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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 15
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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14
Experimente der Mitteilung

Als wir schließlich mit dem Essen zu Ende waren, fesselten uns die Seleniten die Hände wieder eng zusammen, lösten dann die Ketten um unsere Füße und banden sie wieder, so daß sie uns eine beschränkte Bewegungsfreiheit gaben. Dann lösten sie die Ketten, die uns um den Leib liefen. Um all das zu tun, mußten sie uns frei handhaben, und hin und wieder kam mir einer ihrer wunderlichen Köpfe nah ans Gesicht, oder eine weiche Tasterhand berührte mir den Kopf oder den Hals. Ich erinnere mich nicht, daß ich damals Furcht hatte oder daß mich ihre Nähe abstieß. Ich glaube, unser unheilbarer Anthropomorphismus ließ uns innerhalb ihrer Masken menschliche Körper annehmen. Die Haut sah wie alles andere bläulich aus, aber das lag am Licht; und sie war hart und glänzend, ganz wie ein Käferflügel, nicht weich oder feucht oder behaart, wie sie bei einem Wirbeltier wäre. Den Kamm des Kopfes entlang lief ein Grat weißlicher Stacheln, die von hinten nach vorn zeigten, und ein weit größerer Kamm bog sich auf beiden Seiten über den Augen. Der Selenit, der mich losband, nahm seinen Mund den Händen zur Hilfe.

»Sie scheinen uns zu begreifen,« sagte Cavor. »Bedenken Sie, daß wir auf dem Mond sind! Machen Sie keine plötzlichen Bewegungen!«

»Wollen Sie es mit der Geometrie versuchen?«

»Wenn ich eine Gelegenheit bekomme. Aber natürlich machen sie vielleicht einen ersten Schritt.«

Wir blieben passiv, und als die Seleniten ihre Vorkehrungen beendet hatten, traten sie von uns zurück und schienen uns anzusehen. Ich sage, schienen, denn da ihre Augen seitlich standen und nicht nach vorn, so hatte man die gleiche Schwierigkeit, wenn man die Richtung feststellen wollte, in der sie blickten, auf die man im Fall einer Henne oder eines Fisches stößt. Sie sprachen miteinander in ihren Flötentönen, die nachzuahmen oder zu definieren mir unmöglich schien. Die Tür hinter uns öffnete sich weiter, und als ich über die Schulter blickte, sah ich dahinter einen unbestimmten weiten Raum, in dem ein ganz kleiner Auflauf von Seleniten stand. Es schien ein merkwürdig gemischter Haufe zu sein.

»Wollen sie, wir sollen diese Töne nachahmen?« fragte ich Cavor.

»Ich glaube nicht,« sagte er.

»Mir scheint, sie versuchen, uns etwas verständlich zu machen.«

»Ich kann aus ihren Gesten nicht klug werden. Sehen Sie diesen da, der wie ein Mensch in 'nem unbequemen Kragen mit dem Kopf würgt?«

»Lassen Sie uns doch den Kopf gegen ihn schütteln.«

Wir taten das, und da wir es als wirkungslos erfanden, versuchten wir eine Nachahmung der Bewegungen der Seleniten. Auf jeden Fall begannen sie alle mit derselben Bewegung. Da das aber zu nichts zu führen schien, hörten wir schließlich auf, und auch sie taten das und begannen unter sich eine pfeifende Debatte. Dann kauerte sich plötzlich einer von ihnen, der kürzer und sehr viel dicker war als die anderen und einen besonders weiten Mund hatte, neben Cavor nieder und legte Hände und Füße in dieselbe Haltung, wie Cavors gebunden waren, und stand dann mit einer geschickten Bewegung auf.

»Cavor,« rief ich, »sie wollen, wir sollen aufstehn!«

Er starrte mich mit offenem Munde an. »Natürlich!« sagte er.

Und mit vielem Winden und Grunzen – denn unsere Hände waren zusammengebunden – gelang es uns, uns auf die Füße zu arbeiten. Die Seleniten machten für unsere elefantenmäßigen Bewegungen Platz und schienen noch beredter zu zwitschern. Sobald wir auf den Füßen standen, kam der untersetzte Selenit, befühlte unsere Gesichter mit seinen Tastern und ging auf die offene Tür zu. Auch das war deutlich genug, und wir folgten ihm. Wir sahen, daß vier von den Seleniten, die in der Tür standen, viel größer waren als die anderen, und ebenso gekleidet wie die, die wir im Krater beobachtet hatten, nämlich mit runden, spitzigen Helmen und zylindrischen Leibeshüllen, und daß jeder der vier einen Treibstock mit Stachel und Schutzgriff trug, der aus demselben stumpfaussehenden Metall bestand wie die Schüsseln. Diese vier nahmen uns zwischen sich, je zwei zu beiden Seiten von uns, als wir aus unserm Raume in die Höhle auftauchten, aus der das Licht gekommen war.

Unseren Eindruck von dieser Höhle erhielten wir nicht sofort. Unsere Aufmerksamkeit war von den Bewegungen und Haltungen der Seleniten in Anspruch genommen, die uns unmittelbar umgaben, und von dem Zwange, unsere Bewegung zu beherrschen, damit wir sie nicht durch übermäßige Schritte erschreckten und ängstigten. Vor uns ging das kurze, untersetzte Wesen, das das Problem gelöst hatte, uns zum Aufstehn zu bewegen, und er bewegte sich mit Gesten, die uns fast alle verständlich erschienen und uns aufforderten, ihm zu folgen. Sein schnabelartiges Gesicht wandte sich mit einer Geschwindigkeit vom einen von uns zum andern, die offenbar fragend war. Eine Zeitlang, sage ich, waren wir von diesen Dingen in Anspruch genommen.

Aber schließlich machte sich der große Raum, der den Hintergrund zu unsern Bewegungen abgab, geltend. Es stellte sich heraus, daß die Quelle wenigstens eines großen Teils des Tumults von Tönen, der unsere Ohren erfüllt hatte, seit wir uns von der Erstarrung durch den Pilz erholt hatten, eine riesige Masse von Maschinerie in Bewegung war, deren fliegende und wirbelnde Teile undeutlich über den Köpfen und zwischen den Körpern der Seleniten hindurch zu sehen waren, die um uns gingen. Und nicht nur das Gewebe von Tönen, das die Luft erfüllte, rührte von diesem Mechanismus her, sondern auch das eigentümliche blaue Licht, das den ganzen Raum durchstrahlte. Wir hatten es als etwas Natürliches hingenommen, daß eine unterirdische Höhle künstlich beleuchtet war, und noch jetzt, wo mir doch die Tatsache offen vor Augen lag, erfaßte ich ihre Bedeutung nicht völlig, bis alsbald das Dunkel kam. Den Sinn und den Bau dieses riesigen Apparats, den wir sahen, kann ich nicht erklären, weil wir beide nicht erfuhren, wozu er da war und wie er arbeitete. Einer nach dem andern flogen dicke metallene Schafte von seinem Zentrum aus und empor, deren Köpfe eine Kurve beschrieben, die mir parabolisch zu sein schien, und jeder warf ein Art baumelndes Armes aus, wenn er zu seinem Höhepunkt aufstieg und in einen vertikalen Zylinder niedertauchte, den er damit abwärts zwang. Darum bewegten sich die Gestalten von Wächtern, kleine Figuren, die irgendwie anders erschienen als die Wesen um uns. Wenn einer der drei baumelnden Arme der Maschine niedertauchte, gab es ein Geklirr und dann ein Brüllen, und aus dem vertikalen Zylinder floß oben dieser leuchtende Stoff über, der den Raum erhellte; er lief über, wie Milch in einem kochenden Topf überläuft, und tröpfelte unten leuchtend in einen Lichtkessel. Es war ein kaltes blaues Licht, eine Art phosphoreszierenden Scheins, nur unendlich viel heller, und aus den Kesseln, in die es fiel, lief es in Leitungen quer durch die Höhle.

Bum, bum, bum, bum, bum machten die fliegenden Arme dieses unverständlichen Apparats, und die Licht-Substanz zischte und floß. Anfangs schien uns das Ding nur ziemlich groß und uns nahe, und dann sah ich, wie außerordentlich klein die Seleniten darauf erschienen, und mir wurde die ganze Riesenhaftigkeit von Höhle und Maschine klar. Ich blickte nach dieser riesigen Affäre mit neuem Respekt auf die Gesichter der Seleniten. Ich stand still, und Cavor stand still und starrte diese kolossale Maschine an.

»Aber das ist unheimlich!« sagte ich. »Wozu kann das sein?«

Cavors blaubeleuchtetes Gesicht war voll von intelligentem Respekt. »Ich kann nicht träumen! Diese Dinge sind doch – Menschen könnten kein solches Ding machen! Sehen Sie die Arme an, laufen die auf Kurbelstangen?«

Der untersetzte Selenit war, ohne auf uns zu achten, ein paar Schritte weitergegangen. Er kehrte um und blieb zwischen uns und der großen Maschine stehen. Ich vermied ihn anzusehen, weil ich irgendwie erriet, daß er uns weiter winken wollte. Er ging in der Richtung, in der er uns vorwärts haben wollte, drehte sich um und kam zurück und schnippte uns ins Gesicht, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen.

Cavor und ich sahen einander an.

»Können wir ihm nicht zeigen, daß wir uns für die Maschine interessieren?« sagte ich.

»Ja,« sagte Cavor, »wir wollen es versuchen.« Er wandte sich zu unserm Führer, lächelte, zeigte auf die Maschine, zeigte nochmals, zeigte auf seinen Kopf und dann wieder auf die Maschine. Aus irgendwelchen mangelhaften Schlüssen heraus schien er anzunehmen, gebrochenes Reden könne diese Gesten unterstützen.

»Mich ihm sehen,« sagte er, »mich ihm sehr hochhalten. Ja.«

Sein Benehmen schien die Seleniten in ihrem Verlangen, daß wir weitergehen sollten, einen Moment aufzuhalten. Sie wandten sich einander zu, ihre wunderlichen Köpfe bewegten sich, die zwitschernden Stimmen waren rasch und flüssig zu hören. Dann schlang einer von ihnen, ein hageres, großes Geschöpf, das außer der Kleidung der andern eine Art Mantel trug, Cavor den Elefantenrüssel-Arm um die Hüften und zog ihn sanft unserm Führer nach, der wieder vorausging.

Cavor leistete Widerstand. »Wir können gerade so gut jetzt beginnen, uns verständlich zu machen. Sie könnten denken, wir sind neue Tiere, vielleicht eine neue Art Mondkalb! Es ist von höchster Wichtigkeit, daß wir von Anbeginn ein intellektuelles Interesse zeigen.«

Er begann heftig den Kopf zu schütteln. »Nein, nein,« sagte er, »ich eine Minute nicht weiter kommen. Mich ihn ansehen.«

»Gibt es nicht irgend etwas Geometrisches, was man à propos dieses Dings da zeigen könnte?« schlug ich vor, als die Seleniten wieder konferierten.

»Vielleicht eine parabolische –« begann er.

Er schrie laut auf und sprang sechs Fuß hoch oder noch mehr.

Einer der vier bewaffneten Mondleute hatte ihn mit seinem Stachel gestochen!

Ich wandte mich mit einer raschen, drohenden Geste gegen den Stachelträger hinter mir, und er fuhr zurück. Das und Cavors plötzlicher Schrei und Sprung erstaunte klärlich alle Seleniten. Sie wichen hastig, uns zugewandt, zurück. Einen jener Momente lang, die ewig zu dauern schienen, standen wir in zornigem Protest da, mit einem zerstreuten Halbkreis dieser unmenschlichen Wesen um uns.

»Er hat mich gestochen! sagte Cavor mit stockender Stimme.

»Ich sah ihn,« antwortete ich.

»Zum Henker!« sagte ich zu den Seleniten; »das lassen wir uns nicht gefallen! Für was auf aller Welt halten Sie uns?«

Ich blickte rasch nach links und rechts. In großer Ferne sah ich durch die blaue Höhlenwildnis eine Anzahl weiterer Seleniten auf uns zulaufen; breite und schlanke waren es, und einer hatte einen größeren Kopf als die andern. Die Höhle erstreckte sich weit und niedrig hin und verlor sich nach allen Richtungen ins Dunkel. Ihr Dach, entsinne ich mich, schien sich wie unter dem Gewicht der ungeheuren Felsendicke, die uns gefangen hielt, herabzubauchen. Es gab keinen Weg hinaus – keinen Weg hinaus. Oben, unten, in allen Richtungen war das Unbekannte und diese menschlichen Geschöpfe mit ihren Stacheln und Gesten, die uns entgegenstanden, uns zwei wehrlosen Menschen.

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