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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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12
Das Gesicht des Seleniten

Ich wurde mir bewußt, daß ich in aufgeregtem Dunkel zusammengekauert saß. Lange Zeit konnte ich nicht begreifen, wo ich war, noch wie ich in diese Schwierigkeit geraten war. Ich dachte an den Schrank, in den ich als Kind zuweilen gesteckt worden war, und dann an ein sehr dunkles und geräuschvolles Schlafzimmer, in dem ich während einer Krankheit geschlafen hatte. Aber diese Geräusche um mich waren nicht die Geräusche, die ich gekannt hatte, und in der Luft hing ein dünner Geruch wie der Hauch eines Stalles. Dann nahm ich an, wir müßten noch an der Sphäre arbeiten, und irgendwie sei ich in den Keller von Cavors Haus geraten. Ich besann mich, daß wir die Sphäre vollendet hatten, und dann meinte ich, ich müsse noch darin sein und durch den Raum reisen.

»Cavor,« sagte ich, »können wir nicht etwas Licht machen?«

Es kam keine Antwort.

»Cavor!« beharrte ich.

Ein Stöhnen antwortete mir. »Mein Kopf!« hörte ich ihn sagen, »mein Kopf!«

Ich versuchte die Hände an die Stirn zu drücken, die schmerzte, und ich entdeckte, daß sie zusammengebunden waren. Das erschreckte mich sehr. Ich hob sie bis zu meinem Munde und fühlte die kühle Glätte von Metall. Sie waren zusammengekettet. Ich versuchte die Beine auseinanderzutun und erfuhr, daß sie ähnlich gefesselt waren, und auch, daß ich durch eine dickere Kette mitten um meinen Rumpf an den Boden gefesselt war.

Dies erschreckte mich mehr, als es in allen unsern seltsamen Erlebnissen noch irgend etwas getan hatte. Eine Zeitlang zerrte ich schweigend an meinen Fesseln. »Cavor!« rief ich scharf. »Warum bin ich gebunden? Warum haben Sie mir Hände und Füße gebunden?«

»Ich habe Sie nicht gebunden,« antwortete er. »Das haben die Seleniten getan.«

Die Seleniten! dabei blieb mein Geist eine Weile stehen. Dann kamen mir meine Erinnerungen zurück: Die Schneewüste, das Auftauen der Luft, das Wachsen der Pflanzen, unser seltsames Hüpfen und Kriechen unter den Felsen und der Vegetation des Kraters. All die Not unserer wahnsinnigen Suche nach der Sphäre kam mir zurück ... Schließlich die Öffnung des großen Deckels, der das Loch verbarg.

Dann, als ich mich anstrengte, unsere späteren Bewegungen bis zu unserer gegenwärtigen Lage aufzuspüren, wurde der Schmerz in meinem Kopfe unerträglich. Ich kam an eine unübersteigbare Schranke, eine hartnäckige Lücke.

»Cavor!«

»Ja?«

»Wo sind wir?«

»Wie soll ich das wissen?«

»Sind wir tot?«

»Was für ein Unsinn!«

»So haben sie uns?«

Er gab außer einem Grunzen keine Antwort. Die noch zögernden Reste des Giftes schienen ihn merkwürdig reizbar zu machen.

»Was gedenken Sie zu tun?«

»Wie sollte ich wissen, was zu tun ist?«,

»O, schön!« sagte ich und verstummte. Dann erwachte ich aus einer Starrheit. » O Himmel!« rief ich; »ich wollte. Sie ließen dies Summen!«

Wir versanken wieder in Schweigen und lauschten auf den dumpfen Wirrwarr von Geräuschen gleich den gedämpften Lauten einer Straße oder einer Fabrik, die uns die Ohren füllten. Ich konnte nicht daraus klug werden, mein Geist verfolgte erst einen Rhythmus und dann einen anderen und befragte ihn vergebens. Aber nach langer Zeit wurde ich mir eines neuen und schärferen Elements bewußt, das sich nicht mit dem Rest vermischte, sondern sich gleichsam von jenem wolkigen Hintergrund von Tönen abhob. Es war eine Reihe relativ sehr wenig bestimmter Töne, ein Klopfen und Reiben, wie wenn ein loser Efeuzweig an ein Fenster schlägt, oder ein Vogel auf einer Schachtel umherhüpft. Wir lauschten und spähten um uns, aber das Dunkel war eine sammetene Decke. Es folgte ein Geräusch wie die feine Bewegung der Hemmung einer gut geölten Uhr. Und dann erschien vor mir, gleichsam in einer schwarzen Unermeßlichkeit hängend, eine dünne helle Linie.

»Sehn Sie!« flüsterte Cavor sehr leise.

»Was ist das?«

»Ich weiß nicht.«

Wir starrten hin.

Die dünne helle Linie wurde ein Band und breiter und blasser. Sie nahm den Charakter eines bläulichen Lichtes an, das auf eine getünchte Wand fiel. Sie hörte auf, parallelseitig zu sein; sie entfaltete auf einer Seite eine tiefe Zahnung. Ich wandte mich, um Cavor darauf aufmerksam zu machen, und sah sein Ohr mit Entsetzen in glänzender Beleuchtung – sonst lag er ganz im Schatten.. Ich drehte den Kopf herum, so gut meine Fesseln es mir erlauben wollten. »Cavor,« sagte ich, »das ist hinten!«

Sein Ohr verschwand – wich einem Auge!

Plötzlich verbreitete sich der Spalt, der das Licht eingelassen hatte, und offenbarte sich als der Rahmen einer sich öffnenden Tür. Dahinter lag ein bläulicher Durchblick, und in der Tür stand eine groteske Silhouette vor dem Glanze.

Wir machten beide krampfhafte Anstrengungen, uns umzudrehen, und da uns das nicht gelang, saßen wir da und starrten über unsere Schultern weg nach hinten. Mein erster Eindruck war der eines plumpen Vierfüßers mit gesenktem Kopf. Dann sah ich, daß es der schlanke, zusammengekniffene Leib mit den kurzen und außerordentlich verdünnten, gebogenen Beinen eines Seleniten war, der den Kopf zwischen die Schultern gedrückt hielt. Er war ohne Helm und ohne die Leibbedeckung, die sie äußerlich tragen.

Er war für uns eine leere, schwarze Gestalt, aber instinktiv lieh unsere Phantasie seinem sehr menschlichen Umriß Züge. Ich wenigstens nahm sofort an, daß er etwas Buckliges mit hoher Stirn und langen Zügen war.

Er kam drei Schritte näher und blieb eine Zeitlang stehen. Seine Bewegungen schienen absolut geräuschlos. Dann kam er von neuem näher. Er ging wie ein Vogel, seine Füße traten einer vor den anderen. Er trat aus dem Lichtstrahl, der durch die Tür einfiel, heraus, und es schien, als verschwinde er völlig im Schatten.

Einen Moment suchten meine Augen ihn am falschen Ort, und dann sah ich ihn im vollen Licht vor uns beiden stehen. Nur waren die menschlichen Züge, die ich ihm geliehen hatte, durchaus nicht da.

Natürlich hätte ich das erwarten sollen; ich tat es nur nicht. Es traf mich als ein absoluter für einen Moment überwältigender Schlag. Es war, als sei es kein Gesicht, als müsse es durchaus eine Maske sein, ein Grauen; eine Unförmlichkeit, die alsbald Lügen gestraft oder erklärt werden würde. Es war keine Nase vorhanden, und das Wesen hatte stumpfe, bauchige Augen auf der Seite – in der Silhouette hatte ich sie für Ohren gehalten. Ohren waren nicht da ... Ich habe versucht, einen dieser Köpfe zu zeichnen, aber ich kann es nicht. Ein Mund war vorhanden, nach unten gebogen wie der menschliche Mund in einem wild starrenden Gesicht ...

Der Hals, auf dem der Kopf saß, war an drei Stellen mit Gelenken versehen, fast wie die kurzen Gelenke an einem Krebsbein. Die Gelenke der Glieder konnte ich nicht sehen, weil sie in Binden gehüllt waren, die die einzige Kleidung ausmachten, die das Wesen trug.

Da stand das Ding und blickte uns an.

Mein Geist wurde ganz von der tollen Unmöglichkeit des Geschöpfes in Anspruch genommen. Ich glaube, er selber war auch entsetzt, und vielleicht mit mehr Grund zum Entsetzen als wir. Nur, zum Henker! er zeigte es nicht. Wir wußten wenigstens, was diese Begegnung unvereinbarer Geschöpfe zustande gebracht hatte. Aber man stelle sich vor, wie es zum Beispiel anständigen Londonern Vorkommen würde, wenn sie auf ein Paar lebender Wesen stießen, so groß wie Menschen und allen anderen irdischen Tieren absolut unähnlich, und diese Geschöpfe liefen unter den Schafen im Hyde Park umher! So muß es ihm vorgekommen sein.

Man stelle sich uns vor! Wir waren an Hand und Fuß gebunden, ermüdet und schmutzig; unsere Bärte zwei Zoll lang, und unsere Gesichter verschrammt und blutig. Cavor muß man sich in seinen Kniehosen denken (die an mehreren Stellen von dem Bajonettstrauch zerrissen waren), in seinem Jägerhemde und seiner alten Kricketmütze, seinem strähnigen Haar in so wilder Unordnung, daß es eine Strähne in jede Himmelsrichtung streckte. In diesem blauen Lichte sah sein Gesicht nicht rot aus, sondern sehr dunkel, seine Lippen und das trocknende Blut auf meinen Händen erschienen schwarz. Womöglich war ich in noch schlimmerer Verfassung als er, weil ich noch in den gelben Schwammpilz hineingesprungen war. Unsere Jacken waren aufgeknöpft, und unsere Schuhe waren uns ausgezogen und lagen zu unsern Füßen. Und wir saßen mit dem Rücken nach diesem wunderlichen blauen Licht gewendet und spähten auf ein Ungeheuer, wie Dürer es hätte erfinden können.

Cavor unterbrach die Stille; begann zu reden, wurde heiser und räusperte sich. Draußen begann ein schreckliches Brüllen, als wäre ein Mondkalb in Not. Es endete mit einem Kreischen, und dann war alles wieder still.

Plötzlich machte der Selenit kehrt, schwenkte in den Schatten, stand einen Moment an der Tür still und blickte zurück und schloß sie dann, und noch einmal waren wir in diesem murmelnden Geheimnis des Dunkels, in das wir erwacht waren.

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