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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 22
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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21
Mr. Bedford in Littlestone

Die Linie meines Flugs lief der Oberfläche nahezu parallel, als ich in die obere Luft eintrat. Die Temperatur der Sphäre begann alsbald zu steigen, ich wußte, ich mußte sofort fallen. Weit unter mir erstreckte sich in einem dunkler werdenden Zwielicht eine große Meeresfläche. Ich öffnete alle Fenster und fiel – aus dem Sonnenschein in den Abend und aus dem Abend in die Nacht. Weiter wurde die Erde und weiter, und sie verschluckte die Sterne, und der silbrige, sternenbeleuchtete Wolkenschleier, den sie trug, streckte sich aus, um mich zu fangen. Schließlich schien die Welt keine Kugel mehr, sondern eine Fläche, und dann konkav. Sie war nicht mehr ein Planet am Himmel, sondern die Welt des Menschen. Ich schloß alle Fenster außer einem Zoll oder so nach der Erde zu und fiel mit langsam werdender Geschwindigkeit. Das sich erweiternde Wasser, das jetzt so nah war, daß ich das dunkle Glitzern der Wellen sehen konnte, stürzte mir entgegen. Die Sphäre wurde sehr heiß. Ich schloß den letzten Spalt des Fensters und setzte mich mürrisch hin und biß mir die Finger und wartete auf den Stoß ...

Die Sphäre schlug mit einem riesigen Klatschen aufs Wasser; sie muß es fadenhoch geschleudert haben. Bei dem Klatschen warf ich die Cavorit-Jalousien auf. Ich flog nieder, aber langsamer und langsamer, und dann fühlte ich, wie die Sphäre mir gegen die Füße drückte und so wieder ausstieg, wie eine Blase aufsteigt. Und zuletzt schwamm und wogte ich auf der Oberfläche des Meeres, und meine Reise im Raum war zu Ende.

Die Nacht war dunkel und bewölkt. Zwei gelbe Nadelknöpfe in weiter Ferne zeigten, daß ein Schiff vorüberfuhr, und näher sah ich einen roten Schein, der kam und ging. Wäre nicht die elektrische Kraft meiner Glühlampe erschöpft gewesen, so hätte ich noch die Nacht aufgefischt werden können. Trotz der außerordentlichen Müdigkeit, die ich zu fühlen begann, war ich jetzt aufgeregt und eine Zeitlang auf eine fieberische, ungeduldige Art voll Hoffnung, daß meine Reise so enden möge.

Aber schließlich bewegte ich mich nicht mehr umher und blieb, die Hände auf den Knien, sitzen und starrte nach einem fernen, roten Licht. Es schwankte auf und ab, wiegte und wiegte sich. Meine Aufregung verging. Ich machte mir klar, daß ich wenigstens noch eine Nacht in der Sphäre zu verbringen hatte. Ich kam mir unendlich schwer und müde vor. Und so schlief ich ein.

Ein Wechsel in meiner rhythmischen Bewegung weckte mich. Ich blickte durch das brechende Glas und sah, daß ich auf einer riesigen Sandbank aufgetrieben war. In weiter Ferne meinte ich Häuser und Bäume zu sehen, und seewärts hing das krumme, unbestimmte Zerrbild eines Schiffes zwischen Meer und Himmel.

Ich stand auf und taumelte. Mein einziger Wunsch war, hinauszukommen. Das Einsteigeloch war nach oben und ich rang mit der Schraube. Langsam öffnete sich das Loch. Schließlich zischte die Luft wieder herein, wie sie einmal hinausgezischt war. Aber diesmal wartete ich nicht, bis der Druck sich ausgeglichen hatte. Im nächsten Moment hielt ich das Gewicht des Fensters auf den Händen und es stand frei, ganz frei unter dem alten, vertrauten Himmel der Erde.

Die Luft schlug mir so auf die Brust, daß ich keuchte. Ich ließ die Glasschraube fallen. Ich schrie auf, stemmte mir die Hände gegen die Brust und setzte mich. Eine Zeitlang fühlte ich Schmerz. Dann zog ich tiefe Atemzüge ein. Schließlich konnte ich wieder aufstehn und mich bewegen.

Ich versuchte, den Kopf durch das Einsteigeloch zu stecken, und die Sphäre kippte. Es war, als hätte mir irgend etwas, sowie ich auftauchte, den Kopf hinuntergezerrt. Ich tauchte scharf zurück, sonst wäre ich mit dem Kopf unter Wasser gesteckt worden. Nach einigem Winden und Schieben gelang es mir, auf den Sand hinauszukriechen, auf dem die ebbenden Wellen noch kamen und gingen.

Ich versuchte nicht, aufzustehen. Mir war, als sei mein Körper plötzlich in Blei verwandelt. Mutter Erde hatte mich nun zu fassen – kein Cavorit lag mehr dazwischen. Ich setzte mich hin, ohne des Wassers zu achten, das mir über die Füße spülte.

Es war Dämmerung, eine graue, ziemlich bewölkte Dämmerung, die aber doch hier und dort einen langen Streif grünlichen Graus zeigte. Eine Strecke weit draußen lag ein Schiff vor Anker, die blasse Silhouette eines Schiffs mit einem einzigen gelben Licht. Das Wasser kam in langen, flachen Wellen hereingelaufen. Nach rechts hin krümmte sich das Land, ein Geröllufer mit kleinen Hütten, und schließlich einem Leuchtturm, einem Schiffahrtszeichen und einer Spitze. Landeinwärts erstreckte sich eine Fläche ebenen Sandes, hier und dort von Wasserlachen unterbrochen und vielleicht eine Meile weit entfernt abgeschlossen von einer niederen Buschmauer. Nach Nordosten war ein isolierter Badeort zu sehen, eine Reihe hagerer Wohnhäuser, die höchsten Dinge, die ich aus der Erde sehen konnte, stumpfe Flecken gegen den heller werdenden Himmel. Was für sonderbare Menschen diese senkrechten Haufen in einer solchen Weite des Raums aufgeführt haben können, weiß ich nicht. Da stehen sie, wie in der Wüste verlorene Stücke von Brighton.

Lange Zeit saß ich da, gähnte und rieb mir das Gesicht. Schließlich arbeitete ich mich auf die Beine. Ich hatte das Gefühl, als höbe ich ein Gewicht. Ich richtete mich auf.

Ich starrte nach den fernen Häusern. Zum erstenmal seit unserm Hungern im Krater dachte ich an irdische Nahrung. »Speck«, flüsterte ich, »Eier. Guten Toast und guten Kaffee ... Und wie zum Teufel soll ich all dies Zeug nach Lympne schaffen?« Ich fragte mich, wo ich sei. Auf jeden Fall war es eine Ostküste, und ehe ich fiel, hatte ich Europa gesehen.

Ich hörte Schritte im Sande knirschen, und ein kleiner, freundlich aussehender Mann mit rundem Gesicht, in Flanellanzug, ein Badetuch um die Schultern geschlungen, seinen Badeanzug über dem Arm, erschien auf dem Strande. Ich wußte sofort, daß ich in England sein mußte. Er starrte fast gespannt auf die Sphäre und mich. Er kam starrend näher. Ich kann mir denken, daß ich wild und ungeheuerlich genug aussah – schmutzig und ungekämmt bis zu einem unbeschreiblichen Grade; aber das fiel mir damals nicht ein. Er blieb etwa zwanzig Meter von mir stehen. »Hallo, mein Mann!« sagte er zweifelhaft.

»Hallo selbst!« sagte ich.

Er kam näher, dadurch beruhigt. »Was auf aller Welt ist das für ein Ding?« fragte er.

»Können Sie mir sagen, wo ich bin?« fragte ich.

»Das ist Littlestone,« sagte er und zeigte auf die Häuser; »und das ist Dungeneß! Sind Sie gerade gelandet? Was ist das, was Sie da haben? Eine Art Maschine?«

»Ja.«

»Sind Sie an Land getrieben? Haben Sie Schiffbruch gelitten oder sowas? Was ist es?«

Ich überlegte schnell. Ich schätzte die Erscheinung des kleinen Mannes ein, als er näher kam. »Beim Himmel!« sagte er. »Sie haben was durchgemacht! Ich dachte. Sie – Nun – Wo haben Sie Schiffbruch gelitten? Ist das so ein Schwimmding zur Rettung des Lebens?«

Ich beschloß, vorläufig diesen Weg einzuschlagen. »Ich brauche Hilfe,« sagte ich heiser. »Ich muß einigen Kram den Strand hinaufschaffen – Zeug, das ich nicht herumliegen lassen kann.« Ich bemerkte dabei weitere heiter aussehende junge Leute mit Badetüchern und Strohhüten, die den Strand herab auf mich zukamen. Offenbar die frühe Badegesellschaft dieses Littlestone!

»Hilfe!« sagte der junge Mann; »gewiß!« Er begann sich unbestimmt zu bewegen. »Was wünschen Sie insbesondere getan?« Er drehte sich um und gestikulierte. Die drei jungen Leute beschleunigten ihren Schritt. In einer Minute umstanden sie mich und bestürmten mich mit Fragen, die ich zu beantworten keine Lust hatte. »All das will ich später erzählen,« sagte ich. »Ich bin einfach tot. Ich bin ein Fetzen.«

»Kommen Sie zum Hotel hinauf,« sagte der vorderste kleine Mann. »Wir wollen für das Ding da sorgen.«

Ich zögerte. »Ich kann nicht,« sagte ich. »In der Kugel da liegen zwei große Goldstangen.«

Sie blickten einander ungläubig an, und dann mit einer neuen Frage ungläubig auf mich. Ich ging zur Sphäre, bückte mich, kroch hinein, und bald darauf hatten sie die Hebestangen der Seleniten und die gebrochene Kette vor sich. Wenn ich nicht so furchtbar müde gewesen wäre, hätte ich über sie lachen können. Sie waren wie kleine Katzen um einen Käfer. Sie wußten nicht, was sie aus dem Zeug machen sollten. Der fette, kleine Mann bückte sich und hob das Ende einer der Stangen auf und ließ es dann mit einem Grunzen wieder fallen. Sie alle taten das gleiche.

»Es ist Blei oder Gold!« sagte einer.

»O, es ist Gold!« sagte ein anderer.

»Gold, sicher genug,« sagte der dritte.

Dann starrten sie mich alle an und dann das Schiff, das vor Anker lag.

»Aber hören Sie!« rief der kleine Mann. »Wo haben Sie das her?«

Ich war zu müde, eine Lüge aufrecht zu erhalten. »Ich hab das aus dem Monde.«

Ich sah sie einander anstarren.

»Hören Sie!« sagte ich, »ich will jetzt nicht streiten. Helfen Sie mir diese Goldmassen zum Hotel hinaustragen – ich denke, mit Ruhepausen können zwei von Ihnen eine bewältigen, und ich will diese Kette schleifen – dann erzähle ich Ihnen mehr, wenn ich etwas gegessen habe.«

»Und was wird mit dem Ding da?«

»Das wird da niemandem was tun,« sagte ich. »Auf jeden Fall – zum Henker! – jetzt muß es erst da liegen bleiben. Wenn die Flut kommt, wird's schon schwimmen.«

Und in einem Zustand ungeheurer Verwunderung hoben diese jungen Leute meine Schätze höchst gehorsam auf die Schultern, und mit Gliedern, die sich wie Blei anfühlten, führte ich eine Art Prozession nach jenem fernen Fragment einer Seestadt. Auf halbem Wege wurden wir durch zwei staunenbefallene, kleine Mädchen mit Spaten verstärkt, und später erschien ein hagerer, kleiner Junge, der durchdringend schnaubte. Ich erinnere mich, er schob ein Rad, und er begleitete uns in einer Entfernung von etwa hundert Metern auf unserer rechten Flanke; dann, glaube ich, gab er uns als uninteressant auf, stieg aus sein Rad und fuhr über den ebenen Sand in der Richtung zur Sphäre davon.

Ich blickte mich nach ihm um.

» Der rührt's nicht an,« sagte der beleibte junge Mann beruhigend, und ich war nur zu bereit, mich beruhigen zu lassen.

Zuerst lag mir etwas von dem Grau des Morgens auch im Geist, aber dann löste die Sonne sich aus den ebenen Wolken am Horizont und beleuchtete die Welt und verwandelte das bleierne Meer in glitzernde Wasser. Meine Stimmung hob sich. Ein Gefühl von der ungeheuren Bedeutung der Dinge, die ich vollbracht hatte und noch zu vollbringen hatte, kam mit dem Sonnenlicht über meinen Geist. Ich lachte laut auf, als der vorderste der Leute unter meinem Golde stolperte. Ja, wenn ich erst meinen Platz in der Welt einnahm, wie verblüfft würde da die Welt sein!

Wäre nicht meine unmäßige Ermattung gewesen, so wäre der Wirt des Hotels von Littlestone amüsant gewesen, als er zwischen meinem Gold und meiner ehrbaren Begleitung einerseits und meiner schmutzigen Erscheinung andererseits zögerte. Aber schließlich sah ich mich noch einmal wieder in einem irdischen Badezimmer mit warmem Wasser, um mich zu waschen, und mit einem Anzug zum Wechseln, der zwar absurd klein, aber der auf jeden Fall sauber war, und den mir der kleine Mann geliehen hatte. Er lieh mir auch ein Rasiermesser, aber ich konnte meinen Entschluß nicht so weit in die Höhe schrauben, daß ich auch nur die Vorposten des borstigen Bartes in Angriff nahm, der mir das Gesicht bedeckte.

Ich setzte mich zu einem englischen Frühstück und aß mit einer Art matten Appetits – eines viele Wochen alten und sehr gebrechlichen Appetits – und mühte mich ab, die Fragen der vier jungen Leute zu beantworten. Und ich erzählte ihnen die Wahrheit.

»Nun,« sagte ich, »da Sie mich drängen – ich hab es aus dem Mond.«

»Dem Mond?«

»Ja, dem Mond am Himmel.«

»Aber wie meinen Sie das?«

»Wie ich's sage, zum Henker!«

»Daß Sie gerade vom Mond gekommen sind?«

»Ja! durch den Raum – in der Kugel da unten.« Und ich nahm einen köstlichen Mundvoll Ei. Ich nahm mir eine Privatnotiz, wenn ich zum Mond zurückkehrte, wollte ich eine Kiste Eier mitnehmen.

Ich konnte klärlich sehen, daß sie mir kein Wort von dem glaubten, was ich ihnen erzählte, aber offenbar hielten sie mich für den respektabelsten Lügner, dem sie je begegnet waren. Sie warfen einander Blicke zu und konzentrierten dann das Feuer ihrer Augen auf mich. Ich glaube, sie erwarteten einen Schlüssel zu mir in der Art zu finden, wie ich mir Salz nahm. Sie schienen etwas von Bedeutung darin zu finden, daß ich mein Ei pfefferte. Diese seltsam gestalteten Goldmassen, unter denen sie gestolpert waren, hielten sie gebannt. Da lagen die Blöcke vor mir, jeder Tausende von Pfund wert, und für jeden so unmöglich zu stehlen wie ein Haus oder ein Stück Land. Als ich über meine Kaffeetasse auf ihre neugierigen Gesichter blickte, wurde mir etwas von der ungeheuren Wildnis von Erklärungen klar, in die ich mich würde stürzen müssen, um mich wieder verständlich zu machen.

»Sie wollen doch nicht wirklich sagen –«, begann der jüngste junge Mann im Ton dessen, der mit einem halsstarrigen Kinde spricht.

»Bitte, reichen Sie mir den Toastständer,« sagte ich und brachte ihn völlig zum Schweigen.

»Aber hören Sie,« begann einer von den anderen. »Das werden wir nicht glauben, wissen Sie.«

»Ah, gut,« sagte ich und zuckte die Schultern.

»Er will's uns nicht sagen,« sagte der jüngste junge Mann in einem Bühnen-beiseite; und dann mit dem Anschein großen sang froid: »Es ist Ihnen nicht unangenehm, wenn ich eine Zigarette rauche?«

Ich winkte Erlaubnis und fuhr in meinem Frühstück fort. Zwei von den anderen traten an das entferntere Fenster, blickten hinaus und sprachen unhörbar miteinander. Mir kam ein Gedanke. »Die Flut ab?« fragte ich.

Es entstand eine Pause, ein Zweifel, wer mir antworten sollte. »Es ist fast Ebbe,« sagte der fette, kleine Mann.

»Nun, auf jeden Fall«, sagte ich, »kann sie nicht weit treiben.«

Ich enthauptete mein drittes Ei und begann eine kleine Rede. »Sehn Sie,« sagte ich. »Bitte, glauben Sie ja nicht, ich sei mürrisch, oder ich erzähle Ihnen unhöfliche Lügen, oder etwas der Art. Ich sehe mich fast gezwungen, ein wenig kurz und geheimnisvoll zu sein. Ich kann ganz verstehen, daß dies so wunderlich ist, wie es nur sein kann, und daß Ihre Phantasie stark auftragen muß. Ich kann Sie versichern. Sie stehn in einer denkwürdigen Zeit. Aber ich kann es Ihnen jetzt nicht klar machen – es ist unmöglich. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich komme vom Mond, und weiter kann ich Ihnen nichts sagen ... Trotz alledem bin ich Ihnen furchtbar verpflichtet, wissen Sie, furchtbar. Ich hoffe, daß mein Wesen Sie nicht irgendwie verletzt hat.«

»O, nicht im geringsten!« sagte der jüngste junge Mann liebenswürdig. »Wir können das ganz verstehen,« und indem er mich unverwandt scharf ansah, kippte er seinen Stuhl zurück, bis er fast fiel, und richtete sich mit einiger Mühe wieder auf. »Keine Spur,« sagte der fette, junge Mann. »Das müssen Sie nicht denken!« Und sie standen alle auf und zerstreuten sich und gingen umher und zündeten sich Zigaretten an und versuchten überhaupt zu zeigen, daß sie vollkommen liebenswürdig und unbefangen waren, und von der geringsten Neugier über mich und die Sphäre gänzlich frei. »Ich will trotz allem ein Auge auf dem Schiff da draußen behalten,« hörte ich einen von ihnen im Flüsterton bemerken. Wenn sie sich nur dazu hätten zwingen können, ich glaube, sie wären sogar hinausgegangen und hätten mich verlassen. Ich aß mein drittes Ei.

»Das Wetter«, bemerkte der fette, kleine Mann alsbald, »ist kolossal gewesen, nicht? Ich weiß nicht mehr, wann wir einen solchen Sommer ...«

Bumm – sss! Wie eine ungeheure Rakete!

Und irgendwo zerbrach ein Fenster ...

»Was ist das?« sagte ich.

»Es ist doch nicht –?« rief der kleine Mann und stürzte ans Eckfenster.

All die anderen stürzten auch ans Fenster. Ich blieb sitzen und starrte sie an.

Plötzlich sprang ich auf, warf mein drittes Ei um und stürzte auch ans Fenster. Mir war gerade etwas eingefallen. »Nichts zu sehn da,« rief der kleine Mann und stürzte zur Tür.

»Es ist der Junge!« rief ich und schrie in heiserer Wut; »es ist der verfluchte Junge!« und ich drehte mich um, stieß den Kellner beiseite – er brachte mir gerade noch etwas Toast – und stürzte gewaltsam zum Zimmer hinaus auf die wunderliche kleine Esplanade vor dem Hotel.

Die See, die glatt gewesen war, war jetzt rauh vor eilenden Katzenpfoten, und ringsum, wo die Sphäre gelegen hatte, war das Wasser wild wie im Kielwasser eines Schiffes. Oben wirbelte ein kleiner Wolkenstrahl wie sich verziehender Rauch, und die drei oder vier Leute, die aus dem Strande standen, starrten mit fragenden Gesichtern nach dem Punkt dieses unerwarteten Knalls hinauf. Und das war alles! Der Kellner und die vier jungen Leute kamen hinter mir herausgestürzt. Aus Fenstern und Türen ertönten Rufe; allerlei laufende Leute kamen in Sicht – mit offenen Mündern.

Eine Zeitlang stand ich da, von dieser neuen Entwickelung der Dinge zu überwältigt, um an die Leute zu denken.

Erst war ich zu betäubt, um die Sache als ein definitives Unglück anzusehn – ich war einfach betäubt, wie man es von einem zufälligen, heftigen Schlag wird. Erst später beginnt man seinen besonderen Schaden zu schätzen.

»Großer Gott!«

Ich hatte ein Gefühl, als gösse mir jemand aus einer Kanne hinten am Hals Dampf hinunter. Die Beine wurden mir schwach. Mir war zum erstenmal aufgeblitzt, was dieses Unglück für mich bedeutete. Da flog dieser verdammte Junge – himmelhoch! Ich war absolut »geliefert«. Das Gold lag dort im Frühstückszimmer – mein einziger Besitz auf Erden. Wie sollte das alles gehen? Die Gesamtwirkung war die einer riesenhaften, unlenkbaren Verwirrung.

»Hören Sie,« sagte die Stimme des kleinen Mannes hinter mir. » Hören Sie mal, wissen Sie.«

Ich drehte mich um, und dort standen zwanzig oder dreißig Leute, eine Art Blockade von Menschen, die mich alle mit stummen Fragen, mit unendlichem Argwohn und Zweifel bombardierten. Ich fühlte den Antrieb ihrer Augen unerträglich. Ich stöhnte laut.

»Ich kann nicht!« schrie ich. »Ich sage Ihnen, ich kann nicht! Dem bin ich nicht gewachsen! Grübeln Sie's selber heraus – und gehn Sie zum Henker!«

Ich gestikulierte krampfhaft. Er trat einen Schritt zurück, als hätte ich ihn bedroht. Ich brach durch sie hindurch ins Hotel. Ich stürmte ins Frühstückszimmer zurück und schellte wütend. Ich packte den Kellner, als er eintrat. »Hören Sie?« rief ich. »Holen Sie sich Hilfe und tragen Sie diese Stangen sofort auf mein Zimmer.«

Er verstand mich nicht gleich, und ich schrie ihn an und tobte. Ein verschüchtert aussehender kleiner alter Mann in einer grünen Schürze erschien, und weiterhin zwei von den jungen Leuten in Flanell. Ich stürzte auf sie los und kommandierte ihre Dienste. Sobald das Gold auf meinem Zimmer war, fühlte ich mich zum Streit bereit. »Jetzt hinaus!« schrie ich; »Sie alle, hinaus, wenn Sie nicht jemanden vor Ihren Augen wahnsinnig werden sehen wollen!« Und dem Kellner half ich an der Schulter, als er in der Tür zögerte. Und dann, sowie ich die Tür hinter ihnen allen verschlossen hatte, riß ich mir die Kleider des kleinen Mannes wieder ab, warf sie nach rechts und links und ging alsbald zu Bett. Und da lag ich und fluchte und keuchte lange und kühlte ab.

Schließlich war ich ruhig genug, um aus dem Bett zu steigen und den rundäugigen Kellner herauszuschellen, damit er mir ein flanellenes Nachthemd, einen Soda mit Whisky und ein paar gute Zigarren brächte. Und als mir diese Dinge nach einem aufregenden Verzug, der mich mehrmals an die Glocke trieb, gebracht waren, verschloß ich die Tür wieder und begann, der ganzen Situation sehr überlegt ins Gesicht zu blicken.

Das Gesamtresultat des großen Experiments stellte sich als ein absoluter Mißerfolg dar. Es war eine völlige Niederlage, und ich war der einzig Überlebende. Es war ein absoluter Zusammenbruch, und dies war der endgiltige Schlag. Es blieb nichts als mich und soviel ich konnte an Aussichten aus dem débâcle zu retten. Mit einem verhängnisvollen, bekrönenden Schlage waren alle meine unbestimmten Entschlüsse der Rückkehr und der Befreiung verschwunden. Meine Absicht, noch einmal auf den Mond zu gehen, eine Sphäre voll Gold zu holen, und nachher ein Cavoritfragment analysieren zu lassen, um das große Geheimnis so zu retten – schließlich vielleicht gar Cavors Leiche zu retten – all diese Ideen verschwanden völlig.

Ich war der einzig Überlebende, und das war alles.

Ich glaube, daß ich zu Bett ging, war eine der glücklichsten Ideen, die ich je in einer schwierigen Lage gehabt habe. Ich glaube wirklich, ich wäre entweder irre geworden, oder ich hätte etwas Verhängnisvolles, Unbedachtes getan. Aber dort eingeschlossen und vor jeder Unterbrechung sicher, konnte ich die Lage in jeder Hinsicht durchdenken und in Muße meine Vorkehrungen treffen.

Natürlich war mir ganz klar, was dem Jungen begegnet war. Er war in die Sphäre gekrochen, hatte sich mit den Knöpfen zu schaffen gemacht, die Cavoritfenster geschlossen und war aufgeflogen. Es war höchst unwahrscheinlich, daß er den Einsteigeverschluß eingeschraubt hatte, und selbst wenn, so stand die Aussicht tausend zu eins gegen seine Rückkehr. Es war ziemlich klar, daß er mit meinem Ballen bis irgendwo in der Mitte der Sphäre gravitieren mußte und dort bleiben und so aufhören, von rechtmäßigem irdischem Interesse zu sein, so merkwürdig er auch den Bewohnern eines fernen Raumviertels erscheinen mochte. In dem Punkt war ich sehr schnell überzeugt. Und was die Verantwortung anging, die ich in der Sache haben mochte, je mehr ich mir's überlegte, um so klarer wurde mir, wenn ich mich nur über die Dinge ruhig verhielt, so brauchte ich mir in der Hinsicht keine Sorge zu machen. Wenn mir trauernde Eltern entgegentraten, die ihren verlorenen Jungen zurückverlangten, so brauchte ich nur meine Sphäre verlangen – oder sie fragen, was sie meinten. Erst hatte ich eine Vision von weinenden Eltern und Vormündern und von allerlei Komplikationen gehabt; aber jetzt sah ich, daß ich einfach den Mund zu halten brauchte, und nichts der Art war zu befürchten. Und je länger ich dalag und rauchte und nachdachte, um so klarer wurde mir, wie klug die Undurchdringlichkeit wäre.

Es ist das Recht jedes britischen Bürgers, vorausgesetzt, daß er keinen Schaden anrichtet und den Anstand nicht verletzt, plötzlich zu erscheinen, wo er will, und so zerlumpt und schmutzig er will, und so viel von reinem Gold, wie er für angebracht hält, sich aufzuladen, und niemand hat irgendwelches Recht, ihn dabei zu hindern oder aufzuhalten. Das formulierte ich mir schließlich, und ich wiederholte es mir als eine Art privater Magna Charta meiner Freiheit.

Als ich diesen Entscheid einmal beiseite gestellt hatte, konnte ich gewisse Erwägungen in gleicher Weise überlegen, an die ich zuvor kaum zu denken gewagt hätte, nämlich die, die sich aus den Umständen meines Bankrotts ergaben. Aber jetzt, wo ich diese Sache ruhig und in Muße betrachtete, sah ich bald ein, wenn ich nur meine Identität durch die zeitweilige Annahme eines weniger bekannten Namens unterdrückte, und wenn ich den zweimonatlichen Bart stehn ließ, der mir gewachsen war, so wurde das Risiko irgendwelcher Belästigung von seiten des gehässigen Gläubigers, auf den ich schon angespielt habe, sehr gering. Von da aus zu einem bestimmten Plan weltlich vernünftigen Handelns war einfache Fahrt. Es war alles ohne Zweifel verblüffend kleinlich, aber was blieb mir zu tun übrig?

Was ich auch tat, ich war entschlossen, mich auf der Höhe zu halten und mich nicht unterkriegen zu lassen.

Ich bestellte mir Schreibmaterial und schrieb einen Brief an die New Romny Bank – die nächste, wie mir der Kellner sagte – und sagte dem Leiter, ich wünsche ein Konto bei ihm zu eröffnen, und ersuchte ihn, zwei vertrauenswürdige, gut beglaubigte Leute in einem Wagen mit gutem Pferd zu schicken, um ein paar Zentner Gold abholen zu lassen, mit denen ich beladen fei. Ich unterschrieb den Brief »Blake«, was mir als ein durchaus achtbarer Name erschien. Dann ließ ich mir ein Adreßbuch von Folkestone geben, wählte einen Kleiderhändler aus und bat ihn, mir einen Zuschneider zu schicken, um für einen Halbtuchanzug Maß zu nehmen, und bestellte zugleich einen Mantelsack, Kleiderkoffer, braune Stiefel, Hemden, Hüte (zum Anpassen), und so weiter; und bei einem Uhrmacher bestellte ich noch eine Uhr. Und als diese Briese abgeschickt waren, ließ ich mir ein so gutes Lunch heraufbringen, wie das Hotel nur liefern konnte, und lag dann so ruhig und gewöhnlich wie möglich und rauchte eine Zigarre, bis im Einklang mit meinen Anweisungen zwei gebührend beglaubigte Sekretäre von der Bank kamen, mein Gold wogen und forttrugen. Dann zog ich mir die Decken über die Ohren, um jedes Klopfen zu ersticken, und schlief sehr behaglich ein.

Ich schlief ein. Ohne Zweifel war das von dem ersten Menschen, der vom Monde zurückkam, sehr prosaisch, und ich kann mir vorstellen, daß der junge und phantasiereiche Leser mein Benehmen enttäuschend finden wird. Aber ich war furchtbar matt und nervös, und zum Henker! was hätte ich sonst tun sollen? Es war sicherlich nicht die geringste Aussicht vorhanden, daß man mir glaubte, wenn ich meine Geschichte erzählte, und sicherlich auch hätte es mich unerträglichen Ärgerlichkeiten ausgesetzt. Ich ging schlafen. Als ich schließlich wieder aufwachte, war ich bereit, der Welt entgegenzutreten, wie ich stets gewohnt gewesen bin, ihr entgegenzutreten, seit ich zu Jahren des Verstandes kam. Und so fuhr ich nach Italien, und dort schreibe ich diese Geschichte. Wenn die Welt sie als Tatsache nicht haben will, so mag die Welt sie als Dichtung nehmen. Mich geht es nichts an.

Und jetzt, wo der Bericht beendet ist, fühle ich mit Erstaunen, wie völlig dieses Abenteuer vergangen und abgetan ist. Jedermann glaubt, Cavor sei ein nicht sehr erfolgreicher, wissenschaftlicher Experimentator gewesen, der sich und sein Haus zu Lympne in die Luft sprengte, und den Knall, der meiner Ankunft in Littlestone folgte, erklärt man durch einen Hinweis auf die Experimente mit Sprengstoffen, die fortwährend in den Regierungswerkstätten zu Lydd, zwei Meilen entfernt, vorgenommen werden. Ich muß gestehen, daß ich meinen Anteil am Verschwinden Master Tommy Simmons – so hieß der kleine Junge – bislang nicht anerkannt habe. Das mag sich übrigens als ein schwer wegzuerklärender Punkt der Bestätigung erweisen. Meine Erscheinung in Lumpen und mit zwei Stangen unbestreitbaren Goldes auf dem Strande von Littlestone erklärt man auf mancherlei geistreiche Weisen – mich plagt es nicht, was man von mir denkt. Man sagt, ich habe all diese Dinge zusammen erfunden, um nicht zu genau über den Ursprung meines Reichtums befragt zu werden. Ich möchte den Mann sehen, der eine Geschichte erfinden könnte, die zusammenhielte wie diese. Nun, sie müssen sie als Dichtung nehmen – da ist sie.

Ich habe meine Geschichte erzählt – und jetzt glaube ich, habe ich die Plackereien dieses irdischen Lebens wieder aufzunehmen. Selbst wenn man zum Mond gewesen ist, muß man sich doch noch sein Brot verdienen. So arbeite ich hier in Amalfi am Szenarium jenes Dramas, das ich entworfen hatte, ehe Cavor in meine Welt spaziert kam, und ich versuche, mir mein Leben wieder so zusammenzustücken, wie es war, ehe ich ihn jemals sah. Ich muß gestehen, es wird mir schwer, meine Gedanken bei dem Drama zu behalten, wenn mir der Mondschein ins Zimmer kommt. Es ist Vollmond hier, und gestern nacht war ich stundenlang draußen auf der Pergola und starrte auf jene leuchtende Weiße, die so vieles verbirgt. Man stelle sich vor! Tische und Stühle und Gerüste und Stangen aus Gold! Zum Henker! – wenn man nur wieder auf dies Cavorit kommen könnte. Aber so etwas kommt nicht zweimal im Leben. Hier sitze ich, ein wenig bester dran als in Lympne, und das ist alles. Und Cavor hat auf eine umständlichere Art Selbstmord begangen, als je ein menschliches Wesen zuvor getan hat. So schließt die Geschichte so endgültig und vollständig wie ein Traum. Sie stimmt so wenig zu all den anderen Dingen des Lebens, so vieles liegt aller menschlichen Erfahrung so absolut fern, das Springen, das Esten, das Atmen und diese gewichtlosen Zeiten, daß es sogar Momente gibt, in denen ich trotz meines Mondgoldes selber mehr als halb glaube, daß die ganze Sache ein Traum war ...

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