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Die Erzählungen

Rainer Maria Rilke: Die Erzählungen - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorRainer Maria Rilke
titleDie Erzählungen
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2142
printrunErste Auflage
year1997
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Stimme

(1896/97)

Doktor Henke war in der Stadt ein Muster von Pflichteifer; aber die sechs Urlaubswochen verträumte er, auf dem Rücken liegend, an dem weißen Strand des Ostseebades Misdroy in heroischer Faulheit. Er hatte die Hände als Kissen unter den kurzgeschorenen Kopf geschoben und schaute in die hohen Buchenwipfel. Dabei war er sehr ärgerlich über seinen Freund Erwin, der vor ihm stand und den heranrollenden Wellen kleine Steinchen in den Rachen warf; denn er mußte ihm folgende ernste Rede halten:

»Du bist ja ein Esel. Erholen sollst du dich hier. Nicht solche Tollheiten ausspinnen. Ich kann gar nicht klug daraus werden. ›Eine Stimme.‹ Hat man so was schon gehört? Du bist so einer, den man unter die Haube bringen muß um jeden Preis. Werde übrigens für dich auf Brautschau gehen. Was ich in diesen paar Tagen alles zu hören bekommen habe. Zwei Diebe verteidigen und einen Raubmörder, und die Hinterlassenschaft einer Erbtante, die ohne letzten Willen gestorben ist, regeln, strengt lange nicht so an, wie dir alle deine Dummheiten ausreden.   Überarbeitet bist du.«

Erwin lächelte in die Wellen hinaus: »Da magst du ja recht haben. Ich bin sehr müde. Und gerade deshalb sehne ich mich darnach. In einem weichen tiefen Stuhl lehnen und von einer süßen Stimme sich erzählen lassen, wie das Leben ist. Durch diese liebe Stimme sich mit dem Leben versöhnen, und alles wieder liebgewinnen an ihm: seine kleinen Ereignisse und seine großen Wunder.«

Doktor Henke hob ungeduldig den Kopf und suchte die Augen des Freundes. Er hatte keinen Sinn für Poesie, aber von ungefähr fiel ihm ein, daß diese Augen mit ihrer wechselnden Tiefe und ihrem heimlichen, unerwarteten Aufleuchten etwas vom Wesen des Meeres hatten. Er lächelte ironisch und grollte: »Sag mir nur um alles in der Welt, wie bist du denn wieder auf diesen Gedanken gekommen?«

Mit lässiger Bewegung strich Erwin sein aschblondes Haar zurück: »Oh, das ist einfach. Wenn du hinter den Strandkörben im hohen, lautlosen Sande gehst, kannst du die Menschen nicht sehen, die in den Körben sind, aber du hörst ein Rufen oder ein Plaudern oder ein Lachen, und du weißt: So und so ist dieser Mensch. Du fühlst: er liebt das Leben, oder: er hat eine große Sehnsucht, oder: ein Leid, um das seine Stimme weint, selbst in jedem Lachen.«

Der Doktor sprang auf: »Und dann neigt sich mein guter Erwin ein wenig vor und macht ein dummes Gesicht, wenn er sieht, daß die Menschen ganz anders sind wie ihre Stimmen.«

Erwin schüttelte den Kopf: »Ich suche ja keine Menschen. Ich suche die Stimme.«

Er trat an den Doktor heran und zog ihn näher an den Strand. Es war die Stunde, da das Meer seine größten Seltsamkeiten offenbart, in reicher Verschwendung Farbe mit Farbe tauscht, und die Sonne stand schon nahe am Untergang. Ein einziges ockergelbes Segel schimmerte in der hellen Fläche, und fern, in einem mittagsblauen Streifen, zog der große, weiße Dampfer nach Rügen, und flatternde, silberweiße Wellen folgten ihm wie ein Zug Störche.

»Der Rügendampfer; also schon sechs«, brummte der Doktor mechanisch. Erwin nickte. »Siehst du, wir sehen ihn täglich vorüberschwimmen. Wir sind ihn gewohnt. Er erfreut uns nicht mehr. Aber ich denke an eine süße Stimme, die sagt: ›Der Rügendampfer‹, oder: ›Der weiße Dampfer‹, oder: ›Das silberne Schiff‹. Und ich würde der Stimme lauschen, wie einer leisen, heiligen Glocke, und dann würde ich den Rügendampfer suchen am Horizont und ihn sehen, so wie die Stimme es will; und ich würde sicher fühlen: Er ist wie ein weißer Schwan.«

Doktor Henke schüttelte mit energischer Mißbilligung den Kopf und murmelte etwas vor sich hin. Dann schritten die beiden schweigend durch die mannshohen Farrenwedel, und der Buchenwald rauschte über ihnen.

In den nächsten Tagen fühlte sich der Doktor recht unbehaglich. Wenn er, wie er sonst so gern getan, auf dem Rücken im Walde lag, mußte er fortwährend an Erwin denken, und er fühlte, daß dieser Gedanke seine Muße sehr beeinträchtigte. Er suchte ihn loszuwerden, indem er den ganzen Nachmittag unter den Leuten auf der Terrasse des Kurhauses verblieb und sich jeden Augenblick einredete, er tue dies, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich auch wirklich bis zu dem Maße in einen Leitartikel vertieft, daß er Erwin erst bemerkte, als er hart vor ihm stand. Der Doktor erschrak heftig über des Freundes verstörtes und erregtes Aussehen und wollte eine Frage an ihn richten. Aber Erwin kam ihm zuvor. Er sagte mit einem hastigen Blick: »Komm.« Der Doktor widersprach nicht, und die beiden gingen stillschweigend die Allee entlang, dem Strande zu. Als sie über die weiße Düne schritten, betrachtete Henke den andern vorsichtig. Erwin watete hastig in dem tiefen Sande, seine Augen waren groß und durstig und seine Lippen sachte geöffnet wie die eines Lauschenden. Dann sah der Doktor die Menschen, die in tiefem, sorglosem Behagen in dem durchsonnten Sande schliefen oder plauderten, und der Kontrast zwischen ihrer müßigen Ruhe und der atemlosen Hast seines Begleiters hatte etwas Unheimliches. Endlich stand Erwin still und zwang auch den Doktor dazu, indem er ihn fest am Handgelenk packte.

Sie standen hinter einem Korbe. Jetzt vernahm Henke die Stimme einer alten Dame, welche ihm nicht unbekannt war, und dann eine leise, helle, seltsame Mädchenstimme. Er trat vor und zog auch Erwin mit, der am ganzen Leibe zitterte.

Die alte Dame war die Generalin Werner, die Tischnachbarin des Doktors. Sie streckte ihm herzlich die Hand entgegen, und Henke gewahrte an ihrer Seite ein fremdes junges Mädchen. Es hatte den Kopf leicht gesenkt, und die späte Sonne streute ihre Reflexe in das reiche dunkle Haar. Die Generalin reichte auch Erwin die Hand. Dann wandte sie den feinen Kopf und sagte zärtlich: »Hedwig.«

Das Mädchen erhob sich, ohne die Augen aufzuschlagen. Die Dame stellte vor: »Meine Nichte.«

Erwin verneigte sich wie vor einer Königin. Da flüsterte ihm die Generalin ins Ohr: »Sie ist blind.«

Erwin zuckte zusammen, und der Doktor sprach vom Tennisspielen und von einem Ausflug nach Stubbenkammer. Und später sagte die Generalin: »Ich darf nicht baden; aber meiner Nichte bekommt es sehr gut.«

Die Blinde nickte: »Ich glaube, es ist sehr gesund.«

Ihre Stimme war wie ein Lied.

Aber Erwin dachte: Ihre Stimme ist traurig.

Der Doktor sprach ohne Unterlaß. Einmal lachten sie laut, die Generalin und er. Hedwig lachte nicht mit. Und Erwin sagte ganz leise zum Doktor: »Wenn sie einmal sehen könnte, wie schön sie ist.«

Der Doktor zuckte die Achseln. Die Generalin hatte es nicht gehört, sie wies mit der Hand auf das Meer hinaus. Ferne in einem tiefgrünen Streifen zog der große, weiße Dampfer nach Rügen.

Der Doktor sah nach seiner Uhr und sagte: »Der Rügendampfer, also schon sechs.«

Die Generalin schwärmte mit ihrer müden, alten Stimme: »Wie schön die Beleuchtung ist.« Der Doktor gähnte.

Erwin schaute dem Dampfer nach und wartete. Aber das Mädchen schwieg; denn es sah ihn nicht, nur die Generalin sagte: »Es wird kühl.« Die Damen verabschiedeten sich. Erwin verbeugte sich sehr tief. Als die Damen gegangen waren, blieben die beiden schweigend. Der Doktor rieb sich die Hände: »Es wird wirklich kühl.«

Erwin schaute noch immer hinaus auf das Meer, und die weite Fläche war silbergrau. Er sagte mit trauriger Stimme mehr zu sich selbst, als zum Doktor: »Sie sieht andere Schiffe auf einem anderen Meer. Sie sieht in eine andere Welt. Darum ist ihre Stimme so.«

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