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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 25
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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24
Die Naturgeschichte der Seleniten

Cavors Botschaften sind von der sechsten an bis zur siebzehnten so gebrochen, und sie zeigen so viele Wiederholungen, daß sie kaum eine zusammenhängende Erzählung bilden. Sie werden in dem wissenschaftlichen Berichte natürlich voll gegeben werden, aber hier wird es weit angebrachter sein, einfach mit Auszügen fortzufahren und wie schon im vorhergehenden Kapitel zu zitieren. Wir haben jedes Wort einer scharfen kritischen Untersuchung unterworfen, und meine eigenen kurzen Erinnerungen und Eindrücke von den Dingen auf dem Monde sind bei der Interpretation dessen, was sonst undurchdringlich dunkel wäre, von unschätzbarem Dienst gewesen. Und natürlich konzentriert sich unser Interesse, als das lebender Wesen, weit mehr auf die seltsame Gemeinschaft der Mond-Insekten, in der er, wie es scheint, als ein geehrter Gast lebte, denn auf den bloß physikalischen Zustand ihrer Welt.

Ich denke, ich habe bereits klar gemacht, daß die Seleniten, die ich gesehen habe, dem Menschen darin glichen, daß sie die aufrechte Haltung bewahrten und daß sie vier Glieder hatten, und ich habe die allgemeine Erscheinung ihres Kopfes und ihrer Gliedergelenke mit denen der Insekten verglichen. Ich habe auch die besondere Folge der geringeren Schwerkraft des Mondes auf ihre gebrechliche Schwäche erwähnt. Cavor bestätigt mich in all diesen Punkten. Er nennt sie »Tiere«, obgleich sie natürlich unter keine Abteilung der Klassifikation irdischer Geschöpfe fallen, und er weist darauf hin, daß »der Insektentypus der Anatomie auf der Erde zum Glück für den Menschen eine relativ sehr geringe Größe nie überschritten habe«. Die größten irdischen Insekten, ob lebende oder ausgestorbene, überschreiten tatsächlich eine Länge von sechs Zoll nicht; »aber hier, gegen die geringere Schwere des Mondes, scheint ein Geschöpf, das sicherlich ebensosehr Insekt ist wie Wirbeltier, menschliche und übermenschliche Dimensionen zu erreichen imstande gewesen zu sein.«

Er erwähnt die Ameise nicht, aber durch all seine Andeutungen hindurch wird mir beständig die Ameise in ihrer schlaflosen Beweglichkeit, in ihrer Intelligenz und sozialen Organisation, in ihrem Bau, und noch besonders in der Tatsache, daß sie außer den beiden Formen, der männlichen und der weiblichen, die auch fast alle anderen Tiere besitzen, eine Reihe anderer geschlechtsloser Geschöpfe, Arbeiter, Soldaten und dergleichen entwickelt, die sich voneinander in Bau, Charakter, Kraft unterscheiden und doch alle Mitglieder derselben Art sind, vor Augen gerufen. Denn auch diese Seleniten zeigen eine große Mannigfaltigkeit von Formen. Natürlich sind sie nicht nur riesig viel größer als Ameisen, sondern, wenigstens nach Cavors Ansicht, sie sind an Intelligenz, Moralität und sozialer Weisheit riesig viel größer als der Mensch. Und statt der vier oder fünf verschiedenen Formen von Ameisen, die sich finden, gibt es fast unzählige verschiedene Formen von Seleniten. Ich habe versucht, den sehr beträchtlichen Unterschied in den Seleniten der äußeren Kruste anzudeuten, die mir gerade begegnet sind; die Verschiedenheiten an Größe und Proportionen waren sicherlich ebenso weit, wie die der am weitesten voneinander getrennten Menschenrassen. Aber, was ich an Verschiedenheiten gesehen habe, verblaßt zum Nichts im Vergleich mit den riesigen Unterschieden, von denen Cavor redet. Es scheint, die äußeren Seleniten, die ich gesehen habe, waren wirklich meist mit verwandten Dingen beschäftigt – waren Mondkalbhüter, Schlächter, Fleischbereiter und dergleichen mehr. Aber innerhalb des Mondes, von mir tatsächlich ungeahnt, leben, scheint es, eine Menge anderer Arten von Seleniten, die sich durch ihre Größe unterscheiden, die sich durch die relative Größe von Teil zu Teil unterscheiden, die sich durch Kraft und Aussehen unterscheiden, und doch keine verschiedenen Arten von Geschöpfen sind, sondern nur verschiedene Formen einer Art, die trotz all ihrer Abweichungen eine gewisse Ähnlichkeit bewahren, die ihre spezifische Einheit kennzeichnet. Der Mond ist eben eine Art ungeheuren Ameisenhaufens, nur, daß es statt der vier oder fünf Sorten von Ameisen viele hundert verschiedene Sorten von Seleniten, und fast jede Abstufung zwischen zwei Sorten gibt.

Es scheint, diese Entdeckung ist Cavor sehr schnell aufgegangen. Ich schließe mehr, als daß ich es erfahre, aus seiner Erzählung, daß er von den Mondkalbhirten unter der Leitung jener anderen Seleniten gefangen wurde, die »größere Hirnschalen (Köpfe?) und sehr viel kürzere Beine haben«. Als sie fanden, daß er selbst unter dem Stachel nicht gehen konnte, trugen sie ihn ins Dunkel, überschritten eine schmale plankenartige Brücke, die eben die Brücke gewesen sein mag, bei der ich mich geweigert hatte, und legten ihn in etwas nieder, was zuerst als eine Art Lift erschienen sein muß. Das war der Ballon – er war uns sicherlich im Dunkel absolut unsichtbar gewesen – und was mir als ein bloßer Plankenweg in die Leere erschienen war, war in Wirklichkeit ohne Zweifel der Steg des Fallreeps. Darin stieg er zu beständig leuchtenderen Höhlen des Mondes hinab. Erst sanken sie im Schweigen hinab – abgesehen von dem Zwitschern der Seleniten – und dann in einen Aufruhr windiger Bewegung. Nach kurzer Zeit hatte die tiefe Schwärze seine Augen so empfindlich gemacht, daß er mehr und mehr von den Dingen um ihn zu sehen begann, und daß schließlich das Unbestimmte Gestalt annahm.

»Man denke sich einen ungeheuren zylindrischen Raum,« sagt Cavor in seiner siebenten Botschaft, »eine Viertelmeile im Durchmesser vielleicht; erst sehr schwach erleuchtet, und dann heller, mit großen Plattformen, die sich die Wände hinunterwinden, in einer Spirale, die schließlich unten in einer blauen Tiefe verschwindet; und dann immer heller erleuchtet – man konnte nicht sagen, warum oder wie. Man denke an das Treppenhaus der allergrößten Wendeltreppe, oder den größten Liftschacht, den man je hinabgeblickt hat, und man multipliziere das mit hundert. Man stelle es sich vor, im Zwielicht durch blaues Glas gesehen. Man denke sich, da blicke man hinab; nur stelle man sich zugleich vor, daß man sich außerordentlich leicht fühlt und jedes schwindlige Gefühl los geworden ist, wie man es auf der Erde haben könnte, und dann hat man die ersten Grundlagen meines Eindrucks. Rings um diesen ungeheuren Schacht stelle man sich eine breite Galerie vor, die eine viel steilere Spirale hinabläuft, als sie auf der Erde denkbar wäre, und die eine steile Straße bildet, welche vor dem Abgrunde unten nur durch eine kleine Brustwehr geschützt wird, die ein paar Meilen tiefer in der Perspektive verschwindet.

»Wenn ich nach oben blickte, sah ich die Schwester der Vision von unten; es sah natürlich aus, als blicke man in einen sehr steilen Kegel. Den Schacht hinunter blies ein Wind, und weit oben, kam es mir vor, hörte ich das Gebrüll der Mondkälber, die von ihrer Abendweide auf der Oberfläche hineingetrieben wurden. Und die Spiralgalerien hinauf und hinunter standen zerstreut unzählige Mondleute, blasse, schwach selbstleuchtende Wesen, die unserm Erscheinen zusahen oder mit unbekannten Geschäften zu tun hatten.

»Entweder bildete ich es mir ein, oder es kam tatsächlich eine Schneeflocke aus der eisigen Brise herangeschwebt. Und dann kam, wie eine Schneeflocke fallend, eine kleine Gestalt, ein kleines Mensch-Insekt, das an einem Fallschirm hing, sehr schnell in der Richtung zu den zentralen Teilen des Mondes vorbeigeschwebt.

»Der dickköpfige Selenit, der neben mir saß und mich den Kopf mit der Geste eines Blickenden bewegen sah, zeigte mit seiner rüsselförmigen ›Hand‹ und wies auf eine Art Damm, der weit unten in Sicht kam: einen kleinen Landeplatz gleichsam, der in der Leere hing. Als er zu uns emporfegte, verlangsamte sich unsere Geschwindigkeit sehr schnell, und in nur ein paar Minuten, wie es schien, waren wir auf gleicher Höhe und hielten still. Ein Tau wurde geworfen und gefangen, und ich sah mich aus gleiches Niveau mit einer großen Menge von Seleniten gezogen, die sich drängten, um mich zu sehen.

»Es war eine unglaubliche Menge. Plötzlich und gewaltsam drängte sich meiner Aufmerksamkeit die ungeheure Menge von Unterschieden auf, die unter diesen Mondwesen herrscht.

»Ja, es schienen in dieser ganzen sich drängenden Schar nicht zwei gleich zu sein. Sie unterschieden sich an Gestalt, sie unterschieden sich nach der Größe, sie spielten all die furchtbaren Variationen des Themas der Selenitenformen! Einige bauchten sich oder hingen über anderen, einige liefen ihren Mitgeschöpfen zwischen den Füßen herum. Sie alle erinnerten grotesk und beunruhigend an ein Insekt, dem es irgendwie gelungen ist, die Menschlichkeit nachzuäffen; aber alle schienen eine unglaubliche Übertreibung irgendeines besonderen Zuges darzustellen: einer hatte ein ungeheures rechtes Vorderglied, einen riesigen Fühleram gleichsam; einer schien ganz Bein, gleichsam auf Stelzen balanziert; ein anderer schob den Rand seiner Gesichtsmaske in ein nasenartiges Organ vor, das ihn erschreckend menschlich machte, bis man seinen ausdruckslosen, klaffenden Mund sah. Die seltsamen und (abgesehen von dem Fehlen der Kinnladen und Taster) ganz insektenartigen Köpfe der Mondkalbhüter erfuhren die allerunglaublichsten Umbildungen: hier waren sie breit und niedrig, hier hoch und schmal; hier war die ledrige Braue zu Hörnern und seltsamen Zügen ausgezogen; hier war sie bärtig und geteilt, und dort zeigte sie ein grotesk menschliches Profil. Eine Verzerrung war besonders auffallend. Mehrere Hirnschalen waren wie Blasen zu riesiger Größe aufgeschwollen, während die Gesichtsmaske zu ganz kleinen Proportionen zusammengedrängt wurde. Ich sah mehrere erstaunliche Formen, deren Köpfe zu mikroskopischen Verhältnissen zusammengeschrumpft waren und deren Leiber Blasen glichen; und phantastische, zerbrechliche Rümpfe, die, wie es schien, nur als Basis für mächtige trompetenartige Auswüchse des unteren Teils der Maske vorhanden waren. Und was mir im Moment am allerwunderlichsten erschien, zwei oder drei dieser unheimlichen Bewohner einer unterirdischen Welt, einer Welt, die vor Sonne und Regen durch unzählige Meilen von Felsen geschützt war, trugen Schirme in ihren fühlerartigen Händen! – wirkliche, irdisch aussehende Schirme! Und dann fiel mir das Wesen am Fallschirm ein, das ich hatte abwärtsfliegen sehen.

»Diese Mondleute benahmen sich genau, wie sich unter gleichen Umständen eine menschliche Volksmenge hätte benehmen können: sie drängten und stießen sich, sie schoben einander beiseite, sie kletterten sogar auseinander, um mich sehen zu können. Mit jedem Moment wuchs ihre Zahl, und sie drängten immer stärker gegen die Scheiben meiner Führer« – was er damit meint, erklärt Cavor nicht – »jeden Moment tauchten frische Gestalten aus dem Schatten und drängten sich meiner verblüfften Aufmerksamkeit auf. Und alsbald wies man mich und half man mir in eine Art Sänfte, und starkarmige Träger hoben mich auf die Schultern und trugen mich über diese siedende Menge hinweg durch das Zwielicht zu den Gemächern, die im Monde für mich bereitet waren. Rings um mich sah ich Augen, Gesichter, Masken, und ich hörte ein ledriges Geräusch wie das Rascheln von Käferflügeln und ein großes Blöken und ein grillenartiges Zwitschern von Selenitenstimmen ...«

Wir entnehmen, er wurde in ein »sechseckiges Gemach« gebracht, und dort blieb er eine Zeitlang gefangen. Später gab man ihm eine weit beträchtlichere Freiheit; ja, fast soviel Freiheit, wie man in einer zivilisierten Stadt auf der Erde hat. Und es scheint, das geheimnisvolle Wesen, das der Herrscher und der Herr des Mondes ist, ernannte zwei Seleniten »mit großen Köpfen«, ihn zu bewachen und zu studieren und jede geistige Verbindung mit ihm herzustellen, die nur möglich war. Und so erstaunlich und unglaublich es scheinen mag, diese beiden Geschöpfe, diese phantastischen Mensch-Insekten, diese Wesen einer anderen Welt, verständigten sich sehr bald mit Cavor durch irdische Sprache.

Cavor spricht von ihnen als von Phi-u und Tsi-puff. Phi-u, sagt er, war etwa fünf Fuß hoch; er hatte kleine schlanke, etwa achtzehn Zoll lange Beine und dünne Füße von der auf dem Mond gewöhnlichen Art. Auf ihnen balanzierte ein kleiner Rumpf, der von seinen Herzschlägen pochte. Er hatte lange, weiche, vielgelenkige Arme, die in eine tasterartige Klaue ausliefen, und sein Hals war auf die gewöhnliche Art vielgelenkig, aber ausnahmsweise kurz und dick. »Sein Kopf«, sagt Cavor – er spielt offenbar auf eine frühere Beschreibung an, die im Raum in die Irre gegangen ist – »ist vom gewöhnlichen lunaren Typus, aber seltsam modifiziert. Der Mund zeigt den gewöhnlichen ausdruckslosen Spalt, ist aber ungewöhnlich klein und zeigt nach unten, und die Maske ist auf die Größe eines breiten Nasenflügels zusammengeschwunden. Auf beiden Seiten stehn die kleinen Augen.

»Der Rest des Kopfes ist zu einer riesigen Kugel erweitert, und die chitinartige Lederepidermis verdünnt sich zu einer bloßen Membran, durch die die pochenden Gehirnbewegungen deutlich sichtbar werden. Es ist ein Geschöpf mit ungeheuer überernährtem Gehirn, während der Rest seines Organismus sowohl absolut wie relativ verkümmert ist.«

An einer andern Stelle vergleicht Cavor seine Rückansicht mit Atlas, der die Weltkugel trägt. Tsi-puff, scheint es, war ein sehr ähnliches Insekt, aber sein »Gesicht« war zu beträchtlicher Länge ausgezogen, und da die Gehirnhypertrophie in anderen Regionen lag, so war sein Kopf nicht rund, sondern birnförmig, mit dem Stengel nach unten. In Cavors Gefolge waren auch Sänftenträger, einseitige Wesen mit ungeheurer Schulter, sehr spinnenartige Türwächter und ein plattfüßiger Diener.

Die Art, wie Phi-u und Tsi-puff das Problem der Sprache angriffen, war die auf der Hand liegende. Sie kamen in jene »sechseckige Zelle«, in der Cavor gefangen gehalten war, und begannen jeden Ton nachzuahmen, den Cavor von sich gab; zuerst ein Husten. Er scheint ihre Absicht sehr schnell erfaßt und ihnen Worte wiederholt und, um deren Anwendung anzudeuten, gezeigt zu haben. Das Verfahren blieb wahrscheinlich stets das gleiche. Phi-u achtete eine Zeitlang auf Cavor und zeigte dann auch und sagte das Wort, das er gehört hatte.

Das erste Wort, dessen er Herr wurde, war »Mensch«, und das zweite »Mondler« – was Cavor im Drang des Moments statt »Selenit« für die Mondrasse gebraucht zu haben scheint. Sobald Phi-u der Bedeutung eines Wortes sicher war, wiederholte er es Tsi-puff, der es unfehlbar behielt. In ihrer ersten Sitzung bewältigten sie über hundert englische Hauptwörter.

Später, scheint es, brachten sie einen Künstler mit, um die Erklärungsarbeit durch Skizzen und Zeichnungen zu unterstützen – denn Cavors Zeichnungen waren ziemlich roh. »Er war«, sagt Cavor, »ein Wesen mit einem beweglichen Arm und einem festhaltenden Auge,« und er schien mit unglaublicher Schnelligkeit zu zeichnen.

Die elfte Botschaft ist ohne Frage nur das Fragment einer längeren Mitteilung. Nach einigen gebrochenen Sätzen, deren Aufzeichnung unverständlich ist, fährt sie fort:

»Aber es wird nur Linguisten interessieren und mich zu lange aushalten, wenn ich die Einzelheiten der Reihe von angestrengten Sprechübungen geben wollte, von denen diese den Anfang bildeten, und ich zweifle auch sehr, ob ich die Windungen und Wendungen, die wir auf unserem Suchen nach gegenseitigem Verständnis ausführten, auch nur annähernd in der richtigen Ordnung geben könnte. Die Verben waren bald glatte Fahrt – wenigstens die aktiven Verben, wie man sie durch Zeichnungen ausdrücken kann; einige Adjektive waren leicht, aber als wir zu abstrakten Hauptwörtern, zu Präpositionen und zu den abgedroschenen, figürlichen Redewendungen kamen, durch die auf der Erde so vieles ausgedrückt wird, das war, als sollte man in Korkjacken tauchen. Ja, diese Schwierigkeiten waren unübersteigbar, bis zur sechsten Stunde ein vierter Assistent kam, ein Wesen mit einem riesigen, fußballförmigen Kopf, dessen Force offenbar die Verfolgung verwickelter Analogie war. Er trat zerstreut ein, stolperte gegen einen Schemel, und die Schwierigkeiten, die sich erhoben, mußten ihm mit einem gewissen Aufwand von Geschrei und Stoßen und Schlagen beigebracht werden, ehe sie sein Verständnis erreichten. Aber sobald er einmal hineingezogen war, war sein Scharfsinn erstaunlich. So oft es nötig wurde, über Phi-us keineswegs begrenzten Gesichtskreis hinaus zu denken, wurde dieses Wesen mit seinem abgeplatteten Kopf hereingezogen, aber er nannte den Schluß unabänderlich Tsi-puff, damit er behalten werde; Tsi-puff war das Arsenal für Tatsachen. Und so kamen wir wieder weiter.

»Es schien lange und doch nur kurz zu dauern – es war eine Sache von Tagen, bis ich tatsächlich mit diesen Insekten vom Monde sprach. Natürlich war es zuerst ein unendlich langweiliger und aufbringender Verkehr, aber unmerklich ist er zum Verständnis geworden. Und meine Geduld ist bis an ihre Grenzen gelangt. Phi-u besorgt all das Reden. Er tut es mit einem gewaltigen Aufwand nachdenklichen vorläufigen ›M'm – M'ms‹, und er hat ein oder zwei Phrasen ausgefangen, ›Wenn ich so sagen darf,‹ ›Wenn Sie mich verstehen,‹ und besetzt seine ganze Rede damit.

»So etwa pflegte er zu reden. Man stelle sich vor, daß er seinen Künstler erklärt:

»›M'm – m'm – er wenn ich so sagen darf – zeichnen. Essen wenig – trinken wenig – zeichnen. Lieben Zeichnen. Nichts anderes. Hassen alle, die nicht zeichnen wie er. Zornig. Hassen alle, die zeichnen wie er besser. Hassen meiste Leute. Hassen alle, die nicht meinen, alle Welt zum Zeichnen. Zornig. M'm. Alle Dinge bedeuten nichts für ihn – nur zeichnen. Er mag Sie ... wenn Sie mich verstehen ... Neues Ding zu zeichnen. Häßlich – auffallend. Eh?

»›Er‹ – und er wendet sich zu Tsi-puff – ›lieben Worte behalten. Behalten wundervoll mehr als alle. Denken nein, zeichnen nein – behalten. Sagen‹ – hier wandte er sich um ein Wort an seinen begabten Assistenten – ›Geschichten – alle Dinge. Er hören einmal – sagen immer.‹

»Es ist für mich wunderbarer, als ich mir träumen ließ, daß irgend etwas je wieder sein könnte, hier in diesem fortwährenden Dunkel diese außerordentlichen Geschöpfe – denn selbst der Vertrautheit gelingt es nicht, die unmenschliche Wirkung ihrer Erscheinung zu schwächen – etwas flöten zu hören, was zusammenhängender irdischer Rede fortwährend näher kommt – sie Fragen stellen, Antworten geben zu hören. Es kommt mir vor, als gleite ich wieder in die Fabeln erzählende Periode der Kindheit zurück, als die Ameise und der Grashüpfer miteinander sprachen, und die Biene zwischen ihnen entschied ...«

Und während diese linguistischen Übungen vor sich gingen, scheint Cavor eine beträchtliche Lockerung seiner Gefangenhaltung erfahren zu haben. »Die erste Furcht und das Mißtrauen, das unser unglücklicher Konflikt aufrührte,« sagt er, »wird fortwährend durch die überlegte Vernünftigkeit all dessen, was ich tue, ausgelöscht.« ... »Ich kann jetzt kommen und gehen, wie ich will, oder ich werde nur zu meinem eigenen Wohl beschränkt. So kommt es, daß ich habe an diesen Apparat kommen können, und mit Hilfe eines glücklichen Fundes unter dem Material, das in dieser ungeheuren Vorratshöhle zerstreut liegt, habe ich es fertig gebracht, diese Botschaften zu befördern. Bislang ist noch nicht der geringste Versuch gemacht, mich hierbei zu stören, obgleich ich es Phi-u klar auseinandergesetzt habe, daß ich auf die Erde signalisiere.

»›Sie reden mit ander?‹ fragte er, indem er mir zusah.

»Anderen«, sagte ich.

»›Anderen,‹ sagte er. ›O ja. Menschen?‹

»Und ich gab weiter auf.«

Cavor machte in seinen früheren Berichten von den Seleniten fortwährend Verbesserungen, wie die frischen Tatsachen auf ihn einströmten und seine Schlüsse modifizierten, und also gibt man die folgenden Zitate mit einer gewissen Zurückhaltung. Sie sind der neunten, dreizehnten und sechzehnten Botschaft entnommen, und so unbestimmt und fragmentarisch sie eigentlich sind, so geben sie uns wahrscheinlich doch das vollständigste Bild vom sozialen Leben dieser seltsamen Gemeinschaft, das die Menschheit jetzt auf viele Generationen hinaus erhoffen kann.

»Im Mond«, sagt Cavor, »kennt jeder Bürger seinen Platz. Für diesen Platz ist er geboren, und die sorgfältige Zucht der Abrichtung und Erziehung und Chirurgie, die er durchmacht, paßt ihn seinem Platz zuletzt so vollständig an, daß er für irgendwelchen Zweck darüber hinaus weder Ideen noch Organe mehr hat. ›Wozu sollte er?‹ fragte Phi-u. Wenn zum Beispiel ein Selenit zum Mathematiker bestimmt ist, arbeiten seine Lehrer und Erzieher sofort auf dieses Ziel los. Sie dämpfen jede beginnende Anlage für andere Beschäftigungen, sie ermutigen seine mathematische Neigung mit vollendetem psychologischem Geschick. Sein Gehirn wächst, oder wenigstens die mathematischen Anlagen seines Gehirns wachsen, und im übrigen wächst er nur so weit, wie nötig ist, um diesen wesentlichen Teil von ihm zu unterhalten. Schließlich liegt, abgesehn von Ruhe und Nahrung, sein einziges Entzücken in der Ausübung und Entfaltung seiner Fähigkeit, sein einziges Interesse in ihrer Anwendung, seine einzige Gesellschaft unter anderen Spezialisten in seiner eigenen Linie. Sein Gehirn wird fortwährend größer, wenigstens soweit die in der Mathematik beschäftigten Teile in Frage kommen; sie bauchen sich immer mehr aus und scheinen ihm alles Leben und alle Kraft aus dem Rest seines Körpers zu saugen. Seine Glieder schrumpfen zusammen, sein Herz und seine Verdauungsorgane werden kleiner, sein Insektengesicht verbirgt sich unter seinen bauchigen Konturen. Seine Stimme wird zum bloßen Schnarren für das Konstatieren von Formeln, er scheint gegen alles, außer sauber ausgesprochene Probleme, taub zu sein. Die Fähigkeit des Lachens geht ihm, abgesehn von der plötzlichen Entdeckung eines Paradoxons, verloren; seine tiefste Erregung ist die der Entwicklung einer neuen Berechnung. Und so erreicht er sein Ziel.

»Oder aber, ein Selenit ist zum Mondkalbhüter bestimmt; da wird er von frühester Jugend auf angehalten, als Mondkalb zu denken und zu leben, sein Vergnügen in Mondkalbsagen zu finden, seine Bewegung in ihrer Besorgung und Verfolgung. Er wird dazu erzogen, daß er sehnig und beweglich wird, sein Auge wird gegen die engen Umhüllungen verhärtet, die eckigen Konturen, die eine ›Mondkalb-Eleganz‹ hervorbringen. Er nimmt schließlich an dem tieferen Teil des Mondes gar kein Interesse mehr; er sieht alle Seleniten, die nicht gleiche Erfahrung mit Mondkälbern haben, mit Gleichgültigkeit, Spott oder Feindseligkeit an. Seine Gedanken betreffen Mondkalbweiden, und sein Dialekt ist der eines vollendeten Mondkalb-Fachjargons. So liebt auch er seine Arbeit und erfüllt die Pflicht, die sein Dasein rechtfertigt, in vollkommenem Glück. Und so ist es mit allen Arten und Verhältnissen der Seleniten – jeder ist ein vollkommener Einer in einer Weltmaschine ...

»Jene Wesen mit den großen Köpfen, denen die intellektuellen Arbeiten zufallen, bilden in dieser seltsamen Gesellschaft eine Art Aristokratie, und an ihrer Spitze steht als Quintessenz des Mondes jenes wunderbare, gigantische Nervenzentrum, der Mondherrscher, in dessen Gegenwart ich schließlich geführt werden soll. Die unbegrenzte Entwicklung der Geister der intellektuellen Klasse wird ermöglicht durch das Fehlen jedes Knochenschädels in der Mond-Anatomie, jener seltsamen Knochenschale, die sich um das sich entwickelnde Gehirn des Menschen klammert, und all seinen Möglichkeiten ein gebieterisches »so weit und nicht weiter« entgegenstellt. Sie zerfallen in drei Hauptklassen, die sich an Einfluß und Ansehen sehr unterscheiden. Zunächst sind die Administratoren zu nennen, zu denen Phi-u gehört, Seleniten von großer Initiative und Versatilität; jeder ist für einen bestimmten Kubikinhalt der Mondmasse verantwortlich; dann die Sachverständigen, wie der fußballköpfige Denker, die zu besonderen Operationen abgerichtet sind; und schließlich die Gelehrten, die die Repositorien allen Wissens sind. Zu dieser letzteren Klasse gehört Tsi-puff, der erste Professor irdischer Sprachen aus dem Monde. In bezug auf diese letzteren ist es als eine gelungene Kleinigkeit anzumerken, daß das Wachstum des Gehirns auf dem Monde die Erfindung aller jener mechanischen Hilfen für die Gehirnarbeit unnötig gemacht hat, die die Karriere des Menschen auszeichneten. Es gibt keine Bücher, keinerlei Aufzeichnungen, keine Bibliotheken und Inschriften. Alles Wissen wird in erweiterten Gehirnen aufgespeichert, so ziemlich wie die Honigameisen in Texas den Honig in ihren erweiterten Leibern aufspeichern. Der Palast der Kammern und die Bibliothek eines Britischen Museums sind auf dem Monde Sammlungen lebendiger Gehirne ...

»Die weniger spezialisierten Administratoren, fällt mir auf, nehmen zum größten Teil, so oft sie mir begegnen, ein sehr lebhaftes Interesse an mir. Sie verlassen ihren Weg und blicken mich an und stellen Fragen, auf die Phi-u antwortet. Ich sehe sie mit einem Gefolge von Trägern, Dienern, Ausrufern, Fallschirmträgern und so weiter hin und her gehen – wunderlich anzusehende Gruppen. Die Sachverständigen ignorieren mich zum größten Teil vollkommen, genau wie sie einander ignorieren, oder sie beachten mich nur, um eine lärmende Entfaltung ihrer unterschiedlichen Geschicklichkeit zu beginnen. Die Gelehrten sind zum größten Teil in eine undurchdringliche und apoplektische Selbstgefälligkeit gehüllt, aus der sie nur eine Leugnung ihrer Gelehrsamkeit aufstören kann. Gewöhnlich werden sie von kleinen Wächtern oder Dienern herumgeführt, und oft sind das kleine und beweglich aussehende Geschöpfe, meist kleine Weibchen, die, wie ich zu glauben geneigt bin, für sie eine Art Ehefrau sind; aber einige von den tieferen Gelehrten sind zur Bewegung überhaupt zu groß, und sie lassen sich in einer Art Sänftenfaß von Ort zu Ort tragen, schlotternde Gallerten des Wissens, die mein respektvolles Erstaunen wecken. Ich bin gerade einem begegnet, als ich hierher kam, wo man mir erlaubt, mich mit diesem elektrischen Spielzeug zu vergnügen, einem ungeheuren glatten, wackligen Kopf, kahl und dünnhäutig, der auf seinem grotesken Spanner getragen wurde. Vor und hinter ihm gingen seine Träger und wunderliche, trompetengesichtige Nachrichtenverbreiter schrien seinen Ruhm aus.

»Das Gefolge, das die meisten Intellektuellen begleitet, habe ich schon erwähnt: Führer, Träger, Kammerdiener, äußerliche Taster und Muskeln gleichsam, die die verkümmerten physikalischen Kräfte dieser hypertrophierten Gehirne ersetzten. Träger begleiten sie fast unabänderlich. Auch außerordentlich schnelle Boten sind vorhanden, mit spinnenartigen Beinen, und mit ›Händen‹ zum Fassen von Fallschirmen, und Diener mit Stimmorganen, die nahezu die Toten erwecken könnten. Getrennt von ihrer herrschenden Intelligenz sind diese Untergebenen so träge und hilflos wie Schirme im Ständer. Sie existieren nur in bezug auf die Befehle, denen sie zu gehorchen, in bezug auf die Pflichten, die sie zu erfüllen haben.

»Die große Masse dieser Insekten jedoch, die auf den Spiralstraßen hin und her ziehen, die die aufsteigenden Ballons anfüllen und die an ihren gebrechlichen Fallschirmen hängend an mir vorüberfliegen, gehören, wie ich annehme, zur arbeitenden Klasse. ›Maschinenhände‹ sind manche von ihnen geradezu – es ist keine Redefigur, der einzige Taster des Mondkalbhirten ist zum Packen, Heben, Führen gebildet, und ihr übriger Körper ist nicht mehr als der notwendige, untergeordnete Anhang dieser wesentlichen Teile. Einige, die, wie ich glaube, mit glockenschlagenden Mechanismen zu tun haben, haben ungeheuer entwickelte Gehörorgane; einige, deren Arbeit in feinen chemischen Operationen liegt, zeigen ein riesiges, vorspringendes Geruchsorgan; andere haben flache Füße für Tretschemel mit ankylotischen Gelenken; und andere – die, wie man mir gesagt hat, Glasbläser sind – scheinen bloße Lungenbälge zu sein. Aber jeder einzelne dieser gewöhnlichen Seleniten, die ich an der Arbeit gesehen habe, ist für das soziale Bedürfnis, dem er begegnet, wundervoll angepaßt. Manche könnte ich auf der Fläche meiner Hand halten. Es gibt sogar eine Art Bratenwenderseleniten, eine sehr gewöhnliche, deren Pflicht und einziges Entzücken es ist, die bewegende Kraft für mancherlei kleine Vorrichtungen zu liefern. Und über diese Dinge herrschen, und jede irrende Neigung, die sich etwa in verirrten Naturen zeigen mag, regeln die muskulösesten Wesen, die ich noch auf dem Monde gesehen habe, eine Art Mondpolizei, die von ihren frühesten Jahren an abgerichtet worden sein muß, den geschwollenen Köpfen vollkommene Achtung und Gehorsam zu erweisen.

»Die Herstellung dieser verschiedenen Arten von Arbeitern muß ein sehr merkwürdiger und interessanter Prozeß sein. Ich bin darüber noch sehr im Dunkeln, doch ganz kürzlich traf ich auf eine Anzahl junger Seleniten, die in Krüge eingeschlossen waren, aus denen nur die Vorderglieder heraussahen; sie wurden komprimiert, um Maschinenwärter einer besonderen Art zu werden. Die ausgestreckte ›Hand‹ wird in diesem hochentwickelten System der technischen Ausbildung durch Reizmittel angetrieben und durch Injektion ernährt, während man den Rest des Körpers hungern läßt. Phi-u erklärte, wenn ich ihn nicht mißverstanden habe, diese wunderlichen kleinen Geschöpfe zeigten wohl in ihren früheren Entwickelungsphasen Zeichen des Leidens bei ihren mannigfachen gehemmten Lagen, aber sie verhärten sich leicht gegen ihr Los; und er führte mich weiter, dahin, wo eine Anzahl biegsamgliedriger Boten ausgereckt und vielfach geknickt wurden. Ich weiß, es ist ganz unvernünftig, aber diese Einblicke in die Ausbildungsmethoden dieser Wesen wirken unangenehm auf mich. Ich hoffe jedoch, das wird vorübergehen, und ich werde imstande sein, mehr von dieser Seite ihrer wundervollen sozialen Ordnung zu sehen. Jener elend aussehende Hand-Taster, der aus seinem Krug hervorsah, schien einen hinkenden Ruf nach verlorenen Möglichkeiten auszustoßen; er verfolgt mich noch immer, obgleich es natürlich im Grunde ein viel humaneres Verfahren ist als unsere irdische Methode, Kinder zu menschlichen Wesen aufwachsen zu lassen und nachher Maschinen aus ihnen zu machen.

»Ganz kürzlich – ich glaube, es war bei dem elften oder zwölften Besuch, den ich diesem Apparat abstattete, erhielt ich auch ein merkwürdiges Licht über das Leben dieser Arbeiter. Ich ließ mich auf einem Richtweg hierher führen, statt die Spirale hinunter und über die Kais des Zentralmeeres zu gehen. Aus den seitlichen Windungen einer langen, dunklen Galerie tauchten wir in eine weite niedrige Höhle hinein, in der ein erdiger Geruch herrschte, und sie war nach den Verhältnissen in diesem Dunkel ziemlich hell erleuchtet. Das Licht rührte von einem wirren Wachstum fahler, schwammiger Gestalten her – einige glichen unseren irdischen Pilzen geradezu auffallend, aber sie standen mannshoch und höher.

»›Mondler essen das?‹ fragte ich Phi-u.

»›Ja, Nahrung.‹

»›Gütiger Himmel!‹ rief ich; ›was ist das?‹

»Mein Blick war gerade auf die Gestalt eines ausnahmsweise großen und häßlichen Seleniten gefallen, der mit dem Gesicht nach unten regungslos zwischen den Stämmen lag. Wir blieben stehen.

»›Tot?‹ fragte ich. (Denn bisher habe ich im Mond noch keine Toten gesehen, und ich bin neugierig geworden.)

»›Nein!‹ rief Phi-u aus. ›Ihn – Arbeiter – keine Arbeit zu tun. Geben kleines Trinken dann – einschlafen – bis wir brauchen ihn. Wozu gut, er wachen, eh? Nicht nötig ihn umhergehn.‹

»›Da ist noch einer!‹ rief ich.

»Und wirklich fand ich, diese ganze große Fläche mit den Pilzen war mit diesen liegenden Gestalten gepfeffert, die unter einem Opiat schliefen, bis der Mond sie nötig hat. Es waren Dutzende aller Art vorhanden, und wir konnten einige von ihnen umdrehn und sie genauer beobachten, als mir vorher möglich gewesen war. Sie atmeten geräuschvoll, als ich das tat, aber sie erwachten nicht. Eines erinnere ich mich sehr deutlich; er hinterließ einen starken Eindruck, glaube ich, weil irgendein Zufall der Beleuchtung und seiner Haltung stark an eine menschliche Gestalt erinnerte. Seine Vorderglieder waren lange, feine Taster – es war irgendein raffinierter Handwerker – und die Haltung seines Schlummers deutete auf ein unterwürfiges Leiden. Ohne Zweifel war es ganz irrtümlich von mir, daß ich seinen Ausdruck so interpretierte, aber ich tat es. Und als Phi-u ihn wieder ins Dunkel unter die fahlen Fleischpflanzen zurückrollte, hatte ich wieder eine deutlich unangenehme Empfindung, wie wenn sich das Insekt in ihm durch sein Rollen verraten hätte.

»Das beleuchtet nur die gedankenlose Art, auf die man Empfindungsgewohnheiten annimmt. Den Arbeiter, den man nicht braucht, betäuben, und ihn beiseite rollen, ist sicher weit besser, als ihn aus seiner Fabrik vertreiben, damit er hungrig in den Straßen umherläuft. In jeder komplizierten sozialen Gemeinschaft entstehen für alle spezialisierte Arbeit notwendig gewisse Pausen der Beschäftigung, und auf diese Weise ist der Unruhe eines Problems der ›Arbeitslosen‹ völlig vorgebeugt. Und doch, so unvernünftig sind selbst wissenschaftlich ausgebildete Geister, daß mir trotzdem die Erinnerung an diese in den ruhigen, leuchtenden Arkaden fleischiger Gewächse hingestreckten Gestalten unangenehm ist, und ich vermeide jenen abkürzenden Weg trotz der Unbequemlichkeit des längeren, lärmenderen und volleren.

»Dieser andere Weg führt mich durch eine riesige, schattige Höhle, die sehr voll und lärmreich ist, und hier sehe ich, hervorblickend aus den sechsseitigen Öffnungen einer Art Honigwabenmauer, oder auf einem weiten offenen Raum dahinter hin und her gehend, oder die Spielzeuge und Amuletts aufsuchend, die ihnen feintastrige Goldschmiede machen, die in Hütten darunter arbeiten, die Mütter der Mondwelt – die Bienenköniginnen, gleichsam, des Korbes. Es sind vornehm aussehende Wesen, phantastisch und bisweilen wunderschön geschmückt, von stolzer Haltung, und mit, abgesehn von ihren Mündern, fast mikroskopischen Köpfen.

»Von dem Verhältnis der Geschlechter auf dem Mond, vom Heiraten und Zur-Ehe-geben, von der Geburt und so weiter unter den Seleniten habe ich bislang sehr wenig zu erfahren vermocht. Mit dem stetigen Fortschritt Phi-us im Englischen wird jedoch meine Unwissenheit ohne Zweifel ebenso stetig schwinden. Ich bin der Meinung, daß in dieser Gemeinschaft wie bei den Ameisen und Bienen eine große Majorität der Mitglieder neutralen Geschlechts ist. Natürlich leben auch schon auf der Erde in den Städten viele niemals das Leben der Vaterschaft, das das natürliche Leben des Menschen ist. Hier ist dies wie bei den Ameisen zu einem normalen Zustand der Rasse geworden, und die ganze Ergänzung, die nötig ist, fällt dieser besonderen und keineswegs zahlreichen Klasse von Matronen zu, den Müttern der Mondwelt, großen und stattlichen Wesen, die wundervoll geeignet sind, die Selenitenlarve zu tragen. Es sei denn, daß ich eine Erklärung Phi-us mißverstehe, so sind sie absolut außerstande, die Kleinen, die sie in den Mond bringen, zu pflegen; Perioden törichter Schwäche wechseln mit Stimmungen aggressiver Gewalttaten ab, und sobald wie möglich werden die kleinen Geschöpfe, die ganz weich und lappig und blaßfarbig sind, der Obhut unvermählter Weibchen übergeben, weiblichen ›Arbeitern‹ gleichsam, die in einigen Fällen Gehirne von fast männlichen Dimensionen haben.«

Gerade an diesem Punkte brach leider die Botschaft ab. So fragmentarisch und anreizend das Material auch ist, das dieses Kapitel ausmacht, es gibt doch einen unbestimmten, breiten Eindruck von einer absolut fremdartigen und wunderbaren Welt – einer Welt, mit der unsere eigene, wir wissen nicht wie bald, zu rechnen haben mag. Dieses intermittierende Herabtröpfeln von Botschaften, dies Flüstern einer Aufnahmenadel in der Stille von Gebirgshängen ist die erste Warnung von einer Veränderung in den menschlichen Verhältnissen, wie sie sich die Menschheit bisher kaum vorgestellt hat. In jenem unsern Satelliten liegen neue Elemente, neue Vorrichtungen, neue Traditionen, eine überwältigende Lawine neuer Ideen, lebt eine seltsame Rasse, mit der wir unvermeidlich um die Herrschaft werden ringen müssen – ist das Gold so gewöhnlich wie Eisen oder Holz ...

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