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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 16
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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15
Die schwindlige Brücke

Nur einen Moment dauerte diese feindselige Pause. Ich glaube, sowohl wir wie die Seleniten vollführten einiges rasche Denken. Mein klarster Eindruck war der, daß nichts vorhanden war, wogegen ich den Rücken stellen konnte, und daß wir sicher würden umringt und getötet werden. Die überwältigende Narrheit unserer Anwesenheit dort ragte in schwarzem, ungeheurem Vorwurf über mir. Warum hatte ich mich je auf diese wahnsinnige, unmenschliche Expedition begeben?

Cavor kam an meine Seite und legte mir die Hand auf den Arm. Sein blasses und erschrecktes Gesicht sah in dem blauen Licht gespenstisch aus.

»Wir können nichts machen,« sagte er. »Es ist ein Irrtum. Sie verstehen uns nicht. Wir müssen mitgehen. Wie sie wollen, daß wir gehen.«

Ich blickte auf ihn nieder und dann auf die frischen Seleniten, die ihren Genossen zu Hilfe kamen. »Wenn ich nur die Hände frei hätte –«

»Es nützt nichts,« keuchte er.

»Nein.«

»Wir wollen mitgehen.«

Und er machte kehrt und führte in der Richtung, die uns angegeben war.

Ich folgte, indem ich versuchte, so unterwürfig auszusehen wie möglich, und tastete nach den Ketten um meine Handgelenke. Mir kochte das Blut. Ich sah nichts mehr von der Höhle, obgleich es lange Zeit zu dauern schien, ehe wir hindurchgegangen waren; oder wenn ich noch etwas sah, so vergaß ich es, während ich es sah. Meine Gedanken, glaube ich, waren auf meine Ketten und auf die Seleniten konzentriert, und besonders auf die behelmten mit den Stacheln. Erst gingen sie parallel mit uns und in achtungsvoller Entfernung, aber alsbald wurden sie von drei weiteren eingeholt, und da kamen sie näher, bis sie wieder in Armesweite waren. Ich zuckte wie ein geschlagenes Pferd, als sie uns nahe kamen. Der kürzere, dickere Selenit ging erst auf unserer rechten Flanke, kam aber dann wieder vor uns.

Wie gut sich mir das Bild dieser Gruppierung in das Gehirn gegraben hat: der Rücken von Cavors gesenktem Kopfe gerade vor mir, darunter seine niedergeschlagen hängenden Schultern, und dann das starrende Gesicht unseres Führers, das sich beständig ruckweise drehte, und die Stachelträger zu beiden Seiten, wachsam, aber mit offenem Munde – ein blaues Monochrom. Und schließlich erinnere ich mich doch noch einer Einzelheit außer der rein persönlichen Sache, und das ist, daß alsbald eine Art Gosse über den Boden der Höhle und dann seitwärts an dem Felsenpfade, dem wir folgten, entlang führte. Und sie war voll von demselben hellen, blauen, leuchtenden Stoff, der aus der Maschine floß. Ich ging dicht an ihm hin, und ich kann bezeugen, daß er kein Partikelchen Wärme ausstrahlte. Er leuchtete hell und war doch weder wärmer noch kälter als irgend sonst etwas in der Höhle.

Bum, bum, bum, kamen wir gerade unter den Hebeln einer zweiten riesigen Maschine durch, und so gelangten wir schließlich in einen weiten Tunnel, in dem wir sogar das Klipp-klapp unserer unbeschuhten Füße hören konnten, und der, abgesehn von dem rieselnden blauen Faden rechts von uns ganz unbeleuchtet war. Die Schatten machten auf der unregelmäßigen Wand und dem Dache des Tunnels gigantische Travestien aus unseren Gestalten und denen der Seleniten. Hin und wieder blitzten Kristalle in den Tunnelwänden wie Edelsteine, hin und wieder erweiterte sich der Tunnel zu einer Tropfsteinhöhle, oder er gab Zweige ab, die ins Dunkel verschwanden.

Wir schienen den Tunnel eine lange Zeit hinabzugehen. »Tripp, tripp,« lief das fließende Licht sehr leise, und unsere Schritte und ihr Echo gaben ein unregelmäßiges Klipp-klapp. Mein Geist wandte sich ausschließlich der Frage meiner Ketten zu. Wenn ich eine Windung so abstreifte, und sie dann so herumzerrte ...

Wenn ich es sehr allmählich zu tun versuchte, würden sie da merken, daß ich mein Handgelenk aus der loseren Schlinge zog? Und wenn sie es merkten, was würden sie tun?

»Bedford,« sagte Cavor, »es geht abwärts. Es geht fortwährend abwärts.«

Seine Bemerkung weckte mich aus meiner finsteren Eingenommenheit.

»Wenn sie uns töten wollten,« sagte er, indem er zurückblieb, um neben mich zu kommen, »so ist kein Grund, warum sie es nicht schon getan haben sollten.«

»Nein,« sagte ich, »das ist wahr.«

»Sie verstehen uns nicht,« sagte er, »sie meinen, wir sind nur fremde Tiere, irgendeine wilde Art von Mondkalb vielleicht. Erst, wenn sie uns besser beobachtet haben, werden sie zu glauben anfangen, daß wir Geister haben – –«

»Wenn Sie diese geometrischen Probleme zeichnen,« sagte ich.

»Vielleicht wird das gehen.«

Wir trabten eine Weile weiter.

»Sie sehen,« sagte Cavor, »dies können Seleniten niederer Art sein.«

»Die höllischen Narren!« sagte ich giftig, indem ich ihre aufreizenden Gesichter ansah.

»Wenn wir ertragen, was sie uns antun –«

»Wir haben es zu ertragen,« sagte ich.

»Vielleicht gibt es andere weniger stupide. Dies ist erst der äußere Saum ihrer Welt. Es muß hinuntergehen und hinunter, Höhle, Gang, Tunnel, hinunter schließlich zum Meer – Hunderte von Meilen unter uns.«

Seine Worte brachten meine Gedanken auf die Meile oder so von Felsen und Tunnels, die schon über unsern Köpfen liegen mochten. Es war, wie wenn mir ein Gewicht auf die Schultern sank. »Fort von der Sonne und der Luft,« sagte ich. »Schon eine Mine, die eine halbe Meile tief ist, ist drückend.«

»Dies hier ist es auf jeden Fall nicht. Es ist wahrscheinlich – Ventilation! Die Luft muß von der dunklen Seite des Mondes zur sonnenbeleuchteten blasen, und all die Kohlensäure muß da herausquellen und diese Pflanzen nähren. Diesen Tunnel, zum Beispiel, weht eine ordentliche Brise hinauf. Und was für eine Welt das sein muß! Die Probe haben wir in jenem Schachte und diesen Maschinen – –«

»Und der Stachel,« sagte ich. »Vergessen Sie den Stachel nicht!«

Er ging eine Zeitlang ein wenig vor mir her.

»Selbst dieser Stachel –« sagte er.

»Nun?«

»Zuerst war ich wütend. Aber – – Vielleicht war es nötig, daß wir weitergingen. Sie haben eine andere Haut und wahrscheinlich sehr andere Nerven. Sie verstehen vielleicht unsern Einwand nicht. – Genau wie ein Wesen vom Mars vielleicht unsere irdische Gewohnheit des Rippenstoßes nicht möchte – –«

»Man täte gut, sich zu besinnen, ehe man mir Rippenstöße gäbe!«

»Und mit dieser Geometrie. Schließlich ist ihr Weg auch ein Weg der Verständigung. Sie beginnen mit den Elementen des Lebens, und nicht des Denkens. Nahrung. Zwang. Schmerz. Sie suchen fundamentale Begriffe.«

» Darüber kann kein Zweifel herrschen,« sagte ich.

Er redete weiter von der ungeheuren und wundervollen Welt, in die wir gebracht wurden. Mir wurde allmählich aus seinem Ton klar, daß er selbst jetzt noch nicht völlig an der Aussicht verzweifelte, immer tiefer in diesen unmenschlichen Planetenbau hinabzusteigen. Seine Gedanken drehten sich um Maschinen und Erfindung und schlossen tausend dunkle Dinge, die mich bedrängten, völlig aus. Nicht als ob er aus diesen Dingen irgendwelchen Nutzen ziehen wollte, er wollte sie einfach kennen lernen.

»Schließlich,« sagte er, »ist dies eine kolossale Gelegenheit. Es ist die Begegnung zweier Welten! Was werden wir zu sehen bekommen? Denken Sie nur, was hier unter uns ist.«

»Wenn das Licht nicht besser ist, werden wir nicht viel sehen,« bemerkte ich.

»Dies ist nur erst die äußere Kruste. Da unten – Bei diesem Maßstab – Da muß alles sein. Merken Sie, wie verschieden sie untereinander scheinen! Die Geschichte, die wir mit zurücknehmen werden!«

»Irgendein seltenes Tier,« sagte ich, »könnte sich so trösten, wenn man es in den Zoologischen Garten bringt ... Daraus folgt nicht, daß man uns all diese Dinge zeigen wird.«

»Wenn sie merken, daß wir vernunftbegabte Geister haben,« sagte Cavor, »werden sie alles über die Erde erfahren wollen. Selbst wenn sie keine großmütigen Regungen haben, werden sie lehren, um zu lernen ... Und was sie alles wissen müssen! Die unerhörten Dinge!«

Er spekulierte weiter über die Möglichkeit, daß sie Dinge wußten, die zu erfahren er auf der Erde niemals gehofft hatte, und auf diese Weise spekulierte er mit einer offenen Wunde von dem Stachel schon in seiner Haut! Vieles, was er sagte, weiß ich nicht mehr, denn meine Aufmerksamkeit wurde auf die Tatsache gelenkt, daß der Tunnel, den wir entlang gegangen waren, sich weiter und weiter öffnete. Wir schienen, dem Gefühl der Luft nach, in einen riesigen Raum hinauszugehen. Aber wie groß der Raum in Wirklichkeit sein mochte, konnten wir nicht sagen, weil er unerleuchtet war. Unser kleiner Lichtstrom rann in immer dünnerem Faden und verschwand weit voraus. Plötzlich waren die Felsenwände auf beiden Seiten völlig verschwunden. Es war nichts zu sehen als der Pfad vor uns und das rieselnde eilende Rinnsal blauer Phosphoreszenz. Die Gestalten Cavors und des führenden Seleniten zogen vor mir her, die dem Rinnsal zugewandten Seiten ihrer Beine und Köpfe waren klar und hellblau, ihre dunklen Seiten tauchten jetzt, wo der Widerschein von der Tunnelwand sie nicht mehr beleuchtete, ununterscheidbar in die Dunkelheit daneben hinein.

Und bald merkte ich, daß wir uns irgendwelchem Abhang näherten, da der kleine blaue Strom plötzlich außer Sicht tauchte.

Im nächsten Moment, schien es, hatten wir den Rand erreicht. Der leuchtende Strom machte eine zögernde Windung und stürzte dann hinunter. Er fiel in eine Tiefe, daß uns der Schall seines Falles völlig verloren war. Weit unten sahen wir einen bläulichen Schein, eine Art blauen Nebels – in unendlicher Ferne unten. Und die Dunkelheit, aus der der Strom fiel, wurde ganz leer und schwarz, nur daß etwas wie eine Planke vom Rande der Klippe vorsprang, sich streckte, verblaßte und völlig verschwand. Aus dem Abgrund blies eine warme Luft empor.

Einen Moment traten Cavor und ich dem Rande so nah, wie wir wagten und spähten in die blaugetönte Tiefe nieder. Und dann zog unser Führer mich am Arm.

Dann verließ er mich und ging an das Ende der Planke und trat darauf, indem er zurückblickte. Und als er sah, daß wir ihn beobachteten, drehte er sich wieder um und ging auf ihr weiter; er ging so sicher wie auf festem Lande. Einen Moment noch war seine Gestalt deutlich, dann wurde er ein blauer Fleck und verschwand in die Finsternis. Ich sah, daß eine unbestimmte Gestalt dunkel aus der Schwärze hervorragte.

Es folgte eine Pause. »Aber sicherlich –!« sagte Cavor.

Einer der Seleniten ging ein paar Schritte auf die Planke hinauf, drehte sich um und blickte unbekümmert auf uns zurück. Die anderen standen bereit, uns zu folgen. Die erwartende Gestalt unseres Führers erschien von neuem. Er kehrte zurück, um zu sehen, warum wir nicht weitergegangen waren.

»Was ist das dahinter?« fragte ich.

»Ich kann's nicht sehen.«

»Wir können dies um keinen Preis überschreiten,« sagte ich.

»Ich könnte keine drei Schritte weit darauf gehen,« sagte Cavor, »selbst mit freien Händen nicht.«

Wir blickten uns mit heller Bestürzung in die langgezogenen Gesichter.

»Sie können nicht wissen, was es heißt, wenn einem schwindlig ist!« sagte Cavor.

»Es ist für uns ganz unmöglich, über die Planke da zu gehen.«

»Ich glaube, sie sehen nicht wie wir. Ich habe sie beobachtet. Ich möchte wissen, ob sie wissen, daß dies für uns einfach schwarz ist. Wie können wir es ihnen begreiflich machen?«

»Einerlei, wie, wir müssen es ihnen begreiflich machen.«

Ich glaube, wir sagten diese Dinge mit einer unbestimmten Halbhoffnung, die Seleniten würden uns irgendwie verstehen. Ich wußte ganz klar, daß nichts nötig war als eine Erklärung. Dann sah ich ihre Gesichter, und erkannte, daß eine Erklärung unmöglich war. Gerade hier sollten unsere Ähnlichkeiten unsere Verschiedenheiten nicht überbrücken. Nun, auf jeden Fall wollte ich nicht über die Planke gehen. Ich zog sehr rasch das Handgelenk aus der gelockerten Kettenschlinge und begann dann die Handgelenke in entgegengesetzten Richtungen zu winden. Ich stand der Brücke am nächsten, und als ich dies tat, faßten mich zwei der Seleniten und zogen mich leicht darauf zu.

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Nicht gehen,« sagte ich, »nichts nützen. Ihr versteht nicht.«

Ein dritter Selenit fügte seinen Druck hinzu. Ich war gezwungen, vorwärts zu gehen.

»Ich habe eine Idee,« sagte Cavor, aber ich kannte seine Ideen.

»Hört' mal!« rief ich den Seleniten zu. »Sachte voran! Das ist für euch alles recht schön und gut – –«

Ich sprang herum. Ich brach in Flüche aus. Denn einer der Seleniten hatte mich hinten mit seinem Stachel gestochen.

Ich rang meine Handgelenke aus den kleinen Tastern, die sie hielten, los. Ich wandte mich gegen den Stachelträger. »Zum Henker mit dir!« schrie ich. » Davor hab' ich euch gewarnt. Woraus in aller Welt meint ihr, daß ich bestehe, daß ihr mich stecht? Wenn ihr mich noch einmal berührt – –!«

Als Antwort stach er mich alsbald.

Ich hörte Cavors Stimme in Schreck und Bitte. Selbst da noch, glaube ich, wollte er mit diesen Geschöpfen verhandeln. »Hören Sie, Bedford,« rief er, »ich weiß einen Weg!« Aber der Stachel dieses zweiten Stichs schien eine eingedämmte Reserve von Energie in meinem Wesen freizumachen. Im Nu schnappte ein Glied der Handgelenkskette, und mit ihm schnappten alle Erwägungen, die uns widerstandslos in den Händen dieser Mondgeschöpfe festgehalten hatten. In dieser Sekunde wenigstens war ich rasend vor Furcht und Wut. Ich schlug dem Wesen mit dem Spieße gerade ins Gesicht hinein. Die Kette hatte ich um die Faust gewickelt ...

Das gab wieder eine von den scheußlichen Überraschungen, von denen die Mondwelt voll ist.

Meine gepanzerte Hand schien einfach durch ihn durchzuschlagen. Er spritzte wie – wie irgendwelches weichliche Konfekt mit Likör darin auseinander! Er zerbrach einfach! Er zerquetschte und zerspritzte! Es war, wie wenn man feuchten Kuckucksspeichel trifft. Der zerbrechliche Rumpf flog ein Dutzend Meter weit und fiel mit schlottrigem Stoße auf. Ich war erstaunt. Es war nicht zu glauben, daß ein lebendes Wesen so nichtig sein konnte. Einen Moment hätte ich das Ganze für einen Traum halten können.

Dann war es wieder wirklich und unmittelbar. Weder Cavor noch die anderen Seleniten schienen von dem Moment an, als ich mich umgedreht hatte, bis zu dem Moment, als der tote Selenit den Boden traf, irgend etwas getan zu haben. Alle traten von uns beiden zurück, alle waren wach. Dieser Halt schien wenigstens eine Sekunde zu dauern, nachdem der Selenit schon lag. Sie müssen sich das alle erst klar gemacht haben. Mir ist, ich erinnere mich, wie ich mir die Sache gleichfalls klar machte. »Was nun?« schrie mein Gehirn! »was nun?« Dann war im Nu alles in Bewegung.

Ich sah, wir mußten unsere Ketten los bekommen, und ehe wir dies tun konnten, mußten diese Seleniten abgeschlagen werden. Ich drehte mich zu der Gruppe der drei Stachelträger. Sofort warf einer seinen Spieß nach mir. Er schwirrte mir über den Kopf, und ich glaube, er flog in den Abgrund hinter mir.

Ich sprang mit aller Macht gerade auf ihn los, als der Spieß über mich wegflog. Er wandte sich zur Flucht, als ich sprang, und ich warf ihn zu Boden, trat auf ihn, glitt auf seinem zerschmetterten Körper aus und fiel. Er schien sich unter meinem Fuße zu winden.

Ich kam in sitzende Stellung, und auf allen Seiten flohen die blauen Rücken der Seleniten ins Dunkel. Ich bog gewaltsam ein Glied auseinander, wand die Kette los, die mich an den Knöcheln gehindert hatte und sprang auf die Füße, mit der Kette in der Hand. Noch ein Stachelspieß, der wie ein Speer geworfen wurde, pfiff an mir vorbei und ich machte einen Vorstoß gegen das Dunkel, aus dem er gekommen war. Dann wandte ich mich zu Cavor zurück, der noch im Lichte des Rinnsals an dem Abgrunde stand und sich krampfhaft mit seinen Handgelenken zu schaffen machte, während er zugleich Unsinn über seine Idee faselte.

»Kommen Sie!« rief ich.

»Meine Hände!« antwortete er.

Dann merkte er, daß ich nicht zu ihm zurückzulaufen wagen konnte, weil meine schlecht berechneten Schritte mich über den Rand hinaustragen konnten, und so kam er, die Hände vor sich ausgestreckt, zu mir gewackelt.

Ich packte sofort seine Ketten, um sie zu lösen.

»Wo sind sie?« keuchte er.

»Weggelaufen. Sie werden zurückkommen. Sie werfen mit Spießen! Wohin sollen wir gehn?«

»Am Licht entlang. In den Tunnel da. Eh!«

»Ja,« sagte ich, und seine Hände waren frei.

Ich ließ mich auf die Knie fallen und begann an seinen Fußfesseln zu arbeiten. Schwapp, kam etwas – ich weiß nicht was – und zerspritzte das fahle Rinnsal zu Tropfen um uns. Weit rechts von uns begann ein Pfeifen und Zischen.

Ich riß ihm die Kette von den Füßen und gab sie ihm in die Hand. »Schlagen Sie damit!« sagte ich, und ohne auf eine Antwort zu warten, lief ich in großen Sätzen den Pfad entlang, den wir gekommen waren. Ich hatte das scheußliche Gefühl, daß mir diese Wesen aus dem Dunkel heraus in den Rücken springen konnten. Den Stoß einiger Sprünge hörte ich mir folgen.

Wir liefen in weiten Sätzen. Aber dies Laufen, muß man verstehen, war etwas von irgendwelchem Laufen auf der Erde völlig verschiedenes. Auf die Erde springt man und trifft fast sofort wieder den Boden, aber auf dem Mond schoß man wegen seiner geringen Schwerkraft mehrere Sekunden lang durch die Luft, ehe man wieder zu Boden kam. Trotz unserer heftigen Eile gab das den Schein langer Pausen, Pausen, in denen man bis sieben oder acht hätte zählen können. »Los!« und man flog hoch! Allerlei Fragen liefen mir durch den Sinn: »Wo sind die Seleniten? Was werden sie tun? Werden wir diesen Tunnel jemals erreichen? Ist Cavor weit zurück? Werden sie ihn abschneiden können?« Dann klapps, der Satz zu Ende und weiter zum nächsten Schritt.

Ich sah einen Seleniten vor mir herlaufen, und seine Beine gingen genau wie die eines Menschen auf der Erde; ich sah ihn über die Schulter blicken und hörte ihn kreischen, als er mir seitlich ins Dunkel aus dem Wege lief. Ich glaube, es war unser Führer, doch bin ich nicht sicher. Dann waren nach einem weiteren weiten Satz die Felsenmauern auf beiden Seiten in Sicht, und in noch zwei Sätzen war ich im Tunnel, wo ich meinen Schritt seinem niederen Dach anpassen mußte. Ich lief bis zu einer Biegung weiter, blieb dann stehen und drehte mich um; klipp klapp kam Cavor in Sicht; er schlug bei jedem Schritt in den Strom blauen Lichtes, wurde größer und rannte gegen mich. Wir standen da und hielten uns gepackt. Einen Moment wenigstens hatten wir unsere Feinde abgeschüttelt und waren allein.

Wir waren beide stark außer Atem. Wir sprachen in keuchenden, gebrochenen Sätzen.

»Sie haben alles verdorben!« keuchte Cavor.

»Unsinn!« rief ich. »Das oder den Tod hieß es!«

»Was wollen wir tun?«

»Uns verstecken.«

»Wie können wir das?«

»Es ist dunkel genug.«

»Aber wo?«

»Eine von diesen Seitenhöhlen hinauf.«

»Und dann?«

»Überlegen.«

»Recht – los.«

Wir schritten fort und kamen alsbald zu einer dunklen strahlenförmigen Höhle. Cavor war voraus. Er zögerte und wählte eine schwarze Mündung, die gutes Versteck zu versprechen schien. Er ging auf sie zu und drehte sich um-

»Sie ist dunkel,« sagte er.

»Ihre Beine und Füße werden uns leuchten. Sie sind naß von dem leuchtenden Zeug.«

»Aber – –«

Ein Aufruhr von Tönen und insbesondere ein Ton wie ein dröhnender Gong, der den Haupttunnel heraufkam, wurde hörbar. Er deutete in furchtbarer Weise auf eine wilde Verfolgung. Wir stürmten alsbald auf die unbeleuchtete Seitenhöhle los. Als wir dahinliefen, wurde uns der Weg durch die Strahlung von Cavors Beinen erleuchtet. »Es ist ein Glück,« keuchte ich, »daß wir uns die Schuhe ausgezogen haben, sonst würden wir alles mit dem Geklapper erfüllen.« Vorwärts stürzten wir und machten so kleine Schritte, wie wir konnten, um nicht gegen das Dach der Höhle zu schlagen. Nach einer Weile schienen wir dem Aufruhr zu entgehen. Er wurde gedämpfter, er sank zusammen, er erstarb.

Ich hielt an und blickte zurück; ich hörte das Klippklapp von Cavors Füßen fliehen. Dann hielt auch er an. »Bedford,« flüsterte er, »vor uns ist etwas wie Licht.«

Ich blickte hin und konnte zuerst nichts sehen. Dann sah ich, daß sein Kopf und seine Schultern dunkel gegen ein schwächeres Dunkel umrissen waren. Ich sah auch, daß diese Milderung der Dunkelheit nicht blau war, wie alles andere Licht im Monde gewesen war, sondern ein bleiches Grau, ein sehr unbestimmtes, blasses Weiß, die Farbe des Tageslichtes. Cavor bemerkte diesen Unterschied noch schneller als ich, und ich glaube, er gab ihm so ziemlich dieselbe wilde Hoffnung ein.

»Bedford,« flüsterte er, und ihm zitterte die Stimme. »Dieses Licht – ist es möglich – –«

Er wagte nicht zu sagen, was er hoffte. Dann kam eine Pause. Plötzlich erkannte ich am Schall seiner Schritte, daß er auf diese Blässe zuging. Ich folgte ihm mit klopfenden Herzen.

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