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Die erste Beicht' und andere Novellen

Karl Schönherr: Die erste Beicht' und andere Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Schönherr
titleDie erste Beicht' und andere Novellen
publisherVerlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
year1941
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140613
projectidec6f35ae
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Die Mütter

Die Törlerin in der Unterstraß' – die meisten Dörfer im Oberinntal scheiden sich in Ober- und Unterstraß' – tut recht und schlecht ihre Arbeit, wie die andern im Dorfe; kehrt, scheuert, jätet Feld und Garten, was halt der Tag so bringt. Nur wenn die Schule aus ist, und die Buben wie eine wilde Horde durch die Unterstraß' tollen, reißt sie der Schluchzen.

Ihr einziges Bübel, der Seppele, wäre nächstes Jahr auch mit unter den tollenden Schulbuben gewesen; aber er ist vor einer Woche im Inn ertrunken; beim ersten Wehrsporn, keine dreißig Schritte unterhalb der neuen, eisernen Telfserbrücke. Herausgefischt haben sie ihn erst bei Flaurling, da, wo der »Kanzbach« einmündet.

Also braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Törlerin abends, nach getaner Arbeit mit einem richtigen Kummerbuckel vor der Haustür sitzt und auf keinen Gruß oder Anruf hört. Nur dann und wann tastet sie mit den harten Arbeitsfingern wie von ungefähr nach der schwarzen Katze auf der Hausbank; streichelt ihr mitleidig über das Fell und murmelt: »Armes Viech; hast auch deine Jungen verlor'n!«

Die schwarze Muinz ist schuld an Seppeles Tod. Hätte sie keine Jungen gekriegt, dann tollte das Törlerbübl nächsten Winter mitten in der lustigen Schulbubenhorde durch die Unterstraß'.

Ist es zu glauben, daß die Törlerin jetzt das Unglückstier noch mitleidig streichelt?

Aber die Dinge haben ihre Zusammenhänge; laßt mich nur erzählen:

Die alte Katz' hat Junge g'habt –
Siebne, achte, neune.
Das letzte hat kein Schwänzle g'habt –
Sieht man hinten eini.

Nun, so fruchtbar, wie in diesem alten Tirolergesätzlein ist die Gegend in der Unterstraß' gerade nicht. Die Törler-Muinz hatte nur fünf Junge; vier schwarzweiße und ein Tigerkätzlein. Neun hätten in dem alten Filzhut unter dem Dache auch nicht Platz gehabt. Aber dafür hatte jedes, auch das letzte, sein Schwänzlein mitbekommen; und warme, glatte Pelzchen, und seidene Pfötchen, und kugelrunde Köpflein und blinzelnde Äuglein, und rosige Mäulchen. Kleinwinzige Schnurrbärtchen hatten sie auch schon. Der sechzehnjährige Schmiedjunge vom Nachbarhaus, der immerfort an der Lippe zupfte und strich, wäre froh gewesen, hätte er so ein Katzenbärtchen unter der Nase gehabt.

So lebte die Katzenmutter unter dem Dache ihren Mutterfreuden. Kein eifersüchtiger schwarzer Katervater störte den tiefen Frieden; niemand fragte, wie »man« etwa da mitten unter den vier schwarzweißen sei zu dem Tigerlein gekommen.

Die Alte leckte die Jungen; fegte sie und pflegte sie mit Liebe; schleckte ihnen die Börstlein; putzte ihnen die Äuglein rein; nahm bald das eine, bald das andere zwischen die Zähne und trug sie abwechselnd herum, damit sie auch trocken würden und nicht zu lange auf demselben Fleck in der Nässe liegen mußten. Denn da wird man wund.

Seit dem die kleinen »Muinzeln« da waren, wollte das kleine Törlerbübl von dem großen, hölzernen »Hutschpferd« nichts mehr wissen. Nur mit den warmen, lebendigen »Muinzerln« wollte er spielen, vor dem Essen, nach dem Essen ... früh und spät ... immer saß er im Unterdach neben dem alten Filzhut und balgte sich mit der Katzenbrut.

Die alte Muinz sah vergnüglich schnurrend dem Spiel der Jungen zu. Wenn es die kleinen Plagegeister – der Knabe nicht ausgenommen – gerade durchaus haben wollten, spielte sie ihnen zum Gaudium auch noch den Hanswurst vor. Warf sich auf den Rücken, purzelte, strampelte, wälzte sich nach rechts und links; streckte sogar – bar jeglicher Mutterwürde – die Beine kerzengerade in die Höhe.

Wollte aber eines der Jungen, diese Hanswurststellung der Mutter ausnützen und eiligst durchbrennen, da hatte der Spaß ein Ende:

Frau Muinz war mit einem Satz auf den Füßen, haschte den Ausreißer mit den Zähnen und trug ihn ins Nest zurück. Wenn sie auch den Hanswurst spielte, die Augen ließ sie darum keinen Augenblick von den Jungen. Mochte sie sich wälzen oder strecken oder zu einer Kugel zusammenrollen – ihre Augen zählten in den drolligsten Körperlagen: zwei ... drei ... vier ... fünf ...

Da kam einmal die Törlerin den Boden heraufgestiegen. Gebückt schlich sie unter den Dachsparren zum Neste hin.

»Muetter ... setz' di zu uns! Darfst mitspielen,« sagte das Bübl.

Die Mutter sah aber gar nicht aus, als ob sie spielen wollte.

»Die Alte mag bleiben,« murmelte sie vor sich hin. »Ist eine gute Mauserin immer g'wesen! Aber die junge Brut muß fort ... ins Wasser!«

Das Büblein wollte es für einen Spaß nehmen. Aber die Mutter machte so ernste Augen und sah gar nicht drein, als ob sie spaßen wollte.

Sie trug vorerst die Alte von den Jungen weg und sperrte sie in die Dachkammer nebenan. Dann nahm sie einen leeren braunen Salzsack hervor, den sie bisher unter der Schürze versteckt gehalten hatte. Griff mit harten Fingern die Jungen und stopfte sie in den Sack hinein.

»Zwei ... drei ... vier ... fünf!«

Da mußte der Seppele weinen: »Na ... Muetter! Die Muinzeln, die laß i nit weck ...«

Aber die Mutter wollte es; und so ein dreikäsehohes Bübel hat nichts zu reden.

Sie band den Sack fest zu und ging damit fort zum reißenden Inn.

»Beim ersten Sporn unter der eisernen Brück'n wirf i sie!«

Neben ihr her trippelte weinend der Junge: »Muetter, na! I laß sie nit weck ... die Muinzelen! Mit was soll ich nachher spielen?«

»Womit du früher g'spielt hast! Spiel' du mit dein' Hutschepferdl!«

»I mag nit, Muetter! Nie mehr mag i Hutschepferdl spielen!«

Die Törlerin hörte nicht auf das Bübl; ging immerzu weiter, zum reißenden Inn.

Neben ihr her trippelte der Junge; betastete immer und immer wieder mit den kleinen Fingern den Sack, wenn er durch das grobe Gewebe hindurch gar so deutlich die vielen weichen Pfötchen, Schweiflein und rundlichen Köpflein fühlte, schluchzte er laut auf.

»Bist halt ein dummes Seppele,« sagte die Mutter. »Hast nie g'hört ... junge Katzen dersäuft man!«

Die Katzenmutter saß daheim auf der Dachluke und schrie; geradeso, als hätte man ihr die Jungen genommen. Lange maß sie mit entsetzten Augen die Tiefe, dann wagte sie den Sprung vom Hausdach auf das Scheunendach; von da über Brettergerümpel und Sparrenwerk auf den Boden; und eilte in langen Sätzen ihren Jungen nach. War sie auch nur eine Katzenmutter, eine Mutter war sie doch.

Aber die Törlerin stand schon auf dem Wehrsporn und warf soeben den Sack in den reißenden Inn.

Der Seppele weinte, daß ihn der Bock stieß; Näschen, Augen und Wangen – war alles eine Nässe.

»Dummer Bub! Hast nie g'hört, junge Katzen dersäuft man!«

Die Katzenmutter lief am Ufer auf und ab und miaute kläglich; geradeso, als hätte man ihre Jungen ins Wasser geworfen. Ihr Geraunze ging dem Knaben noch mehr ans Herz. Die Muinz war immer so gut mit ihm gewesen, als wäre er ihr Sechstes; hatte ihm vorgeschnurrt und mit ihm gespielt, so gut wie mit den anderen Fünfen.

Dort trieb der Sack noch ganz nahe dem Ufer. Der Junge wollte ihn haschen, denn er liebte die Kätzlein mehr als sein Leben. Lief eilends den Sporn hinab. Den Sack erhaschte er nicht, aber ihn hatte das Wasser.

Schrie da die Mutter: »Seppele, gehst her da? Auf der Stell!«

Aber der Inn hatte ihn schon, den Seppele; und ließ ihn nicht mehr aus. Spülte ihn neben dem Sack in die Strömung.

»Seppele! Leut', helft! Mein Seppele! Gott im Himmel, hilf du ...«

Aber so schnell waren Leute nicht zur Stelle; und Gott wollte heute nicht.

Er riß und kreiselte sie pfeilschnell im Wirbel herum ... alle Sechse. Die Fünf im Sack konnten sich nicht rühren; aber das Sechste trieb frei. Reckte ein paarmal die Arme aus dem Wasser und rief im Wassertriebe: »Muetter o ... Muetter o ...«

Die anderen Fünfe konnten nicht schreien. Nur der Salzsack bauchte sich aus und sank wieder ein, je nachdem sich die fünf »Muinzeln« in Todesangst streckten oder krümmten.

Die beiden Mütter liefen verzweifelt am Ufer auf und nieder.

Die eine schrie: »Seppele ... mein Bübl ...«

Die andere machte nur: »Miau ... miau ... miau ...«

Wahrscheinlich meinte sie damit auch ihre fünf kleinen Jungen.

Bis Leute kamen, sah man von den Sechsen weit und breit nichts mehr. Trieben schon gegen Flaurling hinab ...

Seitdem sitzt die Törlerin abends nach getaner Arbeit auf der Bank vor der Haustür; neben ihr verschnurrt die Muinz ihren Katzenkummer. Die Törlerin hört auf keinen Gruß oder Anruf. Streichelt nur dann und wann der alten Muinz mitleidig über das Fell: »Armes Viech; hast auch deine Jungen verloren!«

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