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Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes

Arthur Schurig: Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDie Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes
publisherInsel-Verlag
editorherausgegeben von Arthur Schurig
year1918
firstpub1918
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectid81cacf28
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Sechstes Kapitel

Tags darauf ging der Marsch durch gutes ebenes Land. Unterwegs wurden anderthalb Dutzend Damhirsche mit den Lanzen erlegt. Die Jagd hatte aber zwei der Pferde dermaßen angestrengt, daß sie umstanden. Auch stieß man auf einen Trupp Indianer, die einen toten Löwen trugen. Die Hispanier wunderten sich nicht wenig darüber, daß vier schwächliche Burschen ein solches Tier mit ihren Pfeilen erlegt hatten.

Das Heer erreichte nun eine große Einbuchtung des Meeres. Der Ort, der das Ziel des Marsches war, lag gerade auf dem entgegengesetzten Gestade, und es fehlte an Mitteln, um über das Wasser zu kommen. Man sah auch, wie drüben die Eingeborenen in Unordnung und Hast mit ihren Habseligkeiten in die Berge flüchteten. Es näherten sich jedoch den Hispaniern zwei Indianer in einem Kahne. Sie hatten ein Dutzend Truthühner mit, waren aber nicht zu bewegen, auf das Land zu kommen. Offenbar war es ihre Absicht, das Heer so lange aufzuhalten, bis sich die Einwohner mit ihren Sachen in Sicherheit gebracht hätten.

Während sie sich vom Wasser her mit den Hispantern unterredeten, stieß einer dieser seinem Roß die Sporen in die Weichen und schwamm an den Kahn heran. Die Insassen vergaßen vor Schreck das Rudern. Alsbald kamen noch etliche Hispanier herbei, die gute Schwimmer waren, und so bemächtigte man sich des Kahnes. Die beiden Indianer mußten nun den Landweg zu ihrem Orte zeigen.

Nach einem mühseligen Marsche von acht Stunden um die ganze Bucht herum gelangte man nach der Ortschaft. Die Bewohner waren alle fort; es fanden sich aber Nahrungsmittel in Menge vor. Hier rastete man vier Tage. Der Ort hieß Tlesean. Beim Abmarsch nahm man Unterhalt auf sechs Tage mit, da man nach Aussage der beiden Einheimischen so lange durch unbewohntes Land zu marschleren hatte. Nachtquartier fand das Heer sechs Wegstunden (33½ km) weiter in einem Hof, in dem die Handelsleute zu übernachten pflegten. Hier machten die Hispanier einen Rasttag, da das Muttergottesfest (Mariä Verkündigung, 25. März l525) war. Im Fluß fing man eine Menge Elsen. Dieser Fischfang war ebenso nützlich wie ergötzlich.

Am folgenden Tage ging der Marsch neun Wegstunden (50 km) weiter, immer durch die Ebene, wobei sieben Stück Wild erlegt wurden. Danach gelangte man aber an einen schlimmen Gebirgspaß. Bei dem zweistündigen Marsch hinauf und hinunter verloren alle Pferde ihre Eisen, so daß man hinterher einen Tag rasten mußte, um die Tiere neu zu beschlagen.

Am Tage darauf marschierte das Heer bis zu einer Meierei namens Axunkapuin, die dem Fürsten Kanek gehörte. Hier verblieb man zwei Tage.

Das nächste Quartier war in Taxaitetl, einer Farm des Häuptlings von Tlesean, Amohan mit Namen. Hier gab es eine Menge Obst und grünen Mais. Auch bekam man Wegführer.

Tags darauf zog man zunächst zwei Stunden lang bequem durch die Ebene, dann aber ging der Weg in wildes Gebirg hinein und lief darin acht Meilen (44½ km) weit fort, was dem Heere nicht weniger als acht Tagemärsche kostete. Es gingen dabei 68 Pferde zugrunde, die sich durch Sturz die Sehnen zerschnitten. Auch die übrigen Pferde, die davonkamen, befanden sich in einem kläglichen Zustande, so daß sie noch Monate lang kaum laufen konnten. Es regnete überdies ohn Unterlaß, Tag und Nacht. Und was das Merkwürdigste dabei war, das Heer litt während dieses Regens den größten Durst.

Die Leiden des Marsches hatten aber damit ihr Ende noch nicht erreicht, denn nun kam man an einen Strom, der durch den langen Regen dermaßen angeschwollen und reißend geworden war, daß die Mannschaft völlig den Mut verlor, dieweil keine Fahrzeuge zur Überfahrt da waren und eine solche auch bei der wilden Strömung kaum möglich gewesen wäre. An einen Brückenschlag war nicht zu denken. Hätte man aber umkehren wollen, so waren Menschen und Tiere dem Untergang geweiht. Deshalb sandte Cortes einen Erkundungstrupp das Ufer entlang stromauf, um nach einer Furt zu suchen. Vergnügt kamen die Leute wieder, mit der Meldung, sie hätten eine Übergangsstelle gefunden. Die Hispanier vergossen Freudentränen, fielen einander jubelnd um den Hals und dankten ihrem Schöpfer für diese Rettung aus der Not. Man sang das Te Deum laudamus. Es war gerade in der heiligen Woche (9. bis 15. April).

Die erkundete Stelle bestand aus einem breiten, ebenen, glatten Felsen, der das ganze Strombett einnahm und von 20 Rinnen von solcher Tiefe durchfurcht war, daß das in ihnen dahinströmende Wasser die Ränder nicht erreichte. Das klingt wie ein Märchen, wie die Stelle aus dem gallischen Amadis. Es war aber tatsächlich so. Es war ein Werk der Natur. Das Wasser des Stromes hatte sich im Laufe der Zeit diese tiefen Rinnen selber gegraben.

Cortes ließ unverzüglich Bäume fällen, die es zum Glück in der Nähe reichlich gab, und die Rinnen durch 200 Balken überbrücken. Statt der Taue verwendete man Lianen. Der Brückenbau und der Übergang nahmen zwei Tage in Anspruch. Das Rauschen des durch die engen Rinnen strömenden Wassers verursachte ein so starkes Getöse, daß die Leute halb taub dabei wurden.

Die Pferde und die Schweine setzte man weiter stromauf über, wo der Strom zwar sehr tief war, aber sanft dahinfloß, so daß man sie durchschwimmen lassen konnte.

Die Nacht darauf verbrachte man in Teusif, eine Wegstunde stromauf, wo etliche gute Häuser standen und Feldbau getrieben ward. Hier fand man über zwanzig Leute, aber nicht genügend Lebensmittel. Das war wieder ein harter Schlag für die Hlspanier, die schon seit acht Tagen großen Mangel gelitten hatten und sich nur mit Palmennüssen, ein paar mageren Datteln und gekochten Kräutern ernährt hatten. Indes versicherten ihnen die Eingeborenen, daß eine Tagereise stromauf ein wohlhabender Ort läge, in der Landschaft Tahuikan, wo man Truthühner, Kakao, Mais und andere Lebensmittel im Überfluß habe. Allerdings läge dieser Ort am andern Ufer. Cortes meinte, dies wäre kein Hindernis. Sie sollten ihm nur einen Wegführer geben.

Sodann sandte er 30 Hispanier mit 1000 Indianern ab, die den Weg dorthin verschiedene Male hin und her machten und nicht ohne viel Mühe die nötigen Lebensmittel herbeischleppten.

Von Teusix schickte Cortes weiterhin einen Trupp aus, mit einem indianischen Wegführer, um den Weg nach Azuzulin zu erkunden. Der dortige Häuptling hieß Akiahuilkin. Der Trupp gelangte nach zehn Stunden Marsch an ein Haus, offenbar eine Herberge, wo man sieben Indianer und ein Weib vorfand. Darunter war auch ein Handelsmann aus dem Lande Akalan, der eine geraume Zeit in Nito gelebt hatte, wo sich die Hispanier niedergelassen hatten. Dieser Mann erzählte, vor einem Jahre seien sie zu Pferd und zu Fuß gekommen und hätten die Ortschaft ausgeplündert. Die Einwohner und die Handelsleute seien mißhandelt worden. Daraufhin hätten die Händler den Ort verlassen und hätten den Handel in das Land des Akiahuilkin verlegt. In Nito aber fänden keine Messen mehr statt, seit die Fremden dort seien und die nicht ausgewanderten Kaufleute zugrunde gerichtet hätten.

Cortes warb den Mann für ansehnliches Geld als Führer nach Nito, worauf die anderen Gefangenen und ebenso die bisherigen Führer in Freiheit gesetzt wurden. Aber in der Nacht verschwand auch der Handelsmann, so daß Cortes nun ganz ohne Wegkundige war. Gleichwohl begann man den Weitermarsch und biwakierte in der nächsten Nacht auf einer Anhöhe, fünf Wegstunden (28 km) weiter, nachdem man unterwegs ln einem Gebirgspaß ein Pferd eingebüßt hatte.

Am folgenden Tag wurden sechs Meilen (33½ km) zurückgelegt, dabei zwei Flüsse überschritten, und zwar auf Kähnen, wobei zwei Pferde verlorengingen. Die Nacht verbrachte man ln einem Weiler, der aus etwa zwanzig Häusern bestand. Sie waren alle neu erbaut und gehörten den Handelsleuten zu Akalan. Übrigens waren sämtliche Bewohner weggelaufen.

Von da kam das Heer nach Azuzulin, das völlig verlassen war und auch keinerlei Lebensmittel bot. Man durchstreifte die Umgegend, um jemanden aufzutreiben, der den weiteren Weg nach Nito hätte zeigen können, aber man fand niemanden.

Cortes war in großer Verlegenheit. Er mochte seinen Kompaß noch so oft zur Hand nehmen: die Nadel wies ihm keinen Weg weder durch das hohe Gebirge, das ihm von allen Seiten entgegenstarrte, noch durch die menschenleere Einöde. Da schickte das Glück einen jungen Indianer aus den Bergen her, der sofort festgenommen ward.

Dieser Bursche führte das Heer in den nächsten beiden Tagen nach einer Ortschaft der Landschaft Tuniha, die Cortes auf seiner indianischen Karte eingezeichnet fand.

Von hier aus diente ein altes Männchen als Führer, bei dem man vor dem Ausreißen sicher war. In wiederum zwei Tagemärschen kam man in eine Ortschaft, wo man vier Männer vorfand. Alle übrigen waren auf und davon. Diese Leute sagten aus, der Ort Nito, wo die Hispanier wären, sei nur zwei Tagemärsche weit. Es war keine gute Raststätte. Man starb fast des Hungers, denn es gab nichts zu essen als grüne Palmennüsse und Schweinefleisch, zu dem aber das Salz fehlte. Auch diese Nahrung war nur kärglich vorhanden.

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