Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
Schließen

Navigation:

4
In der Sphäre

Nur weiter,« sagte Cavor, als ich auf dem Rande des Einsteigeloches saß und in das schwarze Innere der Sphäre niederblickte. Wir beiden waren allein. Es war Abend, die Sonne war untergegangen, und auf allem lag die Stille des Zwielichts.

Ich zog auch das andere Bein hinein und glitt über das glatte Glas auf den Boden der Sphäre; dann wandte ich mich, um Cavor die Kannen mit den Nahrungsmitteln und die anderen Impedimenta abzunehmen. Das Innere war warm, das Thermometer stand auf achtzig Fahrenheit, und da wir wenig oder nichts davon durch Strahlung verlieren sollten, waren wir in Schuhe und dünnen Flanell gekleidet. Wir hatten jedoch ein Bündel mit dicken Wollenkleidern und mehrere dicke Decken bei uns, um uns vor Unfällen zu schützen. Nach Cavors Anweisung legte ich die Kisten, die Sauerstoffzylinder und so weiter lose um meine Füße, und bald hatten wir alles drinnen. Er ging eine Zeitlang auf der Suche nach irgend etwas, was wir übersehen hätten, im dachlosen Schuppen umher und kroch mir dann nach. Ich bemerkte etwas in seiner Hand.

»Was haben Sie da?« fragte ich.

»Haben Sie sich nichts zu lesen mitgebracht?«

»Großer Gott! Nein.«

»Ich vergaß, es Ihnen zu sagen. Manches ist ungewiß – die Reise dauert vielleicht – es kann Wochen dauern!«

»Aber –«

»Wir werden absolut ohne Beschäftigung in dieser Sphäre schwimmen.«

»Ich wollte, ich hätte es gewußt – –«

Er blickte zum Einsteigeloch hinaus. »Sehen Sie!« sagte er. »Da liegt was!«

»Ist noch Zeit?«

»Es dauert noch eine Stunde.«

Ich blickte hinaus. Es war eine alte Nummer der Tit-Bits, die einer der Leute mitgebracht haben mußte. Weiter im Winkel sah ich ein zerrissenes Blatt der Lloyds News. Damit kletterte ich in die Sphäre zurück. »Was haben Sie sich mitgenommen?« fragte ich.

Ich nahm ihm das Buch aus der Hand und las: »William Shakespeares Werke«.

Er errötete leicht. »Meine Bildung ist so rein naturwissenschaftlich gewesen« – sagte er entschuldigend.

»Ihn nie gelesen?«

»Nie.«

»Er hat einiges gewußt, wissen Sie – irreguläres Wissen.«

»Genau, was ich gehört habe,« sagte Cavor.

Ich half ihm, den Glasdeckel des Einsteigelochs einzuschrauben, und dann drückte er auf einen Knopf, um die entsprechende Jalousie in der äußeren Hülle zu schließen. Das kleine Zwielichtviereck verschwand. Wir waren im Dunkel.

Eine Zeitlang sprach keiner von uns. Obgleich unsere Hülle für den Schall nicht undurchdringlich war, war doch alles sehr still. Ich sah, daß nichts da war, woran man sich festklammern konnte, wenn der Stoß unseres Aufbruchs käme, und mir wurde klar, daß mir der Mangel eines Stuhls Unbehagen bereiten würde.

»Warum haben wir keine Stühle?« fragte ich.

»An all das hab ich gedacht,« sagte Cavor. »Wir werden sie nicht nötig haben.«

»Warum nicht?«

»Sie werden sehen,« sagte er in dem Ton eines Menschen, der nicht reden will.

Ich verstummte. Plötzlich war es mir klar und lebhaft aufgegangen, daß ich ein Narr war, in dieser Sphäre zu sein. Selbst jetzt noch, fragte ich mich, ist es zu spät, sich zurückzuziehen? Die Welt außerhalb der Sphäre, das wußte ich, würde kalt und ungastlich genug gegen mich sein – seit Wochen hatte ich von Cavors Subsidien gelebt – aber schließlich, würde sie so kalt sein wie der unendliche Nullpunkt, so ungastlich wie der leere Raum? Wäre es nicht um den Anschein der Feigheit gewesen, ich glaube, ich hätte ihn selbst da noch gezwungen, mich hinauszulassen. Aber aus dem Grunde zögerte ich und zögerte ich und wurde ungeduldig und zornig, und die Zeit verging.

Da kam ein leiser Ruck, ein Geräusch, wie wenn im Nebenzimmer Champagner entkorkt würde, und ein schwacher pfeifender Schall. Eine Sekunde lang hatte ich eine Empfindung ungeheurer Spannung, eine flüchtige Überzeugung, daß meine Füße mit der Kraft zahlloser Tons nach unten preßten. Es dauerte eine unendlich kleine Zeit.

Aber es rüttelte mich zum Handeln auf. »Cavor!« sagte ich ins Dunkel hinein; »meine Nerven sind kaputt ... Ich glaube nicht – –«

Ich hielt inne. Er gab keine Antwort.

»Zum Henker!« rief ich, »bin ich ein Narr! Was habe ich hier zu suchen? Ich komme nicht mit, Cavor. Die Sache ist zu riskant. Ich steige hinaus.«

»Das können Sie nicht,« sagte er.

»Kann nicht! Das wollen wir bald sehen!«

Er gab zehn Sekunden lang keine Antwort. »Es ist jetzt zu spät, uns zu streiten,« sagte er. »Der kleine Ruck vorhin war der Aufstieg. Wir fliegen schon so schnell wie eine Kugel in den Abgrund des Raumes hinauf.«

»Ich« – sagte ich, und dann schien es mir nicht mehr darauf anzukommen, was geschah. Eine Zeitlang war ich gleichsam betäubt; ich hatte nichts zu sagen. Es war gerade, als hätte ich noch nie zuvor von dieser Idee, die Welt zu verlassen, gehört. Dann merkte ich eine unerklärliche Veränderung in meinen körperlichen Empfindungen. Es war ein Gefühl der Leichtigkeit, der Unwirklichkeit. Damit ging eine sonderbare Empfindung im Kopf Hand in Hand, beinahe etwas Apoplektisches, und ein Pochen der Blutgefäße in den Ohren. Keines dieser Gefühle wurde mit der Zeit geringer, aber schließlich war ich so daran gewöhnt, daß sie mir nicht mehr unangenehm waren.

Ich hörte ein Klinken und eine kleine Glühlampe leuchtete auf.

Ich sah Cavors Gesicht, so weiß, wie ich fühlte, daß meins war. Wir blickten einander schweigend an. Die durchsichtige Schwärze des Glases hinter ihm bewirkte, daß er aussah, als schwimme er in einer Leere.

»Nun, wir sind gefangen,« sagte ich schließlich.

»Ja,« sagte er, »wir sind gefangen.«

»Bewegen Sie sich nicht,« rief er bei der Andeutung einer Geste aus. »Lassen Sie Ihre Muskeln ganz schlaff – wie wenn Sie im Bett lägen. Wir sind in einem kleinen eigenen Universum. Sehen Sie die Dinge da an!«

Er zeigte auf die Kisten und Bündel, die am Boden der Sphäre auf den Decken gelegen hatten. Ich war erstaunt, sie fast einen Fuß weit von der sphärischen Mauer entfernt schwimmen zu sehen. Dann sah ich an seinem Schatten, daß Cavor nicht mehr am Glase lehnte. Ich streckte die Hand hinter mich und fand, daß auch ich, klar vom Glas, im Raume schwebte.

Ich schrie nicht auf und gestikulierte nicht, aber die Angst überschlich mich. Es war, als würde man von etwas gehalten und gehoben – man wußte nicht, wovon. Die bloße Berührung meiner Hand mit dem Glase brachte mich in rasche Bewegung. Ich begriff, was geschehen war, aber das hinderte nicht, daß ich mich fürchtete. Wir waren von aller äußeren Gravitation abgeschnitten, nur die Anziehung der Dinge innerhalb unserer Sphäre wirkte. Infolgedessen fiel alles, was nicht am Glase befestigt war – langsam, wegen der Geringfügigkeit unserer Massen – zum Gravitationszentrum unserer kleinen Welt, das etwa im Mittelpunkt der Sphäre, aber wegen meines höheren Gewichtes mir näher als Cavor zu liegen schien.

»Wir müssen uns drehen,« sagte Cavor, »und Rücken gegen Rücken schwimmen, mit den Sachen zwischen uns.«

Es war die sonderbarste Empfindung, die man sich vorstellen kann, so lose im Raum zu schweben, anfangs sogar grauenhaft unheimlich, als aber das Grauen verging, durchaus nicht unangenehm, außerordentlich ausruhend; ja, was ihr an irdischer Erfahrung von allem, was ich kenne, am nächsten kam, war, wenn man auf einem sehr dicken, weichen Federbett liegt. Aber das Eigentümliche der äußersten Loslösung und Unabhängigkeit! Auf solche Dinge hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte beim Aufstieg einen heftigen Stoß erwartet, ein schwindliges Gefühl der Geschwindigkeit. Statt dessen hatte ich ein Gefühl – als wäre ich körperlos geworden. Es war nicht wie der Beginn einer Reise; es war wie der Beginn eines Traums.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.