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Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes

Arthur Schurig: Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDie Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes
publisherInsel-Verlag
editorherausgegeben von Arthur Schurig
year1918
firstpub1918
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectid81cacf28
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I

Spanien im Jahre 1513

nach Guicciardini

Hispanien ist schwach bevölkert. Man findet darin wenig Städte und Burgen, und zwischen einem großen Orte und dem anderen trifft man kaum ein Haus. Es gibt ein paar schöne Städte wie Barcelona, Zaragoza, Valencia und Sevilla. Für ein so großes Reich und ein so ausgedehntes Land ist das gering. Die anderen Städte sind im allgemeinen elende Nester mit häßlichen Gebäuden.

Das Land ist fruchtbar, denn es bringt mehr Getreide hervor, als es braucht; ebenso Wein, den man nach Flandern und England ausführt. Öl wird in großen Mengen erzeugt, es geht davon nach den genannten Ländern und nach Alexandria jedes Jahr für mehr denn 60 000 Dukaten. Diese Fruchtbarkeit herrscht am meisten in den Niederungen Andalusiens, und der Überfluß würde noch viel größer sein, wenn das ganze Land sachgemäß bebaut wäre. Es ist jedoch nur in der Nachbarschaft der Städte und auch da nur schlecht bestellt. Alljährlich geht sehr viel Wolle aus dem Lande, man sagt für mehr denn 250 000 Dukaten, ebenso feinste Seide; aus dem Baskenlande gutes Eisen und Stahl, Häute und Alaun und viele andere Waren, so daß das Volk, wenn es in Handel und Gewerbe tüchtig wäre, reich sein könnte. Aber es ist, vielleicht mehr als irgendein anderes, dem Waffenhandwerk ergeben, wozu die Beweglichkeit ihres Leibes und die große Geschicklichkeit ihrer Glieder es in hohem Grade befähigen. Die Waffenehre geht den Hispaniern über alles. Um die Ehre rein zu halten, verachten sie ganz allgemein den Tod.

Ihre schwere Kavallerie taugt zwar nicht viel, aber ihre leichte Reiterei ist ausgezeichnet. Das Land bietet die hierzu geeignetsten Pferde, die vortrefflich sind. Hier sind ihre Vorbilder die Mauren, mit denen sie endlose Kriege geführt haben. Diese leichten Reiter gebrauchen nur die Lanze, so daß sie in einer Feldschlacht nicht viel ausrichten. Hingegen eignen sie sich vorzüglich zur Verfolgung, zur Beunruhigung eines Lagers, zum Abschneiden der Zufuhr und zu jedweder Belästigung des Feindes. Das Fußvolk, besonders das kastilische, steht in großem Rufe. Man sagt, es übertreffe bei der Verteidigung oder Belagerung eines festen Ortes jedes andere, aber auch in der Schlacht sei es durch seine Beweglichkeit, Geschicklichkeit und Tapferkeit dermaßen tüchtig, daß man streiten könne, ob im offenen Felde der Hispanier oder der Schweizer den Vorzug verdiene.

Die Hispanier gelten für feine und schlaue Köpfe, und dennoch taugen sie weder in den handwerklichen noch künstlerischen Betätigungen etwas. Fast alle Handwerker am königlichen Hofe sind Franzosen oder andere Fremde. Ebensowenig beschäftigen sie sich mit dem Handel, den sie für unanständig halten. Jedermann hegt nämlich die Einbildung, ein Edelmann zu sein. Man ist lieber bei geringem Einkommen Soldat oder unter tausend Mühen und Sorgen Diener irgendeines Granden oder ehedem Wegelagerer, als daß man sich mit Handel oder Gewerbe befaßt. Erst neuerdings hat man begonnen, sich darum zu bekümmern; und bereits werden in gewissen Gegenden, so in Valencia, Sevilla und Toledo, Tücher und kostbare Stoffe angefertigt. Im allgemeinen aber ist und bleibt das Volk dem abgeneigt. Die Handwerker arbeiten nur, wenn die Not es erheischt, nachher faulenzen sie wieder, bis der Verdienst verzehrt ist. Deshalb ist auch die Handarbeit hier sehr teuer. Genau so machen es die Bauern, die sich nur unter zwingenden Umständen anstrengen. Sie bebauen weniger Land, als sie könnten, und dieses wenige auch noch liederlich. Nicht wegen der Natur des Landes, sondern wegen der Trägheit der Menschen herrscht im Lande große Armut. Abgesehen von wenigen Großen, die im Luxus schwelgen, lebt die Masse in Kümmerlichkeit dahin. Hat der Hispanier aber einmal etwas zum Aufwand übrig, so hängt er es sich auf den Rücken, setzt sich auf sein Maultier und trägt es fort, statt zu Hause zu bleiben. Man kann sich nicht genug wundern, wie armselig es in seiner Wohnung aussieht. Aber obwohl er mit dem Wenigsten auszukommen weiß, ist er doch keineswegs frei von Habgier. Im Gegenteil sind die Hispanier im höchsten Grade auf Gewinn erpicht, und da sie sich auf keinen rechten Erwerb verstehen, so legen sie sich auf den Raub. Deshalb wimmelte es früher, als weniger Ordnung herrschte, von Mördern und Dieben im Lande, das derlei begünstigt, weil es in vielen Teilen gebirgig und wenig bewohnt ist.

Der Wissenschaft sind die Hispanier nicht ergeben. Weder unter dem Adel noch unter den anderen findet man Kenntnis vom Latein oder doch nur sehr geringe und selten. Äußerlich und bei Schaustellungen sind sie sehr fromm, aber nicht in Wahrheit. Das Hochfeierliche lieben sie ins Grenzenlose und pflegen es unter großer Ehrerbietung und erstaunlicher Untertänigkeit in Worten und Titeln. Der Handkuß ist etwas Alltägliches. Jeder ist ihr Herr, jeder darf ihnen befehlen; sobald man sich aber von ihnen entfernt hat, kann man sich wenig auf sie verlassen. Verstellung ist eine Eigentümlichkeit dieses Volkes. Sie findet sich bei ihnen in hohem Grade unter allen Klassen. Es sind punische Geister. Die größten Meister hierin sind die Andalusier und unter ihnen die Leute von Cordova, der Heimat des Gran Cavitano.

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