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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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11
Die Mondkalbweiden

So krochen wir beiden armen irdischen Verbannten, verloren in diesem wild wachsenden Monddschungel, in Angst vor den Tönen, die uns erreicht hatten, dahin. Wir krochen, wie es schien, lange Zeit, ehe wir sowohl den Seleniten wie das Mondkalb sahen, obgleich wir das Brüllen und die grunzenden Geräusche dieser letzteren beständig näher kommen hörten. Wir krochen durch steinige Schluchten über Schneehänge hin, zwischen Schwammpilzen durch, die bei unserer Berührung wie dünne Blasen aufrissen und eine wässerige Flüssigkeit von sich gaben, über ein vollständiges Pflaster von staubpilzähnlichen Dingen, und unter endlosen Gestrüppdickichten hin. Und immer hoffnungsloser suchten unsere Augen nach unserer verlassenen Sphäre. Der Lärm der Mondkälber war zuzeiten ein breiter, flacher, kalbartiger Ton, zuzeiten erhob er sich zu einem entsetzten und wütenden Brüllen, und dann wieder wurde er zu einem gehemmten Tierlaut, als suchten diese unsichtbaren Geschöpfe zu gleicher Zeit zu fressen und zu brüllen.

Als wir sie zum erstenmal zu sehen bekamen, war es nur ein ungenügender, flüchtiger Blick, der aber nicht minder beunruhigend, weil unvollständig war. Cavor kroch zurzeit vor und er bemerkte ihre Nähe zuerst. Er machte Halt und gebot es mir mit einer einzigen Bewegung.

Ein Krachen und Bersten des Gestrüpps schien gerade auf uns zu zu laufen, und dann, als wir uns nahe zusammenhockten und über die Nähe und Richtung dieses Lärmes ein Urteil zu gewinnen versuchten, erdröhnte hinter uns ein furchtbares Gebrüll, so nah und heftig, daß sich die Spitzen des Bajonettstrauchs darunter bogen und man seinen Atem heiß und feucht fühlte. Und als wir uns umdrehten, sahen wir durch einen Wald schwankender Stämme hindurch die leuchtenden Seiten des Mondkalbs, und die lange Linie seines Rückens ragte gegen den Himmel empor.

Natürlich ist es schwer für mich, jetzt zu sagen, wieviel ich bei dieser Gelegenheit sah, da meine Eindrücke durch spätere Beobachtung korrigiert wurden. Der erste Eindruck war der von seiner ungeheuren Größe; die Gürtelweite seines Rumpfes betrug einige achtzig Fuß, seine Länge vielleicht zweihundert. Seine Flanken hoben und senkten sich mit seiner mühsamen Atmung. Ich sah, daß sein riesenhafter, schlottriger Körper auf dem Boden lag, und daß seine Haut von runzligem Weiß war, am Wirbel hin schwarz gesprenkelt. Aber von seinen Füßen sahen wir nichts. Ich glaube auch, wir sahen wenigstens das Profil des fast hirnlosen Kopfes mit seinem fettgepolsterten Hals, seinem schlabbernden, alles verschlingenden Mund, seinen kleinen Nüstern und seinen enggeschlossenen Augen (denn das Mondkalb schließt in Gegenwart der Sonne unabänderlich die Augen). Wir sahen gerade noch ein riesiges rotes Loch, als es den Mund auftat, um wieder zu blöken und zu brüllen; wir bekamen einen Hauch aus dem Loch, und dann legte sich das Ungeheuer wie ein Schiff über und schleppte sich am Boden hin, indem es seine ganze ledrige Haut knitterte, wälzte sich von neuem und wogte so schwerfällig an uns vorbei, indem es sich mitten durch das Gestrüpp einen Pfad brach, daß es uns bald hinter seinem dichten Wirrwarr verbarg. Ein zweites erschien in größerer Ferne, und dann ein drittes; und dann kam, als führe er diese lebendigen Vorratsmassen auf ihre Weide, auf einen Augenblick ein Selenit in den Gesichtskreis. Der Griff, mit dem ich Cavors Fuß gefaßt hielt, wurde bei seinem Anblicke krampfhaft, und wir blieben regungslos und spähten aus, noch lange nachdem er aus unserm Bereich verschwunden war.

Im Gegensatz zu den Mondkälbern schien er ein winziges Wesen, eine bloße Ameise, kaum fünf Fuß hoch. Er trug Kleider aus einer ledrigen Substanz, so daß kein Teil seines wirklichen Körpers erschien, aber davon hatten wir natürlich keine Ahnung. Er stellte sich also als ein kompaktes, borstiges Geschöpf dar, das viel von einem komplizierten Insekt hatte, mit peitschenartigen Tastern und einem klingenden Arm, der aus seiner leuchtenden, zylindrischen Leibeshülse hervorragte. Die Form seines Kopfes war durch seinen ungeheuren vielspitzigen Helm verborgen – später entdeckten wir, daß er die Spitzen benutzte, um widerspenstige Mondkälber zu stacheln – und eine Brille, deren dunkel gefärbte Gläser stark auf den Seiten standen, gaben dem metallischen Apparat, der ihm das Gesicht bedeckte, etwas Vogelartiges. Seine Arme fielen nicht über seine Körperhülse hinaus herab, und er trug sich auf kurzen Beinen, die trotz ihrer warmen Deckhüllen unseren irdischen Augen ungehörig schwach erschienen. Sie hatten sehr kurze Ober-, sehr lange Unterschenkel und kleine Füße.

Trotz seiner schwer aussehenden Kleidung bewegte er sich mit Schritten vorwärts, die vom irdischen Standpunkt aus sehr beträchtlich wären, und sein klirrender Arm war geschäftig. Die Art seiner Bewegung während des Moments, in dem er vorüberflog, deutete auf Hast und auf einen gewissen Zorn, und bald nachdem wir ihn aus den Augen verloren hatten, hörten wir das Brüllen eines Mondkalbs unvermittelt in ein kurzes, scharfes Quieken übergehen, dem das Getöse seiner Beschleunigung folgte. Und allmählich verzog sich das Brüllen und kam dann zu einem Schluß, als wären die gesuchten Weiden erreicht.

Wir lauschten. Eine Zeitlang war die Mondwelt still. Aber es dauerte einige Zeit, ehe wir unser Kriechen und die Suche nach der verschwundenen Sphäre wieder aufnahmen.

Als wir das nächste Mal Mondkälber sahen, waren sie etwas von uns entfernt, auf einem Plateau von wirren Felsen. Die weniger senkrechten Flächen der Felsen waren dick besetzt mit einer gefleckten grünen Pflanze, die in dichten moosigen Klumpen wuchs, von denen diese Geschöpfe weideten. Wir hielten bei ihrem Anblick am Rande der Rohre an, durch die wir krochen, und spähten zu ihnen hinaus und blickten uns nach einem zweiten Seleniten um. Sie lagen wie riesige Faulpelze, stupende, fette Rümpfe, vor ihrem Futter und fraßen mit einer Art schluchzender Gier eifrig und geräuschvoll. Sie schienen Ungeheuer bloßen Fetts, bis zu einem Grade plump und wuchtig, daß ein Smithfield-Ochse daneben als ein Muster von Behendigkeit erschienen wäre. Ihre geschäftigen, sich windenden, kauenden Mäuler und ihre geschlossenen Augen ergaben zusammen mit dem appetiterregenden Geräusch ihres Kauens ein Bild tierischen Genusses, das unsere leeren Mägen merkwürdig anreizte.

»Schweine!« sagte Cavor mit ungewöhnlicher Leidenschaft. »Ekelhafte Schweine!« und nach einem Blick zornigen Neides kroch er durch die Büsche nach rechts hin fort. Ich blieb lange genug, um noch zu sehen, daß die fleckige Pflanze als menschliche Nahrung ganz hoffnungslos war, und kroch ihm dann nach, indem ich ein Stück davon zwischen den Zähnen kaute.

Bald darauf wurden wir wieder durch die Nähe eines Seleniten aufgehalten, und diesmal waren wir imstande, ihn genauer zu beobachten. Jetzt konnten wir sehen, daß die Bedeckung des Seleniten wirklich Kleidung war und nicht eine Art Schaltierüberzug. Er war in seinem Kostüme dem ersten, den wir flüchtig gesehen hatten, ganz gleich, nur, daß ihm die Enden von einer Art Wattierung aus dem Nacken ragten, und er stand auf einem Felsvorsprung und drehte den Kopf hierhin und dorthin, als überblicke er den Krater. Wir lagen ganz still, aus Furcht, seine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, wenn wir uns bewegten, und nach einer Zeitlang drehte er sich um und verschwand.

Wir trafen auf eine weitere Herde von Mondkälbern, die eine Schlucht hinaufbrüllten, und dann kamen wir über einen Ort der Schalle, Schalle schlagender Maschinen, als käme hier eine riesige Industriehalle der Oberfläche nahe. Und während diese Töne noch um uns schwangen, kamen wir an den Rand eines weiten offenen Raums, der etwa zweihundert Meter im Durchmesser hatte und völlig eben war. Abgesehen von ein paar Flechten, die vom Rande her übergriffen, war dieser Raum nackt, und er zeigte eine pulverige Oberfläche von staubig gelber Farbe. Wir fürchteten uns, diese Fläche zu durchqueren, da sie aber unserm Kriechen weniger Hinderung entgegensetzte als das Gestrüpp, stiegen wir darauf hinab und begannen sehr vorsichtig an ihrem Rande entlang zu laufen.

Auf eine kleine Weile hörten die Geräusche von unten her auf, und alles war, abgesehen von dem leisen Regen der wachsenden Vegetation, sehr still. Dann begann unvermittelt ein Aufruhr, lauter, heftiger und näher als irgend etwas, was wir bislang gehört hatten. Ganz sicher kam er von unten. Instinktiv kauerten wir uns, so flach wir konnten, zusammen, bereit, rasch ins Dickicht neben uns zu tauchen. Jeder Schlag und Stoß schien durch unsere Körper zu schwingen. Dieses Pochen und Schlagen wurde lauter, und dies unregelmäßige Schwingen steigerte sich, bis die ganze Mondwelt zu rucken und zu pulsieren schien.

»Verstecken,« flüsterte Cavor und ich wandte mich zu den Büschen.

In dem Moment erfolgte ein Knall, wie der Knall einer Kanone, und dann geschah etwas – es verfolgt mich noch in meinen Träumen. Ich hatte den Kopf gewendet, um nach Cavors Gesicht zu sehen, und streckte die Hand dabei vor mich hin. Und meine Hand traf auf nichts! Tauchte plötzlich in ein bodenloses Loch!

Meine Brust stieß auf etwas Hartes, und ich sah, ich lag mit dem Kinn auf dem Rande eines unermeßlichen Abgrunds, der sich plötzlich unter mir geöffnet hatte, die Hand ragte steif in die Leere. Jene ganze kreisrunde Fläche war nur ein riesenhafter Deckel, der jetzt nach der Seite hin von dem Loche, das er bedeckt hatte, in einen dafür gebauten Schlitz abglitt.

Wäre Cavor nicht dagewesen, ich glaube, ich wäre starr über diesem Rande hängen geblieben und hätte in den ungeheuren Abgrund darunter gestarrt, bis mich schließlich die Ränder des Schlitzes abgestreift und in seine Tiefe hinuntergeschleudert hätten. Aber Cavor hatte den Stoß, der mich lähmte, nicht mitbekommen. Er war eine kleine Strecke vom Rande entfernt gewesen, als der Deckel sich zuerst öffnete, und als er die Gefahr sah, die mich hilflos gepackt hielt, faßte er mich an den Beinen und zog mich zurück. Ich kam in sitzende Stellung, kroch auf allen Vieren eine Strecke vom Rande weg, taumelte dann empor und lief ihm quer über die donnernde, bebende Metallplatte nach. Sie schien mit stetig beschleunigter Geschwindigkeit auf zu schwingen, und die Büsche vor mir glitten seitlich weg, als ich auf sie zulief.

Ich kam nicht zu früh. Cavors Rücken verschwand im stachligen Dickicht, und als ich nach ihm hinaufkletterte, schlug der riesige Deckel mit einem Klirren in sein Schloß. Eine lange Zeit lagen wir atemlos da und wagten nicht, uns dem Loche zu nähern.

Aber schließlich krochen wir sehr vorsichtig und Stück für Stück an eine Stelle, von wo aus wir hinunterspähen konnten. Die Büsche um uns krachten und schwankten unter der Gewalt eines Windes, der in den Schacht hinunterblies. Erst konnten wir nichts sehen als glatte, senkrechte Wände, die schließlich in undurchdringliches Dunkel versanken. Und dann bemerkten wir sehr allmählich eine Anzahl sehr blasser und kleiner Lichter, die hin und her gingen.

Eine Weile hielt uns dieser stupende Abgrund des Geheimnisses gebannt, so daß wir sogar unsere Sphäre vergaßen. Mit der Zeit, als wir uns mehr an die Dunkelheit gewöhnten, konnten wir sehr kleine, dunkle, flüchtige Gestalten zwischen diesen Nadelknopflichtern herumziehen sehen. Wir spähten erstaunt und ungläubig hinab und begriffen es so wenig, daß wir keine Worte finden konnten. Wir konnten nichts erkennen, was uns einen Anhaltspunkt für die Bedeutung der blassen Gestalten geben konnte, die wir sahen.

»Was kann das sein?« fragte ich; »was kann das sein?«

»Die Maschinerie! ... Sie müssen während der Nacht in solchen Höhlen leben und tagsüber herauskommen.«

»Cavor!« sagte ich. »Können sie – das – es war etwas wie – Menschen?«

» Das war kein Mensch.«

»Wir dürfen nichts riskieren!«

»Wir dürfen nichts unternehmen, bis wir die Sphäre finden!«

»Wir können nichts tun, bis wir die Sphäre finden!«

Er stimmte mit einem Seufzer bei und machte eine Bewegung zum Gehen. Er starrte eine Zeitlang um sich, seufzte und zeigte eine Richtung. Wir brachen durch den Dschungel. Eine Weile krochen wir entschlossen vorwärts, dann mit geringer werdender Kraft. Plötzlich erdröhnte unter großen Gestalten schlottrigen Purpurs der Lärm von Gestrampel und Geschrei um uns. Wir lagen still, und eine lange Zeit gingen die Töne in großer Nähe hin und her. Aber diesmal sahen wir nichts. Ich versuchte Cavor zuzuflüstern, ich könne ohne zu essen kaum noch viel länger weiter, aber zum Flüstern war mir der Mund zu trocken geworden.

»Cavor,« sagte ich. »ich muß zu essen haben.«

Er wandte mir ein Gesicht voller Entsetzen zu. »Es ist ein Fall zum Durchhalten,« sagte er.

»Aber ich muß,« sagte ich, »und sehen Sie sich meine Lippen an!«

»Ich bin schon seit einiger Zeit durstig.«

»Wenn nur noch etwas von dem Schnee übrig wäre!«

»Er ist rein weg! Wir fahren mit der Geschwindigkeit von einem Grad die Minute vom Nordpol zum Äquator ...«

Ich nagte an meiner Hand.

»Die Sphäre!« sagte er. »Es bleibt nichts als die Sphäre.«

Wir rafften uns zu einer neuen Kriechanstrengung auf. Meine Gedanken drehten sich einzig um eßbare Dinge, um die zischende Tiefe von Sommergetränken; insbesondere verlangte mich nach Bier. Mich verfolgte die Erinnerung an ein Fünfzehn-Gallonen-Faß, das zu Lympne in meinem Keller geprunkt hatte. Ich dachte an die anstoßende Speisekammer und besonders an Steak und Nierenpastete – zartes Steak und reichliche Niere und dazu dicker, schwerer Fleischsaft. Hin und wieder ergriffen mich Anfälle hungrigen Gähnens. Wir kamen an flache Stellen, die mit fleischigen, roten Pflanzen überwachsen waren, ungeheuren korallenartigen Gewächsen; als wir gegen sie stießen, schnappten sie und brachen ab. Das verdammte Zeug sah jedenfalls nach beißbarer Struktur aus. Dann schien mir, es röche ziemlich gut.

Ich hob ein Stück auf und roch daran.

»Cavor,« sagte ich in einem heiseren Flüsterton.

Er sah mich mit in die Höhe geschraubten Gesicht an. »Nicht!« sagte er. Ich warf das Stück hin und wir krochen eine Strecke durch diese verlockenden Fleischmassen weiter.

»Cavor,« fragte ich, »warum nicht

»Gift,« hörte ich ihn sagen, aber er blickte nicht zurück.

Wir krochen noch eine Strecke weit, ehe ich mich entschloß.

»Ich will es riskieren,« sagte ich.

Er machte eine verspätete Geste, um mich zu hindern. Ich stopfte mir den Mund voll. Er kauerte sich hin und beobachtete mein Gesicht; sein eigenes verzerrte sich zum wunderlichsten Ausdruck. »Das Zeug ist gut,« sagte ich.

»O Himmel!« rief er.

Er beobachtete mich, wie ich kaute, sein Gesicht runzelte sich zwischen Verlangen und Mißbilligung; dann plötzlich unterlag er dem Appetit und begann große Bissen herunterzureißen. Eine Zeitlang taten wir nichts als essen.

Das Zeug war einem irdischen Pilz nicht unähnlich, nur war es im Gewebe viel loser, und wenn man es schluckte, machte es die Kehle heiß. Zuerst empfanden wir eine bloß mechanische Befriedigung beim Essen; dann begannen neue und leicht zusammenhangslose Ideen in unserm Geist aufzusprudeln.

»Es ist gut,« sagte ich. »Höllisch gut! Was für eine Heimat für unsere überschüssige Bevölkerung. Unsere arme überschüssige Bevölkerung!« und ich brach mir eine neue, große Portion ab.

Es erfüllte mich mit einer sonderbaren wohlwollenden Befriedigung, daß es so gute Nahrung auf dem Monde gab. Die Depression meines Hungers wich einer unvernünftigen Heiterkeit. Die Furcht und das Unbehagen, in denen ich gelebt hatte, verschwanden völlig. Ich sah den Mond nicht länger im Licht eines Planeten, von dem ich innigst fortkommen zu können wünschte, sondern im Licht eines Asyls für menschliche Armut. Ich glaube, ich vergaß die Seleniten, die Mondkälber, den Deckel und die Geräusche vollständig, sobald ich diese Schwammpilze gegessen hatte.

Auf meine dritte Wiederholung der »überschüssigen Bevölkerung« antwortete Cavor mit ähnlichen Worten des Lobes. Ich fühlte, daß mir der Kopf schwamm, aber ich schrieb das der anreizenden Wirkung des Essens nach langem Fasten zu. »Au'geßeichnete En''eckung, das, Cavor,« sagte ich. »Bes'e nach 'er Ka''offl.«

»Wa' mei' Sie?« fragte Cavor. »En''eckung 's Mon's – bes'e nach 'er Ka''offl?«

Ich sah ihn an, entsetzt über seine plötzlich heisere Stimme und die schlechte Artikulation. Mir blitzte auf, daß er berauscht war, möglicherweise von dem Pilz. Mir fiel auch ein, daß er irrte, wenn er meinte, er habe den Mond entdeckt, er hatte ihn nicht entdeckt, er hatte ihn nur erreicht. Ich versuchte, ihm die Hand auf den Arm zu legen und ihm dies zu erklären, aber die Sache war für sein Gehirn zu fein. Sie war auch unerwartet schwierig auszudrücken. Nach einem vorübergehenden Versuch, mich zu verstehen – ich erinnere mich, daß ich gern hätte wissen mögen, ob der Pilz meine Augen ebenso fischig gemacht hätte – wie seine – begann er auf eigene Rechnung einige Beobachtungen zu machen.

»Wir sind«, verkündete er mit einem feierlichen Schluckauf, »die Jeschöffe von 'em, was wir essen un trinken.«

Er wiederholte das, und da ich jetzt in einer meiner spitzfindigen Stimmungen war, so beschloß ich, es zu bestreiten. Vielleicht schweifte ich ein wenig von der Sache ab. Aber auf jeden Fall hörte Cavor durchaus nicht gebührend zu. Er stand, so gut er konnte, auf, indem er mir, um sich zu stützen, eine Hand auf den Kopf legte, was respektlos war, und stand da und starrte um sich, jeder Furcht vor den Mondwesen völlig bar.

Ich versuchte darzulegen, daß dies aus irgendeinem Grunde, der mir nicht völlig klar war, gefährlich sei, aber das Wort »gefährlich« war irgendwie mit »unvorsichtig« vermischt und klang mehr wie »schädlich« als wie sonst etwas; und nach einem Versuch, sie zu entwirren, nahm ich meinen Streitpunkt wieder auf, indem ich mich hauptsächlich an die ungewohnten aber aufmerksamen Korallengewächse auf beiden Seiten wandte. Ich fühlte, es war nötig, diese Verwechslung zwischen Mond und Kartoffel sofort aufzuklären – ich schweifte in eine lange Parenthese über die Bedeutung der präzisen Definition für die Debatte ab. Ich tat mein Bestes, die Tatsache zu übersehen, daß meine körperlichen Empfindungen nicht mehr angenehm waren.

Auf irgendeinem Wege, den ich jetzt vergessen habe, wurde mein Geist wieder auf die Kolonisationspläne zurückgeführt. »Wir müssen diesen Mond annektieren,« sagte ich. »Hier darf man nicht lange zögern. Dies ist ein Teil der Bürde des weißen Mannes. Cavor – wir sind – hik – Satap – meine, Satrapen! 'N Reich, von dem Cäsar nie geträumt hat. In allen Zeitungen. Cavorezia. Bedfordizia – hik – beschränkte Haftung. Meine – unbeschränkt! Praktisch.«

Auf jeden Fall war ich berauscht.

Ich ließ mich auf einen Gedankengang ein, der die unendlichen Wohltaten zeigen sollte, die unsere Zukunft dem Monde bringen mußte. Ich verwickelte mich in einen ziemlich schwierigen Beweis, daß Columbus' Ankunft, im Großen gerechnet, für Amerika wohltätig gewesen sei. Ich fand, daß ich den Gedankengang, den ich hatte verfolgen wollen, vergessen hatte und wiederholte nur weiter: »Wie Columbus,« um die Zeit zu füllen.

Von dem Punkt an wird meine Erinnerung an die Wirkung dieses scheußlichen Pilzes wirr. Ich entsinne mich dunkel, daß wir unsere Absicht erklärten, uns von keinen verdammten Insekten Unfug gefallen zu lassen, daß wir entschieden, es stehe Menschen übel an, sich schmählich auf einem bloßen Satelliten zu verbergen, daß wir uns mit riesigen Vorräten von dem Pilz beluden – ob zu Geschoßzwecken oder nicht, weiß ich nicht mehr – und daß wir, der Stiche des Bajonettstrauchs nicht achtend, in den Sonnenschein hinausliefen.

Fast sofort müssen wir auf die Seleniten gestoßen sein. Es waren sechs, und sie gingen mit dem merkwürdigsten Pfeifen und mit winselnden Tönen in einer Reihe über eine felsige Fläche. Sie schienen uns alle sofort zu bemerken, sie verstummten alsbald und standen regungslos wie die Tiere da, das Gesicht uns zugewendet.

Einen Moment war ich ernüchtert.

»Insekten,« murmelte Cavor, »Insekten! Und die meinen, ich soll auf dem Bauch herumkriechen, auf meinem Wirbeltierbauch!«

»Bauch,« wiederholte er langsam, als kaue er die Schmach.

Dann tat er plötzlich mit einem Schrei der Wut drei riesige Schritte und sprang auf sie zu. Er sprang schlecht; er überschlug sich ein paarmal in der Luft, wirbelte gerade über sie hin und verschwand mit einem ungeheuren Klatschen in den Kaktusblasen. Was die Seleniten von diesem erstaunlichen und meiner Meinung nach würdelosen Einfall von einem anderen Planeten her hielten, kann ich auf keine Weise erraten. Mir ist, ich erinnere mich des Anblicks ihrer Rücken, als sie in allen Richtungen davonliefen, aber ich bin nicht sicher. All diese letzten Ereignisse, ehe das Vergessen kam, sind in meinem Geist unbestimmt und blaß. Ich weiß, ich tat einen Schritt, um Cavor zu folgen, glitt aus und fiel kopfüber unter die Felsen. Ich bin sicher, daß mir plötzlich und heftig übel wurde. Mir ist, ich entsinne mich eines heftigen Ringens, und wie ich von metallischen Klammern gepackt wurde.

Meine nächste klare Erinnerung ist die, daß wir in ich weiß nicht welcher Tiefe unter der Oberfläche des Mondes gefangen waren; wir waren unter unheimlichen irremachenden Geräuschen im Dunkeln; unsere Körper waren mit Schrammen und Quetschungen bedeckt, und unsere Köpfe von Schmerz gefoltert.

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