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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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13
Mr. Cavor stellt ein paar Vermutungen auf

Eine Zeitlang sprach keiner von uns. All die Dinge, die wir über uns gebracht hatten, in einen Brennpunkt zu bringen, schien meine Geisteskräfte zu übersteigen.

»Sie haben uns,« sagte ich schließlich.

»Es war dieser Pilz!«

»Ja – wenn ich ihn nicht gegessen hätte, wären wir schwach geworden und verhungert.«

»Wir hätten die Sphäre finden können.«

Ich verlor über seiner Hartnäckigkeit die Geduld und fluchte vor mich hin. Eine Weile haßten wir uns schweigend. Ich trommelte mit den Fingern zwischen meinen Knien auf den Boden und knirschte mit den Gliedern meiner Fesseln gegeneinander. Dann zwang es mich, wieder zu reden.

»Einerlei, was machen Sie daraus?« fragte ich demütig.

»Es sind vernünftige Geschöpfe – sie können Dinge machen und tun – – Die Lichter, die wir sahen ...«

Er hielt inne. Es war klar, er konnte nichts daraus machen.

Als er wieder sprach, geschah es, um zu gestehen: »Schließlich sind sie menschenähnlicher, als wir zu erwarten ein Recht hatten. Ich glaube – –«

Er hielt aufreizend inne.

»Ja?«

»Ich glaube auf jeden Fall – auf allen Planeten, wo es ein intelligentes Tier gibt – wird es die Hirnschale nach oben tragen, Hände haben und aufrecht gehen ...«

Dann schweifte er plötzlich in anderer Richtung ab.

»Wir sind ein Stück drinnen,« sagte er. »Ich meine – vielleicht ein paar tausend Fuß oder mehr.«

»Warum?«

»Es ist kühler. Und unsere Stimmen sind so viel lauter. Dieser verblaßte Charakter – der ist völlig fort. Und das Gefühl in den Ohren und im Hals.«

Das war mir nicht aufgefallen, aber jetzt tat es das.

»Die Luft ist dichter. Wir müssen in einiger Tiefe sein – vielleicht sogar eine Meile innerhalb des Mondes.«

»Wir haben nie an eine Welt im Mond gedacht.«

»Nein.«

»Wie konnten wir auch!«

»Wir hätten daran denken können. Nur – man nimmt geistige Gewohnheiten an.«

Er dachte eine Zeitlang nach.

» Jetzt,« sagte er, »scheint es so selbstverständlich.«

»Natürlich! Der Mond muß ungeheure Höhlen haben, eine innere Atmosphäre und im Zentrum seiner Höhlen ein Meer.«

»Man wußte, daß der Mond ein geringeres spezifisches Gewicht hat als die Erde, man wußte, daß er draußen wenig Wasser oder Luft hat, man wußte auch, daß er ein Schwesterplanet der Erde war, wenn er in seiner Zusammensetzung verschieden wäre. Der Schluß, daß er hohl ist, war so klar wie der Tag. Und doch hat man das nie als Tatsache gesehen. Kepler natürlich –«

Seine Stimme verriet jetzt das Interesse eines Mannes, der eine hübsche Schlußfolge entdeckt hat.

»Ja,« sagte er »Kepler mit seinen subvolcani hatte recht.«

»Ich wollte, Sie hätten sich die Mühe gemacht, das vor unserer Ankunft herauszufinden,« sagte ich.

Er antwortete nichts, sondern summte leise vor sich hin, als er seinen Gedanken folgte. Ich verlor die Geduld. »Was meinen Sie denn, ist aus der Sphäre geworden?« fragte ich.

»Verloren,« sagte er wie einer, der eine uninteressante Frage beantwortet.

»Unter diesen Pflanzen?«

»Wenn sie sie nicht finden.«

»Und dann?«

»Wie kann ich das wissen?«

»Cavor,« sagte ich mit einer Art hysterischer Bitterkeit, »die Dinge sehen glänzend aus für meine Gesellschaft ...«

Er gab keine Antwort.

»Gütiger Himmel!« rief ich aus. »Denken Sie doch nur an all die Mühe, die wir uns gegeben haben, um in diese Patsche zu geraten! Wozu sind wir gekommen? Was ging uns der Mond an oder wir den Mond? Wir haben zu viel gewollt, wir haben zu viel versucht. Wir hätten mit den kleinen Sachen beginnen sollen. Den Mond haben Sie vorgeschlagen! Diese Cavorit-Rolljalousien! Ich bin sicher, wir hätten sie für irdische Zwecke anwenden können. Sicher! Hatten Sie wirklich verstanden, was ich vorschlug! Ein Stahlzylinder – –«

»Quatsch!« sagte Cavor.

Wir hörten auf miteinander zu reden.

Eine Zeitlang unterhielt Cavor ohne viel Hilfe von mir einen gebrochenen Monolog.

»Wenn sie sie finden,« begann er, »wenn sie sie finden ... was werden sie damit anfangen? Ja, das ist eine Frage. Vielleicht ist das die Frage. Auf jeden Fall werden sie sie nicht verstehen. Wenn sie solch Zeug verständen, wären sie längst auf die Erde gekommen. Wären sie? Warum sollten sie nicht? Aber sie hätten etwas geschickt – – Sie hätten von einer solchen Möglichkeit nicht die Hand lassen können. Nein! Aber sie werden sie untersuchen. Offenbar sind sie intelligent und neugierig. Sie werden sie untersuchen – hineinsteigen – mit den Knöpfen spielen. Weg! ... Das hieße für uns: auf den Rest unseres Lebens den Mond! Seltsame Geschöpfe, seltsames Wissen ...«

»Was das seltsame Wissen angeht« – sagte ich, und die Worte versagten mir.

»Hören Sie, Bedford,« sagte Cavor, »Sie sind aus eigenem, freiem Willen auf diese Expedition gegangen.«

»Sie sagten zu mir: ›Nennen Sie es Prospektern‹.«

»Beim Prospektern läuft man immer Risiko.«

»Besonders, wenn man es unbewaffnet unternimmt, und ohne vorher jede Möglichkeit auszudenken.«

»Ich war so von der Sphäre in Anspruch genommen. Die Sache stürzte auf uns los und trug uns fort.«

»Stürzte auf mich los, meinen Sie.«

»Stürzte ebensosehr auf mich. Woher sollte ich wissen, als ich über Molekularphysik zu arbeiten begann, daß die Geschichte mich hierher bringen würde – von allen Orten hierher!«

»Das ist diese verfluchte Naturwissenschaft,« rief ich. »Die ist der wahre Teufel. Die mittelalterlichen Priester und Verfolger hatten recht, und die Modernen haben völlig unrecht. Sie lassen sich mit ihr ein – und sie bietet Ihnen Gaben, sind so wie Sie die Gaben nehmen, schlägt sie Sie auf eine unerwartete Art in Stücke. Alte Leidenschaften und neue Waffen – bald wirft sie Ihre Religion um, bald wirft sie Ihre sozialen Ideen um, bald wirbelt sie Sie in die Wüste und ins Elend davon!«

»Auf jeden Fall nützt es nichts, wenn Sie jetzt mit mir zanken. Diese Geschöpfe – diese Seleniten oder wie wir sie auch nennen wollen – haben uns an Händen und Füßen gebunden. In welcher Stimmung es Ihnen auch beliebt, die Sache durchzumachen, durchmachen werden Sie sie müssen ... Wir haben Erlebnisse vor uns, die unsere ganze Kühle erfordern werden.«

Er hielt inne, als verlange er meine Beistimmung. Aber ich grollte. »Zum Henker mit Ihrer Wissenschaft!« sagte ich.

»Das Problem lautet: Mitteilung. Gesten, fürchte ich, werden anders sein. Zeigen, zum Beispiel. Außer Menschen und Affen zeigen keine Geschöpfe.«

Das war mir zu handgreiflich verkehrt. »Ziemlich jedes Tier,« rief ich, »zeigt mit den Augen oder mit der Nase.«

Cavor dachte darüber nach. »Ja,« sagte er schließlich, »und wir nicht. Es gibt solche Verschiedenheiten – solche Verschiedenheiten?«

»Man könnte ... Aber wie kann ich das sagen? Da ist die Sprache. Die Töne, die sie von sich geben, eine Art Flöten und Pfeifen. Ich sehe nicht, wie wir das nachahmen sollten. Ist das ihre Sprache? Sie können andere Sinne haben, andere Mittel der Mitteilung. Natürlich sind sie Geister, und wir sind Geister; es muß etwas Gemeinsames geben. Wer weiß, wie weit wir nicht zu einer Verständigung kommen können?«

»Die Dinge sind anders als wir,« sagte ich. »Sie sind mehr von uns unterschieden als die fremdartigsten Tiere auf der Erde. Sie sind ein verschiedener Lehm. Was nützt es, so zu reden?«

Cavor überlegte. »Das sehe ich nicht ein. Wo Geister sind, werden sie etwas Ähnliches haben – selbst wenn sie auf verschiedenen Planeten entwickelt sind. Natürlich, wenn es eine Frage der Instinkte wäre, wenn wir oder sie nichts wären als Tiere – –«

»Ja, sind sie etwas anderes? Sie gleichen viel eher Ameisen auf den Hinterbeinen als menschlichen Wesen, und wer ist je mit Ameisen zu irgendwelcher Verständigung gekommen?«

»Aber diese Maschinen und die Kleidung! Nein, ich bin nicht Ihrer Meinung, Bedford. Der Unterschied ist groß – –«

»Er ist unübersteiglich.«

»Die Ähnlichkeit muß ihn überbrücken. Ich erinnere mich, daß ich einmal einen Aufsatz von dem verstorbenen Professor Galton über die Möglichkeit einer Mitteilung zwischen den Planeten gelesen habe. Leider schien es mir damals nicht wahrscheinlich, daß mir das von irgendwie materiellem Nutzen sein könnte, und ich fürchte, ich habe ihm nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ich ihm hätte schenken sollen – wenn man diesen Stand der Dinge berücksichtigt. Aber ... Halt, lassen Sie mich sehen!«

Seine Idee war, mit jenen allgemeinen Wahrheiten zu beginnen, die allen denkbaren geistigen Existenzen zugrunde liegen müssen, und darauf eine Basis zu begründen. Zunächst mit den großen Prinzipien der Geometrie. Er schlug vor, irgendeinen führenden Lehrsatz des Euklid zu nehmen und durch Konstruktion zu zeigen, daß uns seine Wahrheit bekannt sei, zum Beispiel zu beweisen, daß die Winkel an der Basis eines gleichseitigen Dreiecks gleich sind, und daß, wenn man die gleichen Seiten verlängert, auch die Winkel auf der anderen Seite der Basis gleich sind, oder daß das Quadrat auf der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks gleich der Summe der Quadrate über den beiden Katheten ist. Dadurch, daß wir unsere Kenntnis dieser Dinge dartäten, würden wir zeigen, daß wir im Besitz eines vernünftigen Intellekts sind ... Wenn ich nun ... wenn ich die geometrische Figur mit einem nassen Finger zeichnete, oder sie auch nur in der Luft andeutete ...«

Er verstummte. Ich überlegte seine Worte. Eine Zeitlang bannte mich diese wilde Hoffnung aus Mitteilung, auf Verständigung mit diesen gespenstischen Wesen. Dann nahm jene zornige Verzweiflung, die ein Teil meiner Erschöpfung und meines physischen Elends war, ihre Herrschaft wieder auf. Ich sah mit plötzlicher, neuer Lebendigkeit, wie furchtbar töricht alles war, was ich je getan hatte. »Esel!« sagte ich, »o, Esel, unsäglicher Esel ... es scheint, ich bin nur da, um herumzulaufen und widersinnige Dinge zu tun ... Warum haben wir das Ding jemals verlassen? ... Hüpfen auf der Suche nach Patenten und Konzessionen in den Mondkratern herum! ... Wenn wir nur den Verstand gehabt hätten, ein Taschentuch an einen Stock zu binden, um zu zeigen, wo wir die Sphäre gelassen haben!«

Ich sank in Wut zusammen.

»Es ist klar,« überlegte Cavor, »sie sind intelligent. Man kann gewisse Dinge aufstellen. Da sie uns nicht sofort getötet haben, müssen sie Gedanken des Erbarmens haben. Des Erbarmens! auf jeden Fall der Selbstbeherrschung. Vielleicht des Verkehrs. Sie werden uns vielleicht entgegenkommen. Und dieser Raum und der Eindruck, den wir von seinem Hüter hatten. Diese Fesseln! Ein hoher Grad von Intelligenz!«

»Ich wollte zum Himmel,« rief ich, »ich hätte nur zweimal gedacht! Sprung nach Sprung. Erst ein Anfang aufs Geratewohl und dann ein zweiter. Es war mein Vertrauen zu Ihnen! Warum bin ich nicht bei meinem Drama geblieben? Dem war ich gewachsen. Das war meine Welt, und das Leben, zu dem ich geschaffen war. Das Drama hätte ich zu Ende bringen können. Ich bin sicher ... es war ein gutes Drama. Ich hatte das Szenarium so gut wie fertig. Dann ... stellen Sie sich vor! auf den Mond zu springen! Praktisch betrachtet – hab' ich mein Leben weggeworfen! Die alte Frau in dem Gasthofe bei Canterbury hatte mehr Verstand.«

Ich blickte auf und unterbrach mich mitten im Satz. Die Dunkelheit war von neuem dem bläulichen Lichte gewichen. Die Tür ging auf, und mehrere geräuschlose Seleniten kamen in den Raum. Ich wurde ganz still und starrte ihre grotesken Gesichter an.

Dann verwandelte sich plötzlich meine Empfindung unangenehmer Fremdheit in Interesse. Ich sah, daß der vorderste und der zweite Schüsseln trugen. Ein elementares Bedürfnis wenigstens konnten unsere Geister gemeinsam verstehen. Es waren Schüsseln aus einem Metall, das wie unsere Fesseln in dem bläulichen Licht dunkel aussah, und jede enthielt eine Anzahl weißlicher Fragmente. All der neblige Schmerz und das Elend, das mich bedrückte, stürzte zusammen und nahm die Gestalt des Hungers an. Ich blickte wölfisch nach diesen Schüsseln, und obgleich es mich in Träumen heimgesucht hat, damals erschien es mir als eine Kleinigkeit, daß am Ende der Arme, die einer zu mir senkte, keine Hände saßen, sondern eine Art Lappen und ein Daumen, wie am Ende eines Elefantenrüssels.

Das Zeug in der Schüssel war losen Gewebes und von weißlich brauner Farbe – etwa wie Stücke eines kalten soufflé, und es roch wie Pilze. Nach einem teilweise geöffneten Leichnam eines Mondkalbes, den wir bald darauf zu sehen bekamen, neige ich zu dem Glauben, daß es Mondkalbfleisch gewesen sein muß.

Mir waren die Hände zu eng gefesselt, daß es mir kaum gelingen wollte, die Schüssel zu erreichen; aber als sie meine Anstrengung sahen, lösten zwei von ihnen sehr gewandt eine der Windungen um mein Handgelenk. Ich faßte sofort einen Bissen von der Nahrung. Sie war ebenso loser Textur, wie sie auf dem Mond alles organische Wachstum zu haben scheint; sie schmeckte etwa wie eine Waffel oder ein nasser Baiser, aber sie war durchaus nicht unangenehm. Ich nahm zwei weitere Bissen. »Ich mußte – essen!« sagte ich und riß ein noch größeres Stück ab ...

Eine Zeitlang aßen wir in äußerster Selbstvergessenheit. Wir aßen und tranken dann auch wie Landstreicher in einer Garküche. Nie zuvor oder seither bin ich bis zu dem rasenden Grade heißhungrig gewesen, und hätte ich es nicht erlebt, ich hätte nie glauben können, daß ich eine Viertelmillion Meilen von unserer eigentlichen Welt entfernt in äußerster Seelenbeklemmung, umgeben, beobachtet, berührt von groteskeren und unmenschlicheren Wesen, als es die schlimmsten Schöpfungen eines Albs sind, in äußerster Vergessenheit all dieser Dinge hätte essen können.

Sie umstanden uns und beobachteten uns, und hin und wieder gaben sie ein leises, flüchtiges Zwitschern von sich, das, glaube ich, bei ihnen die Stelle der Sprache vertrat. Ich schauderte nicht einmal bei ihrer Berührung. Und als der erste Eifer meines Essens vorüber war, konnte ich bemerken, daß auch Cavor mit derselben schamlosen Hingebung gegessen hatte.

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