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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 26
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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25
Der Mondherrscher

Die vorletzte Botschaft beschreibt mit gelegentlich selbst ausführlichem Detail die Begegnung zwischen Cavor und dem Mondherrscher, der der Herr des Mondes ist. Cavor scheint den größten Teil von ihr ohne Störung geschickt zu haben, aber gegen den Schluß hin unterbrochen worden zu sein. Die zweite kam nach einem Zwischenraum von einer Woche.

Die erste Botschaft beginnt: »Endlich bin ich imstande, dies wieder aufzunehmen –« dann wird sie unleserlich und beginnt nachher mitten im Satz neu.

Die fehlenden Worte des folgenden Satzes sind wahrscheinlich: »Die Volksmenge«. Dann folgt ganz klar: »wurde immer dichter, als wir uns dem Palast des Mondherrschers näherten – wenn ich eine Reihe von Ausgrabungen einen Palast nennen darf. Überall starrten mich Gesichter an – leere, chitinhäutige Münder und Masken, Augen, die über riesige Geruchsorgane spähten, Augen unter monströsen Stirnplatten, ein Buschwerk kleinerer Geschöpfe duckte sich und schrie, und Helmgesichter, die auf gewundenen langgelenkigen Hälsen saßen, tauchten auf, indem sie sich über Schultern und unter Achselhöhlen hervorstreckten. Um mich marschierte und hielt mir willkommenen Raum frei ein Kordon von blöden, kastengesichtigen Wachen, die zu uns gestoßen waren, als wir das Boot verließen, in dem wir durch die Kanäle des Zentralmeers gekommen waren. Der raschäugige Künstler mit dem kleinen Gehirn stieß auch zu uns, und eine dichte Schar Träger-Insekten schwankte und rang unter der Menge von Bequemlichkeitsgegenständen, die für meinen Stand als wesentlich angesehen wurden. Während der letzten Etappe unserer Reise wurde ich in einer Sänfte getragen. Diese Sänfte war aus einem sehr biegsamen Metall gemacht, das mir dunkel aussah, maschig und geflochten war, gehalten durch Stangen blasseren Metalls; und um mich gruppierte sich, je weiter ich kam, eine lange und komplizierte Prozession.

»Vor uns marschierten, nach Art von Herolden, vier trompetengesichtige Geschöpfe, die ein wüstes Geschrei ausstießen; und dann kamen stämmige Führer mit resoluten Bewegungen davor und dahinter, und zu beiden Seiten eine glänzende Schar gelehrter Köpfe, eine Art lebendiger Enzyklopädie, die, erklärte Phi-u, zu Zwecken der Auskunft den Mondherrscher umgeben sollten. (Keine Kleinigkeit der Wissenschaft des Mondes, keinen Gesichtspunkt, keine Denkmethode, die diese wundervollen Wesen nicht in ihren Köpfen trügen!) Es folgten Wachen und Träger, und dann Phi-us bebendes Gehirn, gleichfalls auf einer Sänfte getragen. Dann kam Tsipuff in einer leicht weniger bedeutenden Sänfte und umgeben von denen, die mich beim Essen und Trinken bedienten. Dann folgten weitere Trompeter, die einem mit heftigem Geschrei das Ohr zerrissen, und dann mehrere große Gehirne, Spezialkorrespondenten könnte man sie nennen, oder Historiographen, deren Aufgabe war, jede Einzelheit dieser epochemachenden Unterredung zu beachten und zu behalten. Eine Schar von Dienern, die Banner und Massen wohlriechender Pilze und seltsame Symbole trugen und schleppten, verschwand hinten im Dunkel. Der Weg war mit einem Kordon von Führern und Offizieren in Rüstungen besetzt, die wie Stahl glänzten, und hinter ihrer Linie dehnten sich, so weit meine Augen das Düster durchdringen konnten, die Köpfe jener ungeheuren Volksmenge.

»Ich will gestehen, daß ich noch immer keineswegs gegen die eigentümliche Wirkung der Erscheinung der Seleniten verhärtet bin, und daß ich mich so gleichsam auf diesem aufgeregten Meere von Insekten treiben sah, war keineswegs angenehm. Eine kleine Zeitlang fühlte ich etwas, was dem sehr ähnlich war, was die Leute, wie ich mir denke, meinen, wenn sie von ›Grauen‹ reden. Ich hatte das schon früher in diesen Mondhöhlen empfunden, wenn ich mich bei Gelegenheit waffenlos und mit ungedecktem Rücken mitten in einer Menge dieser Seleniten gesehen hatte, aber noch nie ganz so lebhaft. Es ist natürlich ein so unvernünftiges Gefühl, wie man es nur haben kann, und ich hoffe, es allmählich zu überwinden. Aber einen Moment, als ich in die Brandung der ungeheuren Menge hineinfegte, mußte ich meine Sänfte hart packen und all meine Willenskraft zusammennehmen, um einen Aufschrei oder eine ähnliche Manifestation zu vermeiden.

»Wir stiegen eine Zeitlang die Spirale einer vertikalen Straße hinauf und kamen dann durch eine Reihe kuppeldachiger und sorgfältig geschmückter riesiger Hallen. Die Gegend um den Mondherrscher war sicherlich angetan, einem einen lebhaften Eindruck von seiner Größe zu geben. Jede Höhle, die man betrat, schien größer und kühner gewölbt als ihre Vorgängerin. Diese Wirkung sich steigernder Größe wurde noch verstärkt durch einen dünnen Nebel matt phosphoreszierenden, blauen Weihrauchs, der dichter wurde, je weiter wir kamen, und selbst den näheren Gestalten die Klarheit nahm. Ich schien fortwährend zu etwas Größerem, Dunklerem und weniger Materiellen vorzuschreiten.

»Ich muß gestehen, daß mir diese ganze Menge das Gefühl großer Schäbigkeit und Unwürdigkeit eingab. Ich war unrasiert und ungekämmt; ich hatte auch kein Rasiermesser mitgenommen: den ganzen Mund überwucherte mir ein grober Bart. Auf der Erde bin ich stets geneigt gewesen, über die gebührende Sorge für die Reinlichkeit hinaus jede Aufmerksamkeit auf meine Person zu verachten; aber unter den ausnahmsweisen Umständen, in denen ich mich befand, wo ich meinen Planeten und meine Art vertrat, und es zum großen Teil von der Anziehungskraft meiner Erscheinung abhing, wie ich ausgenommen wurde, hätte ich viel für etwas Künstlerisches und Würdigeres geben können, als die Hüllen sind, die ich trug. Ich war in dem Glauben, der Mond sei unbewohnt, so ungestört gewesen, daß ich solche Vorsichtsmaßregeln völlig übersehen hatte. So trug ich eine Flanelljacke, Kniehosen und Golfstrümpfe, befleckt mit jeder Art Schmutz, den der Mond zu bieten vermag; Pantoffeln (an denen der linke Absatz fehlte) und eine Decke, in der ein Loch war, durch das ich den Kopf steckte. (Und diese Kleider trage ich auch noch.) Scharfe Borsten sind für Züge meiner Art alles eher als eine Zierde, und am Knie meiner Hose sah man ein ungeflicktes Loch, das sich recht auffällig machte, während ich auf meiner Sänfte hockte; und auch mein rechter Strumpf bestand darauf, mir auf die Knöchel zu gleiten. Ich weiß recht wohl, welches Unrecht meine Erscheinung der Menschheit tat, und wenn ich auf irgendeine Weise etwas hätte improvisieren können, was ein wenig vom Wege ablag und imposant war, so hätte ich es getan. Aber mir wollte nichts einfallen. Ich tat mit meiner Decke, was ich konnte – faltete sie ein wenig nach Art einer Toga, und im übrigen saß ich so aufrecht da, wie mir das Schwanken meiner Sänfte erlaubte.

»Man stelle sich die größte Halle vor, in der man je gewesen ist, unvollständig durch blaues Licht erleuchtet und verdunkelt durch einen grau-blauen Nebel, wogend von metallischen oder fahlgrauen Geschöpfen von einer so tollen Verschiedenheit, wie ich sie bereits angedeutet habe. Man stelle sich vor, diese Halle laufe in einen offenen Bogengang aus, hinter dem eine noch größere Halle ist, und dahinter wieder eine größere und so fort. Am Ende des Durchblicks, dunkel zu sehen, erhebt sich eine Treppenflucht wie die Aracoeli in Rom, bis sie den Augen entschwindet. Je näher man ihrer Basis kommt, um so höher und höher scheinen diese Stufen zu steigen. Aber schließlich kam ich unter einen riesenhaften Bogengang und sah den Gipfel dieser Stufen, und darauf den Mondherrscher auf seinem Thron erhöht.

»Er saß in einem relativ blendenden, blauglühenden Schein. Das und das Dunkel um ihn machte den Eindruck, als schwimme er in einer blauschwarzen Leere. Zuerst schien er eine kleine selbstleuchtende Wolke zu sein, die aus ihrem düsteren Throne brütet; seine Hirnschale muß viele Meter im Durchmesser gemessen haben. Aus irgendeinem Grunde, den ich nicht finden kann, strahlten von einer Stelle hinter dem Thron, auf dem er saß, eine Anzahl blauer Scheinwerfer aus, und ihn umgab unmittelbar ein Strahlenkranz. Um ihn, und klein und undeutlich in diesem Schein, trugen und stützten ihn eine Anzahl Leibdiener, und überschattet standen in einem riesigen Halbkreis unter ihm seine geistigen Diener, seine Gedächtnisdiener und Berechner und Sucher und all die hervorragenden Insekten des Mondhofs. Noch tiefer standen Führer und Boten, und dann die zahllosen Stufen des Throns hinunter standen Wachen, und an der Basis ungeheuer, mannigfach, undeutlich, schließlich in ein absolutes Schwarz verschwindend, eine ungeheure wogende Menge der geringeren Würdenträger des Mondes. Ihre Füße gaben auf dem Felsenboden ein fortwährendes kratzendes Flüstern, ihre Glieder bewegten sich mit raschelndem Murmeln.

»Als ich die vorletzte Halle betrat, erhob sich die Musik, und sie breitete sich zu einer kaiserlichen Pracht der Töne aus, und die Schreie der Nachrichtenträger erstarben ...

»Ich trat in die letzte und größte Halle ein ...

»Meine Prozession öffnete sich wie ein Fächer. Meine Führer und Wachen gingen nach rechts und links, und drei Sänften, die mich, Phi-u und Tsi-puff trugen, zogen über das leuchtende Dunkel des Bodens bis zum Fuß der Riesentreppe. Dann begann ein ungeheures, pochendes Summen, das sich in die Musik mischte. Die beiden Seleniten stiegen ab, aber mir gebot man, sitzen zu bleiben – ich denke mir, als besondere Ehre. Die Musik hörte auf, aber jenes Summen nicht, und durch eine gleichzeitige Bewegung von zehntausend ehrfurchtsvollen Köpfen wurde meine Aufmerksamkeit auf das umstrahlte höchste Wesen gelenkt, das über mir schwebte.

»Als ich zuerst in den strahlenden Schein spähte, sah dieses quintessentielle Gehirn ziemlich aus wie eine undurchsichtige Blase mit dunklen, wogenden Spuren von Windungen, die sich sichtbar darin bewegten. Dann sah man unter diesem ungeheuren Umkreis, und gerade über dem Rande des Throns mit einem Schreck winzige Elfenaugen aus dem Schein hervorspähn. Kein Gesicht, sondern Augen, wie wenn sie durch Löcher spähten. Erst konnte ich weiter nichts sehen als diese zwei starrenden kleinen Augen, und dann erkannte ich darunter den kleinen, verkümmerten Leib und seine verschrumpften und weißen insektengelenkigen Glieder. Die Augen starrten mit einer seltsamen Intensität auf mich herab, und der untere Teil der geschwollenen Kugel war gerunzelt. Kraftlos aussehende kleine Handtaster stützten diese Gestalt auf dem Thron ...

»Es war groß. Es war jämmerlich. Man vergaß die Halle und die Menge.

»Ich stieg die Treppe ruckweise hinauf. Mir schien, diese dunkel glühende Hirnschale über uns breitete sich über mich aus und zog mehr und mehr von der ganzen Wirkung an sich, als ich näher kam. Die um ihren Herrn gruppierten Reihen von Dienern und Helfern schienen in die Nacht zu schrumpfen und zu schwinden. Ich sah, daß schattenhafte Diener geschäftig waren, dies große Gehirn mit kühlenden Tropfen zu besprengen, und daß sie es streichelten und stützten. Ich meinerseits saß und hielt mich an meinem schwankenden Tragstuhl fest und blickte den Mondherrscher an, unfähig, den Blick zur Seite zu wenden. Und schließlich, als ich einen kleinen Absatz erreichte, der nur noch etwa durch zehn Stufen vom höchsten Sitz getrennt war, erreichte die verschlungene Pracht der Musik einen Höhepunkt und hörte auf, und ich blieb gleichsam nackt in jener Weite unter dem still forschenden Blick aus den Augen des Mondherrschers.

»Er prüfte den ersten Menschen, den er je gesehen hatte ...

»Schließlich sanken meine Augen von seiner Größe auf die blassen Gestalten im blauen Nebel um ihn, und dann die Stufen hinunter auf die Selenitenmassen, die still und erwartungsvoll in ihren Tausenden auf dem Boden unten gedrängt standen. Noch einmal streckte ein unvernünftiges Grauen die Hand nach mir aus ... Und ging vorüber.

»Nach der Pause kam die Begrüßung. Man half mir aus meiner Sänfte, und ich stand verlegen da, während zwei schlanke Beamte als Stellvertreter eine Anzahl seltsamer und ohne Zweifel tief symbolischer Gesten vor mir vollführten. Die enzyklopädische Schar der Gelehrten, die mich bis an den Eingang der letzten Halle begleitet hatte, erschien zwei Stufen über mir und rechts und links von mir, bereit für den Bedarf des Mondherrschers; und Phi-us bleiches Gehirn stellte sich etwa halbwegs zum Thron hinauf an einer Stelle auf, daß er leicht mit beiden reden konnte, ohne weder dem Mondherrscher noch mir den Rücken zudrehen zu brauchen. Tsi-puff stand hinter ihm. Gewandte Führer kamen seitlich auf mich zu, ohne das volle Gesicht vom höchsten Wesen zu wenden. Ich setzte mich auf türkische Manier, und Phi-u und Tsi-puff knieten über mir nieder. Es folgte eine Pause. Die Augen des näheren Hofes gingen von mir zum Mondherrscher und zurück, und ein Zischen und Pfeifen der Erwartung zog über die verborgene Mengen unten und hörte auf.

»Das Summen hörte auf.

»Zum ersten- und letztenmal in meiner Erfahrung schwieg der Mond.

»Ich wurde auf ein leises pfeifendes Geräusch aufmerksam. Der Mondherrscher redete mich an. Es war, wie wenn man mit dem Finger auf einer Glasscheibe reibt.

»Ich beobachtete ihn eine Zeitlang aufmerksam und blickte dann auf den wachen Phi-u. Ich kam mir unter diesen schlanken Wesen lächerlich dick und fleischig und fest vor; mein Kopf bestand ganz aus Kiefern und schwarzem Haar. Meine Augen schweiften auf den Mondherrscher zurück. Er hatte aufgehört; seine Diener waren geschäftig, und seine glänzende Oberfläche glitzerte und rann von kühlenden Tropfen.

»Phi-u überlegte eine Weile. Er zog Tsi-puff zu Rate. Dann begann er sein erkennbares Englisch zu flöten – erst ein wenig nervös, so daß er nicht sehr klar war.

»›' – der Mondherrscher – wünscht zu sagen – wünscht zu sagen – er hat gehört, Sie sind – m'm – Menschen – Sie sind ein Mensch vom Planeten der Erde. Er wünscht zu sagen, er heißt Sie willkommen – heißt dich willkommen – und wünscht zu erfahren – zu erfahren, wenn ich das Wort gebrauchen darf – den Zustand Ihrer Welt und den Grund, warum Sie in diese gekommen sind.‹

»Er hielt inne. Ich wollte gerade antworten, als er fortfuhr. Er ging zu Bemerkungen über, deren Absicht nicht sehr klar war, obgleich ich zu dem Glauben neige, daß es Komplimente waren. Er sagte mir, die Erde sei dem Mond, was die Sonne der Erde, und die Seleniten wünschten sehr, etwas über die Erde und die Menschen zu erfahren. Er nannte mir dann, ohne Zweifel auch als Kompliment, die relative Größe und die Durchmesser von Erde und Mond, und mit welchem beständigen Staunen und Rechnen die Seleniten unseren Planeten betrachtet hätten. Ich überlegte mit gesenkten Augen und beschloß zu erwidern, daß auch die Menschen sich mit Staunen gefragt hätten, was im Monde liegen mochte, und daß sie ihn für tot gehalten hätten und wenig auf solche Pracht gerechnet, wie ich sie heute gesehen habe. Der Mondherrscher ließ als Zeichen der Anerkennung seine langen blauen Strahlen auf sehr verwirrende Art rotieren, und rings durch die ganze Halle lief ein Flöten und Flüstern und Rascheln des Berichtes von dem, was ich gesagt hatte. Dann fuhr er fort und stellte Phi-u eine Reihe von Fragen, die leichter zu beantworten waren.

»Er verstehe, erklärte er, wir lebten aus der Oberfläche der Erde, unsere Luft und unser Meer befänden sich außerhalb des Balls; das letztere freilich habe er bereits von seinen astronomischen Spezialisten gewußt. Er war sehr neugierig, genauere Auskunft über diesen, wie er es nannte, außerordentlichen Stand der Dinge zu hören, denn nach der Massivität der Erde seien sie immer geneigt gewesen, sie für unbewohnbar zu Hallen. Er versuchte zunächst, sich über die Temperaturextreme zu vergewissern, denen wir Erdwesen ausgesetzt waren, und meine Schilderung von Wolken und Regen interessierte ihn sehr. Seiner Phantasie kam der Umstand zu Hilfe, daß die Mondatmosphäre in den äußeren Galerien der Nachtseite nicht selten sehr neblig ist. Er schien geneigt, sich zu wundern, daß wir das Sonnenlicht für unsere Augen nicht zu intensiv fanden, und ihn interessierte mein Versuch, zu erklären, daß der Himmel durch die Brechung der Luft von blauer Farbe sei, obgleich ich zweifle, ob er das wirklich verstand. Ich setzte auseinander, wie die Iris des menschlichen Auges die Pupille zusammenziehen kann und den feinen inneren Bau vor zu scharfem Sonnenlicht schützt, und ich durfte dem höchsten Wesen bis auf ein paar Fuß nahe kommen, damit er diesen Bau sehen könne. Das führte zu einem Vergleich der Augen aus dem Mond und aus der Erde. Das erstere ist nicht nur außerordentlich empfindlich gegen solches Licht, wie es der Mensch sehen kann, sondern es kann auch die Hitze sehen, und jeder Temperaturunterschied im Monde macht ihm die Dinge sichtbar.

»Die Iris war dem Mondherrscher ein ganz neues Organ. Eine Zeitlang amüsierte er sich damit, mir seine Strahlen ins Gesicht zu blitzen und zuzusehen, wie meine Pupillen sich zusammenzogen. Infolgedessen war ich eine kleine Weile geblendet und blind ...

»Aber trotz dieser Unannehmlichkeit fand ich in der Vernünftigkeit dieser Manier zu fragen und zu antworten etwas, was in unmerklichen Graden beruhigte. Ich konnte die Augen schließen, an meine Antwort denken und fast vergessen, daß der Mondherrscher kein Gesicht hat ...

»Als ich wieder zu meinem eigentlichen Platz hinabgestiegen war, fragte der Mondherrscher, wie wir uns gegen Hitze und Stürme schützten, und ich setzte ihm die Künste des Bauens und Einrichtens auseinander. Hier kam es zu Mißverständnissen und Irrtümern, zum großen Teil, muß ich zugeben, infolge der Laxheit meiner Ausdrücke. Lange Zeit machte es mir große Schwierigkeit, ihm das Wesen eines Hauses verständlich zu machen. Ihm und den ihn umgebenden Seleniten erschien es ohne Frage als das grillenhafteste Unternehmen der Welt, daß die Menschen Häuser bauten, wenn sie in Höhlen hinabsteigen konnten, und die Sache wurde noch komplizierter, als ich einen Versuch machte, auseinanderzusetzen, daß die Menschen ihre Wohnungen ursprünglich in Höhlen begonnen hatten, und daß sie jetzt ihre Eisenbahnen und viele Einrichtungen unter die Erde verlegten. Hier, glaube ich, verriet mich das Verlangen nach intellektueller Vollständigkeit. Auch infolge eines unklugen Versuchs meinerseits, Minen zu erklären, gab es beträchtliche Verwirrung. Schließlich ließ der Mondbeherrscher dieses Thema in unerledigtem Zustand fallen und fragte, was wir mit dem Innern unserer Weltkugel anfingen.

»Eine Flut des Zwitscherns und Flötens fegte bis in die fernsten Winkel der großen Versammlung, als ich schließlich klar gemacht hatte, daß wir Menschen absolut nichts über den Inhalt der Welt wissen, auf der die unvordenklichen Generationen unserer Vorfahren entwickelt worden waren. Dreimal mußte ich wiederholen, daß die Menschen von all den viertausend Meilen der Substanz zwischen der Erde und ihrem Zentrum nichts kannten als bis zur Tiefe einer Meile, und auch das nur sehr unbestimmt. Ich verstand den Mondbeherrscher dahin, daß er fragte, warum ich zum Mond gekommen sei, wenn wir noch kaum unseren eigenen Planeten angerührt hätten, aber er drängte mich damals noch nicht zu einer Erklärung, da er zu begierig war, die Einzelheiten dieser tollen Umkehrung all seiner Ideen zu verfolgen.

»Er kam wieder aus die Frage des Wetters zurück, und ich versuchte, ihm den beständig wechselnden Himmel, den Schnee, den Frost, die Wirbelstürme zu erklären. ›Aber wenn die Nacht kommt,‹ fragte er, ›ist es da nicht kalt?‹

»Ich sagte ihm, da sei es kälter als Tags.

»›Und gefriert Ihre Atmosphäre nicht?‹

»Ich sagte ihm nein; daß es dazu nie kalt genug sei, weil unsere Nächte so kurz sind.‹

»›Wird sie nicht einmal flüssig?‹

»Ich wollte gerade ›nein‹ sagen, aber da fiel mir ein, daß wenigstens ein Teil unserer Atmosphäre, der Wasserdunst darin, bisweilen flüssig wird und Tau bildet und Reif – ein Prozeß, der dem Gefrieren der ganzen äußeren Atmosphäre des Mondes während seiner längeren Nacht vollkommen analog ist. Ich machte mich über diesen Punkt klar, und von da aus kam der Mondbeherrscher auf den Schlaf zu sprechen. Denn das Bedürfnis des Schlafes, das alle Wesen alle vierundzwanzig Stunden so regelmäßig befällt, ist gleichfalls ein Teil unseres irdischen Erbes. Auf dem Monde ruht man in seltenen Zwischenräumen aus, und nur nach ausnahmsweisen Anstrengungen. Dann versuchte ich ihm die weiche Pracht einer Sommernacht zu schildern, und von da aus ging ich zu einer Schilderung der Tiere über, die nachts schweifen und tags schlafen. Ich erzählte ihm von Löwen und Tigern, und hier war es, als seien wir in eine vollständige Stockung geraten. Denn abgesehn von ihren Wassern gibt es auf dem Mond keine Geschöpfe, die nicht absolut Haustiere sind und seinem Willen untertan, und so ist es seit unvordenklichen Zeiten gewesen. Sie haben monströse Wassergeschöpfe, aber keine bösen Bestien, und der Gedanke, daß ›draußen‹, in der Nacht, irgend etwas Starkes und Großes existiere, geht ihnen sehr schwer ein ...

(Hier ist der Bericht auf völlig zwanzig Worte hin oder mehr zur Abschrift zu gebrochen.)

»Er sprach mit seiner Umgebung, ich glaube, über die seltsame Oberflächlichkeit und Unvernunft des (Menschen), der auf der bloßen Oberfläche einer Welt lebt, ein Geschöpf der Wellen und Winde und aller Zufälle des Raums, der sich nicht einmal verbünden kann, die Tiere zu überwinden, die seinesgleichen töten, und der doch wagt, in einen anderen Planeten einzufallen. Während dieses Beiseite saß ich da und dachte nach, und dann erzählte ich ihm aus seinen Wunsch von den verschiedenen Arten des Menschen. Er forschte mich mit Fragen aus: ›Und für alle Arten Arbeit haben Sie dieselbe Art Mensch. Aber wer denkt? Wer regiert?‹

»Ich gab ihm einen Umriß der demokratischen Methode.

»Als ich fertig war, befahl er kühlende Tropfen auf seine Stirn, und dann ersuchte er mich, meine Erklärung zu wiederholen, da er meine, irgend etwas habe ihn irre geführt.

»›So tun sie keine verschiedenen Dinge?‹ sagte Phi-u.

»Ich gab zu, einige seien Denker und einige Beamte; einige jagten, andere seien Mechaniker, andere Künstler und wieder andere Arbeiter.« ›Aber alle herrschen‹, sagte ich.

»›Und haben sie nicht verschiedene Gestalten, um sie ihren verschiedenen Pflichten anzupassen?‹

»›Nicht; daß man es sehen könnte‹, sagte ich, ›abgesehn vielleicht von den Kleidern. Ihre Geister sind vielleicht ein wenig verschieden,‹ überlegte ich.

»›Ihre Geister müssen sehr verschieden sein,‹ sagte der Mondbeherrscher, ›sonst würden sie alle dasselbe tun wollen.‹

»Um mich mit seinen Vorstellungen in engeren Einklang zu setzen, sagte ich, seine Vermutung sei richtig. Alles sei im Gehirn verborgen, sagte ich, aber der Unterschied sei da. ›Wenn man die Geister und Seelen der Menschen sehen könnte, würden sie vielleicht ebenso variiert und ungleich sei wie die Seleniten. Es gibt große Menschen und kleine Menschen, Menschen, die weithin fassen können und Menschen, die schnell gehen können; geräuschvolle, trompetengeistige Menschen und Menschen, die sich erinnern, ohne zu denken ... ‹ (Drei Worte in der Aufzeichnung sind undeutlich.)

»Er unterbrach mich, um mich an meine frühere Behauptung zu erinnern: ›Aber Sie sagten, alle Menschen herrschen?‹ drängte er.

»›Bis zu einem gewissen Grade,‹ sagte ich und machte, wie ich fürchte, den Nebel durch meine Erklärung nur dichter.

»Er griff zu einer springenden Tatsache: ›Wollen Sie sagen,‹ fragte er, ›daß es keinen Erdherrscher gibt?‹

»Ich dachte an mehrere Leute, versicherte ihm aber schließlich, es gebe keinen. Ich setzte ihm auseinander, die Autokraten und Kaiser, mit denen wir es auf der Erde versucht hätten, hätten gewöhnlich im Trunk oder Laster oder durch Gewalttat geendet, und der große und einflußreiche Teil der Erdbevölkerung, dem ich angehörte, die Angelsachsen, gedächten etwas von der Art nicht wieder zu versuchen. Worüber der Mondbeherrscher noch mehr erstaunt war.

»›Aber wie bewahren Sie nur die wenige Weisheit, die Sie haben?« fragte er; und ich erklärte ihm die Art, wie wir unseren beschränkten (hier fehlt ein Wort, wahrscheinlich »Gehirnen«) mit Bücherbibliotheken zu Hilfe kämen. Ich setzte ihm auseinander, wie unsere Wissenschaft durch die vereinigten Mühen unzähliger kleiner Männer wachse, und dazu gab er keinen Kommentar als den, es sei klar, wir hätten trotz unserer sozialen Wildheit vieles bewältigt, sonst hätten wir nicht zum Mond kommen können. Aber der Kontrast sei sehr ausgesprochen. Mit dem Wissen wuchsen die Seleniten und verwandelten sie sich; die Menschen speicherten ihr Wissen um sich auf und blieben blöde Tiere – die eine Ausrüstung haben. Er sagte dies ... (Hier ist ein kurzes Stück des Berichts unleserlich.)

»Dann ließ er mich beschreiben, wie wir auf dieser unserer Erde umherzögen, und ich schilderte ihm unsere Eisenbahnen und Schiffe. Eine Zeitlang konnte er nicht begreifen, daß wir den Gebrauch des Dampfes erst hundert Jahre kannten, aber als er es tat, war er offenbar erstaunt. (Ich kann hier als eine Merkwürdigkeit erwähnen, daß die Seleniten genau wie wir auf der Erde nach Jahren zählen, obgleich ich aus ihrem Zahlensystem nicht klug werden kann. Das tut jedoch nichts, weil Phi-u unseres versteht.) Von da aus ging ich dazu über, ihm zu erzählen, daß die Menschen erst seit neun- oder zehntausend Jahren in Städten wohnen, und daß wir noch immer nicht in eine einzige Brüderschaft vereinigt sind, sondern unter sehr verschiedenen Regierungsformen stehen. Das erstaunte den Mondbeherrscher sehr, als es ihm klar gemacht wurde. Erst meinte er, wie spielten nur auf Administrationsgebiete an.

»›Unsere Staaten und Reiche sind erst die rohesten Skizzen der Ordnung, die eines Tages kommen wird,‹ sagte ich, und so kam ich dazu, ihm zu sagen ... (An diesem Punkt ist eine Strecke des Berichtes, die wahrscheinlich dreißig oder vierzig Worte darstellt, völlig unleserlich.)

»Die Torheit der Menschen, daß sie an der Unbequemlichkeit verschiedener Sprachen festhalten, machte dem Mondbeherrscher großen Eindruck. ›Sie wollen verkehren und doch nicht verkehren,‹ sagte er, und dann befragte er mich eine lange Zeit hindurch sehr genau über den Krieg.

»Erst war er verblüfft und ungläubig. ›Sie wollen sagen,‹ fragte er und suchte Bestätigung, ›daß Sie über die Oberfläche Ihrer Welt umherlaufen – dieser Welt, deren Reichtum Sie aufzuscharren kaum begonnen haben – und sich gegenseitig töten, damit die Tiere Sie fressen?‹

»Ich sagte ihm, das sei völlig korrekt.

»Er bat um Einzelheiten, die seine Phantasie unterstützen sollten. ›Aber werden nicht die Schiffe und Ihre armen kleinen Städte beschädigt?‹ fragte er, und ich fand, daß ihm die Verwüstung des Besitzes und der bequemen Vorrichtungen fast ebensolchen Eindruck machte wie das Töten. ›Erzählen Sie mir mehr,‹ sagte der Mondbeherrscher; ›machen Sie, daß ich Bilder sehe. Ich kann mir diese Dinge nicht vorstellen.‹

»Und so erzählte ich ihm eine Zeit lang, wenn auch ein wenig widerwillig, die Geschichte des irdischen Krieges.

»Ich erzählte ihm von den ersten Ordnungen und Zeremonien des Krieges, von Warnungen und Ultimaten, vom Leiten und vom Marschieren der Truppen. Ich gab ihm eine Vorstellung von Manövern, Aufstellungen und geschlossener Schlacht. Ich erzählte ihm von Belagerung und Sturm, von Aushungern und Not in Schanzen, von Posten, die im Schnee erfrieren. Ich erzählte ihm von Flucht und Überfall, von verzweifeltem, letztem Standhalten und blasser Hoffnung, und von der erbarmungslosen Verfolgung der Flüchtigen und den Toten auf dem Felde. Ich erzählte auch von der Vergangenheit, von Einfällen und Blutbädern, von den Hunnen und Tataren, und von den Kriegern Mohammeds und der Kalifen, und von den Kreuzzügen. Und während ich fortfuhr und Phi-u übersetzte, girrten und murmelten die Seleniten in stetig intensiverer Erregung.

»Ich erzählte ihnen, ein Panzerschiff könne einen Schuß von einem Ton zwölf Meilen weit schießen und zwanzig Fuß Eisen durchschlagen – und wie wir Torpedos unter Wasser steuern. Ich fuhr fort, und beschrieb ihm eine Maximkanone in Tätigkeit, und dann, was ich mir von der Schlacht bei Colenso vorstellen konnte. Der Mondbeherrscher war so ungläubig, daß er die Übersetzung dessen, was ich gesagt hatte, unterbrach, um die Bestätigung meines Berichtes von mir zu erhalten. Sie bezweifelten besonders meine Schilderung, daß Menschen jubelten und sich freuten, wenn sie in die (? Schlacht zogen).

»›Aber sie können es doch sicherlich nicht gern tun!‹ übersetzte Phi-u.

»Ich versicherte ihnen, Menschen meiner Rasse hielten die Schlacht für das glorreichste Erlebnis des Lebens, worauf die ganze Versammlung vor Staunen starr war.

»›Aber wozu ist dieser Krieg gut?‹ fragte der Mondbeherrscher, der an diesem Thema festhielt.

»›O, was das gut angeht,‹ sagte ich; ›er macht die Bevölkerung dünner!‹

»›Aber warum sollte das nötig sein –?‹

»Es entstand eine Pause, die kühlenden Tropfen wirkten auf seine Stirn, und dann sprach er wieder.«

 

An diesem Punkt werden eine Reihe von Wellungen, die als eine störende Komplikation schon seit Cavors Schilderung des Schweigens, das vor die ersten Worte des Mondbeherrschers fiel, bemerkbar gewesen sind, in verwirrender Weise vorherrschend im Bericht. Diese Wellungen sind offenbar die Folge von Strahlungen, die aus einer Quelle auf dem Monde stammen, und ihre beharrliche Annäherung an Cavors wechselnde Signale deutet mit merkwürdiger Kraft auf einen Experimentator, der sie absichtlich in seine Botschaft zu mischen sucht, um sie unleserlich zu machen. Erst sind sie gering und regelmäßig, so daß wir mit ein wenig Sorgfalt und unter dem Verlust von nur ein paar Worten imstande gewesen sind, Cavors Botschaft herauszuwirren; dann werden sie breit und länger und dann sind sie plötzlich unregelmäßig, und zwar von einer Unregelmäßigkeit, die etwa wirkt, wie wenn jemand über eine geschriebene Zeile hinkritzelt. Lange Zeit ist dieser tollen Zickzackspur nichts zu entnehmen; dann hört die Unterbrechung ganz unvermittelt auf, läßt ein paar Worte klar, beginnt dann wieder, dauert während des ganzen Restes der Botschaft fort und verlöscht vollständig, was Cavor zu übermitteln suchte. Warum, wenn dies wirklich eine absichtliche Störung ist, die Seleniten Cavor lieber in glücklicher Unwissenheit über die Verlöschung seines Berichts die Botschaft weiter übermitteln ließen, während es ganz klärlich in ihrer Macht lag und für sie viel leichter und bequemer war, sein Vorgehen jederzeit zu unterbrechen, das ist ein Problem, zu dem ich nichts sagen kann. Die Sache scheint so gegangen zu sein, und das ist alles, was ich sagen kann. Dieser letzte Fetzen seiner Schilderung, des Mondherrschers beginnt mitten im Satz: –

»... befragte mich sehr genau über mein Geheimnis. Ich war in kurzer Zeit imstande, zu einer Verständigung mit ihnen zu gelangen und schließlich aufzuklären, was mir ein Rätsel gewesen ist, seit mir die Höhe ihrer Wissenschaft klar geworden war, nämlich wie es kommt, daß sie selber nie das ›Cavorit‹ entdeckt haben. Ich höre, sie wissen von ihm als einen theoretischen Stoff, aber sie haben ihn stets als eine praktische Unmöglichkeit angesehen, weil es aus irgendeinem Grunde kein Helium auf dem Monde gibt, und Helium –

Über die letzten Buchstaben von »Helium« blitzt schon wieder jene verwischende Spur. Man beachte das Wort »Geheimnis«, denn darauf, und darauf allein basiere ich meine Interpretation der folgenden Botschaft, der letzten Botschaft, wie jetzt sowohl Mr. Wendigee wie ich glauben, die er uns wahrscheinlich je senden wird.

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