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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 23
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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22
Die erstaunliche Mitteilung Mr. Julius Wendigees

Als ich den Bericht von meiner Rückkehr zur Erde zu Littlestone beendet hatte, schrieb ich » das Ende« darunter, machte einen Strich und warf die Feder beiseite, völlig überzeugt, daß die ganze Geschichte der ersten Menschen im Mond fertig sei. Nicht nur das hatte ich getan, sondern ich hatte mein Manuskript in die Hände eines literarischen Agenten gelegt, hatte seinen Verkauf erlaubt, hatte den größeren Teil davon im Strand Magazine erscheinen sehen und mich wieder an das Szenarium des Dramas gemacht, das ich zu Lympne begonnen hatte, ehe ich erfuhr, daß dies noch nicht das Ende war. Und dann erreichte mich zu Algier, wohin sie mir von Amalfi aus gefolgt war (es ist jetzt etwa sechs Monate her) eine der erstaunlichsten Mitteilungen, die zu empfangen mir je beschieden war. Sie teilte mir kurz mit; Mr. Julius Wendiges, ein holländischer Elektriker, der mit gewissen, den von Mr. Tesla in Amerika benutzten Apparaten verwandten Apparaten experimentiere, in der Hoffnung, eine Methode der Verständigung mit dem Mars zu finden, empfange Tag für Tag eine merkwürdig fragmentarische Botschaft in englischer Sprache, die unbestreitbar von Mr. Cavor im Monde herrühre.

Erst hielt ich die Sache für einen umständlichen praktischen Scherz von jemandem, der das Manuskript meiner Erzählung gelesen hatte. Ich antwortete Mr. Wendigee scherzhaft, aber er antwortete in einer Weise, die jeden derartigen Verdacht beseitigte, und in einem Zustande unvorstellbarer Aufregung eilte ich von Algier aus zu dem kleinen Observatorium auf dem St. Gotthard, in dem er arbeitete. In Gegenwart seiner Aufzeichnungen und seiner Apparate – und vor allem all der Botschaften von Cavor, die ankamen – schwanden meine noch zögernden Zweifel. Ich beschloß sofort, den Vorschlag, bei ihm zu bleiben, den er mir machte, anzunehmen, ihm zu helfen. Tag für Tag die Botschaft aufzunehmen, und mich mit ihm gemeinsam zu bemühen, eine Botschaft auf den Mond zurückzuschicken. Cavor, erfuhren wir, war nicht nur am Leben, sondern frei, mitten in dem blauen Dunkel der Mondhöhlen. Er war lahm, so schien es, aber sonst bei guter Gesundheit – bei besserer Gesundheit, sagte er ausdrücklich, als er für gewöhnlich auf der Erde gewesen war. Er hatte ein Fieber gehabt, doch hatte es keine schlimme Wirkungen zurückgelassen. Aber merkwürdig, er schien unter der Überzeugung zu leiden, daß ich entweder tot im Mondkrater liege oder in der Tiefe des Raumes verloren sei.

Seine Botschaft wurde von Mr. Wendigee zum erstenmal ausgenommen, als dieser Herr mit einer ganz anderen Forschung beschäftigt war. Der Leser wird sich ohne Zweifel der kleinen Aufregung entsinnen, mit der das Jahrhundert begann, als M. Nikola Tesla, die amerikanische elektrische Berühmtheit, verkündete, er habe eine Botschaft vom Mars erhalten. Seine Meldung zog die Aufmerksamkeit von neuem auf eine Tatsache, die den Wissenschaftern seit langem vertraut gewesen war, nämlich: daß von einer unbekannten Quelle im Raum her fortwährend Wellen elektro-magnetischer Störung, vollkommen ähnlich denen, die Signor Marconi für seine drahtlose Telegraphie benutzt, die Erde erreichen. Außer Mr. Tesla waren noch eine ganze Anzahl von anderen Beobachtern damit beschäftigt gewesen, Apparate zum Aufnehmen und Verzeichnen dieser Schwingungen auszuarbeiten, obgleich nur wenige so weit gingen, sie als tatsächliche Botschaften eines außerirdischen Absenders anzusehen. Unter diese wenigen jedoch müssen wir sicherlich Mr. Wendigee zählen. Schon seit 1898 hatte er sich fast völlig diesem Gegenstand gewidmet, und da er ein Mann von großen Mitteln war, hatte er in einer für solche Beobachtungen in jeder Hinsicht merkwürdig passenden Lage auf den Flanken des Monte Rosa ein Observatorium errichtet.

Meine wissenschaftlichen Kenntnisse, muß ich gestehen, sind nicht groß, aber soweit sie mich zu einem Urteil befähigen, sind Mr. Wendigees Vorrichtungen zur Entdeckung und Verzeichnung irgendwelcher Störungen in den elektro-magnetischen Verhältnissen des Raumes auffallend originell und scharfsinnig. Und durch einen glücklichen Zufall traf es sich, daß sie etwa zwei Monate, ehe Cavor seinen ersten Versuch machte, die Erde anzurufen, aufgestellt und in Tätigkeit waren. Infolgedessen haben wir Fragmente seiner Mitteilungen schon vom ersten Anfang an. Leider sind es nur Fragmente, und das Wichtigste von allem, was er der Menschheit zu sagen hatte – nämlich die Vorschriften zur Herstellung des Cavorits, wenn er sie nämlich überhaupt übermittelt hat – ist unverzeichnet in den Raum hinweggepocht. Es gelang uns nie, Cavor eine Antwort zurückzuschicken. Er konnte also nicht wissen, was wir erhalten oder was wir verloren hatten; noch auch wußte er überhaupt, daß irgend jemand auf der Erde wirklich von seinen Bemühungen, uns zu erreichen, wußte. Und die Beharrlichkeit, die er entfaltete, indem er achtzehn lange Schilderungen der Verhältnisse des Mondes schickte – denn das wären sie, wenn wir sie vollständig hätten – zeigt, wie sehr sich sein Geist zu diesem seinem Heimatplaneten zurückgewandt haben muß, seit er ihn vor zwei Jahren verließ.

Man kann sich vorstellen, wie erstaunt Mr. Wendigee gewesen sein muß, als er entdeckte, daß seine Aufnahme der elektro-magnetischen Störungen von Cavors unverfälschtem Englisch unterbrochen wurden. Mr. Wendigee wußte nichts von unserer wilden Reise nach dem Monde und plötzlich – dieses Englisch aus der Leere!

Es ist gut, wenn der Leser die Bedingungen kennt, unter denen diese Botschaften, wie es scheint, geschickt wurden. Irgendwo innerhalb des Mondes hatte Cavor sicherlich eine Zeitlang Zutritt zu einer beträchtlichen Menge elektrischer Apparate, und es scheint, er baute – vielleicht heimlich – eine Aufgabe-Vorrichtung vom Marconi-Typus zusammen. Diese konnte er in unregelmäßigen Intervallen benutzen, bisweilen drei oder vier Stunden hintereinander. In diesen Zeiten gab er seine Botschaften für die Erde auf, ohne die Tatsache zu beachten, daß sich die gegenseitige Stellung des Mondes und der Punkte der Erdoberfläche beständig ändert. Infolgedessen und infolge der notwendigen Unvollkommenheit unserer Aufnahmeapparate kommt und geht seine Mitteilung in unseren Berichten auf eine außerordentlich launische Art; sie wird verwischt, sie »erlischt« auf geheimnisvolle und geradezu aufregende Weise. Und dazu kommt die Tatsache, daß er nicht geübt war; er hatte den allgemein gebräuchlichen Codex teilweise vergessen oder nie vollständig beherrscht, und buchstabierte merkwürdig falsch.

Im ganzen haben wir wahrscheinlich gut die Hälfte seiner Mitteilungen verloren, und vieles, was wir haben, ist beschädigt, unterbrochen und teilweise verlöscht. In dem hier folgenden Auszug muß der Leser also auf eine Menge von Unterbrechungen, Lücken und Themenwechseln gefaßt sein. Mr. Wendigee und ich arbeiten gemeinsam an einer vollständigen kommentierten Ausgabe von Cavors Bericht, den wir mit einer detaillierten Schilderung der angewandten Instrumente zu veröffentlichen hoffen. Der erste Band soll im nächsten Januar erscheinen. Das wird der volle und wissenschaftliche Bericht sein, von dem dies nur der erste, populäre Auszug ist. Aber hier geben wir wenigstens genügend, um die Geschichte zu ergänzen, die ich erzählt habe, und um die großen Umrisse der Zustände auf jener anderen unserer so nahen, so verwandten und von ihr doch so verschiedenen Welt zu geben.

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