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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 7
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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6
Die Landung auf dem Mond

Ich erinnere mich, wie Cavor eines Tages plötzlich sechs unserer Läden öffnete und mich so blendete, daß ich ihn laut anschrie. Die ganze Fläche war Mond, ein stupender Krummsäbel weißen Tagesanbruchs, dessen Rand mit Scharten des Dunkels ausgezackt war, die halbmondförmige Küste einer ebbenden Flut der Dunkelheit, aus der Spitzen und Zinnen in den Glanz der Sonne emporgeklettert kamen. Ich nehme an, der Leser hat Bilder oder Photographien des Mondes gesehen, so daß ich die breiteren Züge jener Landschaft nicht schildern brauche: jene geräumigen, ringartigen Ketten, weiter als alle irdischen Gebirge, deren Gipfel im Tage leuchten, deren Schatten scharf und tief absetzen; jene grauen, wirren Ebenen, die Grate, Hügel und Kraterchen, die alle zuletzt aus blendender Beleuchtung in ein gemeinsames Geheimnis der Schwärze übergehen. Quer über dieser Welt flogen wir, kaum noch hundert Meilen über ihren Kämmen und Gipfeln. Und jetzt konnten wir sehen, was von der Erde aus kein Auge jemals sehen wird, daß unter der Glut des Tages die scharfen Umrisse der Felsen und Schluchten der Ebene und des Kraterbodens unter einem dichter werdenden Nebel grau und undeutlich wurden, daß das Weiß ihrer erleuchteten Flächen sich in Klumpen und Flecken brach, und wieder brach und schrumpfte und verschwand, und daß hier und dort seltsame braune und olivfarbene Töne wuchsen und sich ausbreiteten.

Aber wir hatten jetzt keine Zeit zum Beobachten. Denn jetzt waren wir zu der wirklichen Gefahr unserer Reise gekommen. Wir mußten dem Mond, wie wir darum kreisten, immer näher sinken, mußten unsere Geschwindigkeit verlangsamen und auf unsern Augenblick warten, bis wir es schließlich wagen konnten, uns auf seine Oberfläche fallen zu lassen.

Für Cavor war es eine Zeit intensiver Anstrengung; für mich war es eine besorgte Untätigkeit. Es schien, ich ging ihm fortwährend aus dem Wege. Er sprang mit einer Behendigkeit, die auf der Erde unmöglich gewesen wäre, in der Sphäre von Punkt zu Punkt umher. Er schloß und öffnete während dieser letzten, ereignisreichen Stunden die Cavoritfenster beständig, stellte Berechnungen an und blickte mit Hilfe der Glühlampe auf seinen Chronometer. Eine lange Zeit hindurch hatten wir all unsere Fenster geschlossen und hingen schweigend im Dunkel, während wir durch den Raum jagten.

Dann tastete er nach den Jalousieknöpfen, und plötzlich waren die Fenster offen. Ich taumelte und hielt mir die Augen zu, überflutet und versengt und geblendet von dem ungewohnten Glanz der Sonne unter meinen Füßen. Dann schnappten die Läden wieder zu, und mir schwamm das Gehirn in einem Dunkel, das mir auf die Augen drückte. Und darauf schwamm ich wieder in einer ungeheuren, schwarzen Stille.

Dann drehte Cavor das elektrische Licht auf und sagte mir, er schlage vor, gegen den Stoß unserer Landung all unser Gepäck mit den Decken darum zusammenzubinden. Wir taten dies bei geschlossenen Fenstern, weil sich unsere Waren da von selber im Zentrum der Sphäre anordneten. Auch das war ein sonderbares Geschäft; wir zwei Männer, die lose in diesem sphärischen Raum schwebten und packten und Stricke zogen! Man stelle es sich vor, wenn man es kann! Kein oben oder unten, und jede Anstrengung mit unerwarteten Folgen! Bald wurde ich mit der vollen Kraft von Cavors Stoß gegen das Glas geschleudert, bald trat ich hilflos in eine Leere hinein. Bald war der Stern des elektrischen Lichts zu Häupten, bald zu Füßen. Bald schwammen mir Cavors Füße vor den Augen herum, und bald lagen wir verquer gegeneinander. Aber schließlich waren unsere Güter in einem großen, weichen Ballen sicher zusammengebunden, nur zwei Decken mit Knopflöchern blieben draußen, damit wir uns hineinwickeln konnten.

Dann öffnete Cavor auf einen Blitz ein Fenster mondwärts, und wir sahen, daß wir auf einen riesigen Zentralkrater mit einer Anzahl kleinerer Krater in eine Art Kreuz hineingruppiert, zufielen. Und dann öffnete Cavor unsere kleine Sphäre von neuem der sengenden, blendenden Sonne. Ich glaube, er benutzte die Anziehungskraft der Sonne als Bremse. »Wickeln Sie sich in eine Decke,« rief er, indem er sich von mir fortstieß, und einen Moment lang verstand ich nicht.

Dann zog ich mir die Decke unter den Füßen hervor und zog sie mir über Kopf und Augen. Plötzlich schloß er die Läden wieder, schnappte einen anderen auf und wieder zu, und dann begann er sie unvermittelt alle aufzuschnappen, jeden sicher in seine Stahlrolle. Es gab einen Krach, und dann überschlugen und überschlugen wir uns, flogen gegen das Glas und den großen Ballen unseres Gepäcks und klammerten uns aneinander, und draußen spritzte ein weißer Stoff, als rollten wir einen Schneehang hinab ...

Kopfüber, bumps, plumps, bums, plumps, kopfüber ...

Dann kam ein Stoß und ich war halb unter dem Ballen unseres Besitzers vergraben, und eine Zeitlang war alles still. Dann konnte ich Cavor schnauben und grunzen hören, und das Schnappen eines Ladens in seinem Geschiebe. Ich machte eine Anstrengung, warf unser deckenumwickeltes Gepäck zurück und tauchte von darunter auf. Unsere offenen Fenster waren eben als ein mit Sternen besetztes tieferes Schwarz sichtbar.

Wir waren noch am Leben und wir lagen im Dunkel des Schattens der Mauer des großen Kraters, in den wir gefallen waren.

Wir saßen und verschnauften uns und fühlten nach den Quetschungen auf unsern Gliedern. Ich glaube, wir beide hatten so rauhe Behandlung, wie wir erhalten hatten, nicht gerade sehr deutlich erwartet. Ich arbeitete mich mühsam auf die Füße. »Und jetzt,« sagte ich, »auf die Mondlandschaft hinauszublicken! Aber –! Es ist schauerlich dunkel, Cavor!«

Das Glas war betaut, und während ich sprach, rieb ich es mit meiner Decke. »Wir sind eine halbe Stunde oder so vor dem Tage,« sagte er. »Wir müssen warten.«

Es war unmöglich, irgend etwas zu erkennen. Wir hätten nach dem, was ich sehen konnte, in einer Stahlsphäre sein können. Mein Reiben mit der Decke verschmierte das Glas einfach, und so schnell ich auch rieb, es wurde wieder vor frisch kondensierter Feuchtigkeit undurchsichtig, die sich mit einer wachsenden Menge von Deckenhaaren mischte. Natürlich hätte ich die Decke nicht gebrauchen dürfen. Bei meinen Anstrengungen, das Glas zu klären, glitt ich auf der feuchten Fläche aus und verletzte mir das Schienbein an einem der Sauerstoffzylinder, der aus dem Ballen herausragte.

Die Sache war aufregend – es war absurd. Hier waren wir gerade auf dem Mond angekommen, mitten unter wir wußten nicht welchen Wundern, und alles, was wir sehen konnten, war die graue und leckende Wand der Blase, der Blase, in der wir gekommen waren.

»Zum Henker!« sagte ich, »aber auf die Art hätten wir zu Hause bleiben können;« und ich hockte mich auf den Ballen hin, zitterte vor Kälte und zog meine Decke dichter um mich zusammen.

Plötzlich verwandelte sich die Feuchtigkeit in Eisflitter und Blumen. »Können Sie den elektrischen Heizer erreichen,« fragte Cavor. »Ja – der schwarze Knopf. Sonst erfrieren wir.«

Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. »Und jetzt,« sagte ich, »was sollen wir anfangen?«

»Warten,« sagte er.

»Warten?«

»Natürlich. Wir werden zu warten haben, bis unsere Luft wieder warm wird, und dann wird dies Glas klar werden. Bis dahin können wir nichts tun. Hier ist jetzt Nacht; wir müssen warten, bis der Tag uns einholt. Unterdes – spüren Sie keinen Hunger?«

Eine Zeitlang antwortete ich ihm nicht, sondern saß da und wütete. Ich wandte mich nur widerstrebend von der verschmierten Glasstelle ab und starrte ihm ins Gesicht. »Ja,« sagte ich, »ich bin hungrig. Ich fühle mich irgendwie ungeheuer enttäuscht. Ich hatte erwartet – ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber dies nicht.«

Ich nahm meine Philosophie zusammen, schlang meine Decke von neuem um mich, setzte mich wieder auf den Ballen und begann meine erste Mahlzeit auf dem Mond. Ich glaube nicht, daß ich sie vollendet habe – ich weiß nicht mehr. Alsbald kam, erst stellenweise, dann rasch in weitere Flächen auseinanderlaufend, die Klärung des Glases, kam die Aufhebung des Nebelschleiers, der unsern Augen die Mondwelt verborgen hatte.

Wir spähten auf die Landschaft des Mondes hinaus.

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