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Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes

Arthur Schurig: Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDie Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes
publisherInsel-Verlag
editorherausgegeben von Arthur Schurig
year1918
firstpub1918
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectid81cacf28
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Das zwölfte Kapitel

Am folgenden Tage (am 8. November 1519) bin ich weiter marschiert, und nach einer halben Meile Wegs sind wir wiederum an einen gepflasterten Damm gekommen, der zwei Meilen lang durch den See nach der hochberühmten Hauptstadt Temixtitan führt, die mitten im See liegt.

Der Damm ist zwei spanische Lanzenlängen breit, so daß acht Reiter nebeneinander darauf reiten können. Weiterhin am Ufer des Sees finden sich in der Nähe noch drei Städte; die eine, Mexikalzingo, ist zum größten Teil in das Wasser hineingebaut, die beiden andern aber, Nykiaka und Ocholoposko, liegen am Gestade dicht am See. Die erste hat etwa 30Q0, die zweite 6QOO und die dritte 5000 Häuser, darunter viele mit Türmen. Das sind die Sitze der Vornehmen und die Götzentempel. In all diesen Orten wird großer Handel mit Salz getrieben, das man aus dem See gewinnt und aus den Lachen, die das auslaufende Wasser bildet. Das Salz wird in Form von Broten auch nach auswärts verkauft.

Eine halbe Meile, ehe man in die Stadt kommt, mündet von links ein anderer gepflasterter Weg vom Lande her. An dieser Stelle ist eine feste Burg erbaut, Xolok genannt, mit einer zwei Mann hohen Mauer, einem Zwinger, zwei Türmen und Zinnen im ganzen Umkreis. Sie beherrscht die beiden Dammwege. Die Veste hat nur zwei Tore; zu dem einen zieht man hinein und zu dem andern hinaus. An dem Tore, vor dem wir ankamen, standen an die tausend Vornehme aus der Hauptstadt, mich zu empfangen, alle in gleichen Staatskleidern, nach ihres Landes Sitte. Als sie mich sahen, schritten sie mir entgegen, und zwar in der Weise, daß jeder einzelne zuvor mit der Hand die Erde berührte und sie dann küßte. Ich hab eine Stunde verbracht, bis jeglicher diese Ehrenbezeigung vollführt hatte.

Dicht vor der Stadt kommt man an eine hölzerne Zugbrücke; dort ist der Steindamm in einer Länge von zehn Fuß durchbrochen. Auch in der Stadt drinnen gibt es viele solcher Zugbrücken, um die einzelnen Stadtviertel besser verteidigen zu können.

Nachdem wir über die Brücke marschiert waren, kam mir entgegen der großmächtige Herr Montezuma, mich zu empfangen, und mit ihm zweihundert Hof- und Edelleute, allesamt in bloßen Füßen und in noch reicherer, aber wiederum gleicher Hoftracht. Zwei und zwei zogen sie daher wie bei einer Wallfahrt, was gar lustig anzusehen war, und zwar links und rechts an den Häusern hin, obschon die Straße sehr breit ist. Selbige, die in der Richtung des Dammwegs die ganze Stadt durchläuft, ist zwei Meilen lang und schnurgerade, so daß man sie von Anfang bis zu Ende übersehen kann. Zu beiden Seiten stehen schöne und große Häuser, sowohl Wohnhäuser wie Tempel.

Herr Montezuma ging in der Mitte der Straße, rechts und links von ihm sein Bruder und sein Neffe, die Fürsten von Iztapalapan und Tezkuko. Dieser war mir, wie berichtet, am See von Chalko in seiner Sänfte entgegengekommen. Alle drei trugen gleichförmige Tracht, nur daß Herr Montezuma Schuhe anhatte, während die anderen barfuß gingen, wiewohl es sonst hier allgemein gebräuchlich ist, Schuhe zu tragen. Seine beiden besagten Begleiter stützten ihn zu beiden Seiten an den Armen. Ich näherte mich ihm zu Pferd. Dicht vor ihm saß ich ab und schritt ihm zu Fuß entgegen, um ihn zu umarmen. Aber die beiden Herren neben ihm winkten mir, ich solle dies nicht tun und ihn nicht anrühren. Herr Montezuma sowohl wie seine zwei Begleiter verrichteten den schon beschriebenen feierlichen Gruß. Darauf befahl er seinem Bruder, an meine Seite zu treten und mir den Arm zu stützen. Während einer kurzen Ansprache kamen auch die zweihundert anderen Herren heran und begrüßten mich, jeder einzeln in der landesüblichen Weise. Als ich Herrn Montezuma ansprach, zog ich ein Halsband von den besten Glasdiamanten ab, das ich umgelegt hatte, und tat es ihm um seinen Hals. Als wir dann zusammen ein Stück nach der Stadt zuschritten, kam ein Diener und brachte zwei Halsketten aus roten Korallen, die man hier sehr hoch schätzt. An jedem Halsband hingen acht Hummern aus Gold, gar wunderbarlich fein gearbeitet, jeder eine kleine Hand groß. Herr Montezuma nahm sie und hängte sie mir um. Sodann gingen wir weiter, bis wir zu einem prächtigen Palast kamen, der zu unserem Quartier bestimmt und wohleingerichtet war. Hier nahm mich Herr Montezuma bei der Hand und führte mich in einen weiten Saal, nachdem wir den breiten Hof überschritten hatten. Drinnen ließ er mich auf einem reich verzierten Sessel niedersetzen und bat mich, eine Weile zu warten. Über ein kleines ist er wieder zu mir gekommen und hat mir eine Menge kostbarer Gastgeschenke gebracht, aus Gold, Silber und seltsamem Federwerk, dazu 5000 Stück baumwollene Stoffe, in der verschiedensten Art gefertigt und bestickt. Danach hat er sich niedergesetzt auf einen Sessel, der ihm rasch hingestellt ward, nicht weit von dem meinen, und hat also zu mir gesprochen:

Wie wir aus alten Schriften und Geschichten wissen, haben meine Vorfahren und die jetzigen Bewohner dieser Stadt ihren Ursprung nicht in diesem Lande, sondern wir sind Fremdlinge, aus weiter Ferne vor geraumer Zeit hier eingewandert. Auch ist uns überliefert, daß ein großer Fürst unsere Ahnen hergeführt und uns hiergelassen hat, selbst aber wieder heimgekehrt ist. Als er nach langer Zeit wiederkam, fand er seine Untertanen mit Frauen von hier verheiratet, reich an Kindern und Enkeln, und wohnend in Städten und Dörfern, die sie gegründet hatten. Kaum kannte ihn einer wieder, und niemand wollte ihm in die alte Heimat folgen. Also ist er allein geschieden. Aber bis auf den heutigen Tag glauben wir alle, daß ein Nachkomme von ihm dermaleinst wiederkehren wird, um dies Land zu unterwerfen und sich gehorsam zu machen. Wenn wir bedenken, daß Ihr uns aus der Richtung der aufgehenden Sonne genaht seid, und je mehr wir von Eurem gewaltigen und mächtigen Herrn und Kaiser hören, der Euch hierher gesandt hat, so können wir nicht mehr zweifeln, daß er unser rechter Herr ist, fürnehmlich dieweil Ihr sagt, daß er schon lange Zeit von uns Kunde gehabt habe. Seid darum des gewiß, daß wir Euch wollen gehorsam sein und Euch an Stelle Eures großen Kaisers als Herrn und Gebieter anerkennen. Lug und Trug aber soll uns fernbleiben. Ihr mögt über mein ganzes Reich nach Gefallen walten. Es soll Euch jedermann Dienste leisten, und alles, was wir besitzen, soll Euer Eigentum sein. Da Ihr hier also wie in Eurer Heimat und Eurem eigenen Haus seid, so soll Euch bei uns wohl zumut sein und Ihr sollt Euch nun der Ruhe erfreuen, denn ich weiß, daß Ihr viel Mühseligkeiten erlitten habt auf dem Marsch und in allerlei Kämpfen. Es ist mir nicht unbekannt, was Euch vom Tabasko bis hierher widerfahren ist. Auch weiß ich, daß die Leute von Cempoalla und Tlaskala Euch viel Übles von mir erzählt haben. Ich bitte Euch aber, wollet davon nicht mehr glauben, als was Ihr hier erfahren und mit Euren eigenen Augen sehen werdet. Insonderheit glaubet nicht, was Euch Feinde von mir gesagt haben, die ehedem meine Untertanen waren und erst auf Eure Ankunft hin von mir abgefallen sind. Nur um sich bei Euch in Gunst zu setzen, haben sie Euch solches hinterbracht. Auch weiß ich gar wohl, daß sie Euch als Wahrheit gesagt haben, meine Häuser hatten goldene Wände, ich säße auf einem goldenen Throne und all mein Hausrat sei aus Gold, ich selbst aber sei ein Gott oder gebe mich für einen solchen aus und dergleichen mehr. Jetzt seht Ihr hier eins meiner Häuser. Es ist von Stein und Erde. Und ich ...

Bei diesen Worten tat er sein Kleid auf, zeigte seinen Leib und fuhr dann fort: Seht her, ich bin von Fleisch und Bein wie Ihr, greifbar und sterblich! Fortan wißt Ihr, daß man Euch belogen hat. Wohl hab ich etliches aus Gold von meinen Eltern ererbt, aber was ich habe, ist Euer, sobald Ihr es begehrt. Jetzt will ich in das Haus gehen, darin ich zu wohnen pflege, und will anordnen, daß Euch hier nichts ermangele. Seid frohgemut wie in Eurem Vaterlande!

Ich erwiderte seine Rede mit wenigen Worten, wobei ich insbesondre darauf einging, was er von der alten Sage hatte erzählt, nämlich, daß Eure Kaiserliche Majestät der längst erwartete große Herr sei.

Darauf ist Herr Montezuma hinweggegangen, und bald darauf hat man uns gebracht Brot, Hühner und allerlei Früchte, dazu viele Dinge zum Haushalt. Also vergingen sechs Tage, an denen viele vornehme Herren zu mir kamen und in Freundschaft mit mir redeten.

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