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Die ersten Menschen im Mond

Herbert George Wells: Die ersten Menschen im Mond - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHerbert George Wells
titleDie ersten Menschen im Mond
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
year1925
firstpub1905
translatorFelix Paul Greve
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161107
projectid27726c6c
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10
Auf dem Mond verirrte Menschen

Sein Gesicht nahm etwas von meinem Entsetzen an. Er stand auf und starrte um sich in das Gestrüpp, das uns umzäunte und um uns aufstieg und in leidenschaftlichem Wachstum nach oben rang. Er legte sich eine zweifelnde Hand an die Lippen. Er sprach mit einem plötzlichen Mangel an Sicherheit. »Ich glaube,« sagte er langsam, »wir haben sie ... irgendwo ... daherum gelassen.«

Er zeigte mit zögerndem Finger, der über einen Bogen schwankte.

»Ich bin nicht sicher.« Die Bestürzung in seinem Blicke vertiefte sich. »Auf jeden Fall«, sagte er, die Augen auf mich gerichtet, »kann es nicht weit sein.«

Wir waren beide aufgestanden. Wir stießen bedeutungslose Ausrufe aus, unsere Augen suchten in dem sich verschlingenden, dichter werdenden Dschungel rings um uns.

Überall rings um uns schäumten und schwankten die strahlenden Büsche, die schwellenden Kakteen, die krie- hier fehlt eine Zeile in der Scanvorlage. _joe_ebc zögerten auch die Schneetriften. Nach Norden, nach Süden, nach Osten und Westen erstreckte sich die gleiche Monotonie ungewohnter Formen. Und irgendwo begraben schon in diesem verschlungenen Wirrwarr, lag unsere Sphäre, unser Haus, unser einziger Vorrat, unsere einzige Hoffnung auf Rettung aus dieser phantastischen Wildnis ephemerer Pflanzen, in die wir geraten waren.

»Ich glaube doch,« sagte er, plötzlich zeigend, »es könnte da drüben sein.«

»Nein,« sagte ich. »Wir haben uns in einer Kurve gedreht!« Seh'n Sie! da ist die Spur meines Absatzes. Es ist klar, sie muß mehr nach Osten liegen, viel mehr. Nein! – die Sphäre muß da drüben sein.«

»Ich glaube,« sagte Cavor, »ich habe die Sonne die ganze Zeit über rechts gehabt.«

»Bei jedem Sprung, scheint mir,« sagte ich, »ist mein Schatten vor mir hergeflogen.«

Wir starrten uns gegenseitig in die Augen. Das Gebiet des Kraters war unserer Phantasie ungeheuer weit geworden, das wachsende Dickicht bereits undurchdringlich dicht.

»Gütiger Himmel! Was für Narren wir gewesen sind!«

»Es ist klar, daß wir sie wiederfinden müssen,« sagte Cavor, »und das bald. Die Sonne wird stärker. Wir würden schon jetzt vor Hitze ohnmächtig werden, wenn es nicht so trocken wäre. Und ... ich habe Hunger.«

Ich starrte ihn an. Diese Seite der Sache hatte ich vorher nicht vermutet. Aber es überkam mich sofort – ein positives Verlangen. »Ja,« sagte ich mit Nachdruck, »ich habe auch Hunger.«

Er stand mit einem Blick aktiver Entschlossenheit auf. »Aus jeden Fall müssen wir die Sphäre finden.«

So ruhig wie möglich überblickten wir die endlosen Risse und Dickichte, die den Boden des Kraters bildeten, und wir beide wogen in der Stille die Aussicht ab, ob wir die Sphäre finden würden, ehe die Hitze und der Hunger uns überwältigten.

»Sie kann keine fünfzig Meter von hier entfernt sein,« sagte Cavor mit unentschiedenen Gesten. »Das einzige ist, herumzusuchen, bis wir sie finden.«

»Das ist alles, was wir tun können,« sagte ich ohne jede Lebendigkeit, mit unserer Jagd zu beginnen. »Ich wollte, diese verdammten Dornbüsche wüchsen nicht so schnell.«

»Das ist es gerade,« sagte Cavor. »Aber sie hat auf einer Schneebank gelegen.«

Ich starrte in der unbestimmten Hoffnung umher, ich werde einen Kopf oder einen Busch wiedererkennen, der in der Nähe der Sphäre gestanden hatte. Aber alles war die verwirrende Gleichheit, überall die aufstrebenden Büsche, die schwellenden Pilze, die schwindenden Schneebänke, die sich stetig und unvermeidlich änderten. Die Sonne sengte und stach, die Schwäche eines unerklärlichen Hungers mischte sich mit unserer unendlichen Bestürzung. Und wie wir noch so da standen, verwirrt und verloren unter unerhörten Dingen, wurden wir uns zum erstenmal eines Schalles auf dem Mond bewußt, der etwas anderes war, als die Regung der wachsenden Pflanzen, das leichte Seufzen des Windes oder die Geräusche, die wir selber gemacht hatten.

Bumm ... Bumm ... Bumm ...

Er kam von unter unseren Füßen her – ein Schall im Mond. Es war, als hörten wir ihn ebensosehr mit unsern Füßen wie mit unsern Ohren. Seine dumpfe Resonanz war durch die Ferne gedämpft, gedämpft von den dazwischenliegenden Massen. Kein Schall, den ich mir vorstellen kann, hätte uns mehr erstaunen können, oder hätte den Ausdruck der Dinge um uns vollständiger verändern können. Denn dieser reiche, langsame und überlegte Schall, so schien es uns, konnte nichts sein als der Schlag einer riesenhaften, vergrabenen Uhr.

Bumm ... Bumm ... Bumm ...

Ein Schall, der an stille Klöster erinnerte, an schlaflose Nächte in volkreichen Städten, an Wachen und die erwartete Stunde, an alles, was geordnet und methodisch am Leben ist, und der dröhnte schwanger und geheimnisvoll empor in diese phantastische Wüste! Für das Auge war alles unverändert: die Einsamkeit der Büsche und Kakteen, die sich schweigend im Winde wiegten, erstreckte sich ungebrochen bis zu den fernen Klippen, der noch dunkle Himmel zu Häupten war leer; und die heiße Sonne zögerte und brannte. Und durch all das hindurch pochte eine Warnung, eine Drohung, dieses Schallrätsel hindurch.

Bumm ... Bumm ... Bumm ...

Wir fragten einander mit schwachen und matten Stimmen. »Eine Uhr?«

»Wie eine Uhr!«

»Was ist es?«

»Was kann es sein?«

»Zählen Sie,« lautete Cavors verspäteter Vorschlag, und bei dem Worte hörte das Schlagen auf.

Die Stille, die rhythmische Enttäuschung der Stille, wirkte als ein neuer Stoß. Einen Moment konnte man zweifeln, ob man je einen Ton gehört hatte. Ober ob er nicht noch fortdauerte. Hatte ich wirklich einen Schall gehört?

Ich fühlte den Druck von Cavors Hand auf meinem Arm. Er sprach im Flüsterton, als fürchte er, ein schlafendes Etwas zu wecken. »Lasten Sie uns zusammenbleiben,« flüsterte er, »und nach der Sphäre suchen. Wir müssen zur Sphäre zurückkommen. Dies geht über unser Verständnis hinaus.«

»In welcher Richtung sollen wir gehen?«

Er zögerte. Eine intensive Überzeugung von der Gegenwart von Wesen, von unsichtbaren Dingen um uns und in unserer Nähe beherrschte unseren Geist. Was konnte es sein? Wo mochten wir sein? War diese dürre Einöde, die wechselnd gefroren und versengt wurde, nur die äußere Rinde und Maske einer unterirdischen Welt? Und wenn, welcher Art von Welt? Welche Art Bewohner konnte sie nicht plötzlich auf uns ausspeien!

Und dann stach in die schmerzende Stille hinein, lebhaft und plötzlich wie ein unerwarteter Donnerschlag, ein Geklirr und ein Rasseln hinein, als wären plötzlich große metallene Tore aufgestoßen.

Das unterbrach unsere Schritte. Wir standen still und starrten hilflos. Dann stahl Cavor sich auf mich zu.

»Ich verstehe das nicht!« flüsterte er mir nah am Gesicht. Er schwenkte die Hand unbestimmt nach dem Himmel hin – die unbestimmte Andeutung noch unbestimmterer Gedanken.

»Ein Versteck! Wenn irgend etwas käme ...«

Ich blickte um uns. Ich nickte ihm zustimmend mit dem Kopfe zu.

Wir brachen wieder auf und bewegten uns verstohlen mit den übertriebenen Vorsichtsmaßregeln gegen ein Geräusch. Wir gingen auf ein Gestrüppdickicht zu. Ein Gerassel, wie wenn man Hämmer um einen Kessel schlägt, beschleunigte unsere Schritte. »Wir müssen kriechen,« flüsterte Cavor.

Die unteren Blätter der Bajonettpflanzen, die schon von den jüngeren darüber beschattet wurden, begannen zu welken und zu verschrumpfen, so daß wir uns zwischen den dicker werdenden Stämmen ohne ernsten Schaden durcharbeiten konnten. Auf einen Stich ins Gesicht oder in den Arm achteten wir nicht. Im Herzen des Dickichts machte ich Halt und starrte Cavor keuchend ins Gesicht.

»Unterirdisch,« flüsterte er. »Da unten.«

»Sie können herauskommen.«

»Wir müssen die Sphäre finden!«

»Ja,« sagte ich; »aber wie?«

»Wenn wir aber nicht zu ihr kommen.«

»Kriechen, bis wir zu ihr kommen.«

»Verborgen bleiben. Sehen, wie sie sind.«

»Wir wollen zusammenbleiben,« sagte ich.

Er dachte nach. »Wohin sollen wir gehen?«

»Wir müssen unser Glück versuchen.«

Wir spähten hierhin und dorthin. Dann begannen wir sehr umsichtig durch den unteren Dschungel zu kriechen, in dem wir, so gut wir es beurteilen konnten, einen Kreis schlugen und jetzt bei jedem schwankenden Schwammgewächs, bei jedem Schall innehielten, nur auf die Sphäre bedacht, aus der wir so törichterweise aufgetaucht waren. Von Zeit zu Zeit drangen aus der Erde unter uns immer wieder Erschütterungen herauf, Schläge, unheimliche, unerklärliche, mechanische Töne: und einmal, und dann nochmals hörten wir etwas, ein schwaches Rasseln und einen Tumult, durch die Luft her zu uns getragen. Aber furchtsam, wie wir waren, wagten wir keinen erhöhten Punkt aufzusuchen, um den Krater zu überblicken. Lange sahen wir nichts von den Wesen, deren Geräusche so reichlich und beharrlich waren. Wäre nicht die Mattigkeit unseres Hungers und die Trockenheit unserer Kehlen gewesen, so hätte dies Kriechen etwas von einem sehr lebhaften Traum gehabt. Es war so absolut unreal. Das einzige Element, das einen Hauch von Realität hatte, waren diese Töne.

Man stelle es sich vor! Um uns der traumhafte Dschungel mit den stillen Bajonettblättern, die über uns strahlten, und die stillen, lebhaften, sonnegesprenkelten Flechten unter unseren Händen und Knien, die vor der Gewalt ihres Wachstums wogten, wie ein Teppich wogt, wenn der Wind darunter faßt. Hin und wieder sperrte uns eine neue Gestalt in lebhafter Farbe den Weg. Die Zellen, die diese Pflanzen aufbauten, waren schon so groß wie mein Daumen; sie glichen Perlen aus gefärbtem Glas. Und all diese Dinge waren im ungemilderten Glanz der Sonne gesättigt, wurden gegen einen Himmel gesehen, der bläulich schwarz und trotz des Sonnenscheins noch mit ein paar überlebenden Sternen übersät war. Fremdartig! sogar die Formen und die Textur der Steine waren fremdartig. Alles war fremdartig, das Gefühl des Körpers war unerhört und jede neue Bewegung endete in einer Überraschung. Der Atem strömte dünn durch den Hals ein, das Blut floß einem in einer pochenden Flut durch die Ohren – bum, bum, bum, bum, bum ...

Und immer kamen uns von Zeit zu Zeit Schauer des Aufruhrs, Hämmern, das Rasseln und Schlagen von Maschinen zu Ohren, und dann – das Brüllen großer Tiere!

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