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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 20
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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19
Mr. Bedford allein

Nach einer kleinen Weile war es mir, als sei ich immer allein auf dem Mond gewesen. Ich suchte eine Zeitlang mit einer gewissen Spannung, aber die Hitze war noch sehr groß, und die Dünne der Luft lag einem wie ein Reifen um die Brust. Dann kam ich in ein hohles Becken, das um seinen Rand herum von großem, braunem, trockenem Laube starrte, und unter ihm setzte ich mich hin, um auszuruhen und abzukühlen. Ich legte meine Keulen neben mir nieder und setzte mich, indem ich das Kinn in die Hände stützte. Ich sah mit einer Art farblosem Interesse, daß die Felsen des Bassins, wo hier und dort die knisternden, trockenen Flechten zusammengeschrumpft waren und den Stein sehen ließen, ganz mit Gold durchädert und gesprenkelt waren, und daß hier und dort Buckel runden und runzligen Goldes aus der Spreu hervorragten. Was kam noch darauf an? Eine Art Mattigkeit hielt Glieder und Geist gefangen, ich glaubte einen Moment lang nicht daran, daß wir die Sphäre in dieser ungeheuren vertrockneten Wildnis jemals finden würden. Es war, als fehle mir das Motiv zur Anstrengung, bis die Seleniten kämen. Dann, glaubte ich, würde ich mich anstrengen und jenem unvernünftigen Imperativ gehorchen, der den Menschen vor allen anderen Dingen drängt, sein Leben zu erhalten und zu verteidigen, wenn er es auch nur erhält, um nach einer kleinen Weile um so schmerzhafter zu sterben.

Warum waren wir auf den Mond gekommen?

Die Sache stellte sich mir als ein verblüffendes Problem dar. Was ist dieser Geist im Menschen, der ihn ewig drängt, sich von Glück und Sicherheit zu trennen, sich zu plagen, sich in Gefahr zu begeben, selbst eine ziemliche Gewißheit des Todes zu riskieren? Dort auf dem Monde dämmerte es mir als etwas auf, was ich immer hätte wissen müssen, daß der Mensch nicht einfach geschaffen ist, sicher und behaglich und wohlgenährt und amüsiert umherzulaufen. Fast jeder Mensch wird, wenn man ihm die Frage vorlegt, nicht mit Worten, sondern unter der Form von Gelegenheiten, zeigen, daß er das weiß. Gegen sein Interesse, gegen sein Glück wird er beständig getrieben, unvernünftige Dinge zu tun. Eine Kraft, die nicht er ist, treibt ihn, und er muß gehen. Aber warum? Warum? Als ich dort mitten unter jenem nutzlosen Mondgolde saß, mitten unter den Dingen einer anderen Welt, da habe ich über mein ganzes Leben abgerechnet. Ich nahm an, ich werde als Schiffbrüchiger auf dem Monde sterben, und da konnte ich durchaus nicht einsehen, welchem Zweck ich gedient hatte. Ich erhielt kein Licht über diesen Punkt, aber auf jeden Fall war es mir klarer, als es mir je zuvor in meinem Leben gewesen war, daß ich nicht meinem eigenen Zwecke diente, daß ich in Wahrheit mein ganzes Leben lang nie den Zwecken meines eigensten Lebens gedient hatte. Wessen Zwecken, was für Zwecken diente ich? ... Ich spekulierte nicht mehr darüber, warum wir auf den Mond gekommen waren, sondern ich griff weiter aus. Warum war ich auf die Erde gekommen? Warum hatte ich überhaupt ein eigenes Leben? ... Ich verlor mich schließlich in bodenlosen Spekulationen.

Meine Gedanken wurden unbestimmt und wolkig und führten nicht länger in bestimmte Richtungen. Ich hatte mich nicht schwer oder müde gefühlt – ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand das auf dem Monde tat – aber ich denke mir, ich war sehr angestrengt. Auf jeden Fall schlief ich ein.

Der Schlummer dort, glaube ich, ruhte mich sehr aus, und all die Zeit, während ich schlief, sank die Sonne, und die Gewalt der Hitze ließ nach. Als ich schließlich durch ein fernes Geschrei aus dem Schlafe erwachte, fühlte ich mich wieder kräftig und fähig. Ich rieb mir die Augen und reckte die Arme. Ich erhob mich auf die Füße – ich war ein wenig steif – und machte sofort Anstalt, meine Suche wieder aufzunehmen. Ich schulterte meine goldenen Keulen, auf jeder Schulter eine, und verließ die Schlucht aus dem goldadrigen Fels.

Die Sonne stand sicherlich niedriger, viel niedriger, als sie gestanden hatte; die Luft war sehr viel kühler. Ich merkte, daß ich einige Zeit geschlafen haben mußte. Mir schien, um die westlichen Klippen hinge ein leichter Hauch nebliger Bläue. Ich sprang auf einen kleinen Felsbuckel und überblickte den Krater. Ich konnte kein Anzeichen von Mondkälbern oder Seleniten sehen; auch Cavor konnte ich nicht sehen, aber ich sah weit weg mein Taschentuch auf einem Dornendickicht ausgebreitet. Ich blickte um mich und sprang dann zum nächsten passenden Aussichtspunkt weiter.

Ich schlug meinen Halbkreis um den Ausgangspunkt, und dann zurück in einem noch weiteren Bogen. Es war sehr anstrengend und hoffnungslos. Die Luft war wirklich sehr viel kühler, und mir schien, der Schatten unter der westlichen Klippe wurde breit. Hin und wieder stand ich still und rekognoszierte; aber ich sah kein Zeichen von Cavor, kein Zeichen von den Seleniten; und mir schien, die Mondkälber mußten wieder ins Innere getrieben sein – ich konnte keine von ihnen sehen. Mein Verlangen, Cavor zu sehen, wurde immer größer. Der geflügelte Umriß der Sonne war jetzt so weit gesunken, daß sie kaum noch um ihren Durchmesser vom Himmelsrand entfernt war. Mich bedrückte der Gedanke, die Seleniten würden alsbald ihre Deckel und Tore schließen und uns in dem unerbittlichen Ansturm der Mondnacht ausschließen. Es schien mir hohe Zeit zu sein, daß er sein Suchen aufgab, und daß wir uns miteinander berieten. Ich fühlte, wie dringlich es war, daß wir uns bald über unseren Weg entschieden. Die Sphäre zu finden, war uns nicht gelungen, wir hatten keine Zeit mehr, sie zu suchen, und waren diese Tore einmal geschlossen und wir noch draußen, so waren wir verlorene Menschen. Die große Nacht des Raums mußte sich auf uns senken – jene Schwärze der Leere, die der einzige absolute Tod ist. Mein ganzes Wesen schrak vor ihrem Nahen zurück. Wir mußten wieder in den Mond zurück, und wenn wir dabei auch erschlagen wurden. Mich verfolgte die Vision, wie wir zu Tode erfroren, wie wir mit unserer letzten Kraft gegen die Tore des großen Schachtes hämmerten.

Ich dachte mit keinem Gedanken mehr an die Sphäre. Ich dachte nur noch daran, Cavor wiederzufinden. Ich war halb geneigt, lieber ohne ihn in den Mond zurückzukehren, als ihn zu suchen, bis es zu spät wäre. Ich war schon halbwegs bis zu unserm Taschentuch zurück, als ich plötzlich – –

Die Sphäre sah!

Ich fand sie nicht so sehr, wie sie mich fand. Sie lag viel weiter nach Westen als ich gegangen war, und die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, die von ihrem Glase widerstrahlten, hatten mir ihre Gegenwart plötzlich durch einen blendenden Strahl offenbart. Einen Moment dachte ich, dies sei ein neuer Anschlag der Seleniten gegen uns, und dann begriff ich.

Ich warf die Arme in die Höhe, stieß einen gespenstischen Schrei aus und flog in weiten Sätzen auf sie zu. Ich fehlte bei einem der Sprünge, stürzte in eine tiefe Schlucht und verrenkte mir den Fußknöchel, und von da an stolperte ich fast bei jedem Satz. Ich war in einem Zustande hysterischer Erregung, zitterte heftig und war längst, ehe ich hinkam, völlig außer Atem. Wenigstens dreimal mußte ich, mit den Händen an den Seiten, stehen bleiben, und trotz der Dünne der Luft stand mir der Schweiß naß auf dem Gesicht.

Ich dachte an nichts als an die Sphäre, bis ich sie erreicht hatte, ich vergaß sogar meine Unruhe über Cavors Verbleib. Mein letzter Sprung warf mich mit den Händen hart gegen ihr Glas; dann lag ich keuchend an ihr und versuchte vergebens zu rufen: »Cavor! hier ist die Sphäre!« Als ich mich ein wenig erholt hatte, spähte ich durch das dicke Glas, und die Dinge drinnen schienen durcheinandergeworfen. Ich bückte mich, um aus größerer Nähe zu blicken. Dann versuchte ich, hineinzukommen. Ich mußte sie ein wenig kippen, um den Kopf durch das Einsteigeloch zu bringen. Der Schraubdeckel lag drinnen, und ich konnte sehen, daß nichts angerührt war, nichts gelitten hatte. Sie lag da, wie wir sie verlassen hatten, als wir mitten im Schnee hinausgestiegen waren. Eine Zeitlang war ich ganz damit beschäftigt, dies Inventar wieder und wieder aufzunehmen. Ich merkte, daß ich heftig zitterte. Es tat gut, wieder dies vertraute dunkle Innere zu sehen! Ich kann nicht sagen wie gut. Alsbald kroch ich hinein und setzte mich unter die Dinge. Ich blickte durch das Glas auf die Mondwelt hinaus und schauerte. Ich legte meine goldenen Keulen auf den Ballen und suchte und nahm ein wenig Nahrung zu mir; nicht so sehr, weil ich das Bedürfnis fühlte, als weil sie da war. Dann fiel mir ein, daß es Zeit sei, hinzugehen und Cavor Signale zu geben. Irgend etwas hielt mich an der Sphäre fest.

Nun kam doch noch alles zurecht. Noch würde Zeit genug sein, mehr von dem magischen Stein zu holen, der einem Gewalt über die Menschen gibt. Da hinten, nah zur Hand, lag Gold zum Aufnehmen umher; und die Sphäre machte ihre Reise, wenn sie halb voll Gold war, so gut, wie wenn sie leer war. Jetzt konnten wir zurückgehen, Herren über uns und unsere Welt, und dann –

Schließlich raffte ich mich auf und stieg mit einer Anstrengung aus der Sphäre heraus. Ich schauerte, als ich auftauchte, denn die Abendluft wurde sehr kalt. Ich stand in der Höhlung still und starrte um mich. Ich sah mir die Büsche rings sehr sorgfältig an, ehe ich zu dem Felsenrande nahebei davonsprang und den Sprung noch einmal machte, der mein erster auf dem Mond gewesen war. Aber jetzt machte ich ihn ohne jede Anstrengung.

Das Wachstum und der Verfall der Vegetation war rasch vorgeschritten, und der ganze Anblick der Felsen war verändert, aber noch war es möglich, den Hang herauszufinden, auf dem die Samen gekeimt hatten, und die Felsenmasse, von der aus wir unsern ersten Umblick im Krater gehalten hatten. Aber das Dorngesträuch auf dem Hange stand jetzt braun und dürr da und dreißig Fuß hoch, und es warf lange Schatten, die sich bis über das Gesichtsfeld hinaus erstreckten, und die kleinen Samen, die wie Trauben an seinen oberen Zweigen hingen, waren braun und reif. Seine Arbeit war getan, und es war zerbrechlich und bereit, unter der gefrierenden Luft abzufallen und zu zerbröckeln, sowie die Nacht herabsank. Und die riesigen Kakteen, die unter unsern Augen aufgeschwollen waren, waren längst geborsten und hatten ihre Sporen längst in die vier Richtungen des Mondes zerstreut. Ein erstaunlicher kleiner Winkel im Weltall – der Landungsplatz von Menschen!

Eines Tages, dachte ich, will ich dort genau in der Mitte der Mulde eine Inschrift errichten lassen. Mir fiel ein, wenn die schwangere Welt da drinnen nur von der vollen Bedeutung des Momentes wüßte, wie wütend würde ihr Tumult da werden!

Aber bis jetzt konnte sie kaum von der Bedeutung unseres Kommens wissen. Denn sonst würde der Krater sicherlich ein Aufruhr der Verfolgung sein, statt stille wie der Tod! Ich blickte mich nach einer Stelle um, von der aus ich Cavor würde Zeichen geben können, und ich sah eben den Felsenhaufen, auf den er von meinem gegenwärtigen Standpunkt aus gesprungen war, noch nackt und unfruchtbar in der Sonne liegen. Einen Moment lang zögerte ich, mich so weit von der Sphäre zu entfernen. Dann sprang ich mit einem Stich der Scham über dieses Zögern los ...

Von dieser Höhe aus überblickte ich den Krater von neuem. Weit hinten an der Spitze des ungeheuren Schattens, den ich warf, flatterte das kleine weiße Taschentuch auf den Büschen. Es war sehr klein und fern, und Cavor war nicht zu sehen. Mir schien, mittlerweile sollte er nach mir ausschauen. Das war die Verabredung. Aber er war nirgends zu sehen.

Ich stand und wartete und wachte, die Hände über den Augen, und ich erwartete, ihn jeden Augenblick zu erkennen. Sehr wahrscheinlich habe ich lange Zeit dort gestanden. Ich versuchte zu rufen und wurde an die Dünne der Luft erinnert. Ich tat einen unentschiedenen Schritt zur Sphäre zurück. Aber eine lauernde Angst vor den Seleniten ließ mich zögern, meinen Aufenthalt zu signalisieren, indem ich eine unserer Schlafdecken auf die benachbarten Büsche hißte. Ich durchsuchte den Krater von neuem.

Er zeigte einen Ausdruck der Leere, der mich durchschauerte. Und es war still! Jeder Ton von den Seleniten in der Welt dort unten war erstorben. Es war still wie der Tod. Abgesehen von dem leisen Geräusch des Gebüsches in dem dünnen Winde, der sich erhob, war kein Ton und kein Schatten von einem Ton zu hören. Und der Wind war kalt.

Zum Henker mit Cavor!

Ich holte tief Atem. Ich legte die Hände an die Seiten des Mundes. »Cavor!« schrie ich, und es klang, wie wenn ein Zwerg in weiter Ferne riefe.

Ich sah nach dem Taschentuche, ich sah hinter mich auf den breiter werdenden Schatten der westlichen Klippe, ich blickte unter der Hand hervor nach der Sonne. Mir schien, sie kroch fast sichtlich den Himmel hinab.

Ich fühlte, ich mußte sofort handeln, wenn ich Cavor retten wollte. Ich riß meine Weste herunter und warf sie als Zeichen auf die dürren Bajonettsträucher hinter mir und sprang dann in gerader Linie auf das Taschentuch zu davon. Es war vielleicht seine zwei Meilen entfernt – eine Sache von ein paar hundert Sprüngen und Sätzen. Ich habe schon erzählt, wie man während dieser Mondsprünge zu hängen schien. Bei jedem Schweben suchte ich Cavor und wunderte mich, warum er verborgen sein mochte. Bei jedem Sprunge konnte ich die Sonne hinter mir sinken fühlen. Jedesmal, wenn ich den Boden berührte, war ich in Versuchung, zurückzukehren.

Ein letzter Sprung und ich stand in der Senkung unterhalb unseres Taschentuchs, ein Satz, und ich stand in Armesbreite von ihm auf unserer früheren Höhe. Ich richtete mich gerade auf und durchsuchte die Welt um mich zwischen den länger werdenden Schattenstreifen. Weit weg, einen Hang hinunter, lag die Mündung des Tunnels, durch den wir geflohen waren, und mein Schatten reichte bis zu ihr hin, reckte sich bis zu ihr und berührte sie wie ein Finger der Nacht.

Kein Zeichen von Cavor, kein Ton in all der Stille, nur daß sich das Regen und Schwanken der Büsche und der Schatten mehrte. Und plötzlich überlief mich ein heftiger Schauer. »Cav–« begann ich, und wieder wurde mir die Wirkungslosigkeit der menschlichen Stimme in dieser dünnen Luft klar.

Stille. Die Stille des Todes.

Dann fiel mein Auge auf etwas – etwas kleines, was vielleicht fünfzig Meter entfernt, den Hang hinunter unter einer Streu von verbogenen und zerbrochenen Zweigen lag. Was war das? Ich wußte es, und doch, aus irgendeinem Grunde wollte ich es nicht wissen.

Ich ging näher hin. Es war die kleine Kricketmütze, die Cavor getragen hatte. Ich berührte sie nicht, ich blieb stehen und sah sie an.

Dann sah ich, daß die zerstreuten Zweige rings gewaltsam zerbrochen und zerstampft worden waren. Ich zögerte, trat hin und hob sie auf. Ich hielt Cavors Mütze in der Hand und starrte auf die zerstampften Rohre und Dornen um mich. Auf einigen sah ich kleine Flecken von etwas Dunklem, von etwas, was ich nicht zu berühren wagte. Ein Dutzend Meter entfernt, vielleicht, zog der sich erhebende Wind etwas in Sicht, etwas Kleines und lebhaft Weißes.

Es war ein kleines Stück festzusammengeknüllten Papiers, wie als wäre es fest gepackt gewesen. Ich hob es auf, und es waren rote Flecken darauf. Mir fielen schwache Bleistiftzeichen ins Auge. Ich strich es glatt und sah eine unebene und gebrochene Schrift, die schließlich in einen krummen Strich auslief, auf dem Papier.

Ich begann, dies zu entziffern.

»Ich bin am Knie verletzt, ich glaube, meine Kniescheibe ist gebrochen, und ich kann weder laufen noch kriechen,« begann es – ziemlich deutlich geschrieben.

Dann weiter leserlich: »Sie haben mich seit einiger Zeit gejagt, und es ist nur eine Frage der –« hier schien das Wort »Zeit« geschrieben gewesen zu sein, war aber zugunsten von etwas Unleserlichem ausgestrichen – »daß sie mich fangen. Sie haben mich völlig eingeschlossen.«

Dann wurde die Schrift krampfhaft. »Ich kann sie hören,« rief ich, mochten die Schriftzüge bedeuten, und dann waren sie eine Zeitlang völlig unleserlich. Dann folgte eine kleine Reihe von ganz deutlichen Worten: »eine völlig andere Art von Seleniten, die zu leiten scheinen – –« Die Schrift wurde wieder ein bloßer hastiger Wirrwarr.

»Sie haben größere Hirnschalen – – viel größere, und schlankere Körper, und sehr kurze Beine. Sie machen leise Geräusche und bewegen sich mit organisierter Überlegung ...

»Und obgleich ich verwundet und hilflos daliege, gibt mir ihre Erscheinung doch noch Hoffnung –« Das war ganz Cavor. »Sie haben nicht auf mich geschossen und auch nicht versucht ... Schaden ... Ich gedenke – –«

Dann kam der plötzliche Strich des Bleistifts quer über das Papier und auf dem Rücken und den Rändern – Blut!

Und als ich stupid und verblüfft dastand, mit dieser verwirrenden Reliquie in der Hand, berührte einen Moment etwas sehr Leichtes und Kaltes meine Hand und hörte dann auf zu sein, und dann flog etwas, ein kleiner, weißer Fleck, quer durch einen Schatten. Es war eine winzige Schneeflocke, die erste Schneeflocke, der Herold der Nacht.

Ich fuhr zusammen und blickte auf, und der Himmel war jetzt fast schwarz geworden, und er war dicht besetzt mit einer sich sammelnden Menge kalt wachsamer Sterne. Ich blickte nach Osten, und das Licht dieser verschrumpften Welt war mit düsterer Bronze getönt; nach Westen, und die Sonne, der jetzt ein dichter werdender weißer Nebel, die Hälfte ihrer Wärme und ihres Glanzes raubte, berührte den Kraterrand, sank außer Sicht, und all die Sträucher und die zackigen und getürmten Felsen hoben sich in einem spitzigen Wirrwarr schwarzer Gestalten gegen sie ab. In den großen See des Dunkels nach Westen sank ein weiter Nebelkranz. Ein kalter Wind ließ den ganzen Krater erschauern. Plötzlich stand ich auf einen Moment in einer Wolke fallenden Schnees, und die ganze Welt rings schien mir grau und dunkel.

Und dann hörte ich, nicht laut und durchdringend wie zuerst, sondern blaß und undeutlich wie eine sterbende Stimme jenes selbe Schlagen, jenes Schlagen, das die Ankunft des Tages willkommen geheißen hatte: Bumm! ... Bumm! ... Bumm! ...

Es echote im Krater rings, es schien mit dem Pochen der größeren Sterne zu pochen, der blutrote Bogen der Sonnenscheibe sank, als es hinaufdröhnte: Bumm! ... Bumm! ... Bumm! ...

Was war Cavor zugestoßen? Während des ganzen Schlagens stand ich stumpfsinnig da, und schließlich hörte das Schlagen auf.

Und plötzlich schloß sich da unten die offene Mündung des Tunnels wie ein Auge und verschwand dem Blick.

Jetzt war ich wirklich allein.

Über mir, um mich, mich umschließend, mich immer enger umarmend, – lag das Ewige; das, was vor dem Anfang war, und das, was über das Ende hinaus triumphiert; jene ungeheure Leere, in der alles Licht und Leben und Sein nur der dünne und verschwindende Glanz eines fallenden Sternes ist – die Kälte, die Stille, das Schweigen – die unendliche und endgiltige Nacht des Raums.

Die Empfindung der Einsamkeit und Verlassenheit wurde zum Gefühl einer überwältigenden Wesenheit, die sich zu mir neigte, die mich fast berührte.

»Nein!« rief ich. »Nein! Noch nicht! Noch nicht! Warte! Warte! O, warte!« Meine Stimme stieg zu einem Schrei. Ich schleuderte das zerknüllte Papier von mir, kletterte auf den Kamm zurück, um meine Richtung zu finden, und sprang dann mit allem Willen, der in mir war, auf das Zeichen zu, das ich zurückgelassen hatte, und das jetzt fern und dunkel schon am Rande des Schattens lag.

Sprung, Sprung, Sprung, und jeder Sprung dauerte schier sieben Jahre.

Vor mir sank und sank der bleiche, schlangenumgürtete Bogen der Sonne, und der vorrückende Schalten flog, um die Sphäre zu fassen, ehe ich sie erreichen konnte. Ich war noch zwei Meilen entfernt, hundert Sprünge oder mehr, und die Luft um mich wurde dünner, wie sie unter einer Luftpumpe dünner wird, und die Kälte griff mir nach den Gliedern. Aber wäre ich gestorben, ich wäre im Sprung gestorben. Einmal, und dann öfter, glitt mein Fuß auf dem fallenden Schnee aus, als ich sprang, und das verkürzte meinen Sprung; einmal sprang ich zu kurz und fiel in Büsche, die in Staubsplitter und Nichts zerkrachten und zerbrachen, und einmal stolperte ich im Fall und rollte kopfüber in eine Schlucht und blutete, als ich, zerquetscht und über meine Richtung ungewiß, wieder aufstand.

Aber solche Zwischenfälle waren wie nichts gegen die Zeiten, die furchtbaren Pausen, während derer man durch die Luft auf jene steigende Flut der Nacht zuflog. Mein Atem wurde zu einem pfeifenden Geräusch, und es war, als wirbelten mir Messer in den Lungen. Das Herz schien mir gegen den höchsten Punkt des Schädels zu pochen. »Werde ich sie erreichen? O Himmel! werde ich sie erreichen?«

Mein ganzes Wesen wurde Angst.

»Leg dich hin!« schrie mein Schmerz und meine Verzweiflung; »leg dich hin!«

Je näher ich mich hinarbeitete, um so furchtbarer fern erschien sie. Ich war taub, ich stolperte, ich stieß und schnitt mich und blutete nicht.

Sie kam in Sicht.

Ich fiel auf alle Viere, und meine Lungen pfiffen.

Ich kroch. Der Reif sammelte sich mir auf den Lippen, Eiszapfen hingen mir am Schnurrbart, ich war weiß von der gefrierenden Atmosphäre.

Ich war zwölf Meter von ihr entfernt. Die Augen waren mir dunkel geworden. »Leg dich hin!« schrie die Verzweiflung; »leg dich hin!«

Ich berührte sie und blieb stehen. »Zu spät!« schrie die Verzweiflung, »leg dich hin!«

Ich kämpfte steif dagegen. Ich saß auf dem Rand des Einsteigelochs, ein verdummtes, halbtotes Wesen. Rings um mich war der Schnee. Ich schob mich hinein. Drinnen war noch ein wenig wärmere Luft.

Die Schneeflocken – die Luftflocken – tanzten um mich herein, als ich mit erstarrenden Fingern den Deckel einzuschieben versuchte und ihn fest und hart einschub. Ich schluchzte. »Ich will,« schnatterte ich zwischen den Zähnen. Und dann wandte ich mich mit Fingern, die zitterten und sich gebrechlich anfühlten, zu den Jalousieknöpfen.

Als ich an den Hähnen tastete – denn ich hatte sie noch nie zuvor gehandhabt – konnte ich durch das tropfende Glas dunkel die blendend roten Streifenstrahlen der Sonne sehen, die durch den Schneesturm tanzten und flackerten, und die schwarzen Gestalten des Buschwerks, die sich unter dem sich mehrenden Schnee verdichteten, beugten und brachen. Dichter wirbelte der Schnee und dichter, schwarz gegen das Licht. Wie, wenn noch jetzt die Knöpfe mir widerstanden?

Dann knipste mir etwas unter den Händen, und im Nu war diese letzte Vision der Mondwelt meinen Augen verborgen. Ich saß in der Stille und im Dunkel der interplanetarischen Sphäre.

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