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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 21
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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20
Mr. Bedford im unendlichen Raum

Es war fast, als sei ich getötet gewesen. Wirklich könnte ich mir vorstellen, daß ein plötzlich und gewaltsam Getöteter so ziemlich fühlen würde, was ich fühlte. Einen Moment eine Leidenschaft der Existenz in Todesqual und Angst; im nächsten Dunkel und Stille, weder Licht noch Leben noch Sonne, Mond oder Sterne, das leere Unendliche. Obgleich die Sache durch meinen eigenen Akt geschah, obgleich ich eben diese Wirkung schon in Cavors Gesellschaft gekostet hatte, fühlte ich mich erstaunt, betäubt und überwältigt. Mir war, ich würde in eine ungeheure Dunkelheit emporgetragen. Meine Finger schwebten von den Knöpfen zurück, ich hing wie vernichtet, und schließlich stieß ich sehr sanft und weich gegen den Ballen und die goldene Kette und die Hebestangen, die in die Mitte der Sphäre getrieben waren.

Ich weiß nicht, wie lange das in Anspruch genommen hatte. In der Sphäre war die irdische Zeitempfindung natürlich noch mehr als auf dem Mond unwirksam gemacht. Bei der Berührung mit dem Ballen war es mir, als werde ich aus einem traumlosen Schlaf geweckt. Mir war sofort klar, wenn ich wach und am Leben bleiben wollte, mußte ich Licht machen oder ein Fenster öffnen, so daß ich irgend etwas mit den Augen fassen konnte. Und außerdem fror mich. Ich stieß mich also von dem Ballen ab, klammerte mich an die dünnen Schnüre innerhalb des Glases, kroch bis zum Rande des Einsteigelochs und erhielt so die Richtung zu den Licht- und Jalousieknöpfen hin, stieß mich ab, flog einmal um den Ballen herum, wurde von etwas Großem und Weichem erschreckt, was lose schwebte, faßte die Schnüre ganz dicht bei den Knöpfen mit der Hand und erreichte sie. Zunächst zündete ich die kleine Lampe an, um zu sehen, was das war, womit ich kollidiert war, und entdeckte jene alte Nummer der Lloyd's News, die ihre Verankerung verloren hatte und nun frei im Raume schwebte. Das brachte mich wieder aus dem Unendlichen zu meinen eigenen rechten Verhältnissen zurück. Ich mußte eine Zeitlang lachen und keuchen und kam dadurch auf den Gedanken, ein wenig Sauerstoff aus einem der Zylinder herauszulassen. Dann setzte ich den Heizer in Gang, bis mir warm war, und daraus aß ich. Dann machte ich mich in sehr vorsichtiger Weise an die Cavoritjalousien, um zu sehen, ob ich irgendwie erraten konnte, wie die Sphäre flog.

Die erste Jalousie, die ich öffnete, schloß ich sofort wieder, und ich war eine Zeitlang von dem Sonnenlicht, das mich getroffen hatte, betäubt und geblendet. Nach ein wenig Überlegung machte ich mich an die Fenster im rechten Winkel zu diesem, und das zweite Mal erhielt ich die große Mondsichel und die kleine Erdsichel dahinter. Ich war verblüfft darüber, wie weit ich vom Mond entfernt war. Ich hatte nicht nur darauf gerechnet, daß ich wenig oder nichts von dem »Stoß« erhalten würde, den uns bei unserem Ausbruch die Atmosphäre der Erde gegeben hatte, sondern daß auch der tangentiale »Schwung« der Mondrotation wenigstens achtundzwanzigmal geringer wäre als der der Erde. Ich hatte erwartet, zu sehen, daß ich über unserem Krater hing und am Rande der Nacht, aber all das war jetzt nur noch ein Teil des Umrisses der weißen Sichel, die den Himmel füllte. Und Cavor – –?

Er war schon von unendlicher Kleinheit.

Ich versuchte, mir vorzustellen, was ihm begegnet sein mochte. Aber ich konnte mir nichts anderes denken als den Tod. Mir war, ich sah ihn gekrümmt und zerschmettert am Fuß einer endlos hohen Kaskade des Blaus. Und rings um ihn starrten die stupiden Insekten ...

Unter dem inspirierenden Einflusse der schwebenden Zeitung wurde ich wieder auf eine Zeitlang praktisch. Mir war ganz klar, was ich tun mußte, zur Erde zurückkehren, aber soweit ich sehen konnte, flog ich von ihr fort. Was Cavor auch geschehen war, selbst wenn er noch lebte, was mir nach jenem blutbefleckten Zettel unmöglich schien, ich war ohnmächtig, ihm zu helfen. Dort hinten war er, lebendig oder tot unter dem Mantel jener strahlenlosen Nacht, und dort mußte er bleiben, wenigstens, bis ich unsere Mitmenschen zu seiner Hilfe herbeirufen konnte. Sollte ich das tun? Etwas der Art hatte ich im Sinn; wenn es möglich war, auf die Erde zurückzukehren, und dann, wie es reifere Überlegung beschließen mochte, entweder die Sphäre ein paar diskreten Menschen zeigen und erklären und mit ihnen handeln, oder aber mein Geheimnis behalten, mein Gold verkaufen, Waffen, Vorräte und einen Assistenten erwerben, und mit diesen Vorteilen ausgerüstet zurückkehren, um dem gebrechlichen Mondvolk bei meinem Kampf gewachsen zu sein, Cavor zu befreien, wenn das noch möglich war, und auf jeden Fall eine genügende Menge Goldes mitzunehmen, um meine künftigen Unternehmungen auf eine festere Basis zu stellen. Aber das hieß weit hoffen, erst mußte ich zurückkommen.

Ich machte mich daran, nun erst genauer zu entscheiden, wie die Rückkehr zur Erde bewerkstelligt werden konnte. Als ich mit diesem Problem rang, quälte ich mich nicht mehr mit dem ab, was ich tun sollte, wenn ich hinkam. Schließlich war meine einzige Sorge die, zurückzukommen.

Ich überlegte mir schließlich, die beste Möglichkeit für mich sei die, so nahe ich wagen konnte, zum Mond zurückzufallen, um Geschwindigkeit zu erlangen, dann meine Fenster zu schließen und an ihm vorbeizufliegen, und wenn ich vorbei war, meine Fenster erdwärts zu öffnen, und so mit gutem Schritt heimwärts davonzufliegen. Aber ob ich die Erde auf diese Art jemals erreichen würde, oder ob ich nicht einfach in einer hyperbolischen oder parabolischen Kurve oder irgendwie um sie herumschwingen würde, vermochte ich nicht zu sagen. Später hatte ich einen glücklichen Einfall, und dadurch, daß ich gewisse Fenster nach dem Monde zu öffnete, der am Himmel vor der Erde erschienen war, wandte ich meinen Flug in der Weise seitwärts, daß ich der Erde entgegenkam, denn mir war offenbar geworden, daß ich ohne ein solches Auskunftsmittel an ihr hätte vorbeifliegen müssen. Ich vollführte eine Menge komplizierten Denkens über diese Probleme – denn ich bin kein Mathematiker – und schließlich bin ich sicher, daß mich vielmehr mein gutes Glück als meine Schlüsse befähigten, die Erde zu treffen. Hätte ich die mathematischen Chancen gegen mich damals gekannt, wie ich sie jetzt kenne, so ist mir zweifelhaft, ob ich mir auch nur die Mühe gemacht hätte, die Knöpfe zu berühren, um es zu versuchen. Und als ich ausgeklügelt hatte, was ich für das Richtige hielt, öffnete ich alle meine Fenster mondwärts und kauerte mich nieder – die Anstrengung hob mich eine Zeitlang einige Fuß oder so in die Luft und ich blieb dort auf die sonderbarste Art hängen – und wartete, daß die Sichel größer und größer werden sollte, bis ich fühlte, daß ich ihr nahe genug sei. Dann wollte ich die Fenster schließen, mit der Geschwindigkeit, die er mir gegeben hatte, am Mond vorbeizufliegen – wenn ich nicht auf ihm zerschmetterte – und so zur Erde weiterwandern.

Und so machte ich es.

Schließlich fühlte ich, daß mein Schwung mondwärts genügte. Ich schloß den Mond aus meine Gesichtsfeld aus und setzte mich in einem Geisteszustand, der, wie ich mich jetzt erinnere, von Angst oder irgendwelcher Beklemmung unglaublich frei war, hin, um in diesem kleinen Staubkorn der Materie im unendlichen Raum eine Wache zu beginnen, die dauern sollte, bis ich die Erde berühren würde. Der Heizer hatte die Sphäre erträglich erwärmt, die Luft war durch den Sauerstoff erfrischt, und abgesehen von der leichten Kongestion im Kopf, die mich nicht verlassen hatte, solange ich von der Erde fort war, fühlte ich völliges physisches Behagen. Ich hatte das Licht wieder verlöscht, damit es mir nicht schließlich versagte, ich saß, abgesehen vom Erdschein und dem Glitzern der Sterne unter mir, im Dunkeln. Alles war so absolut still, daß ich wirklich das einzige Wesen im All hätte sein können, und doch hatte ich seltsamerweise so wenig die Empfindung der Einsamkeit oder Furcht, wie wenn ich aus der Erde im Bett gelegen hätte. Und das erscheint mir nur um so merkwürdiger, als die Empfindung meiner absoluten Verlassenheit während der letzten Stunden in jenem Mondkrater bis zur Todesqual gestiegen war ...

So unglaublich es scheinen wird, dieser Zeitraum, den ich im Raum verbrachte, steht in keinerlei Verhältnis zu irgendwelchem anderen Zeitraum in meinem Leben. Bisweilen schien es, als säße ich dort unermeßliche Ewigkeiten hindurch, irgendeinem Gott auf einem Lotosblatte gleich, und dann wieder, als sei es nur eine momentane Pause, während der ich vom Mond zur Erde sprang. In Wirklichkeit dauerte es einige Wochen irdischer Zeit. Aber während dieser Zeit hatte ich mit Sorge und Angst, Hunger oder Furcht abgeschlossen. Ich schwebte, und ich dachte mit seltsamer Weite und Freiheit an alles, was wir durchgemacht hatten, und an mein ganzes Leben und an all meine Motive und die geheimen Ergebnisse meines Wesens. Ich schien mir selber größer und größer geworden zu sein, jedes Gefühl der Bewegung verloren zu haben; unter den Sternen zu schwimmen; und fortwährend lag die Empfindung von der Kleinheit der Erde und von der unendlichen Kleinheit meines Lebens auf ihr in meinen Gedanken eingeschlossen.

Ich kann mir nicht anmaßen, die Dinge, die in meinem Geiste vorgingen, zu erklären. Ohne Zweifel würden sie sich alle direkt oder indirekt auf die sonderbaren physikalischen Verhältnisse zurückführen lassen, unter denen ich lebte. Ich gebe sie hier nur als das, was sie sind, und ohne Kommentar. Das Auffallendste daran war ein durchdringender Zweifel an meiner eigenen Identität. Ich war, wenn ich es so ausdrücken darf, von Bedford losgelöst; ich blickte auf Bedford als auf etwas Triviales, Zufälliges herab, mit dem ich eben in Verbindung stand. Ich sah Bedford in vielen Beziehungen – als einen Esel oder als ein armes Vieh, wo ich bisher geneigt gewesen war, ihn mit einem ruhigen Stolz als einen sehr geistvollen oder ziemlich zwingenden Menschen anzusehen. Ich sah ihn nicht nur als einen Esel, sondern als den Sohn vieler Generationen von Eseln. Ich ging seine Schultage und seine frühere Mannheit durch, und seine erste Begegnung mit der Liebe, ziemlich so, wie man die Unternehmungen einer Ameise im Sande durchgehn mochte ... Etwas von jener Periode der Helle hängt zu meinem Bedauern noch um mich, und ich zweifle, ob ich die vollleibige Selbstzufriedenheit meiner früheren Tage je wiedererlangen werde. Aber damals war die Sache nicht im geringsten schmerzlich, weil ich jene außerordentliche Überzeugung hatte, daß ich tatsächlich so wenig Bedford sei, wie irgend jemand sonst, sondern nur ein Geist, der durch die stille Heiterkeit des Raums schwebte. Warum sollten mich die Mängel dieses Bedford stören? Ich war weder für ihn noch für sie verantwortlich.

Eine Zeitlang rang ich gegen diese wirklich sehr groteske Täuschung. Ich versuchte, das Gedächtnis lebhafter Momente, zärtlicher oder intensiver Gefühle zu Hilfe zu rufen; ich fühlte, wenn ich einen einzigen echten Stich der Empfindung wachrufen könnte, würde die wachsende Trennung aufhören. Aber das konnte ich nicht. Ich sah Bedford Chancery Lane hinunterstürmen, den Hut auf dem Hinterkopfe, die Rockschöße fliegend: en route zu seinem öffentlichen Examen. Ich sah ihn sich vor anderen ähnlichen kleinen Geschöpfen in jener vollen Gosse von Menschen ducken, gegen sie prallen, sie sogar grüßen. Ich? Ich sah Bedford am gleichen Abend im Wohnzimmer einer gewissen Dame, und sein Hut lag auf dem Tisch neben ihm, und er hatte die Bürste arg nötig, und Bedford war in Tränen. Ich? Ich sah ihn mit jener Dame in verschiedenen Haltungen und Erregungen – ich hatte mich noch nie so losgelöst gefühlt ... Ich sah ihn nach Lympne davoneilen, um ein Drama zu schreiben, Cavor anreden und in seinen Hemdsärmeln an der Sphäre arbeiten und nach Canterbury hinausgehen, weil er sich mitzukommen fürchtete! Ich? Ich glaubte es nicht.

Ich überlegte mir noch, all dies seien Halluzinationen infolge meiner Einsamkeit und der Tatsache, daß ich all mein Gewicht und jedes Gefühl des Widerstandes verloren hatte. Ich bemühte mich, dieses Gefühl wiederzuerlangen, indem ich mich in der Sphäre umherstieß, indem ich mir die Hände kniff und sie zusammenpreßte. Unter anderem machte ich Licht und las jene überzeugend realistischen Annoncen in der zerrissenen Nummer der Lloyd's News, über das Fahrrad, über den Herrn von privaten Mitteln und die Dame in Not, die jene »Gabeln und Löffel« verkaufen wollte. Es war kein Zweifel, sie existierte sicher genug, und ich sagte: »Dies ist deine Welt, und du bist Bedford, und du kehrst zurück, um den ganzen Rest deines Lebens unter solchen Dingen zu leben.« Aber die Zweifel in mir konnten noch geltend machen: »Nicht du liest das, sondern Bedford, aber du bist nicht Bedford, wie du weißt. Da liegt gerade der Fehler.«

»Zum Henker!« rief ich, »und wenn ich nicht Bedford bin, was bin ich da?«

Aber in der Richtung kam kein Licht, obgleich mir die sonderbarsten Einbildungen ins Gehirn getrieben kamen, wunderliche ferne Argwöhne, Schatten gleich, die man von ferne sieht. Wissen Sie, ich hatte eine Art Idee, daß ich wirklich etwas war, was nicht nur ganz außerhalb der Welt, sondern aller Welten lag, und außerhalb von Raum und Zeit, und daß dieser arme Bedford nur gerade ein Guckloch war, durch das ich aufs Leben blickte ...

Bedford! So sehr ich ihn auch verleugnete, ich war gewißlich mit ihm zusammengebunden und ich wußte, wo auch immer, oder was auch immer ich fein mochte, ich mußte stets den Druck seiner Wünsche fühlen und all seine Freuden und Leiden mitfühlen, bis sein Leben enden würde. Und mit Bedfords Tode – was dann? ...

Genug von dieser merkwürdigen Phase meiner Erlebnisse! Ich erzähle das hier einfach, um zu zeigen, wie die Isolation und die Entfernung von diesem Planeten nicht nur die Funktionen und Empfindungen jedes Körperorgans, sondern auch den ganzen Bau des Geistes mit seltsamen und ungeahnten Störungen berührte. Während des ganzen größeren Teils jener ungeheuren Reise durch den Raum dachte ich immerfort an solche immateriellen Dinge wie diese, hing ich da, losgelöst und apathisch, ein wolkenhafter Megalomane gleichsam, zwischen Sternen und Planeten in der Leere des Raums; und nicht nur die Welt, in die ich zurückkehrte, sondern auch die blauerleuchteten Höhlen der Seleniten, ihre Helmgesichter, ihre gigantischen und wunderbaren Maschinen und das Schicksal Cavors, der hilflos in jene Welt hineingeschleppt war, erschienen mir als unendlich winzige und völlig triviale Dinge.

Bis ich schließlich die volle Zugkraft der Erde auf meinem Wesen fühlte, die mich in das Leben zurückzog, das für die Menschen wirklich ist. Und da wurde es mir freilich immer klarer, daß ich schließlich doch ganz sicher Bedford war, und daß ich nach erstaunlichen Abenteuern in diese unsere Welt zurückkehrte und ein Leben besaß, das ich sehr wahrscheinlich bei dieser Rückkehr verlieren mußte. Ich begann die Bedingungen auszuklügeln, unter denen ich auf die Erde fallen mußte.

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