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Gutenberg > Josef Ruederer >

Die Fahnenweihe

Josef Ruederer: Die Fahnenweihe - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleTheaterstücke
authorJosef Ruederer
year1987
publisherSüddeutscher Verlag
addressMünchen
isbn3-7991-6365-4
titleDie Fahnenweihe
pages5-11
created20020607
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Nusser Ich muß noch einmal fragen, warum darf denn die Wiese absolut nicht verkauft werden, es soll ja doch das stattliche Findelhaus...

Pfarrer Oh, von dem wollen wir nicht mehr reden. Im übrigen können Sie die Wiese meinetwegen verkaufen, an wen Sie wollen, falls Ihnen was Besonderes dran liegt, nur muß ich Ihnen vom Posthalter noch einmal und zwar ganz entschieden abraten.

Foitenleitner kratzt sich am Kopfe: Was tuat ma jetzt?

Pfarrer Einfach den Gemeindebeschluß ändern!

Nusser Wenn das nur so leicht geht!

Pfarrer Es geht alles, wenn man will.

Nusser Ich fasse es noch nicht.

Pfarrer steht auf: Wir haben Ihnen jetzt unsere Ansicht gesagt und Sie können tun, was Ihnen paßt. Aber darauf mach ich Sie aufmerksam: Für alle Folgen sind Sie allein haftbar und zwar in erster Linie für den Frieden und die Moral unserer Gemeinde. In kurz bemessenem Raum umhergehend. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten, denn wenn Sie mir folgen wollen, werden Sie handeln müssen. Und fürchten Sie wirklich so für Ihre Interessen und wollen durchaus den Platz verkaufen, dann reden Sie doch mit dem Mohrenwirt! Soviel ich durch den erfahren habe, gibt's auch noch andere Leute, die auf die Gregoriwiesen reflektieren. Er bemerkt den Posthalter und die Posthalterin, die von links eintreten, und wendet sich nochmals zu Foitenleitner und Nusser, die ganz verdutzt dasitzen. Also, guten Tag, meine Herren, ich hab' jetzt noch was zu erledigen! Guten Tag, Herr Posthalter.

Foitenleitner und Nusser erheben sich langsam.

Mohrenwirt drängt sich an ihre Seite und geleitet sie heftig gestikulierend zur Verandatür hinaus.

Posthalter zu Pfarrer und Amtsrichter: Habe die Ehre, meine Herren!

Pfarrer nachdem er kurz, aber nicht verletzend zur Posthalterin hinübergenickt hat: Können wir Sie vielleicht einen Augenblick allein sprechen, Herr Posthalter?

Posthalter sehr zuvorkommend: Wie Sie wünschen, Herr Pfarrer. Zu seiner Frau: Geh' nur derweil.

Posthalterin entfernt sich wieder mit ängstlichem Blick auf das Trio durch die linke Türe.

Posthalter Darf ich den Herren einen Stuhl anbieten?

Pfarrer Nein, nein, bemühen Sie sich nicht! Es handelt sich ja nur um ein paar Worte.

Posthalter Wegen heut abend vielleicht?

Pfarrer mit Betonung: Nein, wegen gestern abend.

Posthalter Oh, Sie können sich denken, wie furchtbar unangenehm...

Pfarrer schnell einfallend: Das kann ich mir sogar sehr gut denken, und eben deswegen möcht ich Ihnen einen Rat geben, der Ihnen jedenfalls einleuchten wird.

Posthalter Sehr dankbar, Hochwürden!

Pfarrer etwas reserviert, aber immer mit dem Anflug von Jovialität und Behäbigkeit, der ihn nie ganz verläßt: Überlegen Sie sich das mit der Fahnenweihe und dem Findelhaus doch noch einmal!

Posthalter schaut ihn an, als hätte er einen Schlag bekommen.

Pfarrer Sehen Sie, ich würd' an Ihrer Stelle die Feier, ich will nicht sagen, ganz aufgeben, – aber vorerst mal lang, recht lang verschieben. Sie verstehen mich, was ich meine?

Posthalter Nein, Hochwürden, ich versteh' Sie net.

Pfarrer etwas gereizt: Dann tut's mir recht leid.

Posthalter Aber wie soll ich denn die Feier verschieben? Ich stift' doch das Findelhaus! Morgen soll die Grundsteinlegung stattfinden, heut' abend die Fahnenweih' –

Pfarrer Versteifen Sie sich unter den obwaltenden Umständen nicht so auf das Fest, Herr Posthalter!

Amtsrichter Glauben Sie uns, es ist besser.

Posthalter Aber, ich kann ja nimmer z'rück, ich hab ja das Findelhaus fest versprochen, die Gemeinde verkauft mir den Platz...

Pfarrer Bitte, lassen wir einmal den Verkauf! Hören Sie nochmals meinen Rat an und verschieben Sie das Fest.

Posthalter Aber, Sie können mir so was ja net im Ernst zumuten, ich werd doch wegen 'm Seehansele...

Pfarrer Der kommt ja gar nicht in Betracht.

Posthalter Oder das, was er g'logen hat, der elende Kerl, der...

Pfarrer Herr Posthalter, über die peinliche Affäre, die Ihre Familie betrifft, wollen wir lieber nicht reden! Ich bin, wie gesagt, nur gekommen, Ihnen zu sagen, Sie sollen das Fest fallen lassen, wenigstens vorerst.

Amtsrichter Und ich habe den Herrn Pfarrer begleitet, um Sie dringend zu bitten, daß ein ähnlicher Vorfall künftig im Interesse der öffentlichen Ordnung bei uns vermieden werde.

Posthalter Ja, was kann ich dafür? Ich bin an der G'schicht doch so unschuldig, wie...

Amtsrichter Der ganze Ton, mit dem dieses Fest überhaupt eingeleitet wurde, läßt noch auf weitere Unannehmlichkeiten schließen. Es schickt sich nicht, daß Sie zum Beispiel die Choristinnen kommen ließen. Die Frauenzimmer benehmen sich derartig...

Pfarrer Ich stimme dem Herrn Amtsrichter bei. So was paßt sich nicht für ein Dorf.

Amtsrichter Wollen Sie also dafür sorgen, daß diese – Damen möglichst bald unseren Ort verlassen?

Posthalter Ich weiß nimmer, was ich sagen soll! Gestern hat sich der Herr Amtsrichter noch famos mit der Fräulein Hulda amüsiert, und heut –

Amtsrichter gereizt: Bitte, lassen Sie diese unpassenden Reminiszenzen!

Posthalter Und heut ist alles anders, es is rein, als hält die ganze Welt vor die elenden Haberfeldtreiber Angst.

Pfarrer Angst?

Amtsrichter Wer hat denn Angst?

Posthalter jetzt sehr ärgerlich: Ich weiß net.

Amtsrichter sehr überlegen: Herr Posthalter! die Angst vor Haberern überlassen wir andern Leuten.

Posthalter Ich glaub 's, ich mein ja nur.

Amtsrichter Immerhin müssen wir streng darauf sehen, einen solchen Exzeß zu unterdrücken, und zwar schon deshalb, weil er gegen die Gesetze verstößt.

Pfarrer Und weil sonst leicht auch Unschuldige von dieser Haberergesellschaft belästigt werden könnten.

Posthalter Unschuldige?

Pfarrer zögernd: Nun, ich habe damit eben... Leute im Auge, die gar nichts mit dem Skandal zu tun haben.

Amtsrichter Deshalb müssen wir vorgehen, nicht etwa, wie Sie zu bemerken für nötig erachten, aus Angst vor dieser verrotteten Bauernsitte.

Pfarrer So ist es.

Amtsrichter Im übrigen dürfen sie doch nicht ganz vergessen, daß dieser Habererunfug eben nur die Ausgeburt trauriger Vorbilder ist.

Pfarrer Sehr richtig bemerkt!

Amtsrichter sehr von oben: Sollten sie vielleicht heute zufällig ausgehen, Herr Posthalter, dann werden Sie bereits die amtlichen Plakate angeschlagen finden, worin bei Androhung höchster Strafe dieser Unfug ein für allemal verboten wird.

Pfarrer sehr entschieden: Sie sehen also, für uns gibt es keine Haberfeldtreiber.

Amtsrichter Das wäre auch noch besser.

Posthalter hat sehr ungeduldig zugehört: Is mir ja recht, is mir ja recht, will ja alles glauben, der Mut der beiden Herren imponiert mir, aber das Fest kann ich nicht verschieben.

Pfarrer Es muß gehen.

Posthalter Nein, nein, nein, nein! Der Schaden wär' zu groß, die Bauten für die Wiesen hab' ich schon vergeben.

Amtsrichter Aha!

Pfarrer So? so? Das war dann sehr voreilig.

Posthalter zum Pfarrer: Aber Sie haben mir doch selbst...

Pfarrer bestimmt: Bitte, ich mische mich niemals in Gemeindeangelegenheiten, Herr Posthalter.

Posthalter Also, mit andern Worten, ich soll die Platz' net kriegen?

Pfarrer Das weiß ich nicht, das geht den Magistrat an, ich wollte Ihnen nur einen Rat geben. Ob Sie ihn befolgen wollen, das ist eine Sache, die ich Ihrer Vernunft anheimgeben muß. Jedenfalls war er gut gemeint, Sie haben ihn gehört und damit – er grüßt leicht – empfehle ich mich, Herr Posthalter!

Amtsrichter Ebenfalls!

Kaum haben die beiden die Verandatür erreicht, als die Posthalterin von der linken Türe sehr erregt auf ihren Mann zustürzt, der noch ganz fassungslos dasteht. Hinter ihr kommt Rettinger, gleichfalls in heftiger Bewegung.

Posthalterin Was is? Was is?

Rettinger Hat der Amtsrichter vielleicht was über mich g'sagt?

Posthalterin Red, red, was haben s' denn g'wollt?

Posthalter wütend: Net viel! D' Fahnenweih' und das ganze Fest soll i verschieben.

Rettinger und Posthalterin Was? Was?

Posthalter Gregoriwiesen soll i net kriegen.

Posthalterin ganz entsetzt: Na?

Posthalter Und abfahr'n soll i, so g'schwind wie mögli.

Posthalterin Ja, aber warum denn?

Posthalter schaut sie erst einen Augenblick an, dann nach einer Pause sehr wütend: Frag mi net so dumm! Er geht auf und ab. Nach einer neuen Pause: I mein, wir zwei wissen doch, warum! Sein Blick fällt auf Rettinger. Und der, glaub i, weiß 's a.

Posthalterin zögernd: No, mein!

Posthalter sehr laut und roh: Also, nachher muaßt mi net so dumm fragen! Kleine Pause.

Posthalterin verlegen: I frag ja nimmer.

Posthalter nach einer kleinen Pause: G'spannt haben sie's halt und jetzt möchten s' uns nimmer kennen.

Rettinger Haben s' nix von mir g'sagt?

Posthalter wegwerfend: I hab net aufpaßt.

Posthalterin ganz zerknirscht: Was fangen wir jetzt an?

Posthalter Was weiß i? Der Magistrat is imstand und schmeißt noch in letzter Stund sein'n Beschluß um, wenn er hört, daß der Pfarrer gegen uns is. I kenn die Kerln.

Posthalterin Steh uns bei! Der Pfarrer hat so vorhin mit 'm Bürgermeister da g'redt.

Rettinger Und mit 'm Nusser.

Posthalter No ja, da habt ihr's.

Rettinger Aber der Bürgermeister tragt ja die Zuschlagsurkunden schon in der Taschen, er hat mir's ja selber verraten.

Posthalter Die gibt er uns halt einfach net!

Rettinger Ah, das ist ja scheußlich!

Posthalterin die Hände zusammenschlagend, sehr ausdrucksvoll: Und das alles wegen dem Seehansele!

Posthalter Wer is nur auf die verrückte Idee kommen, den Kerl b'soffen z' machen?

Rettinger Ja, des möcht' ich auch wissen.

Posthalter Du warst 's halt!

Rettinger Du hast ang'fangt!

Posthalter Was? I hab ang'fangt? Du hast ihm 'n Wein geben.

Rettinger Nein!

Posthalter Doch!

Rettinger Ah, warum net gar.

Posthalter Wer denn sonst?

Posthalterin I bitt euch gebt's 'n Frieden! Es kommt ja jetzt alles darauf an, daß wir die Wiesen no kriegen.

Rettinger Ah, die dumme Wiesen!

Posthalterin ihn erstaunt ansehend: Ja, no freili!

Rettinger Mich freut die ganz G'schicht fast nimmer.

Posthalterin So? Es hängt ja all's davon ab! Wo bauen wir denn 's Hotel hin? Wie verdienen wir denn sonst so viel Geld, daß wir scho' bald privatisieren können?

Rettinger immer gereizt: Privatisieren!

Posthalterin No ja, der Mensch möcht a amal ausruhen. Sie faßt ihren Mann beim Arm. Geh, i bitt di, geh weiter, g'schwind such 'n Bürgermeister auf und red damit.

Posthalter I derf s halt wieder auslöffeln. Gelt?

Rettinger hält ihn zurück: Du, weißt was? Laß des lieber sein! Geh net zum Bürgermeister.

Posthalter Warum denn?

Rettinger Weil des grad so aussieht, als wollten wir was provozieren.

Posthalter Is ja gleich! Jetzt handelt sich's drum, daß wir no' amal den Versuch machen.

Rettinger heftig: Nein, nein, nein! Es handelt sich drum, daß es keinen Skandal gibt. Der Amtsrichter, der hat mich vorhin so impertinent ang'schaut.

Posthalter A was geht denn mich des an?

Rettinger wütend: So? Net ohne! I sag dir so viel, wenn du darauf kei' Rücksicht nimmst, geh ich keinen Pfennig Geld mehr her, dann kannst schauen, wie's d' Gregoriwiesen kriegst.

Posthalter und Posthalterin schauen sich groß an.

Posthalter nachdem er zu sich gekommen, sehr eindringlich: Was? Du willst kei' Geld mehr hergeb'n? Du, des bist so gut und überlegst dir no' amal! Ha, Freundl?

Rettinger Du, dieser Ton...

Posthalterin höhnisch lachend: Er macht ja bloß Spaß, der Herr Reserveleutnant!

Posthalter Des will i a hoffen!

Rettinger Jede Anspielung auf meinen Offizier...

Posthalter sehr fest: Du bist einfach so gut und zahlst, verstehst mi?

Posthalterin Du derfst ganz still sein, mei Lieber. Du hast heut ohnehin der dummen Person, der Rentbeamtenstochter, wieder 'n Hof g'macht und dabei schaut uns die Alte nachher über die Achsel an.

Rettinger Ich werd wohl noch reden dürfen mit wem ich will.

Lorenz und Hies erscheinen von rechts und tragen einen Banzen Bier herein, den sie rechts von der Bühne auf einem kleinen Schemel postieren.

Posthalterin Nein, das erlaub i net.

Rettinger No, des wär aber...

Posthalterin Du brauchst dich nicht mit fremde Mädeln abz'geben.

Rettinger wütend: Jetzt, gelt?

Posthalterin I leid's amal net.

Posthalter Wißt's was, alle zwei? des könnt's mitananda ausmachen, des schlagt net in mein Ressort. Er faßt Rettinger beim Arm und spricht mit gedämpfter Stimme aber mit starkem Nachdruck. Aber des sag i dir, Freundl: Wenn du amal kei Geld mehr hergibst, da kannst was erleben! So – nach rückwärts blickend – die richten schon für heut abend her, da hab' i höchste Zeit. Adje derweil. Eilt rechts ab. Kleine Pause. Hies links ab.

Posthalterin Merk' dir's nur, was er g'sagt hat.

Rettinger geht langsam an den Tisch, faßt ein Weinglas und schleudert es wütend zu Boden, daß die Scherben herumklirren.

Posthalterin Oho! Oho! so was is net glei notwendig.

Rettinger ausbrechend: Zum Teufel!

Posthalterin Lorenz, geh her und kehr die Scherben z'samm.

Lorenz hat diese Szene aufmerksam beobachtet. Kommt nach vorne. Höhnisch: Der Herr Rettinger is heut net gut aufg'legt, scheint's.

Posthalterin Scheint so!

Rettinger ganz rasend: Du bist still, du unverschämter Tropf!

Lorenz fährt zusammen: Ha?

Rettinger am Frühschoppentisch: Die Weinflaschen hau' ich dir um 'n Schädel, wenn d' noch an Muckser tust, du Lump, du!

Lorenz macht eine wütende Bewegung: Eh, mei Lieber!

Posthalterin Gebt's kei Ruh alle zwei?

Rettinger Sag's... Sagen Sie das dem da, net mir, der weiß nicht, wie er sich zu benehmen hat!

Posthalterin Aber der Lorenz hat ja gar nix getan.

Rettinger Was? Sie nehmen den Kerl noch in Schutz?

Lorenz sehr höhnisch: Ja, ja, es gilt a no a anderer was bei der Frau Posthalterin.

Rettinger steht wie versteinert. Pause.

Lorenz Bal er a net soviel Geld hat.

Posthalterin sehr erschreckt: Hör auf, Lorenz!

Lorenz Und kei Großhändler is.

Rettinger zu sich kommend: Ha, ha, ha, ha, ha! So? so?

Posthalterin Was schrein S' denn so? Was is denn los?

Rettinger umherlaufend: Ha, ha, ha, ha! Herrgott, ich möcht...

Posthalterin Sind S' so gut und benehmen S' Ihnen besser, Herr Rettinger!

Rettinger taumelt wie ein Trunkener herum: Oh, oh, oh, oh, ich Esel, ha, ha, ha! Er fällt mehr, als er geht zur linken Türe hinaus.

Posthalterin Bist a dummer Kerl, daß d' so 'n Skandal anfängst, er wird uns no ganz scheu.

Lorenz in größtem Übermut: Posthalterin, laß di auslachen. Geh her! Er will sie fassen.

Posthalterin entwindet sich ihm: A dummer Kerl bist. Laß mi aus, sag i! I muß ihm nachgehen, sonst fangt er aber Dummheit an.

Kederbauer und Mutzenbauer erscheinen rechts.

Lorenz hat sie wieder gefaßt: Ah, laß 'n laufen, den Kerl.

Posthalterin lachend: Hand' weg, sag i.

Lorenz in dem sich zärtliche Gefühle regen: Warum denn?

Posthalterin fährt mit einem lauten Schrei zusammen, weil sie die Bauern erblickt. Pause.

Kederbauer Laßt's enk net aufhalten. Es zwoa.

Posthalterin allmählich zu sich kommend: Was wollt's ihr da herin?

Kederbauer Wir suchen 'n Mohrenwirt.

Posthalterin 'n Mohrenwirt bei uns? Spionieren wollt's an alle Ecken und Enden, i weiß scho'.

Kederbauer Solang des Haus a Wirtshaus is, derf ma a reingehen, moan i.

Posthalterin in großer Erregung: Wir dulden nur anständige Gäst'.

Kederbauer Müaßt's enk net so ärgern, daß wir a bissel zug'schaut haben, Posthalterin!

Posthalterin außer sich: Du Ehrabschneider, du elender!

Kederbauer sehr fest: Halb soviel, Posthalterin!

Lorenz Soll i ihn nausschmeißen, den unverschämten Kerl?

Posthalterin Jawohl!

Kederbauer Wer schmeißt mi naus? Du am End, du Strizzi, du willst an alten Bauern anpacken, ha?

Lorenz nähert sich ihm: I hätt so grad bald ein'n verhaut, es kommt mir auf di a net an, du Bauernlakel! Will ihn anfassen.

Kederbauer Geh weg, sag i. Er packt mit einem unterdrückten Schrei den Burschen bei der Gurgel und schleudert ihn auf die Erde.

Posthalterin eilt wie eine Besessene herum und schreit: Z' Hülf, z' Hülf, z' Hülf!

Kederbauer den ganz zerzausten Lorenz loslassend: Da hast dein' Bauernlakel!

Posthalterin Is denn niemand da? Eilt zur Verandatür, wo eben der Mohrenwirt mit Foitenleitner und Nusser erscheint: O Gott, o Gott, Herr Moosreiner, Herr Bürgermeister, i bitt Ihnen... i hab' so 'n Schrecken... Helfen S' mir doch!

Mohrenwirt höhnisch: Was gibt 's denn, Frau Posthalterin?

Foitenleitner Fehlt Ihna was?

Posthalterin die Hand am Herzen: O mein Gott und Herr!... – zu Lorenz, der wütend in der rechten Ecke steht – Lorenz, mach', daß d' 'nauskommst... I kann nimmer –

Lorenz drückt sich nach einem giftigen Blicke auf Kederbauer rechts hinaus.

Nusser Fassen Sie sich doch, Frau Posthalterin!

Foitenleitner Und sagen S' uns, wo der Herr Gemahl is.

Nusser Wir müssen ihn dringend sprechen.

Posthalterin Mein Mann? Mein Mann?... I weiß net... i glaub, er sucht Sie... er wird glei' wiederkommen... i weiß aber net – eilt laut weinend nach links hinaus.

Mohrenwirt Was war denn des?

Kederbauer streicht sich gelassen sein Gewand zurecht: Aufg'muckt hab i a bissel, 'm zwoaten Liebhaber von der Posthalterin.

Zugleich:

Nusser Was?
Foitenleitner Ha?
Mohrenwirt nach rechts deutend: Der Lorenz?

Kederbauer A alte G'schicht! Und de Person soll heut die Patin von der Findelhausfahna machen, und der Herr Pfarrer schmunzelt dazua.

Mohrenwirt heftig winkend: Nix, nix, nix, alles hat sich g'ändert seit gestern.

Kederbauer Was?

Mutzenbauer G'ändert... ha, ha?... G'ändert?

Mohrenwirt Der Herr Pfarrer hat den ganzen Schwindel g'merkt, gelt, Herr Bürgermeister?

Foitenleitner schweigt mißmutig.

Kederbauer Lang gnua hat er braucht dazu.

Mohrenwirt eifrig: Na, müaßt nix sag'n auf 'n Herrn Pfarrer, er is a ausgezeichneter Mann.

Kederbauer Auf amal?

Mohrenwirt mit triumphierendem Gesichte: Frag nur die Herren da! Der Posthalter kriegt die Wiesen net.

Foitenleitner und Nusser setzen sich mit mißmutigen Gesichtern an den rechten Tisch.

Kederbauer Also werd's überhaupt net verkauft?

Mohrenwirt Des is grad no net g'sagt, d' Hauptsach is amal, daß s' der Posthalter net kriegt.

Kederbauer sehr fest: D' Hauptsach' is, daß die Wies'n Gemeindeeigentum bleibt.

Mohrenwirt Dummheit!

Kederbauer Nix Dummheit! Wir Bauern wollen unser Sach b'halten.

Mohrenwirt Das heißt, du willst dei'm tappeten Bruder...

Kederbauer schnell einfallend: Sei' Recht wahr'n, aber der G'meinde g'rad so.

Nusser Überlassen Sie uns gütigst die Sorge für die Gemeinde.

Foitenleitner Die geht di nix an.

Kederbauer grimmig: Ja, ihr seid's die rechten!

Nusser Sie werden sich...

Kederbauer grob: I werd gar nix! Versteht's mi? Für uns alle is g'hupft wie g'sprungen, wenn am End statt 'm Posthalter nix anders da nunter kommt, als a anderer Wirtsprotz.

Mohrenwirt gereizt: Gelt, red di net so leicht über d' Wirtsprotzen!

Kederbauer Wir protestier'n gegen 'n jeden, ob's der Posthalter is oder der Mohrenwirt.

Mohrenwirt Wer sagt dir denn, daß i...

Kederbauer Seid's nur kalt, wir werden scho' sehen.

Mohrenwirt höhnisch lachend: Des is euer ganze moralische Entrüstung über 'n Posthalter, ha?

Foitenleitner bitter lachend: Ja, moralische Entrüstung!

Nusser Das kennt man bei den Bauern.

Mohrenwirt Ha, ha, ha, ha! Ja, ja, ja!

Kederbauer fest: Mohrenwirt, wir haben nix mehr miteinander z' tun. Nach kleiner Pause bedeutungsvoll: Du, der ganze Magistrat, der Posthalter und der Pfarrer – da dreh i die Hand net um.

Nusser Drücken Sie sich anständiger aus!

Kederbauer derb: I red daher, wie mir der Schnabel g'wachsen is, dafür bin i a Bauer.

Mohrenwirt Und was für einer!

Kederbauer wütend: Oh, es seid's alle...

Mohrenwirt Was samma? Ha? Sag's!

Posthalter mit Hut, tritt auf durch die Verandatür und stürzt nach vorn zu Foitenleitner und Nusser: Herr Bürgermeister! Herr Hoflieferant! Überall in der Welt lauf i 'rum und kann Sie net finden. Grüß Gott, grüß Gott!

Die Angeredeten erwidern aufstehend sehr verlegen seinen Händedruck.

Foitenleitner Und wir... wir...

Nusser Haben Sie auch gesucht.

Posthalter Ach, das trifft sich ja famos! Er blickt nach links und spricht dann zu Foitenleitner: Ein'n Augenblick! Zu den andern mit erhobener Stimme: Wer hat denn da herin so g'schrien, daß man 's bis auf de Straßn 'naus g'hört hat? So was kann bei de Drei Mohren passieren, bei mir aber net, mei Haus is a anständig's Haus.

Mohrenwirt Und ob!

Posthalter Herr Moosreiner, Sie kriechen 'n ganzen Tag in mei'm Hotel 'rum. San S' so gut und kehren S' vor Ihrer Tür! Und ihr zwoa, euch mach i glei' Flügel, was habt ihr alleweil bei mir z' suchen?

Kederbauer nach kleiner Pause: I geh' jetzt so scho', i hab' nix mehr bei dir z' suachen.

Posthalter deutet auf die Verandatür: Also!

Kederbauer höhnisch: I hab 'm Mohrenwirt bloß zu der Gregoriwiesen gratuliert, und jetzt b'hüt enk alle Gott! Er zerrt seinen widerstrebenden Bruder zur Verandatür hinaus.

Posthalter ist einen Schritt zurückgetreten und blickt auf die verlegen dastehenden Foitenleitner und Nusser, die seinen Augen ausweichen: Zu der Gregoriwiesen?

Mohrenwirt wirft sich in Positur: Wenn S' es wissen wollt's... der Kederbauer hat net g'logen, ja, ich will mir's überlegen und werd' wahrscheinlich die Gregoriwiesen kaufen.

Posthalter noch ganz fassungslos: Ihr kauft's die... die Gregoriwiesen?

Mohrenwirt höhnisch: Wo man's do' so billig haben kann! Teurer laß i mir's freili a net aufhängen, als wie 's 'm Herrn Posthalter offeriert wor'n is.

Posthalter nahe vor dem Ausbruch: I hab Eahna net recht verstanden, Mohrenwirt. Es wollt's die Gregoriwiesen kaufen? Is des wahr?

Mohrenwirt Ja, i will 's und i krieg 's a! I hab 's sogar scho' soviel wie sicher.

Posthalter Und des riskieren Sie mir in mein'm Haus so unverschämt in's G'sicht z' sagen?

Mohrenwirt trotzig: Deswegen bin i sogar eigens herkommen.

Posthalter So?

Mohrenwirt Damit Sie a was abkriegen für Ihre gestrige Roheit.

Posthalter rasend: Naus! naus! naus! Auf der Stell naus!

Mohrenwirt Was?... Wer?

Posthalter Naus, sag i, oder i hol 'n Hausknecht.

Mohrenwirt Herr Bürgermeister... Sie werden doch...

Posthalter Naus, zum letztenmal!

Mohrenwirt geht endlich: Posthalter! Des kriegen S' no' heimzahlt!

Posthalter Dort ist die Tür!

Mohrenwirt noch unter der rechten Türe: Sie treiben mi aus 'm Haus 'naus, i treib Ihna dafür aus 'm Ort 'naus! Ab.

Posthalter kommt hastig wieder nach vorn: So, meine Herren! Jetzt sagen Sie mir, is des wahr, was der Kerl g'sagt hat, fall'n Sie so mir nix dir nix von 'm alten Freund ab?

Foitenleitner verlegen: Herr Posthalter!

Nusser Hören Sie uns freundlich an, wir sind gekommen, um mit Ihnen in aller Ruhe...

Posthalter immer rasch und heftig: I will a Antwort hab'n, kriegt der Mohrenwirt faktisch die Gregoriwiesen?

Foitenleitner Aber hören S'...

Posthalter Lassen Sie mi wirkli fallen?

Foitenleitner voll Verzweiflung: Wir täten 's ja net, aber Sie wiss'n ja, der Pfarrer, der Amtsrichter, der Assessor...

Nusser Alle fallen ab!

Foitenleitner Was sollen wir da anfangen?

Posthalter Was gehen denn die mi an?

Foitenleitner Ja, aber uns!

Posthalter A ba!

Nusser Wir sind in einer schrecklichen Situation.

Foitenleitner Sie können 's uns glauben!

Nusser Wir müssen mit den Leuten leben.

Foitenleitner Unsere Weiber zünden uns ja die Häuser über die Köpf an!

Posthalter heftig: Laßt 's mi aus mit die Weiber!

Nusser Wir dürfen Ihnen die Wiesen nicht geben.

Posthalter etwas ruhiger, aber sehr eindringlich: Hab i vielleicht z'wenig 'boten? Es kommt mir auf kei Geld an.

Nusser Ach, nein!

Posthalter I gib der Gemeinde ja so viel s' nur will, i zahl viel mehr.

Foitenleitner Auf's Zahlen kommt 's ja net an.

Nusser Passen Sie doch auf!

Posthalter Um zweitausend Mark hätt ich 's kriegen soll'n, da gib i einfach dreitausend!

Foitenleitner Ach, des is' ja net.

Posthalter Viertausend!

Nusser Herr Posthalter!

Posthalter Es kommt mir net d'rauf an! Fünftausend!

Foitenleitner No, no.

Nusser Hören Sie doch!

Posthalter sehr laut: Siebentausend, meinetwegen! Es ist mir alles gleich, aber die Wiesen muß i haben, die Wiesen muß i haben, jetzt erst recht!

Foitenleitner Es ist ja umsonst.

Nusser Es geht nicht.

Posthalter Und wenn i zehntausend Mark auf 'n Tisch leg'n sollt!

Nusser Zehntausend Mark?

Foitenleitner Zehntausend Mark? So was! so was!

Nusser Herr Posthalter, Sie sind ja nicht bei Trost.

Posthalter Das zahl i, mei Ehrenwort drauf, aber die Wiesen muß i haben.

Nusser Ach, es ist ja nicht möglich.

Posthalter Was is net möglich?

Foitenleitner Der Pfarrer, der Amtsrichter –

Nusser Unsere Stellungen –

Foitenleitner Die Neuwahlen stehen vor der Tür.

Posthalter Schlagt's zu für den Preis, oder net? Zehntausend Mark hab i g'sagt?

Nusser Herr Posthalter! Wir sind ja nicht da, um die Wiesen zu versteigern.

Foitenleitner Wir san kommen, um Ihna zu sagen, daß es...

Posthalter schreit: Mein letztes Wort: Zwölftausend Mark! Kleine Pause.

Foitenleitner dem ordentlich schwindlig wird: Zwölftausend...

Nusser Mark?

Foitenleitner Heiland der Welt!

Nusser Zehntausend Mark mehr als der ursprüngliche Preis!

Foitenleitner ganz betäubt: Zwölftausend Mark?

Posthalter Übermorgen liegen s' am Tisch, wenn mir der Bürgermeister jetzt die Zuschlagsurkunden 'rausgibt.

Foitenleitner schnell: Ja, woher wissen Sie denn...

Posthalter Genug, ich weiß 's. Zwölftausend Mark und ihr zwei habt's alle Lieferungen für mi zeitlebens. Der Bürgermeister baut 's Hotel, er darf verlangen, was er mag, all's werd zahlt!

Foitenleitner O deswegen! Aber bei ein'm solchen Betrag, Herr Nusser, da muß man sich halt doch fragen, ob 's net 's Wohl der Gemeinde erfordert, daß man...

Nusser Ich hab mir eben das gleiche gesagt.

Foitenleitner Ob wir net doch...

Nusser Selbst gegen den Willen vom Herrn Pfarrer...

Foitenleitner Zuschlagen!

Posthalter triumphierend: Des glaub ich a!

Nusser Wir schädigen die Gemeinde, wenn wir 's nicht tun.

Foitenleitner Und 'm Pfarrer können wir 's schließlich scho' sagen...

Nusser stark betonend: Bei Zwölftausend, baren Mark.

Foitenleitner Da kann er nix mehr einwenden.

Nusser Freilich nicht. Das hat man ja nicht gewußt.

Posthalter Also!

Foitenleitner Des is a außerordentlicher Fall.

Nusser Und für die Gemeinde müssen wir in erster Linie sorgen.

Posthalter drängender: Also!

Foitenleitner Des hat der Pfarrer ja selber g'sagt.

Nusser Natürlich!

Foitenleitner Jetzt hab'n wir 'n Rücken frei.

Nusser Und darum hat sich 's gehandelt.

Posthalter in höchster Ungeduld: Also was is?

Foitenleitner langt entschlossen in seine Brusttasche und gibt dem Posthalter ein versiegeltes Kuvert: Da, Herr Posthalter! Da is die Urkund!

Nusser Wir wollten sie erst heut abend überreichen.

Foitenleitner Da haben Sie 's jetzt schon!

Posthalter ergreift hastig das Papier: Hurra, hurra, hurra! Er will nach der linken Türe stürzen.

Nusser gibt ihm noch eilig die Hand: Wir empfehlen uns nun und setzen sofort das Kollegium in Kenntnis.

Foitenleitner Adje, Herr Posthalter. Beide rechts ab.

Posthalter Adje, meine Herren, heut' abend mit 'm ganzen Findelhausverein auf Wiedersehen! Er eilt wie verrückt zur linken Türe. Frau, Frau, Frau! Da geh' her! Da geh' her!

Posthalterin erscheint stark verweint mit einem weißen Zettel in der Hand: Was is denn?

Posthalter Lustig mußt d'rein schaug'n, wir hab'n die Gregoriwiesen! Wir hab'n die Gregoriwiesen!

Posthalterin Lüagst mi' an?

Posthalter Nix da! 's Hotel werd baut, in a paar Jahr samma Millionär!

Posthalterin Was?

Posthalter die Urkunde entfaltend: Jetzt woll'n wir amal seh'n, ob der Herr Pfarrer heut' abend zu der Fahnenweih' kommt oder net! Da schaug den Zettel an!

Posthalterin hält ihm ihren Zettel hin: Schau du den da an, den hat wieder so a unverschämter Kerl, so a Haberer, an 's Stallfenster pappt.

Posthalter zieht ihr in übermütigster Laune lachend den Zettel aus den Händen und zerreißt ihn in tausend Fetzen: Ah, was, Haberer! Jetzt gibt 's keine Haberer mehr! Die können tun, was sie wollen. Bedeutungsvoll und laut: Mit 'm Geld da schlagt man a jed's Haberfeldtreiben tot. Er zerrt sie ausgelassen am Arme hinaus, der Vorhang fällt sehr schnell.

Ende des zweiten Aktes

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