Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
Schließen

Navigation:

8
Ein Mondmorgen

Die scharfe Emphase, das erbarmungslose Schwarz und Weiß der Szenerie war völlig verschwunden. Der Glanz der Sonne hatte eine leichte Bernsteintönung angenommen; die Schatten auf der Klippe der Kraterwand waren tief purpurn. Nach Osten hin kauerte noch eine dunkle Nebelbank, die vor dem Sonnenaufgang geschützt war, aber nach Westen hin war der Himmel blau und klar. Die Dauer meiner Besinnungslosigkeit begann mir klar zu werden.

Wir waren nicht mehr in einer Leere. Eine Atmosphäre hatte sich um uns erhoben. Der Umriß der Dinge hatte an Charakter gewonnen, war scharf und mannigfach geworden; abgesehen von einer hier und dort beschatteten Fläche weißer Substanz, die nicht mehr aus Luft, sondern aus Schnee bestand, war die arktische Erscheinung ganz verschwunden. Überall breiteten sich weite, rostbraune Flächen nackter, krauser Erde unter dem Schimmer der Sonne aus. Hier und dort standen am Rande der Schneetriften flüchtige kleine Wasserpfuhle und Wirbel – die einzigen Dinge, die sich auf jenem Gebiete der Unfruchtbarkeit regten. Das Sonnenlicht flutete durch die zwei oberen Jalousien unserer Sphäre herein und verwandelte unser Klima in hohen Sommer, aber unsere Füße standen noch im Schatten, und die Sphäre lag auf einer Schneetrift.

Und hier und dort auf dem Hang verstreut, und unterstrichen von kleinen, weißen Fäden ungetauten Schnees auf ihrer Schattenseite, sah ich Gestalten wie Stöcke, trockene, gewundene Stöcke von der gleichen rostigen Färbung wie der Fels, auf dem sie lagen. Das packte einem die Gedanken scharf. Stöcke! Auf einer leblosen Welt? Dann, als meine Auge sich mehr an die Textur ihrer Substanz gewöhnte, bemerkte ich, daß fast diese ganze Oberfläche wie der Teppich brauner Nadeln, den man unterm Schatten von Tannen findet, Faserstruktur zeigte.

»Cavor!« sagte ich.

»Ja.«

»Es mag jetzt eine tote Welt sein – aber früher – –«

Etwas unterbrach meine Aufmerksamkeit. Ich hatte unter diesen Nadeln eine Anzahl kleiner, runder Gegenstände entdeckt. Und mir schien, daß einer von ihnen sich bewegt hatte.

»Cavor,« flüsterte ich.

»Was?«

Aber ich antwortete nicht sofort. Ich starrte ungläubig hin. Einen Moment konnte ich meinen Augen nicht glauben. Ich stieß einen unartikulierten Schrei aus. Ich packte seinen Arm. Ich zeigte. »Sehn Sie!« rief ich und fand meine Sprache. »Da! Ja! Und da!«

Seine Augen folgten meinem zeigenden Finger. »Eh?« sagte er.

Wie kann ich beschreiben, was ich sah? Es ist eine solche Kleinigkeit, und doch schien es so wundervoll, so schwanger mit Erregung. Ich sagte schon, mitten unter der stockartigen Streu standen diese gerundeten Körper, die als sehr kleine Kiesel hätten gelten können. Und jetzt hatte sich erst einer und dann ein zweiter gerührt, war übergerollt und geplatzt, und am Riß der beiden hin zeigte sich eine winzige Linie gelblichen Grüns, das herausbarst, der warmen Ermutigung der neuerstandenen Sonne entgegen. Einen Moment war das alles, und dann rührte sich und barst ein dritter.

»Es ist ein Same,« sagte Cavor. Und dann hörte ich ihn sehr weich flüstern; » Leben

»Leben!« Und sofort ergoß sich das Gefühl über uns, daß unsere ungeheure Reise nicht vergeblich gemacht war, daß wir in keine dürre Mineralienwüste gekommen waren, sondern in eine Welt, die lebte und sich bewegte! Wir beobachteten intensiv. Ich erinnere mich, daß ich das Glas vor mir fortwährend mit dem Ärmel rieb, argwöhnisch gegen die leiseste Spur von Tau.

Klar und lebendig war das Bild nur in der Mitte des Feldes. Um dieses Zentrum herum waren all die toten Fibern und die Samen von der Wölbung des Glases vergrößert und verzerrt. Aber wir konnten genug sehen! Einer nach dem andern, den ganzen, sonnenbeleuchteten Hang hinunter barsten und spalteten sich diese kleinen braunen Körper wie Samenschoten, wie Fruchthülsen; öffneten gierige Münder, die das Licht und die Wärme eintranken, die von der neu erstandenen Sonne in einer Kaskade niederströmten.

Mit jedem Moment sprangen mehr von diesen Samenmänteln, und während sie das noch taten, überfluteten die schwellenden Pioniere ihre durch den Riß erweiterten Samenhülsen und traten in das zweite Wachstumstadium über. Mit stetiger Sicherheit, rascher Überlegung entsandten diese erstaunlichen Samen eine kleine Wurzel in die Erde hinab, und eine wunderliche, bündelartige kleine Knospe brach in die Luft empor. In kurzer Zeit war der ganze Hang mit winzigen Pflänzchen bedeckt, die in der Sonnenglut auf Wache standen.

Sie blieben nicht lange stehen. Die bündelartigen Knospen schwellten und spannten sich und öffneten sich mit einem Ruck und warfen eine Krone kleiner, scharfer Spitzen aus, entfalteten einen Quirl winziger, spitziger, bräunlicher Blätter, die rapid länger wurden, sichtlich länger wurden, wie wir sie beobachteten. Die Bewegung war langsamer als die irgendeines Tiers, schneller als die irgendeiner Pflanze, die ich je zuvor gesehen habe. Wie kann ich es klar machen – wie dieses Wachstum vor sich ging? Die Blattspitzen wuchsen so, daß sie sich vorwärts bewegten, während wir sie noch anblickten. Die braune Samenhülse welkte und wurde mit gleicher Geschwindigkeit absorbiert. Haben Sie je an einem kalten Tage ein Thermometer in die Hand genommen und den dünnen Quecksilberfaden im Rohr hochkriechen sehen? So wuchsen diese Mondpflanzen.

In ein paar Minuten, wie es schien, waren die Knospen der entwickeltsten dieser Pflanzen zu einem Stiel geworden und entfalteten sogar schon einen zweiten Blätterquirl, und der ganze Hang, der noch eben als eine leblose Strecke der Streu erschienen war, war jetzt dunkel von dem olivgrünen Laub behaarter Spitzen, die unter der Wucht ihres Wachstums schwankten.

Ich drehte mich um, und siehe! am oberen Rand eines östlichen Felsens entlang schwankte und beugte sich, dunkel gegen den blendenden Schimmer der Sonne ein ähnlicher Saum in kaum weniger entwickeltem Zustand. Und hinter diesem Saum stand die Silhouette einer Pflanzenmasse, die sich plump wie ein Kaktus verästelte und sichtlich schwoll, schwoll wie eine Blase, die sich mit Luft füllt.

Dann entdeckte ich auch westlich, daß sich eine zweite solche erweiterte Gestalt über dem Buschwerk erhob. Aber hier fiel das Licht auf die glatten Flächen, und ich konnte sehen, daß ihre Farbe ein lebhaftes Orange war. Sie stieg, während man sie beobachtete; wenn man eine Minute fort und dann wieder hinblickte, hatte ihr Umriß sich verändert; sie entsandte stumpfe, stämmige Äste, bis sie in kurzer Zeit wie ein Korallenwuchs von vielen Fuß Höhe dastand. Mit solchem Wachstum verglichen, wäre der irdische Staubpilz, der bisweilen in einer einzigen Nacht einen Fuß an Durchmesser gewinnt, ein hoffnungsloser Faulpelz. Aber der Staubpilz wächst auch gegen einen Gravitationszug, der sechsmal so stark ist wie der des Mondes. Dahinter strebte aus Rinnen und Flächen, die uns verborgen gewesen waren, aber nicht der lebenden Sonne, ein stachliger Bart spitziger und fleischiger Vegetation über Riffe und Bänke glänzenden Felsens in unser Gesichtsfeld empor und eilte im Aufruhr, den kurzen Tag auszunutzen, in dem sie blühen und Frucht tragen und säen und wieder sterben muß. Es war wie ein Wunder, dies Wachstum. So, muß man sich vorstellen, erstanden die Bäume und Pflanzen bei der Schöpfung und bedeckten die Öde der neugeschaffenen Erde.

Man stelle sich das vor! Man stelle sich diesen Sonnenaufgang vor! Die Auferstehung der gefrorenen Luft, das Sich-Regen und Beleben des Bodens, und dann dieses stille Aufstehen der Vegetation, dieses unirdische Emporschießen der Fleischigkeit und der Stacheln. Man denke sich das alles von einem Glanz erhellt, der das intensivste Sonnenlicht der Erde würde wässerig und schwach erscheinen lassen. Und doch zögerten noch um diesen bewegten Dschungel, wo nur Schatten lag, Bänke bläulichen Schnees. Und um das Bild unseres Eindrucks vollständig zu haben, muß man berücksichtigen, daß wir das alles durch ein dickes, gebogenes Glas erblickten, verzerrt, wie die Dinge durch Linsen verzerrt werden, scharf nur in der Mitte des Bildes, und da sehr hell, und nach den Rändern zu vergrößert und unwirklich.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.