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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 8
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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7
Sonnenaufgang auf dem Mond

Wie wir sie zuerst erblickten, war es die wildeste und trostloseste Szene. Wir lagen in einem ungeheuren Amphitheater, auf einer weiten, kreisrunden Ebene, dem Boden des Riesenkraters. Seine klippenartigen Wände schlossen uns auf allen Seiten ein. Von der westlichen her fiel das Licht der unsichtbaren Sonne darauf und reichte bis hinab zum Fuße der Klippe; sie zeigte einen wirren Hang schmutzig grauen Felsens, der hier und dort mit Bänken und Rissen voll Schnee gespickt war. Das war vielleicht ein Dutzend Meilen entfernt, aber anfangs verminderte keine dazwischenliegende Atmosphäre den bis ins kleinste Detail gehenden Glanz, mit dem uns diese Dinge anstarrten. Sie standen klar und blendend vor einem Hintergrunde gestirnter Schwärze, die unsern irdischen Augen eher wie ein glorreich flitterbesäter Samtvorhang erschien, als wie die Weite des Himmels.

Die östliche Klippe war zunächst nur ein sternenloser Saum zur steinigen Kuppel. Kein rosiges Licht, keine kriechende Blässe verkündete den beginnenden Tag. Nur die Corona, das Zodiakallicht, ein riesiger, kegelförmiger, leuchtender Nebel, der zum Glanz des Morgensterns emporzeigte, sprach uns von der unmittelbaren Nähe der Sonne.

Was an Licht um uns war, wurde von den westlichen Klippen reflektiert. Es zeigte eine riesige gewellte Ebene, kalt und grau, ein Grau, das sich nach Osten hin in das absolute Rabenschwarz des Klippenschattens vertiefte. Unzählige gerundete, graue Gipfel, geisterhafte Kegel, Wogen schneeiger Masse, die Kamm hinter Kamm in die ferne Finsternis erstreckten, gaben uns den ersten Wink über die Entfernung der Kraterwand. Diese Kegel sahen aus wie Schnee. Zur Zeit dachte ich, es sei Schnee. Aber das waren sie nicht – es waren Hügel und Massen gefrorener Luft!

So war es erst, und dann kam, plötzlich, rasch und verblüffend, der Mondtag.

Das Sonnenlicht war die Klippe hinabgekrochen, es berührte die hingewehten Massen an ihrer Basis und kam alsbald mit Siebenmeilenstiefeln auf uns zugeschritten. Die ferne Klippe schien zu schwanken und zu beben, und bei der Berührung mit dem Sonnenaufgang strömte ein Qualm grauen Dunstes vom Kraterboden empor, Wirbel und Wolken und treibende Gespenster eines Grau, immer dichter und breiter und enger, bis zuletzt die ganze westliche Ebene wie ein nasses Tuch dampfte, das man vors Feuer hält, und bis die westlichen Klippen nur noch ein gebrochener Glanz dahinter waren.

»Das ist Luft,« sagte Cavor. »Es muß Luft sein – sonst würde es nicht so aufsteigen – bei der bloßen Berührung mit einem Sonnenstrahl. Und mit dieser Geschwindigkeit ...«

Er blickte nach oben. »Sehen Sie!« sagte er.

»Was?« fragte ich.

»Am Himmel. Schon. Auf der Schwärze – ein leichter Hauch von Blau. Sehen Sie! Die Sterne scheinen größer. Und die kleinen und all die dunklen Nebelmassen, die wir im leeren Raum sahen – das ist verborgen!«

Schnell und stetig nahte uns der Tag. Ein grauer Hügel nach dem andern wurde von der Glut erfaßt und in eine rauchende, weiße Dichtigkeit verwandelt. Schließlich war westlich von uns nichts mehr vorhanden als eine Bank aufsteigenden Nebels, der nahende Aufruhr und Aufstieg wolkigen Dunstes. Die ferne Klippe wich weiter und weiter zurück, hatte durch den Wirbel geragt und sich verändert, und war zuletzt in seinem Wirrwarr untergegangen und verschwunden.

Näher kam diese dampfende Wand, näher und näher, und sie kam so schnell wie der Schatten einer Wolke vor dem südwestlichen Winde. Um uns erhob sich ein dünner, vorgreifender Nebel.

Cavor packte meinen Arm.

»Was?« sagte ich.

»Sehen Sie! Der Sonnenaufgang! Die Sonne!«

Er drehte mich um und zeigte auf die Braue der östlichen Klippe, die über dem Nebel um uns aufragte, kaum heller als das Dunkel des Himmels. Aber jetzt war ihre Linie durch seltsame rötliche Gestalten markiert, Zungen scharlachner Flammen, die sich wanden und tanzten. Ich meinte, es müßten Dunstspiralen sein, die vom Licht gefaßt waren und diesen Kamm feuriger Zungen gegen den Himmel bildeten, aber in Wirklichkeit waren es die Sonnenauswüchse, die ich sah, eine Feuerkrone um die Sonne, die irdischen Augen durch unsern atmosphärischen Schleier auf ewig verborgen ist.

Und dann – die Sonne!

Stetig, unvermeidlich kam eine glänzende Linie, kam ein dünner Rand unerträglicher Glut, der runde Gestalt annahm, ein Bogen wurde, ein blendendes Szepter wurde, und einen Hitzstrahl auf uns entsandte, als wäre es ein Speer.

Und mit diesem Glühen kam ein Schall, der erste Schall, der uns von draußen erreichte, seit wir die Erde verlassen hatten, ein Zischen und Rascheln, das stürmische Schleifen des Luftgewandes im vorwärtseilenden Tage. Und mit dem Schall und dem Licht zugleich legte sich die Sphäre um, und blind und geblendet taumelten wir hilflos gegeneinander. Sie legte sich wieder um, und das Zischen wurde lauter. Ich hatte die Augen gewaltsam geschlossen und machte plumpe Anstrengungen, mir den Kopf mit meiner Decke zu verhüllen, und dieser zweite Stoß warf mich hilflos von den Beinen. Ich fiel gegen den Ballen, und als ich die Augen öffnete, sah ich einen Moment die Luft gerade außerhalb unseres Glases. Sie schmolz – es war ein Kochen – wie Schnee, in den man eine rotglühende Stange wirft. Was feste Luft gewesen war, wurde plötzlich bei der Berührung mit der Sonne ein Brei, ein Schlamm, eine schmutzige Flüssigkeit, die zu Gas verzischte und kochte.

Es folgte ein noch gewaltsamerer Wirbel der Atmosphäre, und wir hatten einander gepackt. Im nächsten Moment wurden wir wieder herumgeschleudert. Wir gingen kopfüber und kopfüber, und dann lag ich auf allen Vieren. Der Tagesanbruch auf dem Monde hatte uns ergriffen. Er wollte uns kleinen Menschen zeigen, was der Mond mit uns machen konnte.

Ich konnte einen zweiten Blick auf die Dinge draußen werfen, auf die Dampfstrahlen, halbflüssigen Schlamm, der untergraben wurde, glitt und fiel und glitt. Wir sanken ins Dunkel. Ich stürzte mit Cavors Knien auf meiner Brust. Dann schien er von mir fortzufliegen und einen Moment lag ich ohne Atem in meinem Körper da und starrte nach oben. Ein taumelnder Fels von dem schmelzenden Zeug war über uns gespritzt, hatte uns begraben und wurde jetzt dünner und kochte von uns ab. Ich sah die Blasen oben auf dem Glase tanzen. Ich hörte Cavor schwach rufen.

Dann hatte uns ein riesiger Rutsch in der tauenden Luft gefaßt, und indem wir Proteste hervorsprudelten, begannen wir einen Hang hinabzurollen, rollten schneller und schneller, sprangen über Spalten und prallten von Bänken ab, schneller und schneller, nach Westen hin, in den weiß-heißen kochenden Aufruhr des Mondtags hinein.

Aneinandergeklammert, wirbelten wir herum, flogen hierhin und dorthin, und unser Gepäckballen sprang auf uns los und drosch auf uns umher. Wir kollidierten, wir griffen uns, wir wurden auseinandergerissen – unsere Köpfe schlugen zusammen, und das ganze Weltall barst in feurige Pfeile und Sterne! Auf der Erde hätten wir uns ein dutzendmal zerschmettert, aber auf dem Mond war zu unserem Glück unser Gewicht nur ein Sechstel dessen, was es auf der Erde ist, und wir fielen sehr gnädig. Ich erinnere mich einer Empfindung äußerster Übelkeit, eines Gefühls, als wäre mein Gehirn im Schädel umgekehrt und dann – –

Etwas war auf meinem Gesicht an der Arbeit, ein paar dünne Fühler quälten meine Ohren. Dann entdeckte ich, daß der Glanz der Landschaft um uns durch eine blaue Brille gemildert war. Cavor stand über mich geneigt, und ich sah sein Gesicht umgekehrt, auch seine Augen durch gefärbte Gläser geschützt. Sein Atem ging unregelmäßig, und seine Lippe blutete von einer Quetschung. »Besser?« sagte er und wischte sich das Blut mit dem Rücken der Hand ab.

Alles schien eine Zeitlang zu schwanken, aber das war nur meine Schwindligkeit. Ich merkte, daß er ein paar von den Jalousien der äußeren Sphäre geschlossen hatte, um mich vor dem direkten Sonnenstrahl zu schützen. Mir fiel auf, daß alles um uns sehr glänzend war.

»Himmel!« keuchte ich. »Aber dies –!«

Ich reckte meinen Hals, mich umzublicken. Ich merkte, daß draußen eine blendende Helle herrschte, ein absoluter Wechsel aus dem finsteren Dunkel unserer ersten Eindrücke. »Bin ich lange besinnungslos gewesen?« fragte ich.

»Ich weiß nicht – der Chronometer ist zerbrochen. Einige Zeit ... Mein lieber Kerl! Ich habe Angst gehabt ...«

Ich lag eine Zeitlang da und nahm das in mich auf. Ich sah, sein Gesicht trug noch Spuren der Aufregung. Eine Weile sagte ich nichts. Ich strich mit fragender Hand über meine Kontusionen und sah ihm nach ähnlichen Schäden ins Gesicht. Der Rücken meiner rechten Hand hatte am meisten gelitten und war hautlos und wund. Meine Stirn war zerstoßen und hatte geblutet. Er reichte mir ein kleines Maß mit etwas von dem Stärkungsmittel – den Namen habe ich vergessen – das er mitgenommen hatte. Nach einiger Zeit fühlte ich mich ein wenig besser. Ich begann meine Glieder vorsichtig zu strecken. Bald konnte ich sprechen.

»Das wäre nichts gewesen,« sagte ich, als sei gar keine Zeit verstrichen.

»Nein, wahrhaftig

Er sann, und die Hände hingen ihm über die Knie. Er spähte durch das Glas und starrte dann mich an. »Großer Gott!« sagte er. » Nein

»Was ist geschehen?« fragte ich nach einer Pause. »Sind wir in die Tropen gesprungen?«

»Es war, wie ich erwartet hatte. Diese Luft ist verdunstet, und die Oberfläche des Mondes ist zutage gekommen. Wir liegen auf einer erdigen Felsbank. Hier und da zeigt sich der nackte Boden. Ein wunderlicher Boden!«

Ihm fiel ein, daß es unnötig war, zu erklären. Er half mir in eine sitzende Stellung, und ich konnte mit eigenen Augen sehen.

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