksklassen, schreiben, wird es gewiß nicht beifallen, entsprechend eine gemeinnützige Literatur für Bauernfrauen gesondert abzuzweigen. Hier zielen die Bücher auf das ganze Volk, auf die in Bildung und Beruf noch nahe oder gleichstehenden Männer und Frauen zumal.

Die Literatur und Kunst für Frauen und von Frauen wird immer selbständiger. Sie wirkt bereits auf unsere gesammte Entwicklung in Wissenschaft und Kunst leise aber sicher zurück. Namentlich ist schier unsere ganze Belletristik geradezu unter den Pantoffel gekommen. Ich sprach oben von den männlichen Zügen der Frauenköpfe aus vergangenen Jahrhunderten. Ihnen zur Seite finden wir die prächtigen altdeutschen Männerköpfe, strenge, feste Physiognomien, mit den bestimmtesten Zügen, die ein stark bewegtes Leben eingegraben, ganze Naturen, ächte Charakterköpfe, an denen wir uns nicht satt sehen können. Dieser deutsche Männerkopf den Keiner tiefer erfaßt und dargestellt als Holbein, verschwindet in der feinen, vornehmen Welt immer mehr. Die Einflüsse der Ueberweiblichkeit strahlen in diesen Kreisen von den Frauen auch auf die Männer über, und das Uebermaß der Sonderung der Geschlechter droht sich dadurch wieder auszugleichen, daß der feine Mann weibisch wird, ein Milchgesicht an Leib und Seele. Davon werde ich ein Mehreres reden im nächsten Kapitel, welches »die Emancipirung von den Frauen« zur Überschrift führt. Die Holbeinischen Männerköpfe sind aber deßhalb doch noch lange nicht ausgestorben in unserer Zeit. Eine Gallerie unserer großen Meister in Wissenschaft und Kunst würde hunderte der durchgebildetsten Prachtexemplare dieser Art enthalten; auch auf den Bauerndörfern, in den Werkstätten, unter den Handarbeitern finden sich solche ächte Charakterköpfe des deutschen Mannes noch in reicher Wahl. Nur im Salon entdecken wir sie kaum mehr. Mit anderer Barbarei der verfeinertsten Gesittung wuchern dort auch jene aus dem Modejournal geschnittenen weiblichen Männerköpfe ohne »Züge,« hinter denen ein Maler aus Holbeins Zeit wohl Hermaphroditen vermuthen würde, nicht aber ganze Männer. Und die stecken auch in der That nicht dahinter.

Auf die Liebe und Liebesunfähigkeit solcher Milchgesichter zielt es wohl, wenn die Frauen im Volkssprüchwort verächtlich sagen: »Ein Kuß ohne Bart ist ein Ei ohne Salz.«

Ich muß aus alle dem Vorhergehenden doch auch noch eine allgemeine Schlußfolgerung ziehen. Sie lautet so: Wenn das Weib in dem eigenartigen Gepräge seines Geschlechts sich recht klar von männlicher Art abhebt und die weibliche Sitte auf's unterschiedenste zuspitzt, dann nur kann es frei seine Einflüsse in Haus und Gesellschaft üben und herrschen wo es soll und – wo es nicht soll. Dagegen bleibt es in um so höherem Grade die Leibeigene des Mannes, als männliche Sitte und männliches Wesen noch ungeschieden in ihm vorhanden ist.

Mir fällt nicht ein, den für die Idealität des Familienlebens so bedeutsamen Zug in der Stellung des Weibes anzutasten, wornach in den höheren Gesellschaftsschichten die Last aller äußeren Berufsarbeit von ihm genommen ist, damit es im stillen, in sich befriedeten Seyn die versöhnte Innerlichkeit des Gemüthslebens gegenüber dem nach Außen drängenden Schaffen des Mannes voll und rein und schön darstelle. Es stimmt vielmehr dieser ideellere Beruf der glücklicheren Hälfte der Frauen vollständig zu meinem Satze, daß dieselben, ächt aristokratisch, mehr durch das wirken sollen, was sie repräsentiren, als durch das was sie thun, ein Gedanke, der so alt ist, als die Erkenntniß der weiblichen Natur überhaupt und der so sinnreich aus einigen Schiller'schen Xenien hervorklingt, wenn der Dichter z.B. von der weiblichen Schönheit sagt:

»Wo sie sich zeige,
sie herrscht; herrschet bloß,
weil sie sich zeigt,«

Und von der Frauen Tugend im Gegensatz zu der des Mannes:

»Tugenden brauchet der Mann, er stürzt sich wagend in's Leben,
Tritt mit dem stärkeren Glück in den bedenklichen Kampf.
Eine Tugend genüget dem Weib: sie ist da, sie erscheinet;
Lieblich dem Herzen, dem Aug' lieblich erscheine sie stets.«

Und von dem »weiblichen Ideal«:

»Dünke der Mann sich frei! Du bist es, denn ewig nothwendig
Weißt du von keiner Wahl, keiner Nothwendigkeit mehr.«

Die Blütheperiode unserer klassischen Nationalliteratur im achtzehnten Jahrhundert zeigt auf tausend Blättern ein tiefes Verständniß der modernen deutschen Frauennatur. Man braucht nur die Art wie Goethe Frauenart und Frauenliebe erfaßt, zu vergleichen mit dem Frauencultus und dem Minnedienst des Mittelalters, um den ungeheuern Fortschritt zu erkennen, den wir in der freien, eigenartigen Entfaltung beider Geschlechter und doch auch wieder in der Vereinigung des männlichen und weiblichen Berufes gemacht haben. Allein Goethe's Frauencharaktere haben auch noch »Züge«, sie kranken noch nicht an der Blässe und Gestaltlosigkeit der Ueberweiblichen. In dem Kapitel von der »Verleugnung des Hauses« werde ich zeigen, wie die überlieferte deutsche Sitte des Hauses und die in ihr wohnende Poesie schier gar in Ungnade gefallen war bei unsern großen Literatoren aus Goethe's Zeit. Wenn diese Poeten nun aber auch vor der geschichtlichen Thatsache des deutschen Hauses zurückschreckten, dann wußten sie den Gegensatz männlicher und weiblicher Art in seiner Scheidung und Versöhnung um so tiefer zu erkennen und dichterisch zu gestalten. Kein Dichter hat die weibliche Natur in ihrer edelsten modernen Erscheinung wahrer und mannichfaltiger gezeichnet als Meister Goethe. Allein die ganze Bildung jener Zeit blieb eben stehen bei dem ersten Theile der Wissenschaft von der Familie, bei dem Buche, welches von »Mann und Weib« handelt, zu dem zweiten Buche, welches die historisch entwickelte Verfassung der deutschen Familie und die organisch erwachsene Sitte des Hauses zum Gegenstande hat, vermochte erst ein späteres Geschlecht wieder vorzudringen.

Dieselbe Einseitigkeit aber lastet schwer wie ein Alp noch jetzt auf der häuslichen Lebenspraxis fast der ganzen vornehmeren und gebildeteren Gesellschaft. Fassen wir den Muth, auch das zweite Buch der Familie uns wieder zu erobern, das Buch, welches den »Organismus der Familie und die Sitte des Hauses« im Titel führt!

Nach J. J. Wagners geistvollem Worte »schaut das Volt sich selber an in seinen Familien.« In der Familie dämmern uns zuerst die natürlichen Gliederungen des Volkes auf. So schreibet auch schon Paulus an die Korinther: Ich lasse Euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt, der Mann aber ist des Weibes Haupt, Gott aber ist Christus Haupt« – und entwickelt die einfachste Gliederung des Gottesreiches und das große Mysterium der Stellung Christi an dem Mysterium der Stellung von Mann und Weib.

Je tiefer wir eindringen in das Wesen der Familie, wie es durch die im Culturprocesse wechselnde Art von Mann und Weib mitbedingt wird, um so reicher und prachtvoller wird auch hier die natürliche Mannichfaltigkeit des gesammten Volkslebens vor unsern innern Sinnen aufleuchten. Recht als ein Spiegel des großen Weltorganismus, darinnen auch nicht das Gleichartige, steif Symmetrische, sondern das Ungleichartige, groß und klein, gerad und krumm, zur stolzen Einheit sich zusammenbaut, schauet uns dieses organisch gegliederte Volksthum an.

Wie will uns die Schulweisheit, welche nach den nivellirten großen Städten, in denen sie sich eingesponnen, die ganze Welt bemißt, solche fröhliche, üppige Naturfülle wegdisputiren? Mag von politischen Folgerungen daraus entspringen, was da will: zuerst kommt uns die ewig junge Natur des Volkslebens und die Pflege ihres freien Wachsthums und hintendrein erst die »alte Schwiegermutter« Politik.

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