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Die Fahnenweihe

Josef Ruederer: Die Fahnenweihe - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleTheaterstücke
authorJosef Ruederer
year1987
publisherSüddeutscher Verlag
addressMünchen
isbn3-7991-6365-4
titleDie Fahnenweihe
pages5-11
created20020607
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Alle setzen sich, Wally stellt sich hinter den Stuhl ihrer Mutter und zwar bald auf den rechten, bald auf den linken Fuß.

Posthalterin O mein, die Leut sind hier gar net so dankbar, gelten's, Fräul'n Marie? Wenn man net beständig den frommen Zweck im Aug hätt!

Fr. Wanninger Die Leut sind halt zu roh.

Posthalterin Das is 's ja! Von 'm G'fühl is da gar keine Red'.

Fr. Specht Freilich, wenn man so was sieht, wie da vorhin.

Posthalterin Gelten's? Und was da außerdem noch für Sachen passieren!

Fr. Wanninger Was denn noch für Sachen?

Posthalterin neigt sich näher heran: Es sind erst zwei Jahr her, daß wir von München da herausgezogen sind, aber was wir all's mit ang'sehn haben, da machen Sie sich gar keinen Begriff.

Fr. Specht sehr laut: Ah!

Posthalterin Sehen S' zum Beispiel nur das Mädel dort an, – sie deutet verstohlen auf Burgl – die is dem Burschen, der mit ihr red't, sei Geliebte.

Fr. Wanninger Brauchst net zuz'hören, Wally!

Wally schlenkert zum anderen Tisch hinüber.

Posthalterin I bitt um Entschuldigung, i hab ganz vergessen, aber sehen Sie, – noch mehr in den Kreis gerückt – die Person hat von dem Menschen drei Kinder.

Fr. Wanninger Ja, ich bitt Ihnen!

Fr. Specht Hören S' auf!

Posthalterin Und so sind s' alle hier.

Fr. Specht Ja, was haben denn dann die Leut hier für Grundsatz'?

Posthalterin Gar keine!

Fr. Wanninger Jetzt so was!

Posthalterin Drum sind wir eben auf die Idee gekommen, das Findelhaus zu bauen, um wenigstens etwas zu tun.

Fr. Wanninger sehr weich: Oh, das ist sehr edel von Ihnen.

Fr. Specht Wenn 's aber so zugeht, dann darf man sich freilich net wundern, wenn die Leut hierzuland kei G'fühl haben und gar kei Dankbarkeit kennen.

Posthalter ist mit Rettinger und Beck während der letzten Worte rechts eingetreten. Er bleibt einen Augenblick stehen und gestikuliert heftig mit dem ihm nachfolgenden Mohrenwirt. Ganz im Hintergrunde erscheinen noch Kederbauer und Mutzenbauer. Rettinger und Beck tragen elegante Touristenkostüme.

Posthalterin hat die Eintretenden noch nicht bemerkt: Man verlangt ja schließlich kei Dankbarkeit, aber man sagt ja nur...

Fr. Wanninger und Fr. Specht zugleich: Natürlich, man sagt ja nur!

Posthalter kommt heftig nach vorne: Bedaure, Herr Moosreiner, bedaure!

Posthalterin steht sehr schnell auf: Ach, unsere Herren! Sie rollt die Fahne mit Hilfe der Damen schnell zusammen und legt sie auf den hinteren Tisch.

Mohrenwirt Aber Sie können doch net...

Posthalter Ich hab' Ihnen dreimal mindestens g'sagt, daß ich mich um Ihren Einspruch gar nix kümmere. So! jetzt können Sie tun, was Sie wollen.

Mohrenwirt Dann muß ich mir eben anders zu helfen suchen.

Posthalter Bitte! Ich möcht gern seh'n, ob Sie mir ein' Stein in Weg werfen können.

Mohrenwirt Aber, i will ja nur wissen, was Sie mit dem Platz anfangen.

Posthalter So eine Zudringlichkeit!

Mohrenwirt Oho!

Posthalter Ich sag Ihnen einfach gar nix und tu, was i will.

Mohrenwirt Gut, Posthalter, 's weitere werden wir sehen. Er dreht sich wütend um und begibt sich zu Kederbauer und Mutzenbauer, mit denen er sich noch einen Augenblick leise unterhält, um dann durch die Verandatüre schnell abzugehen.

Posthalter noch ziemlich erregt: I bitt um Entschuldigung, meine Damen, aber...

Fr. Specht So kleine Aufregungen!

Posthalter Der Mensch muß sich immer ärgern.

Fr. Wanninger Wie das halt so geht...

Posthalter Natürlich! Aber jetzt darf ich die Herrschaften endlich bekannt machen: mein Freund, Herr Großhändler Rettinger, Herr von Beck, beide eben aus München zu Fuß angekommen, Frau Rentbeamte Wanninger, Fräulein Tochter, Frau Spezialkassier Specht, unsere werten Sommergäste. Die Fräul'n Marie kennt die Herren ja ohnehin schon von früher.

Frl. Schaitzach nicht ohne Bedeutung: O ja!

Fr. Wanninger nach einer Pause, während der man sich setzt: G'hört hab ich schon sehr viel vom Herrn Rettinger.

Rettinger Hoffentlich nur Gutes.

Fr. Wanninger Ja, was denn sonst? d' Frau Posthalterin kann ja net g'nug erzählen von Ihnen.

Rettinger So? Kleine Pause. Die Damen sind schon lange hier?

Fr. Wanninger Scho bald drei Wochen.

Rosl trägt auf einem Servierbrett drei Flaschen Weißwein mit mehreren Gläsern zur rechten Türe herein und entfernt sich wieder durch dieselbe.

Posthalter beginnt einzuschütten.

Fr. Specht Müssen jetzt leider bald wieder 'nein in d' Stadt.

Hr. v. Beck Aber das Fest verschönern Sie doch noch durch Ihre Gegenwart.

Fr. Specht Ja, ja.

Fr. Wanninger Das dürfen wir grad noch mitmachen.

Rettinger zu Wally: Das hübsche Fräulein doch auch?

Fr. Wanninger sehr angenehm berührt: Meine Tochter? Freilich, die bleibt immer bei mir.

Hr. v. Beck Aber sicher nicht fürs Leben, dazu ist das Fräulein viel zu reizend.

Rettinger Ja, entschieden.

Wally lacht dumm.

Fr. Wanninger lächelt glückselig: Oh! oh! oh!

Posthalterin die etwas unruhig zugehört hat: Aber jetzt trinken wir einmal, meine Herrschaften.

Rettinger Jawohl. Trinken wir, uns schmeckt ein guter Schluck.

Hr. v. Beck erhebt sein Glas: Unsere Huldigung zu Füßen der Damen, sie leben hoch, hoch, hoch!

Posthalter und Rettinger Hoch, hoch, hoch!

Fr. Wanninger anstoßend: Zu gütig, zu gütig von dem Herrn.

Posthalter Ja, der Herr von Beck!

Rettinger Der ist unbezahlbar.

Posthalter No, du könnt'st ihn am End scho noch einlösen! Mein Freund nämlich, der arme Mann, nimmt außerdem, daß er Großhändler und Reserveleutnant ist, auch noch die beneidenswerte Stell' von 'm Millionär ein.

Fr. Specht Von 'm Millionär?

Rettinger erhebt sich ein bißchen vom Stuhle, wichtig: Ich muß bemerken, daß ich selbst nie mit so was renommieren würde.

Fr. Wanninger So jung und schon Millionär? Nun, da darf man sich freuen, daß das Geld amal in würdige Hand' gekommen ist.

Rettinger geschmeichelt: Bitte, bitte.

Fr. Wanninger Die Frau Posthalterin hat mir schon oft erzählt, welch guten Gebrauch der Herr Rettinger von sei'm Geld macht.

Rettinger Die Frau Posthalter? So?

Fr. Specht Ja, bei der gelten der Herr Rettinger schon alles, soviel ich merk.

Fr. Wanninger Und ob!

Fr. Specht Wenn man kommt, immer is halt die Red' von dem liebenswürdigen Herrn Rettinger.

Wally platzt heraus: Das kann sogar ich versichern.

Rettinger Wirklich, mein Fräulein? Nun, wenn es so schöne Lippen sagen...

Fr. Wanninger Zu aufmerksam!

Posthalterin sehr unruhig: Aber wo haben Sie denn 'nicht Herrn Aktuar lassen?

Fr. Wanninger 'n Herrn Götzensperger?

Rettinger Er kommt mit dem Abendzuge an.

Hr. v. Beck sieht auf seine Uhr: Das kann nicht mehr lange dauern.

Fr. Wanninger Net wahr, des is der bekannte Dichter, der immer die netten Gebirgsstück' schreibt?

Posthalterin Freilich, derselbe!

Posthalter laut und wichtig: Ja, der hat's Gebirgsvolk erfaßt, wie noch nie einer!

Fr. Wanninger I hab scho amal von ihm im Viktoriatheater a Stück g'sehen, aber wie's g'heißen hat, weiß i nimmer.

Rettinger Vielleicht weiß es das Fräulein?

Fr. Wanninger Meine Tochter? Nein, die darf no net ins Theater, b'sonders net ins Viktoriatheater.

Posthalterin Vom Viktoriatheater bringt uns der Herr Aktuar heut auch drei Künstlerinnen mit, die morgen – auf die Bühne deutend – da beim Prolog auftreten.

Fr. Specht auf die Bühne deutend: Da droben?

Posthalter Jawohl, unsere Mädeln sind ja dazu viel z'dumm.

Posthalterin Der is so freundlich, der Herr Aktuar, der b'sorgt uns alles, sehen S', der Spruch da is auch von ihm.

Fr. Wanninger Was? Liest laut und langsam das Gedicht ab. Fast gerührt: Des is so schön, so einfach, so innig, des paßt so da herein, auf die Berg' und auf die ganze schöne Gegend.

Kederbauer hat sich mit seinem Bruder während dieser ganzen Szene am Eingang rechts gehalten. Während Frau Wanninger den Spruch liest, kommt er langsam nach vorne und knüpft sehr barsch an Frau Wanningers letztes Wort an: No, Posthalter, was is? Sollen wir no lang warten?

Posthalter halblaut, sehr ärgerlich über die Störung: Wer hat euch denn 's Warten g'schafft? Habt's ihr net g'hört, was i 'm Mohrenwirt g'sagt hab?

Kederbauer Der Mohrenwirt geht uns nix an, wir wollen wissen, was mit der Gregoriwiesen wird.

Posthalter wie zuvor: 's ganze Dorf weiß scho', 's Findelhaus kommt hin.

Kederbauer Sonst nix mehr?

Posthalter steht auf: Da is die Tür, jetzt hast höchste Zeit.

Kederbauer I geh' no net fort.

Mutzenbauer Na... na... wir... wir bleib'n no' da... wir wollen unser Recht.

Posthalter Was Recht? Wer red't da vom Recht?

Mutzenbauer Wir... wir bleiben halt da.

Posthalter So? Nacher laß i enk einfach naus...

Posthalterin fällt ihm ins Wort: Geh', Mann, i bitt' dich, die Herrschaften!

Posthalter Pardon, meine Damen, aber eine solche Unverschämtheit is mir noch net passiert! Er läuft herum, Kederbauer und Mutzenbauer folgen ihm nach rückwärts.

Fr. Wanninger Was gibt 's denn?

Posthalterin Denken S' Ihnen nur, die Leut wollen net, daß wir a Findelhaus auf die wertlose Wiesen bauen.

Fr. Wanninger Jetzt, so was!

Fr. Specht Des is nachher d' Dankbarkeit!

Posthalterin Die Gemeinde soll das Grundstück dazu abgeben und des wollen die Bauern im Dorf absolut net leiden.

Fr. Wanninger Ah, ah, ah!

Posthalterin Seit vierzehn Tag laufen jetzt fortwährend solche Kerl in unserm Haus 'rum und schikanieren mein' Mann.

Fr. Wanninger Nein?

Posthalter kommt wieder nach vorne: Ich hab's euch zum letztenmal g'sagt, daß i mir nix einreden lass' und jetzt will i nimmer belästigt sein. So! Pause.

Seehansele ist inzwischen nach vorne links getorkelt und lacht höhnisch den trotzig dastehenden Kederbauer an: Ha, ha, Freundl, bist schnell ferti wor'n?

Kederbauer I bin no net ferti, und wenn i no alle Tag kommen müßt. Er geht wieder etwas zurück, Mutzenbauer folgt ihm.

Seehansele ruft ihm nach: Bis wir di 'nauswerfen, daß d' n Mond für a Karussell anschaugst, ha? Alle lachen, ausgenommen Fräulein Schaitzach, die auch in den folgenden Szenen immer unbeweglich bleibt.

Fr. Wanninger Jetzt, so was! Wer is denn nur der lustige, alte Kerl?

Rettinger Ein famoser Tropf! Steht auf. Grüaß di Gott, Seehansele! Wie geht 's?

Seehansele Guat geht 's, bal i den da – er deutet auf den im Hintergrund stehenden Kederbauer, der sich eben anschickt, mit seinem Bruder, in den er heftig hineinredet, durch die Verandatüre abzugehen – derblecken darf! Alle lachen.

Rettinger Kannst ihn net leiden?

Seehansele grimmig: Na, den möcht i amal umbringen.

Gleichzeitig:

Fr. Wanninger Um's Himmels willen!
Fr. Specht Oh, mein Gott!

Rettinger lachend: Oh, bitte, keine Gefahr!

Posthalter Bewahre!

Posthalterin Wär net übel!

Posthalter So blutige Absichten hat der Seehansele net.

Rettinger gönnerhaft: Da geh her, Seehansele, trink ein Glas. Er gibt es ihm.

Seehansele trinkt schnell aus: 'gelt's Gott!

Fr. Wanninger Segen 's Gott! Na, is der alte Mann nett!

Posthalter reicht ihm ein neues Glas hin: Da, trink bei mir a.

Seehansele I trink, wo ich 's find, – trinkt aus – denn – singt:

Trinka und singa und raufa und saufa,
Dös is ja mei' Freud, de ganz liabe Zeit.

Fr. Wanninger Jetzt wird er aber lusti!

Posthalter O mei, der hat ja 'n Rausch, wenn er an Braumeister nur husten hört.

Posthalterin D'rum leisten wir uns manchmal den Spaß und machen 'n ganz betrunken, weil er da gar so nett is.

Rettinger gibt ihm wieder ein Glas: Da hast noch 'n Wein.

Fr. Specht Zu originell is des!

Seehansele trinkt und singt:

Bal mer hat a Geld
Feit si nix auf der Welt,
Und bal sie nix feit,
Hat ma alleweil a Freud!

Alle lachen laut.

Fr. Wanninger ganz entzückt: Na so was!

Posthalter Aber ganz recht hat er.

Hr. v. Beck Meine Herrschaften, der Mann ist ein Philosoph, – unbändiges Gelächter – er soll leben hoch, hoch, hoch!

Rettinger ruft mit und hält Seehansele ein neues Glas hin: Trink, trink!

Fr. Wanninger Na, is des lustig!

Fr. Specht Wundernett, ganz wundernett!

Seehansele nachdem er wieder getrunken hat:

Und dös sell woaß i g'wiß,
Daß dös schönste ja is,
A recht a stramms Madel
Mit sakrische Wadel!

Vereinzeltes Lachen.

Hr. v. Beck Pssssst!

Posthalterin No aber!

Posthalter So a Lied paßt si net für an alten Kerl, der scho Großvater is.

Fr. Specht Was? Großvater schon?

Posthalterin Freili, er is ja der Vater von dem Mädel.

Fr. Wanninger Nein?

Seehansele wankt näher: Was geht enk der Großvater an? Ha?

Posthalter barsch: Führ di anständig auf, sing was, was man anhören darf.

Seehansele glotzt ihn wie blödsinnig an, taumelt, das volle Glas in der Linken, hin und her und lacht höhnisch.

Posthalterin No, fang an!

Rettinger Aber was Fein's bitten wir uns aus.

Seehansele singt:

Und bin i a scho alt,
I woaß, was ma g'fallt,
Im Bett bei der Nacht...

Posthalterin außer sich: Jetzt hörst auf! Herr Rettinger! i bitt Sie, geben S' ihm doch kein' Wein mehr!

Fräulein Schaitzach steht auf. Allgemeine Verlegenheit.

Posthalter Meinst am End, du bist bei deine Bauern, unverschämter Mensch?

Seehansele nickt stumpfsinnig nach allen Seiten und bleibt noch eine Weile so stehen. Endlich läßt er sich auf einen Stuhl am linken Vordertische fallen. Die anderen Damen erheben sich ebenfalls und blicken unschlüssig, was sie jetzt tun sollen, herum. Peinliche Pause.

Posthalterin Nein, wie mir des z'wider is...

Frl. Schaitzach spitzig: Ich hätt so grad gehen wollen.

Posthalterin Ach nein, Fräul'n Marie...

Frl. Schaitzach Ich muß zum Herrn Bruder heim.

Posthalterin Aber Frau Spezialkassier! Frau Rentbeamte!

Fr. Wanninger immer noch unsicher: Ja, wenn d' Fräul'n Marie geht...

Frl. Schaitzach sehr maliziös: Oh, bitte, wenn Sie noch gern hier bleiben –

Fr. Specht Warum net gar!

Fr. Wanninger Wir gehen mit Ihnen.

Rettinger Aber wollen denn die Damen wirklich fort wegen dem betrunkenen Kerl?

Posthalter Wegen dem Seehansele!

Ganz in der Ferne hört man eine juchzende Volksmenge, die langsam näher kommt.

Hr. v. Beck Das wäre doch zu schade!

Posthalterin Gehen's, Fräul'n Marie!

Rettinger Frau Rentbeamte!

Posthalter Jetzt g'rad, wo die Prob' gleich ang'fangt hätt.

Rosl und Hies tragen eilig von rechts brennende Petroleumlampen herein.

Rosl geschäftig: Herr Posthalter, Herr Posthalter! Die Leut' kommen zu der Prob' und bringen 'n Herrn Aktuar von der Bahn.

Hr. v. Beck Nun dürfen die Damen unter keiner Bedingung mehr weg.

Rettinger Nur über unsere Leichen!

Frl. Schaitzach Bedauere, ich muß zum Herrn Bruder heim.

Rosl die eben neben ihr die Lampe befestigt: Fräul'n Marie, der Herr Pfarrer kommt ja selber mit 'm Herrn Amtsrichter grad 'n Weg rauf! Entfernt sich durch die Tapetentüre.

Rettinger Hurra, meine Damen! Was sagen Sie jetzt?

Posthalter Jetzt wird nimmer fortgangen.

Alles eilt mit lautem »Guten Abend, Hochwürden!« zum Eingang rechts, wo eben der Pfarrer und der Amtsrichter erscheinen. Der stürmende Ring hält die Eingetretenen an der Türe fest. Man hört noch einige Begrüßungsrufe und Gelächter.

Posthalterin hat Rettinger einen stummen Wink gegeben, mit ihr nach links zu kommen, wo Seehansele immer noch am Tische kauert und blödsinnig dreinstiert. Sie stellen sich hinter dem Stuhl auf, auf dem Seehansele sitzt.

Sehr schnell:

Posthalterin Des hält' bald a schöne G'schicht geb'n mit deiner Dummheit.

Rettinger Da bin doch ich net dran schuld.

Posthalterin Wer denn sonst?

Rettinger Dein Mann hat ang'fangt.

Posthalterin Der is halt grad so läppisch, wie du.

Schallendes Gelächter am Eingang.

Rettinger Du, gelt?

Posthalterin Sei still! Du hast auch an der Rentbeamtenstochter ganz unnötig rumpoussiert.

Posthalter hat beide beobachtet und geht unauffällig an ihnen vorbei: Pssst! Net so laut! Nehmt's euch in acht.

Posthalterin Nun, lassen wir's gut sein für heut, aber, gelt?

Rettinger schiebt lachend seine Schulter kaum merklich an sie: Mußt net so eifersüchti sein! Damit wenden sich die beiden, denen Seehansele mit gläsernen Augen nachstiert, wieder zur Hauptgruppe, die sich eben unter lebhafter Bewegung auflöst. Die immer mehr angewachsene Volksmenge ist jetzt sehr nahe.

Posthalter schreit wie besessen: Der Herr Aktuar kommt!

Unter Juchzen und Brüllen eilen Burschen und Mädchen durch die rechte Türe in den Saal.

Hr. v. Beck Famos!

Rettinger Hurra, der Götzensperger!

Alle Hurra, hoch, hoch! Hurra!

Götzensperger eilt rechts herein und betritt auf der Holztreppe das Podium, wo er lebhaft den Hut schwenkt: Ju, hu, hu, ju, ju, juhui!

Alle antworten mit Juchzen, Schreien und Tücherschwenken.

Götzensperger singt: Grüaß enk Gott, alle miteinander!

Alle Grüaß Gott, Grüaß Gott! Hurra!

Götzensperger Danke meine Herrschaften, danke für die freundliche Begrüßung!

Posthalter lachend: Bitte!

Götzensperger Nun gestatten Sie mir, daß ich Ihnen gleich von diesen weltbedeutenden Brettern aus unsere drei großen Künstlerinnen vorstelle, die sich unter meiner väterlichen Leitung...

Posthalter Alter Pascha! Allgemeines Gelächter.

Götzensperger In allen Ehren in das Gebirge begeben haben. Bitte, meine Damen, hierher. Er winkt den drei Choristinnen, die mit ihm den Saal betreten hatten, heraufzukommen.

Fr. Wanninger So, die sind's?

Fr. Specht mit Lorgnon: Die Schauspielerinnen!

Fr. Wanninger Jetzt gehen s' ja nauf, da sehen wir's no besser.

Götzensperger Erlaube mir vorzustellen, Fräulein Minna, Fräulein Hulda, Fräulein Flora, sämtlich vom Viktoriatheater in München.

Die Zuhörer schreien durcheinander: Bravo, bravo, famos!

Götzensperger So, jetzt wollen die Herren galant sein und die Damen einstweilen hinabgeleiten, denn wir fangen sofort mit der Probe an.

Posthalter, Amtsrichter und Herr v. Beck geleiten die Choristinnen herab.

Götzensperger Aber a Bier möcht i haben zu meiner Arbeit! Er richtet sich auf der Bühne ein und nimmt von Hies einen Maßkrug entgegen. Hies rechts ab.

Fr. Wanninger kommt mit Wally, der Posthalterin und Frau Specht wieder nach vorne: Nein, der Herr Aktuar, des is aber Mann!

Fr. Specht Des Temperament!

Fr. Wanninger Glei fangt er z' proben an.

Posthalterin Gelt, jetzt reut Sie 's net, daß S' dablieben sind? Spricht mit den Damen eifrig weiter.

Amtsrichter kommt mit Hulda, die fortwährend lacht, nach vorne links: Aber wirklich, mein Fräulein, ich besinne mich nicht mehr!

Hulda Ausgezeichnet! Du, Flora, er kennt mi nimmer.

Flora Is wahr?

Hulda Und i hab Ihnen glei kennt! Wissen S' nix mehr von der Kathi im Eberlbräu im ersten Stock, Rückgebäud?

Amtsrichter Die Kellnerin? Das sind Sie?

Hulda Freilich!

Amtsrichter Famos!

Hulda Erst war ich im Monachia Sängerin.

Amtsrichter Und jetzt sind Sie beim Viktoriatheater?

Flora Da hat uns der Herr Aktuar entdeckt.

Hulda Natürlich, wie wären wir denn sonst hieher kommen?

Amtsrichter In das trostlose Nest!

Pfarrer tritt gutmütig lächelnd näher: So, so? Die Herrschaften kennen sich schon?

Hulda knicksend: Freilich, Hochwürden.

Frl. Schaitzach ist nur mit schlecht verhaltenem Ärger geblieben. Jetzt rückt sie von rechts ihrem Bruder näher: Der Herr Bruder wird verzeihen. –

Pfarrer Was gibt 's?

Frl. Schaitzach Soll ich noch länger bleiben?

Pfarrer freundlich: Ja, ganz nach Belieben!

Fr. Wanninger kommt ebenfalls näher: D' Fräul'n Marie hat eben g'meint wegen dene Mädeln...

Pfarrer Welche Mädeln?

Fr. Wanninger Nun, wegen – sie deutet auf die Choristinnen, die sich kichernd mit dem Amtsrichter unterhalten – dene da, weil 's halt doch...

Fr. Specht Schauspielerinnen sind.

Lautes Gelächter um den Amtsrichter, weil er Hulda in die Wangen kneifen wollte.

Posthalterin Aber net wahr, Hochwürden, des macht doch nix?

Pfarrer Ach, bei so einem Fest, da geht's nicht so genau zusammen.

Fr. Specht Ja, wenn Hoch würden meinen... Neues Gelächter links.

Götzensperger der inzwischen mit eifrigen Gebärden Anordnungen bald auf der Bühne, bald unten gegeben und in die Menge fortwährend lebhafte Bewegung gebracht hat, schreit mit Stentorstimme von der Bühne hinab in den Saal: Silentium! die Prob' fangt an! Er postiert sich auf einem Stuhl, unter den er seinen Maßkrug stellt, auf der linken Seite des Podiums. Unten im Saal sucht sich alles Plätze und ordnet sich in möglichster Eile.

Rettinger will Frau Wanninger Platz machen und rüttelt fest an der Lehne des Stuhles, auf dem Seehansele sitzt: Steh auf, du!

Seehansele kommt zu sich: Oho, oho!

Rettinger B'soffener Kerl!

Posthalter Der g'hört ja aufs Theater!

Götzensperger Jawohl! da 'rauf mit 'm Seehansele! Der muß sofort auftreten.

Fr. Wanninger Wird sich recht hart tun mit 'm Auftreten.

Amtsrichter Der fängt ja gut an.

Pfarrer Ein schrecklicher Kerl.

Posthalter hat ihn wütend hinaufgezerrt: Da stellst di her und wartst, bis d' drankommst.

Götzensperger Nur kalt, den krieg i schon – klatscht in die Hände. Also, los! Erste Szene!

Lorenz führt die als altes Weib gekleidete Rosl von links aus der Kulisse der kleinen Bühne auf das Podium. Neben ihr geht Burgl, die ein Wickelkind trägt. Die nun folgende Szene wird mit möglichster Sentimentalität gespielt.

Rosl So is denn wahr? Muaßt wirkli fort in Kriag, mei liaba Bua?

Lorenz Oh, mei liab's Muatterl, da hilft nix, mi ruaft mei Kini, mi ruaft 's Vaterland, jetzt kann i nix mehr arbeiten für di, aber der Himmel wird sorgen für di, mei liab's Muatterl, – er deutet auf Seehansele – für di, mei liab's Vaterl – zu Burgl – und für di, mei treu's Maderl.

Fr. Wanninger laut weinend: Oh, is des schön!

Ein Zitherspieler, der an dem rechten Tischchen auf der kleinen Bühne Platz nahm, beginnt ein Melodram.

Burgl I kann dir nur mei Herz mitgebn, Hansl, aber des schlagt dir treu unterm Brustlatz bis übers Grab 'naus.

Lorenz I dank dir, Stasi! Jetzt gehst und trägst unser Kind, zu dem wir kommen san, wir wissen selbst net wie, zu dene braven, edlen Leut nunter, die des Findelhaus baut hab'n. Da is g'sorgt dafür. Zu Seehansele, vor dem er niederkniet: Und oes Vater, oes gebt's mir jetzt, eh i weg geh in Kriag, Euern väterlichen Segen!

Seehansele glotzt ihn blödsinnig an.

Posthalter der oben rechts steht: Hast net g'hört? 'n Segen sollst eahm geben, dummer Kerl! Zitherspieler bricht ab.

Götzensperger halblaut soufflierend: »Halt di heldenhaft«, sollst sagen, »fürs Kind is ja g'sorgt im Findelhaus«.

Seehansele stutzt: Was? 's Findelhaus? Auf der Gregoriwiesen? Wo der Posthalter 's Hotel hinbaut?

Bewegung unter den Zuschauern.

Götzensperger halb zum Publikum: Der Kerl ruiniert mir 's ganze Stück.

Posthalter wütend: Jetzt sagst dei' Roll' auf, oder i helf dir! Du verkommener Bauer!

Seehansele fährt furchtbar zusammen: Was? Verkommener Bauer?

Posthalter Jawohl!

Seehansele wie aus dem Rausche aufgeweckt: I steck dir den verkommenen Bauern. Mir warn meine Schulden a zahlt worn... wenn mei' Frau a so an' reichen Liebhaber g'habt hätt'... als wie – laut brüllend – 'n Herrn Rettinger?

Tumult im Saale. Alles rennt kreischend durcheinander.

Schlag auf Schlag:

Posthalter fährt auf Seehansele los: Was?

Posthalterin läuft händeringend herum: O mein Gott, o mein Gott!

Fr. Wanninger Wally! Wally! Geh her zu mir.

Fr. Specht Hilf Himmel! was is das? Ich bitt Sie, ich bitt Sie!

Rettinger Der elende Kerl!

Hr. v. Beck Hinaus damit!

Amtsrichter Unerhörter Skandal!

Götzensperger von der Bühne laut schreiend: Ruhe, meine Herrschaften!

Fr. Wanninger Des is was, des is was!

Götzensperger Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht.

Posthalter reißt Seehansele die Treppe herab: Wart du!

Amtsrichter tritt zu ihm und will ihm wehren: Herr Posthalter!

Posthalter Herr Amtsrichter, ich bitt Sie, lassen S' 'n Gendarm kommen!

Posthalterin stürzt weinend herbei: Jawohl, 'n Gendarm!

Rettinger Der infame Lügner gehört ins Loch.

Götzensperger ist von der Bühne herabgesprungen: Das ist ja ein elender Tropf.

Posthalter Ein erbärmlicher Verleumder!

Posthalterin Sperren S' 'n ein, Herr Amtsrichter, sperren S' 'n ein!

Amtsrichter Bedaure, dazu hab ich vorerst kein Recht.

Wieder sehr schnell:

Posthalter Was? Sie werden aber doch...

Rettinger So einen Lumpen strafen!

Posthalterin Und 'm G'fängnis übergeben!

Götzensperger Dem g'hört nix anders!

Amtsrichter Lassen Sie mich los!

Posthalterin Herr Amtsrichter!

Posthalter Ich bitt Sie!

Hies drängt sich gewaltsam von rechts durch den tobenden Ring mit einem großen Zettel in der Hand herein. Sehr erregt: Herr Posthalter, Herr Posthalter, der Zettel, der Zettel, hat da... da draußen an der Tür g'steckt!

Posthalter Was willst denn du jetzt mit dem Zettel? Laß mi aus!

Hies Ja, aber der Zettel... schauen S' 'n näher an, 's is ja a Habererzettel! Ein furchtbarer Schrei geht durch die Menge.

Posthalter A Habererzettel, was?

Amtsrichter Wo ist dein Habererzettel? Her damit!

Hr. v. Beck hat Hies den Zettel entrissen und liest unter allgemeiner Spannung: Dem Posthalter Schlegel, seiner Frau und seinen edlen, getreuen Freunden, die so tapfer zu ihm halten...

Zugleich:

Rettinger Was!
Amtsrichter Oho?
Pfarrer Wie?

Hr. v. Beck ... kurz der ganzen Sippschaft...

Amtsrichter und Pfarrer schreien: Hören Sie auf!

Hr. v. Beck ... wird hiermit für die nächsten Tage... das Haberfeldtreiben angekündigt.

Alle schreien durcheinander: 's Haberfeldtreiben, 's Haberfeldtreiben! habt's g'hört? 's Haberfeldtreiben!

Wally nach verrauschtem Tumult, so laut, daß ihre Frage um so drolliger klingt: Mama, was ist denn des, 's Haberfeldtreiben?

Fr. Wanninger gibt ihr mit einem wütenden Blicke zu verstehen, sie solle still sein.

Seehansele von dem todbleichen Posthalter wieder losgelassen, taumelt nach vorne: Was dös is?... hi, hi, hi... Was dös is?... dös werd' jetzt der Posthalter mit seiner Frau scho' sehgn! Unter allgemeiner Bewegung fallt der Vorhang sehr schnell.

Ende des ersten Aktes

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