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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Von der Vergrößerung dieser gewaltigen Besitzungen durch die Standesherrschaft wurde unter den Geschäftsleuten des Oheims, wie von einer ausgemachten Sache gesprochen, obwohl Hermann nicht begreifen konnte, worauf sich, da der Adelsbrief der Ahnfrau aufgefunden worden war, diese Zuversicht stützte. In den Gesprächen jener Männer, welche, wie wir wissen, bei der Ausdehnung und dem erhöhten Schwunge der Geschäfte selbst betheiligt waren, traten weitgreifende Pläne hervor, wie jene Güter zum Fabriknutzen umgewandelt, oder zerstückelt werden sollten, so daß dem Gaste, dessen Erinnerungen sich noch mit Vorliebe dorthin wandten, übel zu Muthe ward. Einmal traf er den verdächtigen Amtmann von Falkenstein bei dem Oheim, der ihm wieder die höhnisch freundlichen Blicke zuwarf, über welche Hermann schon auf dem Schlosse des Herzogs verdrießlich geworden war.

Der Oheim ließ sich über diese Angelegenheit noch gleichgültiger als früher vernehmen. Seinen Adelshaß verrieth er zwar auch jetzt wieder, und wiederholte mit Lebhaftigkeit die Meinung, daß es an der Zeit sei, das Eigenthum aus den Händen derer, welche es nicht zu benutzen verständen, in fleißigere übergehen zu lassen. Allein mir für meine Person, fügte er hinzu, liegt an dem Erwerbe der mir cedirten Besitzungen kaum noch etwas. Die Sache ist mehr für meine Directoren, welche noch vorwärts wollen. Ich werde nur Last und Sorge von diesen Schollen haben.

Zudem, sagte er schwermüthig, für wen sammle ich?

Diese Worte bezogen sich auf eine Verlegenheit, welche dem Oheim in seinem eigenen Hause erwachsen war. Sein einziger Sohn Ferdinand, von dem er natürlich nichts heißer wünschen konnte, als daß er der Erbe seines Sinnes werden möchte, zeigte, sobald er sich zu entwickeln begann, auch nicht die mindeste Neigung zu dem, was eine solche Hoffnung rechtfertigen durfte. Alles Stillsitzen war ihm zuwider; es kostete unendliche Mühe, ihm die Elemente der Rechenkunst beizubringen, die Maschinen, zu denen er früh geführt wurde, damit er Geschmack an ihnen bekomme, waren ihm lächerlich und widerwärtig. Er schlich sich heimlich zu den Werken, verdarb Manches schadenfroh, und hatte einmal durch ein geschickt eingeworfenes Hemmniß eine Dampfpresse gewaltsam zum Stehen gebracht, dadurch aber beinahe den Mechanismus zerstört.

Hingegen war es seine Leidenschaft, die gefährlichsten Orte zu erklettern. Seine ersten Spiele waren Soldatenspiele; er hatte bald eine Compagnie Knaben zusammengetrieben, welche er zum Erstaunen eines durchreisenden Offiziers völlig regelrecht einexercirte, obgleich er die Handgriffe nie gesehen hatte. Als er heranwuchs, war ein Pferd sein dringendstes Verlangen, und der Vater, der für dieses ihm nach langer kinderloser Ehe spätgeborne Kind die weichste Zärtlichkeit hegte, konnte sich nicht entbrechen, ihm eins anzuschaffen. Nun entband sich erst die ganze Natur des Knaben. Der Sattel war ihm lästig, er schied ihn von dem Geschöpfe mit dem er in eins zusammenzuwachsen sich sehnte. Den Bauchgurt zerschneidend, schwang er sich auf den nackten Rücken des Thieres, umfaßte dessen Hals zärtlich und ließ sich von ihm über Stock und Stein tragen. Das Alles hatte er insgeheim vorbereitet, denn es zeigte sich in ihm eine merkwürdige Vermischung von Schlauigkeit und verwegenem Muthe. Dem Oheim sträubten sich vor Entsetzen die Haare, als er von dem tollkühnen Ritte hörte. Er wollte dem Knaben das Pferd wieder wegnehmen lassen, aber da erfolgten so heftige Ausbrüche der Wildheit, daß man für seinen Körper besorgt wurde, und ihn lieber dem Geschick überließ, welches dem Unerschrockenen nicht selten günstig ist.

Späterhin verfiel er auf das Schießen, wogegen aber der Vater sich mit Festigkeit erklärte, so daß Ferdinand von dem ungestümen Verlangen nach Pistolen und Flinten wenigstens scheinbar abstand.

Gleichwohl sah der Oheim die Wiederholung eines alten Unglücks in seiner Familie voraus, sah voraus, daß der Sohn zerstreuen werde, was der Vater gesammelt; und diese trübe Besorgniß wirkte dazu mit, die Fäden seines Daseins abzunutzen.

Um das Seinige zu thun, hatte er die beiden Schulmänner zu einer Berathung über das Erziehungssystem, welches in Betreff des Knaben zu verfolgen sein möchte, einladen lassen. Man kann aber denken, daß deren Gutachten ihm wenig genügten, da ihre Meinungen nur beschränkt und einseitig waren, und seinem scharfen Verstande einleuchten mußte, daß die Mittel, welche sie vorschlugen, und welche einander noch dazu widersprachen, gegen eine entschiedene Richtung der Natur nichts verfangen würden.

Hermann hatte von dem Educationsrathe einen Theil der obigen Notizen eingezogen.

Sprach er mit Theophilien, die er oft des Abends besuchte, von dieser Angelegenheit, so machte sie ein zweideutiges Gesicht. Sie war recht eigentlich zur Plage des Oheims im Schlosse zurückgeblieben. Er empfand eine sonderbare Furcht vor ihr, wich ihr aus, wo er nur konnte, und hätte viel darum gegeben, wenn mit ihr die letzte Erinnerung an den ehemaligen Besitzer verschwunden wäre. Zu dem Ende hatte er ihr bedeutende Summen anbieten lassen, wenn sie ihren Wohnsitz verändern wolle; welches aber immer höflich von ihr abgelehnt worden war.

Eines Tages brachte Hermann die Sache gegen sie zur Sprache, und fragte in schonenden Wendungen, warum sie einen Ort nicht verlasse, der ihr unmöglich angenehme Gefühle erwecken könne?

Lieber, versetzte Theophilie, Sie kennen das Unglück nicht. Wenn Sie wüßten, was es heißt, vom Erbe verdrängt worden zu sein, nicht mit Gewalt und Uebermacht, das wäre leidlicher, nein! auf stillem, rechtlichem Wege, mit erlaubtem Wucher, mit zulässiger Geschäftskunst, Sie würden mich nicht so fragen. Ihr Oheim hat meinen Bruder zerstört, verführt, zerrüttet und ich bin die Schwester des Grafen Julius. Er besitzt unsere Schlösser, gönne man uns nur noch, wie jene Frau sagt, ein Grab bei den Gräbern unsrer Ahnen! Hier sind meine Erinnerungen, dieser Schmerz füllt mein Leben aus, es hätte seinen Inhalt verloren, wiche ich von hinnen. Nein, es bleibe bei der Uebereinkunft, die mein Bruder bei dem Verkaufe der Güter machte, daß ich hier zeitlebens Wohnung, und nach dem Tode auch Unterkommen im Erbbegräbniß finden solle. Ich bin die Hüterin der Rasensitze, der Pavillone, aller der Plätze, die unsere munteren Feste sahen, sie verwildern, verwittern, veralten, wie ich; ein geheimes Band der Sympathie schlingt sich von ihnen zu mir, ich muß es ehren.

Hermann wunderte sich über die Erhebung, womit Theophilie sprach. Dieser Ton war ihr sonst nicht eigen, sie pflegte leicht, ja leichtfertig zu reden, aber sie gerieth, wie er nunmehr öfter wahrnehmen konnte, jedesmal in jenen Schwung, wenn sie an das Unglück ihres Hauses dachte. Aus hingeworfenen Reden ließ sich schließen, daß sie ein Geschick ahne, welches den Oheim ganz darnieder werfen werde, und leider schien sie sich darauf zu freuen, wenn sie sich dies auch nicht eingestehen mochte.

So bedroht, so innerlich gefährdet und untergraben war der Zustand des Oheims, während nach Außen hin Vermögen und Ansehn ins Unermeßliche wuchsen. Man konnte sagen, daß er eine Macht darstellt. Denn nicht allein, daß seine Handelsverbindungen über die ganze Erde griffen, auch mit den Fürsten und Regierenden war er in Verhältnisse gediehen, bei welchen er, da er mehr zu gewähren, als zu erbitten hatte, sich ziemlich auf gleichem Fuße zu ihnen halten durfte. Sie ehrten ihn denn auch auf mancherlei Weise, verliehen ihm Titel, die er nicht führte, weil sie ohne Ertrag waren, und noch in den Tagen von Hermanns Anwesenheit traf ein Orden hoher Klasse ein, von welchem aber der Neffe nur durch die dritte Hand etwas vernahm, weil das schimmernde Kreuz, nachdem der Empfänger es flüchtig beschaut hatte, still weggestellt worden war.

Vom Schlosse hatte der Oheim seine Wohnung, wenigstens zum Theil, deshalb hinabverlegt, weil ihm die Nähe Theophiliens immer widerwärtiger geworden war. Aber im Kloster erwartete ihn ein anderer Verdruß. Bei der Säcularisirung hatte man für die katholische Umgegend den Gottesdienst in der Kirche erhalten, der Weg zu ihr führte quer durch das nunmehrige Wohnhaus, und sie selbst befand sich hart an den Geschäftszimmern des Besitzers. Seinem Sinne, welcher dem Kirchlichen durchaus abgeneigt war, wurde nun täglich die Pein, einen Zug Andächtiger durch das Haus wandern zu sehen, und das Klingeln der Messe vernehmen zu müssen. Um so unangenehmer für ihn, als er den katholischen Cultus eigentlich geradezu haßte, da dieser die Menschen nach seiner Meinung zum Unfleiße verführe. Schon mehrmals hatte er versucht, sein Eigenthum von jener Last zu befreien, hatte sich selbst erboten, den Katholiken eine neue Kirche bauen zu lassen, allein die Geistlichkeit, wohl wissend, wie ersprießlich ihrer Sache ein traditionelles Alterthum sei, war dagegen stets auf das Bestimmteste eingekommen, und die Behörden konnten wohlerhaltene Rechte nicht aufheben.

Mit allem Gelde vermochte er daher nicht, sich vor den Reminiscenzen des Adels und der Kirche zu schützen, über deren Eigenthum der Zeitgeist ihn zum Herrn gemacht hatte. Unter den protestantischen Arbeitern aber that sich eine Wirkung umgestalteter Lebensverhältnisse auf, die dem Oheim fast noch unleidlicher war, als der unter seinen Augen sich rührende Katholicismus. Die sitzende Lebensart, welche an die Stelle der Bewegung in freier Luft getreten war, hatte bei Vielen den Boden für die pietistische Richtung zubereitet; einige Werkmeister, welche von der Wupper kamen, brachten den Saamen mit, und bald war eine zahlreiche stille Gemeinde entstanden, in welcher die Erweckten predigten, und Jedermann mit der Gnade des Herrn, dem Blute des Lamms, und wie die Schlagworte jener Heerde sonst noch heißen mögen, gewandt umzuspringen wußte.

In Hermann, welcher alle diese Unannehmlichkeiten kennen gelernt hatte, regte sich der alte Eifer, zu helfen. Der Oheim bezeigte sich immer freundlicher gegen ihn, sein Widerwille schien verschwunden zu sein, er hatte die Gesellschaft unsres Abenteurers gern und schenkte ihm über manche Dinge Vertraun. Dieser bedachte nun schon dankbar im Stillen, wie das Fräulein dennoch zur Verlegung ihres Wohnsitzes auf zarte Weise zu vermögen, das Naturell des wilden Knaben in die dem Oheim gefälligen Wege zu leiten, und die widerstrebende Geistlichkeit biegsamer zu machen sein möchte, hatte auch über alle diese Dinge bei sich einen Plan entworfen, in welchem jedes Hinderniß beseitigt war, als ihn eine Mittheilung des Educationsraths stutzig und an diesen wohlgemeinten Entwürfen irre machte.

Es war ihm aufgefallen, daß der Rector ihn sichtlich vermied, und wenn er nicht ausweichen konnte, ihm nur mit Widerstreben Rede stand. Da er sich nun durchaus keiner Verschuldung gegen den Schulmann bewußt war, so mußte er den Grund zu jenem Betragen in einer allgemeinen Verstimmung des Alten suchen. Er fragte den Educationsrath bei Gelegenheit danach, worauf dieser versetzte: Allerdings hat meinen Freund das schlimmste Schicksal betroffen. Ein wundersam scheinendes Glück führte nur dazu, sein Hauswesen heftig zu erschüttern, wo nicht von Grundaus zu zerstören. Jener todtgeglaubte, aus Rußland zurückkehrende Sohn wurde von den Eltern, die ihn gleichsam aus dem Grabe wieder empfingen, mit einer Mischung von Liebe, Graun und Mitleid aufgenommen. Der Vater, durch Ihren Brief benachrichtigt, kaum seiner mächtig, holte den Verlorenen aus der Hirtenhütte ab, welche der Unglückliche eben hatte verlassen wollen, um in die weite Welt zu schweifen. Man erschrak über seine Gestalt, sein Wesen, hoffte aber durch Sorgfalt und Pflege ihn wieder zum Menschen zu machen.

Aber es zeigte sich bald, daß diese Hoffnungen eitel gewesen waren. Der Elende hatte zu viel gelitten, sein Physisches und Moralisches war zerrüttet. Bald mußten die Eltern zu ihrem Schmerze sich überzeugen, daß Eduard zwar alles Liebe und Gute, was ihm geboten wurde, sich gefallen ließ, daß aber kein dankbares Gefühl in seiner Seele dadurch geweckt wurde. Nur die Noth und das Elend schienen ihn noch aufrecht gehalten zu haben, sobald ihn das bequeme, gemächliche Leben im väterlichen Hause umfing, brachen jene herben Stützen zusammen, und er versank von Tage zu Tage mehr. Ein unmäßiger Hang zu geistigen Getränken begann sich zu äußern, den der Verwilderte auf alle Weise heimlich zu befriedigen wußte. Bald nahm man Spuren des Irrsinns wahr, der endlich zur Tobsucht führte. Die Paroxismen dieses Zustandes zerstörten die letzten Kräfte der Seele; es folgte eine stille Verrücktheit, in welcher er, unschädlich, Willen- und Gedankenlos, nur noch so fort brütet. Die Eltern haben ihn aus dem Hause und zu guten Leuten gethan, welche ihn verpflegen und am Morgen bei hellem Wetter in die Sonne setzen, wo er dann, ohne sich zu bewegen, oder zu sprechen, den Tag über sitzen bleibt.

Der Gram über dieses Geschick warf die Mutter auf ein Krankenlager, von dem sie nur langsam, schwer, erstanden ist. Der Unglückliche hatte den Stoff so mancher Ansteckung in die Familie gebracht, die Wirkung seines Aufenthalts ist die übelste auf die jüngeren Knaben gewesen. Zwischen den Conrector und Wilhelminen trat er wie ein Gespenst; sie gaben einander nach heftigen Zwistigkeiten ihr Wort zurück, und der Verlobtgewesene hat sich einen andern Wohnort gesucht. Kurz, diese Vorfälle bestätigen die Lehre, daß Keiner heimkehren muß, wenn er nicht mehr vermißt wird.

Sie bestätigen noch eine andere Lehre! rief Hermann sehr traurig aus. Man soll die Hände in den Schooß legen, und nichts für Andere sinnen und thun; dann ist man sicher, daß man ihnen nicht schadet. Was in der reinsten Absicht geschieht, bringt Tod und Verderben, und wer seinen Nebenmenschen aus dem Wasser zieht, kann ihn dabei erdrücken.

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