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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Mondscheinmährchen.

In jener grauen Urzeit, von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe machen, war es, wie neuere Forschungen lehren, mit der Welt folgendermaßen beschaffen. Die Erde war Alles, und außer ihr gab es Nichts, nur eine falsche Bescheidenheit späterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt, aus welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bällchen hervorgesprungen sei. Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes, nämlich in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft, und die Seitenflächen bogen sich als schützende Ränder hoch und weit über. Es gab weder Gras noch Baum, weder Thiere noch Menschen auf der Erde, auch schien keine Sonne, dennoch war es auf ihr, und in der Höhlung des großen Nestes weder unfein, noch still, noch dunkel. Ihre Oberfläche war glatt und sanft anzufühlen wie der feinste Sammet, sie sang sich selbst ein süßes Lied von jener frohen Ewigkeit vor, und phosphorescirte dabei im buntesten Lichte.

Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert. Endlich aber, wie denn nichts ungestört bleiben kann, regte sich ein gefährlicher Fürwitz in der Erde, und sie sprach so zu sich: Wozu ein Nest ohne Eier? Meine Bestimmung ist nur halb erreicht. Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern, aus denen sich, wie sie meinte, die anmuthigsten Gesellschafter und Gespielen für sie entwickeln würden.

Wie froh erstaunte sie, als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schooße eine Menge der schönsten Eier fand! Auf welche Art sie dieselben gewonnen, auf welchem geheimnißvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescheerung geworden, darüber schweigt Geschichte und Mährchen. Genug, sie lagen, in Kreisen gereiht, im Grunde des großen Nestes, waren durchsichtig, wie die Edelsteine, herrliche Figuren schmückten die glänzenden Schaalen, im Innern pulsirte es, ein eigenes, wildkräftiges Leben.

Mutter Erde, vor Freude ganz wirblicht, machte eine schräge Bewegung, woraus später die Schiefe der Ecliptik entstanden ist, erinnerte sich aber noch zur rechten Zeit ihrer neuen Pflichten, nahm sich zusammen und weinte nur einige Thränen in den unendlichen leeren Raum hinab. Darauf begann sie liebevoll ihr vertrautes Gut zu wärmen und machte tausend Plane, wie sie mit den Vöglein, wenn sie aus den Eiern gekrochen wären, freundlich und herzlich verkehren wolle.

Unter diesen Sorgen, Gedanken und Träumereien war es in dem einen Eie rege geworden, es pickte, und eine leuchtende, beflügelte Gestalt brach durch die Schaale. Anfangs war sie noch einigermaßen in den Grenzen erträglicher Größe, aber mit Sturmeseile wuchs sie, wahrscheinlich durch die einströmende atmosphärische Luft geschwellt, ins Ungeheure, so daß der Erde vor dieser Geburt angst und bange wurde. Doch faßte sie sich und sagte: Gesell, Du wirst nicht vergessen, wer Deine Stärke also gepflegt? Komm, sei mein Freund. Was Freund? fuhr sie der feurige Recke an, ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit, meine Bahn geht selbstständig durch die unermeßlichen Räume. Und damit schoß er fort, der Undankbare, und ward der erste Fixstern. Seinem Beispiele folgten die andern Geburten, die nun bald nach einander kamen, sie wollten alle nichts von Häuslichkeit und gemüthlichem Zusammenleben wissen, vielmehr eigene Fortüne droben im Blauen machen, was ihnen denn auch gelungen sein muß, wie der gestirnte Himmel besagt.

Nur ein Flüchtling, eine schöne üppige Person von lebhaftem Temperament, bereute den Undank, als sie ein Paar Millionen Meilen weit fortgerannt war, hielt inne in ihrem wüsten Laufe, und ward feuerroth vor Schaam. Sie sieht sich noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlaßnen Neste um, und das Erröthen dauert auch noch fort, welches uns sehr zu Statten kommt, denn wenn die Sonne sich nicht so schämte, und uns dadurch nicht mit einheizte, wären wir Alle längst erfroren, weil die Dinge bald eine betrübte Gestalt annahmen, wie ich gleich erzählen werde.

Zuerst schüttete die Erde, in ihren Hoffnungen so schmerzlich getäuscht, einige noch nicht ausgekommene Eier zornig über Bord. Sie fielen eine geraume Zeit unaufhaltsam in die Tiefe, endlich stießen sie doch irgendwo an eine scharfe Weltecke, die Schaalen zerbrachen, und die unreifen Geburten taumelten heraus. Diese haben nun ein Leben und haben keins, im halbwachen Traume schießen sie dahin und dorthin, ziehen einen feurigen Schweif von allerhand Eulenspiegeleien hinter sich her, und sind mit einem Worte unglückselige Cometen, auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verlaß und Glaube ist.

Doch, was gehen uns die Cometen an? Auf der Erde entstanden ganz andere Folgen der mißlungenen freundlichen Absicht. Zuvörderst zog sie sich aus der offenen Restgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen, welcher nur bis auf eine geringe Tiefe etwas anzuhaben ist. Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch einen heftigen Gallenerguß Proteus, der Metallkönig, nieder, der also eigentlich der crystallisirte Verdruß der Erde ist, und bei allen nachfolgenden Händeln eine große Rolle spielt. Darauf, um ihr einigen Ersatz zu geben, geschah die Schöpfung in sechs Tagen mit Kräutern und Bäumen, Fischen, Vögeln, vierfüßigem Gethier und endlich dem Menschen. Die Erde tröstete sich wohl, als sie das Alles auf sich grünen und blühen, krabbeln und zappeln sah, aber dann war's ihr doch wieder nicht recht, und sie sprach alle Tage unzählige Male zu sich selbst: Das thut's doch Alles nicht. Und so oft sie das für sich sagt, stirbt oder verdorrt Etwas.

Proteus aber, der Metallkönig, der alte Verdruß, drängt sich unaufhaltsam an das Tageslicht. Denn es ist nicht wahr, daß die Menschen ihn suchen, und daß er gern in seinen dunkeln Kammern bliebe; nein, er blickt und lockt nach ihnen aus dem Finstern, und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag, so sucht er ihre Träume heim. Dann müssen sie, von Unruhe gepeinigt, die Erde aufreißen und ihr Elend herauffördern. Denn wenn er oben ist, so ergreifen den alten Griesgramm kindische Launen; er kann es nicht leiden, in zerstückten Gliedern sich durch die Welt zu breiten, er will immer beisammen sein. Aus dieser Sehnsucht des Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen, welche das unglückliche Menschengeschlecht heimsuchen: Krieg, Eigennutz, Dieberei, Raub. Denn so strebt z. B. der aufgespeicherte Vorrath an Schwertern, Gewehren und Kanonen in den Zeughäusern des einen Landes nach seines Gleichen in dem andern, das Eisen reizt durch geheime Einflüsse den Arm des Menschen so lange, bis dieser sich zu seinem Dienste darbietet, und es mit großem Getöse aus dem Verschlusse hervorholt. Dann heißt es, die und die Nation habe der andern den Krieg erklärt. Nun ziehen die Heere oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen. Endlich treffen sie sich und es giebt ein frohes Wiedersehen und Umarmen, bei welchem die dazwischen befindlichen Menschen übel wegkommen; das nennen sie dann eine Schlacht, und meinen, sie wären es, die selbige geschlagen, während doch nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrüßten, und die Schlünde des Erzes einander feurige Küsse zuwarfen.

Eben so geht es mit Silber und Gold. Wo dessen eine Menge vorhanden ist, da regt sich in ihm die Lust, mit einem Schatze, der anderswo liegt, verbunden zu sein. Die bösen rothen und weißen Zauberaugen schauen nach Händen um, welche den Gefallen ihnen thäten, der Wucherer und Betrüger, den sie erblicken, wird von ihnen bestrickt, er muß daran, und mit allerhand schlimmen Künsten die getrennten Horte zusammenbringen. Er meint, den Mammon zu haben, und der Mammon hat ihn. Aber über dem Redlichen ist diesem die Gewalt versagt, daher der auch für die Vereinigung der Metalle nichts thut, den Proteus, wenn dieser sich aus Irrthum einmal zwischen seine Finger verirrte, sogleich wieder aus denselben fallen läßt, mit anderm Worten zeitlebens arm bleibt.

Also geht es zu in der Welt; das wissen wir Alle. Wie anders und schöner es aber geworden wäre, wenn die Erde die Vöglein aus den Eiern sich zur Gesellschaft hätte ausbrüten können, das deutet in gewissem Maße uns der Mondschein an. Nämlich, als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten, und die Cometen zu früh zur Welt gekommen waren, tönte es aus einem Winkel gar lieblich und bat um milde Behandlung. Die Erde sah nach, und bemerkte, daß eins der Eier zurückgeblieben war, dessen Inwendiges sich eben zum äußeren Leben hindurch rang. Es war eine sanfte Mädchengestalt, viel sanfter und zarter als die andern, welche, sobald sie nur auf ihren kleinen Füßen stehen konnte, unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete, und versprach, ihr immer hold und gewärtig zu sein. Die Erde aber, welche der Undank der Uebrigen tief erbitterte, und zu welcher sich schon Proteus, der Metallverdruß abgelagert hatte, ließ, wie es in solchen Fällen geht, die Unschuldige büßen, verstieß sie mit harten Worten, und rief, sie möchte sich ihre Cameraden am Sternenhimmel suchen, ihr solle sie nicht vor die Augen kommen. Und damit schüttelte sie sich dermaßen, daß die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert wurde.

Aber sie ließ sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irre machen. War ihr auch ein näheres Verhältniß untersagt, so konnte ihr doch Niemand verbieten, der zornigen Mutter zu folgen, und sie in gemeßner Entfernung zu umkreisen. Das hat sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her gethan und wird es thun bis an der Welt Ende, was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt.

Der Zorn der Erde ist längst vorüber, und sie lechzt eigentlich im Stillen innigst nach der Vereinigung mit Lunen. Allein diesem Umstande tritt die inzwischen entstandene Schöpfung entgegen, da sich voraussehen läßt, daß, wenn die beiden großen Mächte zusammenkämen, Wälder und Felder, Thiere und Menschen dazwischen zerquetscht werden würden. Ein solches Verderben will nun die Erde als gute Haushälterin nicht, und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht werden, und Luna hat sich entschließen müssen, nur zu scheinen. Der Mondschein ist der schwärmerische Ersatz für den Kuß der Mutter und Tochter. Er ist kein bloßer Schein; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter, welche davon bis in ihre Tiefen selig erschüttert wird. Nicht Geheimes oder Unbekanntes verkünde ich, was ich erzähle, ist Jedem bewußt. Wer hat nicht die Zauber der Mondnacht empfunden? Alle Geschöpfe fühlen, daß etwas Großes, Liebes vorgehe, und sind in einer Art von Verwandlung, die Läuber der Bäume zittern, die Blumen spenden süßen Duft, die Lilien schicken leichte Flämmchen aus ihren Kelchen, die Vögel singen im Schlafe, und in den Herzen der Menschen sprießt die Liebe. Immer stärker wird das Verlangen Luna's nach der guten, gekränkten Mutter, sie wächst mit ihren Wünschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe, aus dieser zum Vollmonde.

Aber Proteus, dem alles sanfte Zerfließen ein Gräuel, ärgert sich und ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rüstsälen klirren, die Goldstücke und Thaler in den Seckeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem bösen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint für immer verschüchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt auf's Neue.

Den Tod hätten wir gewiß Alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter überwände, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich, wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen süßen Frieden er mich einschlummernd gewiegt, so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang wünschen, nach welchen wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren Ordnung der Dinge wieder auferständen.

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