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Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Familie - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDie Familie
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1861
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
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Sechstes Kapitel.

Zum Wiederaufbau des Hauses.

Will ein Volk sich jung bewahren, dann muß es seine überlieferten Sitten pflegen und weiterbilden. In den Sitten des Hauses verjüngt sich das staatliche und gesellschaftliche Leben.

Man hat so oft das kalte Wort gesprochen, daß das deutsche Volk nur in seiner Literatur und Wissenschaft sich einig wisse. Deutschland ist aber auch im Großen und Ganzen immer noch einig in der nationalen Idee des deutschen Hauses. Es gibt noch eine deutsche »Familiensitte,« und die durchlöcherte und zerrissene Sitte des »Hauses« könnte aus dieser wiederhergestellt werden. Noch sind wir einig in der Familie, aber wir wissen uns nicht mehr einig darin. In der Literatur wissen wir uns allerdings längst schon einig. Dieses Bewußtseyn des deutschen Hauses als des köstlichsten nationalen Kleinods, in welchem die Stärke unserer Nation geborgen lag und für die Zukunft liegt, das Bewußtseyn der Einigkeit in deutscher Haussitte muß wiedergewonnen werden. Wir können uns nicht tiefer entwürdigen, als wenn wir die Ausländerei ins deutsche Haus eindringen lassen. Mit unsern häuslichen Sitten müssen wir die Grundpfeiler unsers Volksthums retten und bewahren, des in aller seiner lebensprühenden Vielgestaltung dennoch einigen deutschen Volksthums.

In der Erhaltung der altüberlieferten Sitten des deutschen Hauses kann man darum nicht zäh und eigensinnig genug seyn. Man soll annehmen, daß diese Sitten schon dann positiv gut sind, wenn sie nur kein nachweisliches Unheil stiften. Selbst wenn sich für ein harmloses Herkommen des Familienlebens gar kein eigentlicher Zweck mehr auffinden läßt, soll man ihm aus Gnaden das Leben schenken. Man kann aus einer Mauer einen kleinen Stein losbröckeln, welcher für sich so gut wie gar nichts trägt und hält, und noch einen und immer mehrere, und von keinem einzelnen derselben wird man sagen können, daß er zur Festigkeit der Mauer durchaus nothwendig sey, und wenn man hunderte von diesen einzeln sämmtlich überflüssigen Steinen herausgezogen hat, gibt es doch ein Loch und die Mauer stürzt ein. Gerade so geht es mit an sich ganz gleichgültigen Sitten des Hauses.

Jede Familie muß den aristokratischen Stolz haben, eine eigenartige Familie zu seyn. Sie sollte darum alles sorgfältig sammeln und bewahren, was ihren besondern Charakter dokumentirt.

Mit diesem Familienconservatismus ist es aber im deutschen Bürgerhause jetzt meist gar traurig bestellt. Man liebt es ja hier das Auseinanderfallen der Familie als die Folge der Beweglichkeit unserer Kapitalwirthschaft, unserer unendlich wandelbaren bürgerlichen Erwerbs- und Verkehrsverhältnisse zu fassen und darum als etwas ächt modernes, großstädtisches, fashionables wohl gar zu bewundern. Unsere Väter haben sich emancipirt von der Kleinstädterei, und wir müssen uns von der Großstädterei emancipiren. Selbst in den begütertsten, gebildetsten Bürgerkreisen wissen ja die meisten Leute nicht einmal mehr, wer und was ihr Urgroßvater war. Das wäre ja ganz bäuerisch, noch etwas vom Urgroßvater zu wissen! Indem also die Familienkunde hier selten über den Großvater hinaufreicht, umfaßt sie gerade nur den kleinen natürlichen Kreis von Geschlechtern, die mit Lebensende und Lebensanfang einander noch zu erleben pflegen. Und doch haben unsere Väter noch fleißiger Notizen über die Familie aufgezeichnet als wir. Was wird nun vollends die kommende Generation von ihren Vorgängern wissen?

Da kann also auch in der Sitte des Hauses von Familienüberlieferungen kaum mehr die Rede seyn. Ihr sprechet von deutscher Einheit, als ob der Bundestag oder das Parlament oder der Kaiser oder sonst wer eine deutsche Einigung machen solle; Ihr selber verrathet aber das einige deutsche Volksthum, indem Ihr das Familienbewußtseyn geflissentlich einschlafen laßt, die Familienüberlieferung austilgt, den Geist und die Sitte des deutschen Hauses austreibt, die uns so tief und stark verbunden halten. Ihr wollt national seyn in der Politik und seyd kosmopolitisch im eigenen Hause, wisset Ihr nicht, daß, wer den Teufel bannen will, selber rein seyn muß?

Man nimmt jetzt häufig wahr, daß die alten Leute in dem raschen Wechsel unsers Lebens die Sitten ihrer Jugend selber vergessen, und die Großväter, welche den Enkeln von den Herrlichkeiten vergangener Tage – von denen ihres Großvaters Vater von alten Leuten erzählen hörte, da er noch jung war – im treuesten Chronikenstyle berichten, existiren auch aus diesem Grunde schon lange nur noch in den Romanen.

Man hat gut reden von dem natürlichen Zusammenhang der Familie mit dem Wohnhause in einer Zeit, wo die Mehrheit der Stadtleute zur Miethe wohnt. Wie viele von ihnen, wissen denn noch, in welchem Hause sie geboren wurden? Daß so viele Menschen auch nur noch wissen, wie alt sie selber sind, ist schon ein halbes Wunder.

An alle dem sollen die modernen wirthschaftlichen Verhältnisse schuld seyn. Man beklagt dann mitleidig das Familienleben als das nothwendige Opfer dieser Verhältnisse. Ist denn aber das Geld und der Erwerb das höhere und nicht vielmehr die Familie? Die Sittlichkeit und Eigenartigkeit des Volksthumes, wie sie durch die Familie bedingt ist, steht höher als das materielle Vermögen des Volkes. Und wenn die materielle Volkswirthschaft eine Richtung genommen hat, durch welche das deutsche Haus aus allen Fugen gerissen wird, dann ist damit nur bewiesen, daß diese wirthschaftliche Richtung eine schlechte und verwerflich seyn. Auf dem Reichthum eines Volkes, welches sein Haus verläugnen muß, um im Erwerb wetteifern zu können mit andern Völkern, ruht doch kein Segen. Statt also das Haus als ein nothwendiges Opfer unsers modernen Wirthschaftslebens zu beklagen, sollte man vielmehr die ökonomischen Entwickelungen den sittlichen unterordnen und lieber die ganze moderne Nationalökonomie zum Teufel gehen lassen als unser deutsches Haus.

– – Das bürgerliche Haus, zu dem ich nach dieser Abschweifung zurückkehre, hat keinen Stammbaum und braucht keinen zu haben. Aber eine Familienchronik sollte in jedem Bürgerhause, in welchem man lesen und schreiben kann, angelegt werden. Vordem waren in der Hausbibel ein paar Blätter vorgebunden, wo der Hausvater Geburten, Sterbefälle und Familienverbindungen eintrug. Es war das gleichsam ein officieller Akt, und der Hausvater fühlte sich in seiner patriarchalischen Würde, wenn er eine Urkunde in dieses Hausarchiv brachte. Man sollte nun aus diesen einzelnen Blättern ein kleines Heft machen; es wird auch in der Bibel noch Platz finden und ist da an einem guten Ort. Will man eine umfangreichere Familienchronik anlegen, so kann sie neben diesem Haupturkundenbuch immer noch ein besonderes Buch bilden.

Als sich im achtzehnten Jahrhundert die Sitte des Hauses lockerte, begannen viele Bürgersleute solche Familiennotizen in den Kalender einzutragen. Allein der Kalender bezeichnet den Wandel der Zeit, die Bibel das ewige Beharren im Wechsel. Darum wäre es ein Zeichen, daß man die Zopfzeit abgeschworen, wenn man das Hausarchiv wieder in die Bibel zurückverlegte; der Kalender war nicht feuerfest genug.

Als es altmodisch geworden war, auch nur noch die gedrängteste Hauschronik im Kalender zu führen, kamen die Tagebücher und Selbstbekenntnisse auf. Sie charakterisiren ihre Zeit. Es war die Periode der subjektiven Genialität, des Humanitarismus. Im achtzehnten Jahrhundert, als die feinere Sitte in Deutschland unter das Joch der französischen gebeugt war, und im Anfange des neunzehnten, als das französische Soldatenregiment Deutschland in Banden schlug, grassirten auch die sentimentalen Tagebücher vorzugsweise. Es waren das auch die Tage der endlosen Briefschreiberei, und in den bogenlangen Briefen, die zusammen wieder ein Tagebuch bildeten, bespiegelte sich der Freund und machte sich schön angesichts des Freundes. In solchen Bekenntnissen spricht nur noch der Einzelne von sich selbst; das Haus verschwindet vor der Privatperson. Die Familienchronik ist dem Hause gegenüber eine öffentliche Urkunde, das Tagebuch ist ein geheimes Papier, bei dem der Autor jedoch im Stillen wünscht, es möchten Andere darüber kommen und schwarz auf weiß sehen, welch eine schöne Seele er gewesen.

Anfangs hatte diese französische Rococomode der Selbstschau einen Anflug von idealer Tendenz, allmählig aber schälte sich die einfältigste Selbstvergötterung heraus. In den Tagebüchern, wo lauter persönliche Stimmungen, Eindrücke und Anregungen Tag für Tag notirt sind, macht sich eben der Verfasser gewöhnlich nur selber etwas weiß und stellt sich vor den Spiegel, um mit seiner eigenen werthen Person zu kokettiren. Wer nicht ein raffinirter Selbstquäler ist, der kann solch ein Tagebuch gar nicht führen, ohne fortwährend zu beschönigen, zu lügen und zu heucheln. Ganz anders ist es bei der Familienchronik, wo der Einzelne sich objektiv fühlt als Theil eines Ganzen, wo er nicht die biegsamen Empfindungen und Reflexionen niederzuschreiben hat, sondern die festen Thatsachen.

Darum charakterisiren die Familienchroniken ein starkes und gesundes, die geheimen Tagebücher ein schwächliches und kränkelndes Geschlecht.

Was gäben wir nicht darum, wenn wir auch nur von den nächsten Vorfahren unserer bedeutenden Männer trockene Hauschroniken besäßen! Ganze Lastwagen voll Selbstbekenntnisse würden auch nur wenige solcher Urkundenbücher nicht aufwiegen. In unsere ganze Culturgeschichte käme ein anderes Fundament, wenn Chroniken der Art allmählich wieder Sitte des Hauses würden.

Die allgemeine Einführung ist gar nicht schwer: es braucht immer nur wieder Jeder bei sich selber anzufangen.

Aus meiner Schulzeit gedenkt es mir, daß wir in öffentlicher Lehrstunde angeleitet wurden, Selbstbekenntnisse und reflektirende Tagebücher abzufassen. Ja es mußten Skizzen geheimer Selbstschau zur Probe gemacht und eingeliefert werden. Da wurde dann auch recht tapfer gelogen und renommirt. Welch wunderliche Pädagogik! Ganz ein ander Ding wäre es, wenn auch schon in den Schulen die Jugend hingewiesen würde auf die Wichtigkeit der Hauschronik und angeleitet zu ihrer besten Einrichtung. Proben könnten die Schulbuben freilich nicht sogleich zur Correctur einliefern. Aber in späteren Jahren würde das Senfkorn aufgehen und ein Baum werden, der über ganze kommende Geschlechter seinen schützenden Schatten breitete.

Wo keine Pietät für die Urkunden des Hauses ist, da ist auch keine für öffentliche Urkunden. Geschichtslosigkeit in der Familie erzeugt Geschichtslosigkeit in Staat und Gesellschaft. Ein merkwürdiges Beispiel bietet hier wiederum Nordamerika. Mein Gewährsmann Kirsten berichtet: »So wenig sich hier im Privatleben der Einzelne um das kümmert, was Andere angeht, auf Andenken Werth legt etc., so beachtet auch die Gesammtheit das nicht weiter, was sie aus der Vergangenheit her berührt. Auf Sammlung von Staatsurkunden wird von den Amerikanern so gut als gar nicht Bedacht genommen. Nach der Versicherung durchaus glaubwürdiger Reisender, die historische oder statistische Notizen in den Archiven sammeln wollten, fanden sie den ungehindertsten, sogar auch wohl unbeaufsichtigten Zutritt zu denselben, alles aber in solcher Unordnung und Mangelhaftigkeit, daß ihre Forschungen großentheils vergeblich waren. Daneben begegnete es ihnen, daß sie höchst merkwürdige und wichtige Urkunden, von denen sie sich Abschriften erbaten, von dem Aufsichtsbeamten der Archive mit dem Bemerken zugestellt erhielten, sie möchten sie nur behalten

Bei den Engländern und selbst bei den Dänen und Schweden rühmt man eine ziemlich allgemein im Volke verbreitete Kenntniß der vaterländischen Geschichte. Nicht von allen deutschen Gauen wird man das Gleiche rühmen können. In Gegenden, wo die alte Familienhaftigkeit noch fest sitzt (und von England wie von Skandinavien mag man dieß wohl eher behaupten, als von manchem mitteldeutschen Landstrich) da ist auch eine Stätte bereitet für den dem Vaterlande zugewandten historischen Sinn.

Der Adel hat von standeswegen seine Familienarchive und Chroniken. Diese Archive sind aber bei den meisten Familien in den letzten hundert Jahren stark in Unordnung gerathen und sehr lückenhaft geworden. Ein durch Jahrhunderte stätig gut geführtes und erhaltenes Hausarchiv ist immer ein Wahrzeichen von der allgemeinen Blüthe des Hauses. Auf ein – leider so seltenes – Archiv der Art muß der ächte Aristokrat stolzer seyn, als auf Titel und Würden, denn es ist ein Gesammtdokument von der zur Sitte des Hauses gewordenen Familienhaftigkeit seiner Vorfahren, und läßt sich nicht nachträglich machen, wo es nicht historisch geworden ist. Umgekehrt ist die Nichtachtung der Familienurkunden in der Regel das erste Zeichen von dem beginnenden Verfall eines Geschlechts. Zuerst wird der alte Plunder von Familienpapieren an den Käsehändler und Wurstmacher aufs Pfund versteigert, und rasch hinterdrein wandert der übrige Plunder von Aeckern, Wiesen und Waldungen zum Geldjuden.

Der Adel hat Familienstatuten, Hausgesetze, dazu eigene Standessitten des Hauses. Der ganze Organismus desselben ist bei ihm genauer festgestellt, als in irgend einer andern Gesellschaftsschicht, und zwar schwarz auf weiß, juristisch und urkundlich. Hier ist also kein neues Herkommen zu schaffen, sondern nur das alte, sehr bestimmte, strenger aufrecht zu halten.

Aehnlich lebt aber bei den Bauern von guter Art noch eine feste mündliche Überlieferung der Sitte des Hauses. Wie dieselbe beim Adel zu einer mit diplomatischer Bestimmtheit ausgeprägten Regel geworden ist, so ist sie beim Bauern in ihrer naiven poetischen Urform stehen geblieben. Der Adel hat sich ein eigenes Recht des Hauses ausgebildet, der Bauer einen Cultus des Hauses. Beide Gegensätze der Form berühren sich im Wesen. Bloß der Bauer und der Adel unterscheiden noch praktisch, erbrechtlich, zwischen Familieneigenthum und dem freien Eigenthum des Einzelnen.

An dem Herrenschloß und dem Bauernhaus haftet der gleiche Aberglaube, nur verschiedenartig gewandet. Der Aberglaube des Hauses aber ist der Urahn zahlloser Sitten des Hauses. Im Keller des Bauernhauses wie der freiherrlichen Burg sitzet derselbe stumme alte Mann und liest in dem geschriebenen Buche, indeß ihm ein Knabe die Lampe hält. Die weiße Frau, welche im Fürstenpalast todtverkündend umgeht, zeigt sich in vielen Gegenden auch im Bauernhause, und es fragt sich, ob die letztere nicht das Originalgespenst ist. Das Todtensehen in der Christnacht, wobei unter anderem der Sarg des im kommenden Jahre sterbenden Hausgenossen auf dem Giebel des Hauses schwebt, hängt eng zusammen mit der Sage von der bäuerlichen Ahnfrau. Im Bauernhofe lebt und webt es in allen Ecken von guten und bösen Geistern, ganz wie im ältesten Schlosse. Selbst in den Wänden und Tischen verspürt man ein geheimes gespenstiges Regen, Wichtelmännchen und Klopferle schaffen bei Tag und Nacht »und im Vertäfer popperet der Wurm,« wie Hebel sagt, die Todtenuhr.

Nur in den modernen städtischen Wohnungskasernen spuckt es gar nicht mehr. In einzelnen Strichen der Rheinlande soll es auch im Bauernhause nicht mehr spucken seit die Franzosen das Land besessen haben, d. h. seit mit dem deutschen Hausaberglauben zugleich die deutsche Sitte des Hauses ausgetrieben worden ist.

In dem Hausgarten pflanzt der Bauersmann ein junges Bäumchen in dem Jahre oder, womöglich, an dem Tage, wenn ihm ein Kind geboren wird. So wächst ihm das »Haus« im Garten gleichsam noch einmal im Bilde der Bäume auf. Stirbt ein solcher Baum ab, dann fürchtet man böse Vorbedeutung für das Leben des Kindes, an dessen Geburtstage er gepflanzt wurde. So ist mir auch am Tage meiner Geburt ein Kirschbäumchen im väterlichen Garten gepflanzt worden, von dem ich später fleißig Kirschen gegessen habe, und ich konnte es nie ohne sonderliche Bewegung ansehen, gleich als meinem Doppelgänger und sympathetisch mit mir zusammenhängend, und dankte wohl auch Gott, daß er das Bäumchen bis zum Kirschentragen hatte gedeihen lassen.

Wenn sich irgendwo die tiefsinnige deutsche Auffassung des Hauses als eines persönlichen, aus dem Leben der Familie hervorgewachsenen Wesens ausspricht, dann ist es in unsern zahlreichern Volkssagen von den Hausgeistern. Die Hausgeister sind nicht nur die Schützer und Freunde des Hauses, sie rächen und strafen auch die Vernachlässigung der Häuslichkeit; sie quälen und necken den lüderlichen Hauswirth; Frau Holda zündet den faulen Spinnerinnen den Rocken an und wirft ihren Fluch in das Haus, in welchem zu Fastnacht nicht alle Rocken abgesponnen sind. Wir haben es also hier mit einem Volksaberglauben zu thun, dem große sittliche und nationale Ideen zu Grunde liegen, die Ideen des organischen Zusammenhanges zwischen Wohnung und Familie, der Persönlichkeit des Hauses und der Heiligkeit des häuslichen Lebens. Soll man einen solchen Volksglauben geradezu einen Aberglauben nennen? Soll man ihn ausrotten, wenn man weiß, daß mit ihm die schönsten Sitten des bäuerlichen Hauses fallen werden.

Höchst merkwürdig ist es, daß der Hausgeist in unserm Volksglauben nicht bloß an der Wohnung haftet, sondern auch mitunter wie der Schutzgeist oder der strafende Geist des Hauses im ideellen Sinne erscheint. Der schlechte Hauswirth kann den strafenden Hausgeist nicht los werden, auch wenn er mit der ganzen Familie aus der heimgesuchten Wohnung flieht. Das ist recht lustig dargestellt in der Sage von dem Mann, der, um dem quälenden Hausgeist zu entgehen, all sein Besitzthum auf einen Wagen packte, das Haus verließ und hinter sich in Brand steckte. Als er nun davon fuhr und das Haus brennen sah und innerlich sich freute, daß er nun des Koboldes quitt geworden, da rief es plötzlich vom Wagen herunter: »Du! es war Zeit, daß wir uns aus dem Staube machten!« Es war der Hausgeist, der mit aufgestiegen war; denn seiner Wohnung konnte der Mann wohl entrinnen, nicht aber seinem Hause.

Bauernkinder, die im Dunkeln auf den Speicher stiegen, sahen ein Fenster sich öffnen und schauten durch dasselbe in einen hell erleuchteten Raum gleich der großen Familienstube, nur daß alles alterthümlicher darinnen aussah, und altfränkische Gestalten wie aus der Urgroßmutter Zeit bewegten sich schweigend auf und ab und zeigten in Geberden, Stellungen und Handlungen die bevorstehenden Schicksale der Familie an. Ist diese weitverbreitete Mähr aus dem Bauernhause im Kern nicht ganz dieselbe, welche im vorigen Jahrhundert aus dem Königschlosse zu Stockholm berichtet wurde und damals Rumor durch das ganze aufgeklärte Europa machte? Die Vorfahren kommen wieder als stumme Propheten der Nachgeborenen, sie können sich von dem Hause nicht trennen, und das Fürstenschloß steht hier eben so nahe zusammen mit dem Bauernhaus, wie beide auf dem gleichen socialen Grundbau ruhen.

Gerade im und am Hause zeigt sich die Anhänglichkeit des deutschen Bauern am Ererbten zumeist. Darin liegt ein Wink für den social-politischen Praktiker, der das Bauernthum in seiner Art festigen will. Er muß vorab verhüten, daß die bäuerliche Sitte des Hauses angetastet wird. Wenn ererbter Hausrath bei dem Bürgerthume älteren Styles nur als etwas besonders Ehrwürdiges galt, dann legt der Bauer ererbtem Geräth häufig sogar die Eigenschaft des Geweihten, Dämonischen, Wunderwirkenden bei. Mit dem ererbten Schlüssel des väterlichen Hauses sucht man in der Erbbibel die Zukunft zu erkunden; mit Hülfe eines Erbzaunes oder eines Erbsiebes kann man gleiche Kenntniß erlangen, nimmermehr aber mit dem Schlüssel eines Hauses, worin man zur Miethe wohnt, oder mit einem Sieb, welches man auf dem letzten Jahrmarkt gekauft hat. Im ererbten Geräth sitzt sympathetische Heilkraft. Kindern, die an Abzehrung oder Krämpfen leiden, gibt der oldenburgische Bauer Erbsilber ein, d. h. Silber, welches von einem in der Familie des Kranken vererbten Geräth abgeschabt ist.

Die wahrhaft rührende, unvertilgbare Liebe, mit welcher der Mann aus dem Volke an dem Hause seiner Väter hängt, spricht sich in den zahlreichen Spielarten des ächt deutschen Volksaberglaubens aus, nach welchem auch der selig Gestorbene bei mancherlei Anlaß immer wieder in das Haus zurückkehrt, gleichwie es die als Wöchnerin verstorbene Mutter im Grabe nicht aushält, sondern allnächtlich sechs Wochen lang zurück ins Haus schleicht, um, von keines Sterblichen Auge bemerkt, ihr überlebendes Kind zu säugen. Der Bauersmann gibt daher solchen Todten Schuhe mit ins Grab, auf daß sie sich die nackten Füße nicht wund laufen. Wollte man solche Sagen des »Hauses« in die städtische Wohnungskaserne verlegen, es sähe wie der frivolste, widerlichste Spott aus.

Wie der Todte nach dem Hause zurückkehrt, so holt er aber auch in andern Fällen das ganze Haus zu sich ins Grab. Der Volksglaube sagt, daß der Todte, wofern ihm ein Zipfel des Leichenhemds an den Mund komme, dergestalt, daß ers mit den Lippen erfassen könne, die übrigen Glieder der Familie »nach sich ziehe.« Darum steckt man der Leiche ein Brettchen unter das Kinn. Diese Sehnsucht des Todten nach der Familie, die allen ihren Gliedern das Leben kostet, malt sich hier in einzelnen Zügen, welche an den Vampyrismus erinnern. Aber wie sehr vermenschlicht wurde dieser Sagenkern, indem der germanische Volksglaube dem grauenhaften Gelüsten des Todes nach dem Leben das edle Motiv der unbezwinglichen Familienliebe untergelegt hat!

An der natürlichen Poesie des Hausaberglaubens haftet die bäuerliche Sitte des Hauses. Sie sucht darum auch hier noch vorzugsweise gern eine religiöse Weihe. Denn der Glaube und der Aberglaube sind Geschwisterkinder. Der Ahnherr beider ist der Schauer der Creatur vor Tod und Vernichtung. Die ältesten und originellsten Volkssitten des Hauses treten darum noch immer hervor, wenn eine Leiche im Hause ist. Es geht auch in den Städten so. Wer nirgends mehr betet, dem kommt doch wohl an einem Grabe das Beten an. Abergläubische Sitten des Hauses, über die der aufgeklärte Mann sonst spottet, beobachtet er selber doch noch unwillkürlich bei Todesfällen. Die zerrissene vornehme Familie, die nirgends mehr zusammenkommt, findet sich zuletzt in der Familiengruft als im gemeinsamen Hause wieder.

Die deutsche Sitte des Hauses ist ein Feld, auf welchem die naturgeschichtliche Erforschung des Volkslebens gar viele jetzt noch kaum geahnte Schätze zu heben hat. Denn man forschte bisher fast nur nach Einer Richtung hin, indem man vorzugsweise den Aberglauben und die Bräuche des Hauses untersuchte, welche sich poetisch oder durch ihren altheidnisch mythologischen Kern auszeichnen. Welche Ernte zu erwarten steht für unser ganzes Wissen von Haus und Familie, wenn auch einmal auf andern Punkten der Spaten eingeschlagen wird, das hat uns unlängst ein oldenburgischer Arzt, Dr. Goldschmidt, in einem merkwürdigen Büchlein gezeigt, welches den Titel führt, »Volksmedicin im nordwestlichen Deutschland.« Es ist darin die Hauptsumme des medicinischen Aberglaubens und der überlieferten medicinischen Präzis des oldenburgischen Landvolkes niedergelegt und geordnet. Die wunderlichen Hausmittel der Bauern, von denen sich der Arzt häufig mit Entsetzen abwendet, sind für den Culturhistoriker ein wahrer Hausschatz. Nicht nur die uralten Anschauungen unseres Volkes von dem menschlichen Leib, dem Geheimniß seines Werdens und Vergehens, seiner Vollkraft und seiner Leiden sind in der Volksheilkunde geborgen, sondern es wird uns hier auch ein tiefer Blick in das häusliche Leben des Volkes, in seine geheimsten Haussitten eröffnet. Solche Darstellungen der Volksmedizin sollten von kundigen Landärzten in allen Gauen Deutschlands aufgezeichnet werden: das Innere des deutschen Hauses würde sich uns dadurch in einer ganz neuen Beleuchtung offen legen, und für die psychologische Charakteristik des Volkes würde ein neuer Kreis der eigenthümlichsten Vorarbeiten gewonnen seyn.

Wollte man in den Städten nach Resten der alten Volksmedicin suchen, so würde man wohl wenig gescheidtes mehr finden. Man sieht aus alle den vorhergehenden Ausführungen, daß die bauerliche und städtische Sitte des Hauses nicht bloß quantitativ, sondern auch qualitativ verschieden ist, daß sie auf ganz andern Voraussetzungen ruht. Dies war früher nicht in dem Grade der Fall. Das häusliche Leben war durch alle Stände gleichartiger: die neuere Zeit hat hier erst ständische Unterschiede geschaffen. Fast alles, as sich jetzt noch an Aberglauben und Sitten des Hauses bei den Bauern findet, dazu auch den ganzen religiösen Cultus des Hauses, besaßen wir früher auch in der Stadt. Stadt und Land sind hier nicht näher zusammengekommen, wie man im allgemeinen wohl wähnt, sie sind vielmehr erstaunlich auseinandergegangen.

Die wichtigste Ursache, wehhalb städtische und bäuerliche Sitte des Hauses nicht mehr zusammengehen kann, ruht darin, daß beim Bauern der Besitz eines eigenen Wohnhauses etwas Wesentliches und Nothwendiges, beim Bürger etwas Zufälliges ist. Dort sitzt die Familie also fest im Hause, beide gehören organisch zusammen; hier zieht sie um, wohnt zur Miethe; das Haus ist etwas Wandelbares und Gleichgültiges.

Das schlagendste Zeugniß für den untrennbaren Zusammenhang der Bauernfamilie mit dem Bauernhause sind die Hausmarken. Auch sie beginnen freilich in neuester Zeit zu verschwinden; um so mehr ist es also in einem Kapitel vom »Wiederaufbau des Hauses« am Orte, ein Wort von diesen Hausmarken zu reden, die man nicht sollte verschwinden lassen, ja deren Weiterverbreitung man anregen sollte.

In vielen Gegenden Norddeutschlands (wie in Skandinavien) hat jedes Bauernhaus seine eigene Marke, einfache runenartige Zeichen, Über deren Ursprung sich die Gelehrten bis jetzt noch vergeblich den Kopf zerbrechen, und die am Giebel, an der Hausthür, dem Hofthor, der Wetterfahne ec. angebracht sind. Das Hauszeichen ist dem Bauern aber so werth, wie dem Freiherrn sein Wappen. Es besteht jedoch der große Unterschied, daß die Familie des Bauern, wenn sie einen andern Hof bezöge, was freilich selten geschieht, auch ihr Hauszeichen wechseln würde, während das Wappen des Edelmanns an der Familie haftet und von da erst auf sein Schloß übertragen wird; er vereinigt höchstens das Wappen neu erworbener Besitzungen mit seinem ursprünglichen. Allein dieses Wappen ist auch dann kein Zeichen der Besitzung, sondern des Geschlechtes gewesen. Jene Bauern dagegen leiten ihr persönliches Wahrzeichen geradezu vom Hause ab. Das Zeichen des Hauses wird auch an das Geräth gemalt, eingeschnitten, dem Vieh eingebrannt, es wird mit dem Pfluge in den Acker eingezeichnet es wird das Zeichen alles Besitzes, denn das Haus ist ja der persönlichste und eigenste Besitz der Familie. Auch an dem Kirchenstuhl und am Grabstein fehlt das Hauszeichen nicht. Noch mehr. Das Hauszeichen, welches, ich wiederhole es, keineswegs ein Geschlechtswappen ist, wird sogar zum Handzeichen des Hausbesitzers. Auf der Halbinsel Mönchgut wurden noch bei Menschengedenken öffentliche Urkunden, statt mit dem Namen, mit dem Hauszeichen unterschrieben. An dem Hause also erkennt man den Mann; seine Person und das Haus fallen in eins zusammen. Ein Lump, der nicht schreiben kann, mag drei Kreuze unters Protokoll setzen; der Bauer ältester Art dagegen malt sein Hauszeichen und läßt also sein eigenstes, persönlichstes Besitzthum, sein Haus haften für seine Person. Eine glänzendere Urkunde des uranfänglichen Zusammenhangs von Familie und Haus gibt es nicht, als diese Hausmarken. Früher fanden sich auch in deutschen Städten Hauszeichen und hatten unstreitig gleichen Sinn und gleiche Anwendung wie die Marke des Bauernhofes. Jetzt kann es gar keine Hauszeichen mehr in den Städten geben, wo man zur Miethe wohnt und nach Belieben sein Haus wechselt. Auf den Dörfern dagegen sollte man die Hausmarken in ihrer herkömmlichen Bedeutung ehren und, als das Wappen der Bauern, selbst bei den Kanzeleien und Gerichten wieder anerkennen, denn indem man solche Symbole aufrecht erhält, stützt man auch die Tendenz, aus welcher sie hervorgegangen sind, d. h. im vorliegenden Fall die Idee des untrennbaren Zusammenhanges von Mann und Haus.

Ich habe in diesem Buch fast auf jeder Seite von den Bauern reden müssen, gleich als seyen die ursprünglichsten und nationalsten Formen unseres Familienlebens nur in dem Bauernhause zu finden. Dem ist auch in der That so, und es erwachsen hieraus weittragende Folgerungen für den Wiederaufbau des Hauses. Das deutsche Volk ist von Hause aus ein Landvolk gewesen, während uns Griechen und Römer als ein Stadtvolk entgegentreten. Das deutsche Volk siedelte sich zuerst nur in Höfen und Weilern an, unter fremdländischem Einfluß bildeten sich nachgehends die Städte: der Stand des freien Grundbesitzers war der Urstand des deutschen Volkes. Im gesellschaftlichen und politischen Leben wurde der deutsche Städtebürger im Mittelalter eigenartig, mächtig, er schuf neue große Entwickelungskreise unserer nationalen Existenz. Darum mußte ich in meiner »bürgerlichen Gesellschaft« sagen, daß der deutsche Bürger keineswegs bloß ein beweglich gewordener Bauer sey. Er ist eine selbständige sociale Erscheinung. Ganz anders steht es aber mit den Formen unseres häuslichen Lebens. Die Sitte des Hauses ist viel älteren Ursprunges als der Gesellschaftsorganismus: sie wurzelt bei uns durchaus in jener Zeit, wo die Deutschen noch ein Landvolk waren. Unser eigenstes Familienleben stammt aus dem Bauernhause. Das römische Volksthum ging aus von »der Stadt« als solcher, von Rom. Erst aus dem römischen Stadtbürger ging der römische Gesellschaftsbürger. der römische Staatsbürger hervor. Die Blüthe römischnationaler Sitte bekundete der Einzelne als »Urbanität.« Wir haben dieses Wort gedankenlos aufgenommen, während wir doch die Blüthe deutscher Sitte viel eher »Rusticität« nennen müßten.

So lange der deutsche Bürger rein deutsche Sitten des, Hauses hatte, waren das verfeinerte Bauernsitten. Im Mittelalter ist es so noch gewesen. Mit der Beweglichkeit des städtischen Hauses ist jetzt die alte Bauernsitte im Bürgerhause theils unmöglich geworden, theils haben wir sie als altfränkischen Plunder von uns geworfen, aus London und Paris die kosmopolitische Sitte des gebildeten Europa uns verschrieben und das deutsche Haus verleugnet. So ist unser bürgerliches Familienleben, ich wiederhole es, ein qualitativ anderes geworden, als das ursprünglich deutsche, bäuerliche.

Es wäre Verrücktheit zu glauben, daß jene alten naiv poetischen Sitten des Bauernhauses in der Stadt jemals wieder hergestellt werden könnten. So gewiß es in der entgeisteten Wohnungskaserne niemals wieder ordentlich geisten und spucken wird, so gewiß werden auch die alten, naiven, wesentlich im Hausaberglaubcn gewurzelten Bräuche nicht wieder aufkommen.

Sollen wir aber darum das deutsche Haus in den Städten gänzlich verläugnen und verloren geben? Gewiß nicht. Eine neue Sitte des bürgerlichen Hauses müssen wir gründen, die der Bauernsitte gegenühersteht wie die bewußte, klare Lebenspraxis des Mannes dem dichtenden, Träume spinnenden Dahinleben des Jünglings. Sie muß hervorwachsen aus der bestimmten Ueberzeugung, daß nur in dem engen, durch die äußeren historisch nationalen Formen der häuslichen Sitte gefesteten Familienleben eine sittlich kräftige, staatsbürgerlich tüchtige Generation wieder aufwachsen kann. Im Taumel haben wir diese Sitten verloren: mit hell wachen Augen müssen wir sie wieder suchen. Und weil wir sie hell wach anders anschauen werden als vordem, drum werden sie auch zu anderen Sitten sich umwandeln, aber es werden gute deutsche Sitten seyn.

Es vermeint Mancher, dessen politisches Glaubensbekenntnis; in äußerst loyalen und unterthänigen Phrasen abgefaßt ist, er sey ein gar conservativer Mann. Er ist aber ein Demagog, ein Revolutionär, weil in seinem Hause der Konservatismus fehlt, weil da aus eitel Vornehmthuerei jegliche überlieferte Sitte des Standes und der Familie weggeworfen ist, weil kein Hausregiment geführt wird, weil die Kinder als sociale Windbeutel aus dem Schooße der Familie hervorgehen. Unzählige »feine« Leute werden Demokraten, weil sie gar zu aristokratisch seyn wollen, und Merken selbst nicht einmal, was sie geworden sind.

Mit dem bestimmten Gedanken müssen wir eine strengere Zucht des Hauses wieder ausnehmen, daß uns dieselbe social fest machen solle, wo wir jetzt noch umhergeblasen werden wie die Windfahnen. Aus dieser Zucht könnte eine neue bewußte bürgerliche Sitte des Hauses aufwachsen. Wenn sie aber außer allem Zusammenhang tritt mit der alten deutschen naiven Sitte, d. h. mit der Bauernsitte, dann wird sie doch alsbald vertrocknen; denn ein Volk ist auch nur einmal jung, und nur aus den Sitten der Jugendzeit unserer Nation strömt dem bewußt schaffenden Alter ein verjüngtes, gemüthfrisches Leben zu.

Der politische Mann sollte es sich zum Exempel zur besonderen Gewissenspflicht machen, jetzt, wo die städtische Familie kaum je mehr in dasselbe Haus, in dieselbe Stadt zusammmgebannt bleibt, den Familienverkehr aus Princip um so lebendiger aufrecht zu erhalten. Aus Ueberzeugung müssen wir uns wieder Courage fassen, gleich dem Bauern wieder den Vetter und die Base zu ehren; um als conservative Männer den Staat zu stützen, müssen wir Familientraktamente halten für die ganze Sippschaft, so weit sie nur herausgerechnet werden kann, Familientraktamente wie auf einer Pfälzer Kirchweih. Regelmäßige Familienzusammenkünfte sollten zur allgemeinen Sitte werden; die Eisenbahn, die so manches alte Herkommen zerstört, würde dieses gute neue Herkommen schaffen helfen. Jeder Einzelne kann erfolgreiche Schritte zu diesem Zwecke thun, wenn er nur den Muth hat, ein deutscher, für das Haus begeisterter Mann zu seyn.

Ich gedachte oben der Familienchronik. So lange es im Bauernhause noch ordentlich spuckt, braucht der Bauer keine ausgeführte Familienchronik. Er wohnt im eigenen Hause, und die Wände des Hauses erzählen ihm die Chronik seiner Väter. Er würde auch eine reglementsmäßige Familienchronik ohnedies nicht gut schreiben können, da ihm die Tinte meist eingetrocknet ist und kann sich mit den altherkömmlichen, der Bibel vorgehefteten kurzen Notizen wohl begnügen. Der Städter dagegen braucht eine solche Chronik, wenn er nicht mit der Zeit ganz familienlos werden will, denn seine gemietheten Zimmerwände sind stumm, die städtischen Großmütter haben ein schwaches Gedächtniß in Familiensachen bekommen, und so bleibt nur übrig, daß das beschriebene Papier die Überlieferungen des nomadischen Hauses einstweilen festhalte.

Entsprechend den naturgeschichtlichen vier großen Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft wird auch der Wiederaufbau des Hauses unter vierfachem Gesichtspunkt vom Socialpolitiker behandelt werden müssen.

Der Bauer hat einen Cultus des Hauses, bedingt durch das naive Fortleben in der überlieferten Familiensitte. Die Stammburg unsers nationalen häuslichen Herkommens ist das Bauernhaus. Das wirthschaftliche und sociale Leben des Bauern ordnet sich seiner Sitte des Hauses unter. In ihr ist dem gesammten Volke der Zusammenhang mit dem Urquell unserer ältesten nationalen Lebensanschauung gesichert. Der Socialpolitiker muß daher den Bauer nur in seiner Sitte und seinem Cultus des Hauses gewähren lassen und bewahren, er darf höchstens gelinde Hebammendienste zum Hervorziehen halb entwickelter oder halb erstickter Bauernsitte thun.

Bei der Aristokratie hat sich die alt nationale Bauernsitte zu Standes- und Hausgesetzen krystallisirt. Der Stand ruht auf diesen Hausgesetzen. Werden sie nicht befestigt und neu geordnet, dann ist der ganze Stand der Adelsaristokratie ein Schattengebilde der Doctrin. Hier erhält also der Staatsmann bereits die positive Aufgabe auf dem Wege der Gesetzgebung dem in dem Wesen seines Familienthumes erst eigenartig werdenden Stande unter die Arme zu greifen.

Das Bürgerthum hat die naive Bauernsitte und den Cultus des Hauses größtentheils abgestreift, es hat auch sein Familienleben nicht durch Hausgesetze gefestet. Darum muß es aber entschiedener noch als die beiden vorhergehenden Stände aus politischem Bewußtseyn zur strengen Zucht des Hauses zurückkehren. Es muß sich dadurch einen neuen Boden bürgerlicher Haussitte schaffen. Es wird der vierte Stand, bei dem ein berechtigtes Familienleben überhaupt kaum existirt, durch eine Concentration des bürgerlichen Lebens großentheils aufgehoben werden, denn eben aus der Verleugnung des bürgerlichen Hauses geht eine ungeheure Schaar von Proletariern hervor.

Hier ist also der Punkt, wo wir mit aller Macht die Hebel der Reform einsetzen müssen. Jeder für sich in seinem Hause, und auch der Staat darf nicht bloß zusehen und gewähren lassen.

Ich komme hier auf eine bis zum Ueberdruß besprochene Zeitfrage, auf die Frage der Auswanderung. Man wird glauben, sie müsse vorwiegend bei einer Betrachtung unserer gesellschaftlichen, unserer wirthschaftlichen oder politischen Zustände besprochen werden; ich aber glaube, sie gehört vor allen Dingen in ein Buch von der Familie.

Die Leute, welche auswandern, weil sie im fernen Welttheil einen günstigeren Spielraum für die Entfaltung ihrer Kräfte bestimmt voraussehen, sind vernünftige Auswanderer. Sie sind nicht vom Auswanderungsfieber befallen, und von ihnen rede ich hier nicht. Die ungeheure Masse der Auswanderer geht nicht von diesem Gesichtspunkte aus. Sie sind vielmehr zerfallen mit dem europäischen Leben, müde dieser Zustände, in denen sie nicht recht leben und nicht recht sterben können, und steuern einem fernher dämmernden Glück entgegen, von dem sie so wenig eine bestimmte Vorstellung haben, wie von ihrem heimathlichen Unglück.

Nun sagt man, diese Leute fliehen vor unsern erbärmlichen politischen und socialen Zuständen. Wer aber macht denn in letzter Instanz diese »politischem und socialen Zustände« als das Volk selber? Ein innerlich gesundes Volk ist noch niemals auf die Dauer schlecht regiert worden, und wenn unsere Gesellschaftsverfassung schlecht ist, so heißt das nichts anderes, als daß das Volk selber krankt. Die europamüden Auswanderer fliehen also vor sich selber. Es ist doch gar zu komisch zu glauben, die große Mehrzahl dieser Leute, die den untersten und bildunglosesten Volkskreisen angehören, gingen aus Unzufriedenheit mit unsern Staatsverfassungen und Verwaltungen übers Meer. Es würde ihnen wahrhaftig jede Verfassung recht seyn, denn sie verstehen die eine so wenig wie die andere, wenn sie nur mit sich selbst in Frieden wären. Die überlieferten Sitten haben sie aufgegeben, der Fesseln des Familienlebens sind sie quitt geworden, damit aber auch der süßen Bande der Familie, sie haben keinen »häuslichen Herd« mehr: warum sollten sie noch länger zu Hause bleiben? Sie sind eigenherrisch geworden; der jüngere Bruder mag dem älteren nicht mehr als oberster Knecht und Genosse dienen; er geht also übers Meer, um zu lernen, daß Der meist den schlechtesten Herrn hat, der sein eigener Herr ist. Wenn man es ganz in der Ordnung findet, daß das Volk seinen alten Rock ablegt und mit dem alten Rock seinen alten Gott, warum wundert man sich denn, daß es auswandert? So lange die Familiensitten fest waren, hielten sie auch den Mann im Hause fest. Nun ist es aber doch ganz natürlich, daß die Leute auswandern, da ihnen mit den Sitten auch »das Haus« verloren gegangen ist. Sie sind ja hier nicht mehr »zu Hause,« warum sollen sie denn hier bleiben? In den niederdeutschen Küstenstrichen und den oberdeutschen Hochgebirgsgegenden, wo der Bauer noch sein altväterliches Haus innen und außen besitzt, weiß man ja nichts vom Auswanderungsfieber: in Mittel- und Südwestdeutschland dagegen grassirt es am stärksten. Dort hat das Volk nach und nach alles Eigene, Ererbte, Angestammte aufgegeben, daß ihm zuletzt nur noch übrig blieb, die todte Scholle Landes aufzugeben, darauf es geboren ward. Daß ihm dieß nicht mehr schwer wird, ist erklärlich, und diese leichte Trennung nennt man Auswanderungsfieber. Bei den niedersächsischen Bauern, die noch im alten Sachsenhause wohnen, wo der Bruder die Ehren des Hauses in des Bruders Dienst zu mehren sucht, wo die Hausfrau in der großen Wohnhalle hinter dem Herde thront, und die Heuerleute unter dem patriarchalischen Schütze des Hofbauernhauses ihre Hütten aufschlagen, herrscht noch kein Auswanderungsfieber. Die Leute haben noch ein Haus: also fällt es ihnen auch nicht ein, auszuwandern. Wo das Auswanderungsfieber herrscht, da vermindern sich die Ehen in noch viel stärkerer Proportion als die Bevölkerungszahl abnimmt. Die Leute, welche ein Haus suchen, die heirathsfähigen Leute, wandern aus; sie fliehen vor dem alten Land, in welchem sie den Geist der Häuslichkeit nicht mehr finden können. Die Armen merken nicht, daß sie damit eigentlich nur vor sich selber fliehen! Die Verleugnung der nationalen Sitte und des deutschen Hauses ist es, die wie ein Fieber durch die Nerven unseres armen Volkes zittert und glüht; unstät und flüchtig wird das Volk, um dieser tief innen brennenden Unruhe zu entrinnen. Der einfältige Bauer merkt nicht, daß er und Andere mit seiner Väter Sitten sich und ihm auch seiner Väter Frieden gestohlen. Es ist öde geworden in seinem Haus. Nur ein böser Hausgeist spuckt noch darin, der Rachegeist der Verleugnung des Hauses. Und der Bauer packt seine ganze Habe auf den Wagen und sticht zum Auswandererschiff und steckt das väterliche Haus in Brand, damit dieser böse Hausgeist mit verbrenne, aber hoch oben von dem aufgethürmten Hausrath herab kichert ihm der Kobold zu: »Es war Zeit, daß wir uns aus dem Staube machten!« Und ob der entsittete deutsche Mann gleich über das ganze breite Weltmeer fährt, wird er diesen bösen Hausgeist doch nicht darin ersäufen können. Und würfe er all sein Hab und Gut, worin der Hausgeist scheinbar sich verschanzt, über Bord, er würde ihn doch nicht mit ins Wasser werfen, sondern zuletzt würde der rächende Hausgeist aus des Auswanderers eigener tiefster Brust heraussprechen und ihn peinigen.

Wenn ein Volk vor sich selber flieht, dann hat es das Auswanderungsfieber. Es flieht dann freilich auch vor seinen socialen Zuständen; denn seine socialen Zustände hat es sich selber gemacht. Es flieht vor seinen politischen Zuständen: denn ein Volk wird im Großen und Ganzen immer gerade so gut und so schlecht regiert, als es regiert zu werden verdient. Die Regierenden sind ja doch auch ein Theil des Volkes und ihre Regierungsweise ist eine von den Früchten der gesammten Volksentwickelung. Wenn aber ein Volk sein häusliches Leben wieder in strenge Sitten fügt, dann zwingt es seine Machthaber zur politischen Tugend und indem wir unser Haus reformiren, reformiren wir den Staat.

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Ich habe so viel von dem aus vergangenen Zeiten uns vererbten deutschen Bauernhause gesprochen; es stehet aber auch ein Bürgerhaus der Zukunft vor meinen Augen, welches anders aussieht wie eine Kaserne.

Ihr schauet da – im zwanzigsten Jahrhundert – ein etwas unregelmäßig gebautes, mäßig großes Haus, gelegen in einer neuen und dennoch krummen, wie ein anmuthiger Fußpfad geschlängelten Straße. Die Giebelfront ist der Straße zugekehrt. Denn bis zum zwanzigsten Jahrhundert hat der Bürger so viel historische Bildung gewonnen, daß er weiß, es sei dies ein Wahrzeichen des deutschen Hauses. So wie er es aber für lächerlich hält, in seinem Hause französisch zu sprechen, so nicht minder, sein Haus nach französischer oder italienischer Art zu bauen. Der schönste Schmuck dieses zukünftigen Hauses ist ein Erker, und weil es mit der breiten Seite nach innen gekehrt ist, hat man einen traulichen Hof gewonnen, sinnig ausgeschmückt, in welchem sich die Kinder lustig tummeln, und an der dem Hofe zugewandten Front läuft oben eine offene Gallerie, von welcher die Eltern dem Treiben des jungen Volkes zuschauen können. Die Grundformen und Ornamente des Hauses sind eigenthümlich neu und doch wie der ganze Plan an altes anlehnend. Es ist nämlich bis dahin der gesuchte ächt »moderne« Styl wirklich gefunden worden.

Im Hause wohnt nur eine Familie; säße noch eine andere zur Miethe darin, so würde sie wenigstens eine Hausflur, Treppe und Hausthür für sich gesondert begehren und dafür lieber einige Prunkräume vermissen oder etwas höheren Zins zahlen.

Oben hinter den Giebelfenstern haust der Großvater und die Großmutter. Sie haben sich zur Ruhe gesetzt und ziehen selbst dann mit ihren Kindern, wenn diese zur Miethe wohnen.

Das »ganze Haus« hält zusammen, Vettern und Basen sprechen öfters ein und finden ein nettes Gaststübchen. Zur Entgegnung »onkeln« die Kinder des Hauses in den Ferien bei den auswärts wohnenden Verwandten und zehren ein halbes Jahr an den anmuthigen Erinnerungen dieser Wanderfahrten. Die Familienfeste stehen wieder roth im Kalender und werden nach altem Style, nur mäßiger, und also auch fast fröhlicher als vor Jahrhunderten gefeiert. Der Großvater macht es sich in seinem Giebelstübchen zum besonderen Geschäft, die alten deutschen Sitten neu ans Licht zu ziehen, den Forderungen des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn's Noth thut, anzubequemen und, als Hofmarschall des Hauses, über ihre Aufrechthaltung zu wachen.

Es gilt wieder für städtisch, sogar mit den Nachbarn gute Freundschaft zu halten. Die Gemeindeordnung sorgt aber auch dafür, daß sich nicht allerlei fremdes Gesindel neben den soliden Bürger siedelt. Ruhelose Lumpen wandern fleißig nach Amerika und man verschmerzt das Geld gerne, was mit ihnen fortgeht, weil sie auch ihr ansteckendes hektisches Fieber der Familien- und Gesellschaftslosigkeit mit hinübernehmen.

Das Gesinde, die Gesellen und Gehülfen, zählen wieder mit zum ganzen Hause. Sie werden in strengerer Zucht gehalten, dafür aber auch, so weit es nur angeht, in den Kreis der Familie gezogen. Der Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts hat gefunden, daß die sogenannte »Erntebiere« der Bauern, das Fest, welches der Gutsherr seinen Arbeitern nach vollbrachter Ernte gibt, ein wahres Verbrüderungsfest für das Haus und das Gesinde seyn können. Er hat deßhalb gleichfalls ein eigenes Gesindefest in seinem Hause eingeführt, und zwar zu Weihnachten oder Neujahr, wo die Arbeit und Ernte des ganzen Jahres hinter uns liegt, während sonst gerade in dieser der Familienfestlichkeit am meisten geweiheten Zeit das Gesinde sich in seiner ganzen Einsamkeit fühlte, ausgestoßen aus dem Familienleben.

Der Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts hat die verlorene hauspriesterliche Würde wieder erobert: er hat den Muth, wieder mit dem ganzen Hause zu beten, und mit dem ganzen Hause, wie in einem Aufzug, zur Kirche zu gehen.

Ein verbessertes, aus Elementen des Vereins wie des Corporationswesens aufgebautes neues Innungsleben im Gewerb wird bis dahin mächtig diese Gesammthäuslichkeit fördern. Die Studenten haben dann die Poesie der genossenschaftlichen Bierkneipe noch nicht verloren, aber sie werden zugleich eine neue und höhere Form der Häuslichkeit wiedergefunden haben in einer Neubelebung der »Bursen.« Bursen, Gesellenhäuser, Rettungshäuser ec. werden dem Socialismus die Spitze abbrechen, indem sie die richtigen Ideen, welche in ihm enthalten sind, aufnehmen und den modernen Gedanken des in freier Vereinigung gemeinsamen Lebens verschmelzen mit der historischen Thatsache der deutschen Familie.

Auch in dem vornehmen und reichen bürgerlichen Hause der deutschen Zukunft wird es keinen Salon mehr geben, wohl aber eine stolze, künstlerisch geschmückte Wohnhalle, etwa auch ein Prunkzimmer für die großen Familienfeste. Die Geselligkeit wird ihren Ausgangspunkt wieder in der Familie suchen. An den langen Winterabenden wird man fleißig Hausmusik machen, alte Hausmusik namentlich von Joseph Haydn und an besonders ernsten und geweihten Tagen von Sebastian Bach, außerdem auch noch von einigen noch unbekannten Hausmusikern »der Zukunft,« die aber gewiß nicht bei Richard Wagner in die Schule gegangen sind. Wenn nun die Glieder und Freunde des Hauses so im traulichen Kreise beim warmen Ofen beisammensitzen, dann werden sie sich auch manchmal erzählen von einer närrischen und doch großen vergangenen Zeit, die ihnen ungefähr so vorkommen wird, wie uns die Rococoperiode: – vom neunzehnten Jahrhundert. Die Männer namentlich, die bis dahin wirkliche politische Männer geworden sind, werden sich amüsiren über unsere Versuche und Theorien, mit denen wir auf der einen Seite den Staat festigen, die Gesellschaft erneuern wollten, während wir doch ganz vergaßen, vorher in der Familie die Mächte der Autorität und Pietät neu zu gründen. Unsere politischen Doctrinäre, liberalen und conservativen Zeichens, werden in diesem Punkt jenen Männern, die in der großen Wohnhalle über die gute alte Zeit plaudern, wie Leute erscheinen, die einen Bock zu melken versuchten, und unsere Nationalökonomen, Statistiker, Finanz- und Industriemänner, die eine gute Volkswirthschaft machen wollen, ohne an eine gute Hauswirthschaft zu denken, halten ein Sieb unter, um die Milch aufzufangen. Spaßhafte Dinge wird man sich erzählen von jener verklungenen urgroßväterlichen Zeit, wo von zweien Menschen, die sich begegnen, keiner dem andern zuerst »Grüß Gott« zurufen wollte, weil sich der eine so gut wie der andere als constitutioneller Staatsbürger fühlte, wo die Mägde in Einer Gesindestube und die Gymnasiasten in Einer Klasse sich untereinander mit »Sie« angeredet haben, wo der Vater »unter Mitwirkung der Polizei« seinem bösen Buben Hiebe gab, wo in dem abenteuerlichen Jahre 1848 Lateinschüler Beschwerden und Petitionen an deutsche Kammern schickten, das unconstitutionelle, despotische Regiment ihrer Lehrer betreffend, wo sich's aber die Lehrer auch ihrerseits als einen großen Schimpf verbaten, wenn man sie Meister der Schule, kurzweg Schulmeister nannte, wo die Schule ein verkleinerter Staat seyn sollte, statt ein vergrößertes Haus, und die Kindererzichung im Hause wieder eine Schulmeisterei im Miniaturbild. Man wird es dann auch ebenso kurios finden, wenn ein Vater sagen wollte, er habe keine Zeit seine Kinder zu erziehen, wie wenn ein Pfarrer sagte, er habe keine Zeit zum Predigen, oder ein Soldat, er habe keine Zeit zum Fechten.

Obgleich man nun solchergestalt lächeln und sich ergötzen wird über gar manche Wunderlichkeiten und innere Widersprüche unseres häuslichen Lebens, wird man doch auch wieder mit Respect dieser unserer ringenden Zeit gedenken – mit Pietät. Denn eben weil man dann ja wieder wohnt in dem organischen Hause mit der Giebelfront und dem Erker, eben weil man das deutsche Familienleben wieder gefunden hat, betrachtet man die vergangenen Geschlechter mit derselben Pietät, mit der man seinen Vater anschaut und weiß, daß man nicht nur durch des Vaters Arbeit reich, sondern auch durch seine Fehler und Schwächen klug geworden ist. Die Kinder eines Vaters, der die Weinflasche liebt, werden selten dem Trunke sich ergeben, und in der Geschichte der Pädagogik folgen auf die geschmeichelten Generationen allemal die geprügelten.

Die Ehegesetze werden in jener Zeit weit strenger seyn als in der gegenwärtigen; dennoch wird man sie nicht barbarisch nennen, weil die mit bestimmter Ueberzeugung aufgenommene strengere Sitte des Hauses die Strenge jener Gesetze selten zur Anwendung kommen läßt, weil die leichtsinnigen Ehen und folglich auch die leichtsinnigen Scheidungen seltener sind, weil der Einzelne weiß, daß er seine persönliche Fessellosigkeit den großen sittlichen Ideen der Menschheit, vor allem der Idee der Familie muß opfern können. Von den zahllosen »Hausbüchern,« die gegenwärtig in jährlich steigender Fluth den buchhändlerischen Markt überschwemmen, wird sich in dem Bücherschrank jenes Giebelhauses wenig mehr vorfinden. Es sind diese Bücher zumeist noch nicht dazu angethan, »Erbbücher« zu werden. Dennoch wird man einst ein Vorzeichen späterer glücklicher Entwicklungen darin erblicken, daß selbst die Buchhändler in unsern Tagen angefangen haben, auf das Haus (wie auch auf das »Volk«) zu speculiren, während sie noch vor zwanzig Jahren vorwiegend auf die Lust an der Verleugnung des Hauses speculirten. Als erstes weltliches Hausbuch wird aber in dem Bücherschrank jenes Giebelhauses die handschriftliche Familienchronik stehen, und man wird ihr den Ehrenplatz unmittelbar neben der Hausbibel geben.

*

Der Socialpolitiker konnte es sich nicht versagen, am Schlusse eines Buches, dessen Stoff so vielfach das deutsche Gemüth bewegt, schier dem Poeten ins Handwerk zu greifen, und von dem Traum einer goldenen Zukunft zu reden, die hier doch eigentlich nur als der von dem Goldschimmer der Phantasie überstrahlte Widerschein der Vergangenheit erscheint. Denn wir können uns die Zukunft überhaupt ja gar nicht anders denken, als indem wir Vergangenheit oder Gegenwart in ein anderes Colorit umstimmen. Könnten wir uns die wirklich neuen Elemente der Zukunft auch nur ahnend vorstellen, so würden wir sie damit auch schon halb besitzen und sie wäre eben keine rechte Zukunft mehr, sie wäre schon eine halbe Gegenwart. Hierin liegt aber ein tiefgreifender Beweis der Berechtigung unseres historischen Standpunktes. Nur indem wir die Vergangenheit ergreifen, besitzen wir auch die ganze Gegenwart; die Zukunft aber köen wir nur schauen in der Täuschung eines verklärten Abbildes dessen, was wir bereits besitzen.

Und damit getröste ich mich gern meines verklärten Bildes vom bürgerlichen Hause mit der Giebelfront, über dessen friedlichem Dach der Himmel sich öffnet, daß man die Engel erschauen kann, wie sie sich freuen über solch ein Haus, und musiciren dazu mit ihrer himmlischen Hausmusik, die klingt ungefähr wie das schönste Quartett von Joseph Haydn. Wir besitzen dieses Haus schon halb; denn in der Idee ist es ja nur unser altes deutsches Haus. So lasset uns dasselbe auch in der Wirklichkeit erbauen, nicht bloß für die Zukunft sondern auch für die Gegenwart.

Und weil das Haus mit der Giebelfront ein so persönliches Haus ist, vergleichbar jenen mittelalterlichen Häusern, die in der Inschrift von sich selber in erster Person sprechen: »Ich ward erbaut Anno Domini ...,« so muß es auch einen Hausspruch über der Thüre haben. Dazu aber erwähle ich die alten, einfachen und treuherzigen Verse, die schon so mancher deutsche Bauer über sein Haus gesetzt hat, und der Socialpolitiker denkt mit dem Poeten, sie werden gut stehen an den Pforten alles dessen, was wir in deutschen Landen bauen im Hause und in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft und im Staat:

»Wo Gott nicht gibt zum Haus sein' Gunst,
Da ist all unser Bau'n umsunst.«

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