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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

In den folgenden Tagen durchstreifte er mit einem erfahrnen Führer, welchen der Oheim ihm beigegeben hatte, die Gegend, und besah die Fabriken. Fast alle Zweige dieser Art menschlicher Thätigkeiten hatten sich hier im Umkreise weniger Stunden abgelagert. Man mußte wirklich über den Geist des Mannes erstaunen, der in verhältnißmäßig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte. Aus einfachen Landbauern waren Garnspinner, Weber, Bleicher, Messer- und Sägenschmiede, Glasbläser, Töpfer, Vergolder, ja sogar Zeichner und Maler gemacht worden.

Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte, welche diese Verwandlung bewerkstelligt hatten, sagten sie, daß nichts leichter gewesen sei. Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb, besonders bei den jüngeren Leuten, rege geworden, da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriedenen Geistes, sehr froh gewesen wären, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden.

Auf diese Weise, sagten die Vorsteher, hatten wir in wenigen Jahren aus den Bewohnern der Gegend selbst unsere Pflanzschule herangebildet. Nun sind von den damaligen Lehrlingen die Geschicktesten schon wieder als Lehrer in die Fremde gegangen. Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden, ein Mittelstand neben der bäuerlichen Aristocratie, ähnlich den englischen Verhältnissen. Der Erstgeborne erbt den Hof, und wird nach dem Hofe benannt, setzt also auch eigentlich allein die Familie fort, die andern Söhne und die Töchter gehen in die Fabriken, und legen sich in der Regel von ihrer Beschäftigung neue Namen bei, gegen das Zeugniß des Kirchenbuchs, und ohne daß die Verbote der Obrigkeit, welche daraus allerhand Verwirrungen befürchtet, etwas fruchten wollen.

Mußte Hermann diesen Ausweg für eine Menge durch die Geburt hintangesetzter Menschen sehr ersprießlich finden, und sah er auf allen Maschinenstätten, in jedem Lager und Speicher die größte Ordnung und Nettigkeit, wurde es ihm hier recht klar, welch ein großes Ding das Geld, und ein diese Weltkraft bewegender verständiger Geist sei, so fehlte auf der andern Seite viel, daß ihn alle die nützlichen und lehrreichen Anschauungen, welche er auf dieser Wanderung einsammelte, erfreut hätten. Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen die mathematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleißes, gegen die Verdrängung lebendiger Mittel durch todte, und er konnte dieses Gefühls nicht Herr werden, so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah, so große Achtung er vor dem Oheim und seinen Helfern haben mußte.

Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, daß seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschäftigungen, die natürliche und die künstliche, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze. Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen Andere mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Aehnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ.

Die Amtleute und Richter klagten sehr über die Vermehrung der Frevel, besonders gegen das Eigenthum, seit die Gegend eine so veränderte Gestalt angenommen habe. In den Schleifereien und Erzschmieden griff man jetzt bei der leichtesten Zänkerei gleich zum Messer.

Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schlosse des Herzogs verglich, so fühlte er sich nur noch unbehaglicher erregt. Es ist wahr, hier gehörte Alles thätig der Gegenwart an, und dort zehrte man von Erinnerungen, bestrebte sich umsonst, der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen, aber jene Oertlichkeiten und ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung, während er hier vergeblich danach rang, den Knäuel der dumpfen und niederdrückenden Wirklichkeit sich zum Gespinste zu entfalten. Entschieden war es ihm; wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um Alles gethan, weßwegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag.

Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze, traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Bei diesen griff ein Jeder nach englischer Manier zu, wo es ihm beliebte; der Reihenfolge der Speisen achtete man wenig, da sie fast sämmtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden. Keine aufwartende Diener; eine Magd, welche ziemlich ungeschickt war, nahm Teller und Schüsseln weg, oder ließ sie auch wohl stehen, wie es sich eben traf. Auf Niemand wurde gewartet; verspätete Ankömmlinge setzten sich, kaum grüßend und begrüßt, nieder, und holten in Hast das Versäumte nach.

Alle diese Unsitten waren für Jemand, der in den letzten zwei Jahren in der besten Gesellschaft gelebt hatte, sehr empfindlich. Lästig fiel Hermann, welcher das Wasser nicht vertragen konnte, auch die Entbehrung jedes sonstigen Trinkbaren bei Tische. Der Oheim hatte nämlich die Laune, seine Tafel nur mit eigenen Producten besetzt sehen zu wollen. Hinsichtlich der Speisen that dies der Güte des Mahls keinen Abbruch. Die Meiereien lieferten das saftigste Fleisch, die Gärten das zarteste Gemüse und die schönsten Früchte, die Weiher gaben schwere Karpfen und Hechte her. Allein mit dem Getränke verhielt es sich anders. Man braute hier ein sogenanntes Ale, und preßte aus Aepfeln und Birnen Cyder. Nur diese Getränke kamen in geräumigen Flaschen auf den Tisch, wurden aber selbst von den daran Gewöhnten nur mit Zurückhaltung genossen. Hermann versuchte von Beiden, bekam jedoch von dem Ale Kopfweh mit Schwindel verbunden, und wurde nach dem Genusse des Cyders von einem heftigen Erbrechen befallen, so daß er seitdem lieber Durst litt, als so schlimmen Einwirkungen abermals sich aussetzte.

In den Zimmern sah es verworren aus. Meubles vom theuersten Holze mit schwerer Vergoldung standen neben tannenen Commoden und Tischen, überall fehlte etwas, oder vielmehr der Widerspruch trat aller Orten hervor; ehemalige bürgerliche Einfachheit und neuerstrebte Pracht lagen mit einander im Streit. Werthvolle Gemälde, welche der Oheim in den damals aufgekommenen Kunstverloosungen erworben hatte, hingen in dunkeln Winkeln, meistens uneingerahmt, während geschmacklose colorirte Kupferstiche, in kostbarer Einfassung an den hellsten Stellen der Wände prunkten.

Zwischen diesem Ungeschick und verdrießlichen Wesen blickte nur ein rührender Zug durch, des Oheims Liebe zu den Pflanzen. Für sie hatte er den feinsten Sinn, Niemand verstand so, wie er, die Gruppen der Blumen, Stauden und Bäume zu ordnen; die kundigsten Landschaftsgärtner hätten von ihm lernen können. Unter seinen Gewächsen mußte man ihn sehen, wenn man sich überzeugen wollte, daß die Natur keinem Menschen irgend eine zum Ganzen der Seele nothwendige Richtung versagt. Diese Neigung und die Liebe zu seiner Familie waren die schönen menschlichen Eigenschaften des merkwürdigen Mannes. Täglich sah ihn Hermann in seinem Wägelchen durch die Anlagen fahren, und stundenlang oben im Gartenhause, oder bei der Gruft der Tante verweilen, deren Schmückung ihm die liebste Beschäftigung geworden war. Aus manchen Aeußerungen ging hervor, daß seine Gedanken eben so oft bei der schlafengegangenen Gattin, als bei den irdischen Dingen verweilten.

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