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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 18
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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17
Der Kampf in der Höhle der Mondschlächter

Ich weiß nicht, wie weit wir kletterten, ehe wir an ein Gitter kamen. Vielleicht waren wir nur erst ein paar hundert Fuß gestiegen, aber damals schien es mir, wir könnten uns wohl eine Meile weit oder mehr senkrechter Steigung emporgezogen und geschoben und gestoßen und gekeilt haben. So oft ich an die Zeit denke, kommt mir das schwere Klimpern unserer goldenen Ketten in den Kopf, das jeder Bewegung folgte. Sehr bald waren mir Knöchel und Knie wund, und auf einer Backe hatte ich eine Beule. Nach einiger Zeit ließ die erste Gewalt unserer Anstrengungen nach, und unsere Bewegungen wurden überlegter und weniger mühsam. Der Lärm der verfolgenden Seleniten war völlig erstorben. Es schien fast, als hätten sie uns doch den Riß hinauf nicht nachgespürt, obgleich der beredte Haufen von Pilzen darunter gelegen haben muß. Zuzeiten wurde der Spalt so eng, daß wir uns kaum hinaufquetschen konnten; zu anderen erweiterte er sich zu drusigen Höhlungen, die mit stachligen Kristallen besetzt waren oder dicht bewachsen mit stumpfen, leuchtenden, schwammigen Finnen. Bisweilen wand er sich spiralförmig, und zu anderen Zeiten schrägte er sich fast bis zur horizontalen Richtung ab. Hin und wieder hörten wir das intermittierende Tröpfeln und Rieseln von Wasser neben uns. Ein- oder zweimal schien es uns, als wären uns kleine Lebewesen aus der Armweite fortgeraschelt, aber was es war, sahen wir nie. Nach allem, was ich weiß, können es giftige Bestien gewesen sein, aber sie taten uns nichts zu leide, und wir waren jetzt in einer Verfassung, in der ein unheimliches, schleichendes Wesen mehr oder weniger nichts mehr ausmachte. Und zuletzt kam weit über uns wieder das gewohnte bläuliche Licht, und dann sahen wir, es rann durch ein Gitter herab, das uns den Weg versperrte.

Wir flüsterten, als wir einander darauf aufmerksam machten, und wir wurden in unserm Aufstieg immer vorsichtiger. Dann kamen wir dicht an das Gitter, und wenn ich das Gesicht gegen seine Stangen preßte, konnte ich einen beschränkten Teil der Höhle dahinter sehen. Es war offenbar ein großer Raum und erleuchtet ohne Zweifel von einem Rinnsal desselben blauen Lichtes, das wir aus der pochenden Maschine hatten fließen sehen. Nahe an meinem Gesichte fielen hin und wieder intermittierende Wassertropfen durch die Stäbe hindurch.

Meine erste Bemühung war natürlich, zu sehen, was auf dem Boden der Höhle sein mochte, aber unser Gitter lag in einer Senkung, deren Rand unseren Augen all das verbarg. Dann kehrte unsere vereitelte Aufmerksamkeit zu den Andeutungen der mannigfachen Töne zurück, die wir hörten, und alsbald fiel mein Blick auf eine Anzahl schwacher Schatten, die über das dunkle Dach weit zu Häupten spielten.

Unbestreitbar waren mehrere Seleniten, vielleicht eine beträchtliche Anzahl, in diesem Raume, denn wir konnten die Töne ihrer Unterhaltung hören, und noch schwache Schalle, die ich als ihre Schritte erkannte. Wir vernahmen auch eine Folge sich regelmäßig wiederholender Schalle – schwipp, schwipp, schwipp – die an ein Messer oder einen Spaten erinnerten, mit dem man in etwas Weiches hackt. Dann kam ein Rasseln wie von Ketten, ein Pfeifen und Rumpeln, wie wenn ein Karren über etwas Hohles läuft, und dann wieder jenes schwipp – schwipp – schwipp. Die Schatten sprachen von Gestalten, die sich schnell und rhythmisch im Einklang mit jenem regelmäßigen Schall bewegten und ruhten, wenn er aufhörte.

Wir taten die Köpfe nah zusammen und begannen diese Dinge mit geräuschlosem Flüstern zu erörtern.

»Sie sind beschäftigt,« sagte ich, »sie sind irgendwie beschäftigt.«

»Ja.«

»Sie suchen uns nicht und denken nicht an uns.«

»Vielleicht haben sie noch nicht von uns gehört.«

»Die andern jagen da unten herum. Wenn wir hier plötzlich erschienen – –«

Wir blickten einander an.

»Es könnte möglich sein zu verhandeln,« sagte Cavor.

»Nein,« sagte ich. »Nicht, wie wir sind.«

Eine Zeitlang blieben wir still, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Schwipp, schwipp, schwipp machte das Hacken, und die Schatten bewegten sich hin und her.

Ich sah mir das Gitter an. »Es ist nicht stark,« sagte ich. »Wir können zwei von den Stangen biegen und durchkriechen.«

Wir verschwendeten einige Zeit mit unbestimmter Diskussion. Dann faßte ich eine der Stangen mit beiden Händen und stemmte die Füße gegen den Felsen, bis sie mit meinem Kopfe fast auf einer Höhe waren, und zog dann an der Stange. Sie bog sich so plötzlich, daß ich fast fiel. Ich kletterte herum und bog die benachbarte Stange in entgegengesetzter Richtung, nahm dann den leuchtenden Pilz aus der Tasche und warf ihn den Spalt hinunter.

»Tun Sie nichts Übereiltes,« flüsterte Cavor, als ich mich durch die erweiterte Öffnung hinaufwand. Ich bekam, als ich durch das Gitter hochstieg, flüchtig geschäftige Gestalten zu sehen und bückte mich sofort wieder, so daß mich der Rand der Senkung, in der das Gitter lag, vor ihren Augen verbarg; ich legte mich flach hin und gab Cavor durch Zeichen Ratschläge, als auch er Anstalt machte, heraufzukommen. Bald lagen wir Seite an Seite in der Senkung und spähten über den Rand in die Höhle hinein und nach ihren Inhabern.

Die Höhle war viel weiter, als wir nach unserm ersten Blick vermutet hatten, und wir blickten von der niedrigsten Stelle ihres abschüssigen Bodens hinauf. Sie erweiterte sich, je mehr sie von uns fortlief, und ihr Dach senkte sich und verbarg uns den entfernteren Teil völlig. Und ihre ganze Länge entlang, schließlich in der riesigen Perspektive weithin verschwindend, lagen in einer Reihe eine Anzahl riesiger Gestalten, riesiger bleicher Rümpfe, an denen die Seleniten arbeiteten. Erst schienen es große weiße Zylinder unbestimmten Inhalts zu sein. Dann fielen mir die Köpfe an ihnen auf, die uns zugewandt lagen, augen- und hautlos wie die Köpfe von Schafen bei einem Schlächter, und ich bemerkte, daß es die Leichen von Mondkälbern waren, aufgeschnitten, wie etwa die Mannschaft eines Walfischfängers einen verankerten Walfisch aufschneiden mochte. Sie schnitten das Fleisch in Streifen ab, und an einigen der entfernteren Rümpfe sah man die weißen Rippen. Ihre Beile hatten jenes Geräusch – das Schwipp-schwapp-schwipp – gemacht. In einiger Entfernung lief etwas wie ein Rollwagenkabel, das Klumpen losen Fleisches auf Karren zog, den Hang des Höhlenbodens hinauf. Diese ungeheure lange Reihe von Rümpfen, die als Nahrung dienen sollten, gab uns ein Gefühl von der riesigen Bevölkerung der Mondwelt, das nur der Wirkung unseres ersten Blickes in den Schacht hinunter nachstand.

Mir schien erst, die Seleniten müßten auf Planken Ich entsinne mich nicht, irdendwelche Dinge aus Holz auf dem Monde gesehen zu haben; Türen, Tische, alles, was unserer irdischen Schreinerarbeit entspricht, war aus Metall, und ich glaube, zum großen Teil aus Gold, das sich als Metall – wenn die anderen Dinge gleich waren – durch die Leichtigkeit seiner Bearbeitung, seine Zähigkeit und Dauerhaftigkeit ganz von selber empfahl. stehen, die von einem Holzgerüst getragen wurden, und dann sah ich, daß die Planken und die Stützen und ihre Beile in Wirklichkeit von derselben Bleifarbe waren, die meine Fesseln gezeigt hatten, ehe weißes Licht auf sie gefallen war. Eine Anzahl sehr dick aussehender Hebestangen lag am Boden umher; sie hatten offenbar gedient, das tote Mondkalb auf die Seite zu kippen. Sie waren vielleicht sechs Fuß lang und hatten geformte Griffe; sie sahen als Waffen sehr verlockend aus. Der ganze Raum wurde von drei Querströmen der blauen Flüssigkeit erleuchtet.

Eine lange Zeit lagen wir da und beobachteten diese Dinge schweigend. »Nun?« sagte Cavor schließlich. »Wenn sie diese Körper nicht mit einem Krahn herabgelassen haben,« sagte ich, »müssen wir der Oberfläche näher sein als ich dachte.«

»Warum?«

»Das Mondkalb springt nicht, und es hat keine Flügel.«

Er spähte wieder über den Rand der Senkung. »Ich wundere mich jetzt ...« begann er. »So sind wir schließlich überhaupt nicht weit von der Oberfläche fortgekommen – –«

Ich unterbrach ihn, indem ich ihn am Arm packte. Ich hatte ein Geräusch aus der Spalte unter uns gehört!

Wir wandten uns herum und lagen totenstill, mit jedem Sinn auf der Hut. Nach einiger Zeit zweifelte ich nicht mehr, daß irgend etwas in dem Spalt heraufstieg. Sehr langsam und sehr geräuschlos sicherte ich mir einen festen Griff an meiner Kette und dann wartete ich, daß das Etwas erscheinen sollte.

»Sehen Sie noch mal eben nach den Kerlen mit den Beilen,« sagte ich.

»Da ist alles ruhig,« sagte Cavor.

Ich zielte provisorisch einmal nach dem Loch im Gitter. Jetzt konnte ich das leise Gezwitscher der aufsteigenden Seleniten, das Klapsen ihrer Hände an den Felsen und den Fall des Staubes unter ihren Griffen beim Klimmen ganz deutlich hören.

Dann konnte ich erkennen, daß sich in der Schwärze unter dem Gitterdunkel etwas bewegte, aber was es sein mochte, konnte ich nicht unterscheiden. Die ganze Sache schien einen kurzen Moment zu versagen – dann krach! ich war auf die Füße gesprungen und hatte wild nach etwas geschlagen, was auf mich heraufgeblitzt war. Es war die scharfe Spitze eines Speers. Ich hatte mir seither überlegt, seine Länge müsse bei der Enge des Spalts verhindert haben, daß man ihn genügend neigte, um mich zu erreichen. Auf jeden Fall schoß er wie eine Schlangenzunge aus dem Gitter hervor, fehlte, flog zurück und blitzte von neuem hervor. Aber das zweite Mal griff ich zu, faßte ihn und rang ihn fort, doch nicht ehe ein zweiter wirkungslos gegen mich emporgeschossen war.

Ich schrie triumphierend auf, als ich den Seleniten meinem Zug einen Moment widerstehen und dann nachgeben fühlte, und darauf stocherte ich unter Quieken aus dem Dunkel durch die Stäbe hinunter, und Cavor hatte den andern Speer aufgeschnappt und sprang neben mir und schwang ihn und vollführte wirkungslose Stöße. Da rasselte es durch das Gitter heraus, und eine Axt schwirrte durch die Luft und schlug gegen den Felsen hinter uns, um mich an die Fleischer bei den Leichnamen oben in der Höhle zu erinnern.

Ich drehte mich um, und sie kamen alle in offener Ordnung gegen uns angerückt und schwangen ihre Äxte. Es waren kurze, dicke, kleine Bettler, auffallend anders als die, die wir zuvor gesehen hatten. Wenn sie noch nicht von uns gehört hatten, müssen sie die Situation mit unglaublicher Schnelligkeit erfaßt haben. Ich starrte sie einen Moment an, den Speer in der Hand. »Bewachen Sie das Gitter da, Cavor,« rief ich, heulte, um sie einzuschüchtern, und stürzte ihnen dann entgegen. Zwei von ihnen fehlten mit ihren Beilen und die übrigen flohen sofort. Dann sprangen auch die beiden mit geballten Händen und gesenkten Köpfen durch die Höhle davon. So habe ich Menschen niemals laufen sehen.

Ich wußte, der Speer, den ich hatte, konnte mir nicht viel nützen. Er war dünn und zerbrechlich, nur zum Wurf zu gebrauchen, und zu lang, um ihn rasch wieder gefaßt zu haben. Daher jagte ich die Seleniten nur bis zum ersten Leichnam, hielt dort an und hob eine der Hebestangen aus, die dort umherlagen. Sie fühlte sich tröstlich schwer an und schien imstande, jede Zahl von Seleniten zu zerschmettern. Ich warf meinen Speer fort und hob für die andere Hand eine zweite Hebestange auf. Ich fühlte mich fünfmal so stark wie vorher, als ich den Speer trug. Ich schüttelte die beiden drohend gegen die Seleniten, die in einem kleinen Anlauf weit oben in der Höhle Halt gemacht hatten, und drehte mich dann um, nach Cavor auszuschauen.

Er sprang von Seite zu Seite um das Gitter herum und stieß drohend mit seinem gebrochenen Speer hinab. Das genügte. Es würde die Seleniten unten halten – auf jeden Fall eine Zeitlang. Ich blickte wieder in die Höhle hinauf. Was auf aller Welt wollen wir jetzt beginnen?

Wir waren schon auf eine Art in die Enge getrieben Aber diese Schlächter oben waren überrascht worden, sie waren wahrscheinlich verängstigt, und sie hatten keine besonderen Waffen, nur diese ihre kleinen Beile. Und in der Richtung lag der Ausweg. Ihre untersetzten kleinen Gestalten waren auf eine Weise über den Hang zerstreut, die beredt von Unentschiedenheit sprach. Ich hatte den moralischen Vorteil eines tollen Bullen in einer Straße. Aber trotz allem schien ihre Zahl ungeheuer zu sein. Sehr wahrscheinlich. Diese Seleniten unten im Spalt hatten auf jeden Fall ein paar verdammt lange Speere. Es konnte sein, daß sie noch andere Überraschungen für uns hatten ... Aber zum Henker! wenn wir die Höhle hinaufstürmten, mußten wir sie hinter uns herauslassen, und taten wir es nicht, so würden diese kleinen Bestien oben in der Höhle wahrscheinlich Verstärkung holen. Der Himmel allein mochte wissen, was für furchtbare Kriegsgeräte – Kanonen, Bomben, irdische Torpedos – diese unbekannte Welt unter unseren Füßen, diese weitere Welt, deren bloße Haut wir erst durchstochen hatten, alsbald zu unserer Vernichtung emporsenden würde. Mir wurde klar, das einzige, was wir tun konnten, war angreifen! Es wurde mir noch klarer, als die Beine einer Anzahl frischer Seleniten erschienen, die die Höhle auf uns niederliefen.

»Bedford!« rief Cavor, und siehe! er war halbwegs zwischen mir und dem Gitter.

»Gehen Sie zurück!« rief ich. »Was machen Sie –«

»Sie haben – es ist wie eine Flinte!«

Und zwischen jenen verteidigenden Speeren im Gitter emporringend erschienen Kopf und Schultern eines merkwürdig hageren und winkligen Seleniten, der einen komplizierten Apparat trug.

Ich sah ein, wie absolut unfähig Cavor für den Kampf war, den wir zu führen hatten. Einen Moment lang zögerte ich. Dann stürzte ich an ihm vorbei, indem ich meine Hebestangen schwang und schrie, um das Zielen des Seleniten zu stören. Er zielte auf die wunderlichste Art, mit dem Ding an seinem Bauch. »Sssss« das Ding war keine Flinte; es ging eher wie eine Armbrust los und traf mich mitten in einem Satz.

Ich fiel nicht nieder, ich kam nur ein wenig früher zu Boden, als ich gekommen wäre, wenn ich nicht getroffen wäre, und nach dem Gefühl in der Schulter konnte das Ding mich getroffen haben und dann abgeglitten sein. Darauf schlug ich mit der Linken gegen den Schaft und ich merkte, daß mir eine Art Speer halb durch die Schultern stak. Den Moment darauf war ich mit der Hebestange in der Rechten da und traf den Seleniten kreuz und quer. Er brach zusammen – zermalmt und zerbrochen – den Kopf wie ein Ei ausgeschlagen.

Ich ließ eine der Stangen fallen, zog mir den Speer aus der Schulter und begann ihn durch das Gitter ins Dunkel hinunterzustoßen. Jedem Stoß folgte ein Kreischen und Zwitschern. Schließlich schleuderte ich den Speer mit aller Kraft auf sie nieder, sprang auf, faßte die Stange wieder und stürmte auf die Menge oben in der Höhle los.

»Bedford!« rief Cavor. »Bedford!« als ich an ihm vorbeiflog.

Mir ist, ich höre noch seine Schritte hinter mir laufen.

Schritt, Sprung ... Klapp, Schritt, Sprung ... Jeder Sprung schien Jahrhunderte zu dauern. Mit jedem öffnete die Höhle sich weiter und mehrte sich die Zahl der Seleniten sichtlich. Zuerst schienen sie alle wie Ameisen in einem gestörten Ameisenhaufen umherzulaufen; einer oder zwei schwangen Beile und kamen mir entgegen, einige schossen seitlich zwischen die Kalbsleichen hinein, dann kamen andere in Sicht, die Speere: trugen, und dann noch andere. Was ich sah, war außerordentlich: lauter Hände und Füße, die unter Schutz eilten. Weiter hinaus wurde die Höhle dunkler. Sch! Flog etwas über meinem Kopf weg. Sch! als ich mitten im Satz durch die Luft flog, und ich sah einen Speer einen der toten Leiber zu meiner Linken treffen und bebend stecken bleiben. Dann, als ich den Boden erreichte, traf einer die Erde vor mir, und ich hörte das ferne ssss! mit dem ihre Geschosse gefeuert wurden. Sch! sch! einen Moment war es ein Schauer. Es waren Salven!

Ich hielt an.

Ich glaube nicht, daß ich klar dachte. Mir ist, ich erinnere mich einer Art stereotyper Phrase, die mir durch den Geist lief: »Feuerzone, Deckung suchen!« Ich weiß, ich machte einen Vorstoß auf den Raum zwischen zwei der Leichen und blieb dort atemlos und mit dem Gefühl des Elends stehen.

Ich blickte mich nach Cavor um, und einen Moment war es, als sei er aus der Welt verschwunden. Dann kam er aus dem Dunkel zwischen der Leichenreihe und der Felsenwand der Höhle hervor. Ich sah sein kleines Gesicht, dunkel und blau, vor Schweiß und Erregung glänzend.

Er sagte etwas, aber was, darauf achtete ich nicht. Mir war klar geworden, daß wir uns die Höhle von Mondkalb zu Mondkalb hinaufarbeiten konnten, bis wir nahe genug waren, um kräftig angreifen zu können. Es hieß Angriff oder nichts. »Kommen Sie!« sagte ich und führte.

»Bedford!« rief er, ohne etwas zu erreichen.

Mein Geist war geschäftig, als wir die enge Gasse zwischen den Leichen und der Höhlenwand hinaufliefen. Die Felsen bildeten einen Bogen – sie konnten uns nicht bestreichen. Obgleich wir in diesem schmalen Raume nicht springen konnten, waren wir doch mit unserer erdgeborenen Kraft noch weit schneller zu gehen imstande als die Seleniten. Ich rechnete, wir würden bald mitten unter ihnen sein. Waren wir einmal über ihnen, so waren sie etwa so furchtbar, wie schwarze Käfer. Nur! – vor allem würde zunächst eine Salve kommen. Ich dachte an eine Kriegslist. Ich riß mir im Laufen meine Flanelljacke vom Leibe.

»Bedford!« keuchte Cavor hinter mir.

Ich blickte zurück. »Was?« sagte ich.

Er zeigte über die Kälber in die Höhe. »Weißes Licht!« sagte er. »Wieder weißes Licht!«

Ich blickte hin und es war wirklich so: eine blasse weiße Spur von Zwielicht in dem ferneren Höhlendache. Das schien mir doppelte Kraft zu geben.

»Bleiben Sie nah,« sagte ich. Ein langer flacher Selenit blitzte aus dem Dunkel auf, quiekte und floh. Ich hielt an und gebot Cavor mit der Hand halt. Ich hing meine Jacke über das Hebeeisen, tauchte um den nächsten Leichnam, ließ Jacke und Stange fallen, zeigte mich und schoß zurück.

»Ssss – scht!« kam ein einziger Pfeil. Wir waren nahe an den Seleniten, und sie standen in einem Haufen, breite, kurze und lange zusammen, und eine kleine Batterie ihrer Schußgeräte zeigte die Höhle hinab. Drei oder vier weitere Pfeile folgten dem ersten, und dann hörte ihr Feuern auf.

Ich steckte den Kopf hinaus und kam um Haaresbreite davon. Diesmal lockte ich ein Dutzend Schüsse oder mehr hervor, und ich hörte die Seleniten beim Schießen wie vor Aufregung rufen und zwitschern. Ich hob Jacke und Stange wieder auf.

»Jetzt!« sagte ich und hielt die Jacke hinaus.

»Ssss – sss –sss – ssst! In einem Moment war meine Jacke zu einem dichten Bart von Pfeilen geworden, und über der ganzen Leiche hinter uns zitterten sie. Im Nu zog ich die Stange aus der Jacke heraus, ließ die Jacke fallen – nach allem, was ich weiß, liegt sie noch da oben auf dem Mond – und stürmte auf sie los.

Eine Minute lang vielleicht war es ein Blutbad. Ich war zu wild, um Unterschiede zu machen, und die Seleniten waren wahrscheinlich zu erschreckt, um zu fliehen. Auf jeden Fall kämpften sie in keiner Weise gegen mich. Ich sah scharlach, wie man zu sagen pflegt. Ich erinnere mich, es war, als watete ich unter diesen ledrigen, dünnen Wesen, wie ein Mensch durch hohes Gras watet, und ich mähte und traf, erst rechts, dann links; klatsch, klatsch. Kleine feuchte Tropfen flogen umher. Ich trat auf Dinge, die zerbrachen, schrien und schlüpfrig wurden. Die Menge schien sich wie Wasser zu öffnen und zu schließen und zu strömen. Sie schienen keinerlei gemeinsamen Plan zu haben. Mich umflogen Speere; einer streifte mich am Ohr. Einmal wurde ich in den Arm gestochen, und einmal in die Backe, aber das fand ich erst später heraus, als das Blut Zeit gehabt hatte, zu fließen und abzukühlen, so daß es sich feucht anfühlte.

Was Cavor tat, weiß ich nicht. Eine Zeitlang war es, als hätte dieses Kämpfen seit Ewigkeit gedauert und müsse ewig so weitergehen. Dann war plötzlich alles vorbei, und es war nichts mehr zu sehen als Hinterköpfe, die auf und niederhüpften, während ihre Besitzer in allen Richtungen davonliefen ... Ich schien ganz unverletzt. Ich lief schreiend ein paar Schritte vorwärts und wandte mich dann um. Ich war verblüfft.

Ich war in riesigen, fliegenden Sätzen gerade durch sie hindurchgekommen; sie waren alle hinter mir und rannten hierhin und dorthin, um sich zu verstecken.

Ich fühlte ein großes Erstaunen über die Verdunstung des großen Kampfes, in den ich mich gestürzt hatte, und nicht geringes Frohlocken. Mir schien nicht, daß ich entdeckt hatte, die Seleniten seien unerwartet zerbrechlich, sondern ich sei unerwartet stark. Ich lachte stumpfsinnig. Dieser phantastische Mond!

Ich blickte einen Moment auf die zerschmetterten und sich windenden Leiber, die über den Höhlenboden zerstreut lagen, und hatte eine unbestimmte Idee von weiterer Gewalttat; dann eilte ich hinter Cavor her.

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