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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Inzwischen hatten sich andrer Orten im Gasthofe wichtige Ereignisse zugetragen. Der Wirth war nämlich nicht so bald inne geworden, daß sein verachteter Gast bei dem Herzog speise, als er zu seiner Frau sagte, daß man einen solchen Herrn unmöglich auf Nummer Zwölf lassen könne. Nun war aber guter Rath theuer, denn zwischen Vormittag und Nachmittag hatte sich neuer Besuch eingefunden, so daß setzt wirklich kein Zimmer mehr leer stand. Endlich schlug die Wirthin vor, die Kammerjungfer der Fürstin nach Nummer Zwölf zu verweisen, und Hermann dagegen die von ihr bewohnte Nummer Vier zu geben.

Wo es Ungerechtigkeiten und Schelmenstücke galt, war der Wirth mit seiner Gattin immer einverstanden. Die Jungfer war, um nach ihrem Zufalle frische Lust zu schöpfen, spazieren gegangen. Die redliche Wirthin unternahm es, ihr bei der Rückkunft vorzuspiegeln, daß die Decke in Nummer Vier eingestürzt sei, und daß dieser Umstand eine Quartierverändrung nothwendig gemacht habe.

Als Hermann vom Herzog kam, wurde er vom Wirth mit vielen Kratzfüßen nach seinem neuen Zimmer, welches sich in einem Nebenhause befand, geführt. Er freute sich der reinlichen Wohnung und des Blicks nach hinten hinaus über grüne Wiesen. Aber leider sollte dieser ruhige Besitzstand bald gestört werden.

Denn er hatte kaum einige Minuten dort zugebracht, als er auf der Treppe ein heftiges Gezänk hörte. Die Jungfer war in den Gasthof zurückgekehrt, hatte von der Wirthin die Umquartirung vernommen und Nummer Zwölf besichtigt. Der Anblick dieses schauderhaften Gelasses setzte sie bei ihrer cholerischen Gemüthsart in einen großen Zorn. Ueber den Hof streichend, fand sie die Wirthin an der kleinen Treppe im Nebenhause, und überschüttete die Frau mit einer Fluth von beleidigenden Worten.

Hermann rieth dem Wirthe, den er gern los werden wollte, hinunterzugehn, und seiner Frau beizuspringen. Der Wirth blieb aber, machte ein ängstliches Gesicht, und rief, indem er an den Nägeln kaute: Wir haben den Scandal hier oben noch früh genug! Diese Besorgniß war nur zu gegründet. Denn alsobald betraten beide Frauenzimmer die Stube, die Jungfer, mit Händen und Füßen vorwärtsstrebend, die Wirthin, vergeblich bemüht, sie am Rocke zurückzuhalten. Jene hatte sich mit eignen Augen überzeugen wollen, ob die Decke in Nummer Vier wirklich eingestürzt sei. Da sie nun sah, daß dieselbe so heil war, wie ein neugebornes Kind, so erstarrte sie anfangs über die Tücke der Wirthsleute zu einer stummen Bildsäule. Dann aber brach ein solcher Schwall von Verwünschungen aus ihrem Munde, daß man sich nur wundern muß, wie das Haus stehen bleiben konnte. Sie beschränkte sich nicht auf die eigentlichen Uebelthäter, sondern ging bald auch zu Schmähungen unsres Freundes über. Dieser, gescholten, er wußte nicht, weshalb, fragte nach der Reihe herum, was denn der ganze Auftritt bedeuten solle? Aber Keiner gab ihm Antwort. Die Kammerjungfer schrie, in die Höhe deutend: Ist da etwas eingestürzt? Der Wirth schrie: Bedenke Sie, daß ich Ihr heute Morgen die Daumen aufgebrochen habe! – Ist dieses der Dank dafür, daß Sie uns das Bett zerrammelt hat? schrie die Wirthin.

Während dieses Geschreis war eine neue Figur an der offnen Thür erschienen. Den Reitknecht Wilhelm hatte der Lärmen herbeigezogen; er kam, die kurze Pfeife im Munde. Als die Jungfer den Dienstgenossen erblickte, lebten in ihr alle Hoffnungen auf; sie lief zu ihm, und beschwor ihn bei der Ehre des Stalls und der Gesindestube, ihr das gegen göttliche und menschliche Rechte entrißne Zimmer wieder erringen zu helfen. Es hätte so dringender Worte nicht bedurft. Der brave Kerl war selbst auf den Wirth und dessen schlechten Hafer böse, und eine Gelegenheit, ihm etwas anzuhaben, kam ihm gerade erwünscht.

Es rückte nunmehr die Heersäule der Bundesgenossen vor; die Kammerjungfer, mit einer Elle bewaffnet, die sie irgendwo gefunden hatte, der Reitknecht, sich verlassend auf seine derben rothbraunen Fäuste. Sofort duckte sich der Wirth mit seiner Gattin zwischen zwei Stühlen nieder. Hermann, der endlich merkte, worum es sich handle, rief wiederholentlich: Hört mich an! Es achtete aber Niemand seiner, und nun beschloß er, vorerst die Entwicklung der Begebenheiten abzuwarten. Er zog daher einen Tisch vor das Sopha, auf dem er saß, um sich gegen alle gezwungene Theilnahme an den drohenden Ereignissen der nächsten Zukunft zu sichern.

Der Reitknecht und die Kammerjungfer gingen indessen gerade gegen die Stühle vor. Dem verständigen Gastwirthe, welcher zwischen denselben hockte, wurde nicht wohl zu Muthe. Ihr wollt mich doch nicht in meinem eigenen Hause prügeln? rief er mit einer zwischen Muth und Furcht zitternden Stimme. – Hau'n Sie zu, Wilhelm! redete die Jungfer den Knecht an. Hurrah! rief der brave Kerl, welcher nur an seine übelgenährten Pferde, und nicht an den Dienst des Herzogs dachte, und reichte dem Wirthe eine Ohrfeige von schwerem Gewichte. Diese Ohrfeige gab das Zeichen zum allgemeinem Kampfe. Der Wirth fuhr grimmig auf den Reitknecht los, und die Jungfer machte sich mit der Wirthin handgemein.

Zuerst von den Männern. Mit leichter Mühe hatte der Reitknecht, ein baumstarker Mann, den Wirth zurückgeworfen. Er verfolgte den errungnen Vortheil, und legte den Gegner, alles Sträubens ungeachtet, über einen Stuhl, mit dem Gesichte gegen die Erde. Die Rockschöße des Wirths trennten sich, und nun erst wurde dem Reitknechte das eigentliche Feld seiner Thätigkeit sichtbar. Alsobald begann er auf dieser Tenne zu dreschen, so flink und so gewaltig, als gälte es, die Erndte des ganzen Jahres an einem Tage zu gewinnen.

In dieser schrecklichen und letzten Noth rief der Wirth inbrünstig alle Heiligen um Beistand an. Einer derselben mußte ihn gehört haben, denn es ereignete sich eine völlige Wendung der Geschicke. Der Reitknecht hatte im Uebermaaße seiner Siegestrunkenheit sich die Faust an dem Wirthe fast lahm geschlagen. Deßhalb müde, noch mehr Lorbeeren mit Schmerzen zu gewinnen, nahm er den Geprügelten in seine Arme, nicht, um ihn zu küssen, sondern um ihn zur Stube hinauszutragen. Aber er hatte denn doch seiner Kraft zu viel vertraut. Auf der Hälfte des Wegs stolperte er über seine Sporen, stieß an Hermanns Tisch, und fiel mit seiner Bürde donnernd zu Boden. Jetzt fügte es jener unbekannte Heilige so, daß der Wirth eher auf den Füßen zu stehen kam, als der Reitknecht. Hurtig wie eine wilde Katze, holte Jener seinen Marterstuhl herbei, und stülpte denselben dem Reitknecht über den Leib, dergestalt, daß dieser kein Glied zu regen vermochte. Nun war der Augenblick der Vergeltung erschienen. Der Wirth saß auf dem Stuhle und ließ alle zehn Finger im Gesichte des Reitknechts spazieren gehn, welcher, die Farben des Regenbogens vor den Augen sehend, vorn wieder empfing, was er hinten ausgetheilt hatte. So rächte der Wirth sein gemißhandeltes Kreuz. Der brave Kerl lag unter dem Stuhle, zerschlagen, wehrlos, regungslos, und rief unaufhörlich: Jungfer, zu Hülfe!

Aber wie hätte die Jungfer ihm helfen mögen, sie, die selbst nur zu ernsthaft beschäftigt war? Anfangs suchten die beiden Frauenzimmer einander mit den Nägeln möglichst zu schaden. Da indessen dieses Gefecht der Kammerjungfer kein genügendes Resultat gab, so drängte sie die fette und unbehülfliche Wirthin in eine Fenstervertiefung und fing an von ihrer Elle Gebrauch zu machen. Die Wirthin konnte sich der ungemein schmächtigen und behenden Jungfer nicht erwehren, that einen Satz der Verzweiflung, und sprang auf die Fensterbrüstung. Hier wurde nun die Schnur des Vorhangs von der heftigen Erschütterung gelöst, und die Gardine rollte vor der Wirthin nieder. Mit großer Geistesgegenwart ergriff die Jungfer augenblicklich das untere Ende des Vorhangs, hielt die Wirthin wie in einem Sacke gefangen, und hämmerte wacker auf die runde Erhöhung los, welche der Leib der Feindin im Vorhange bildete. Die Frau seufzte nach ihrem Manne, wie der Reitknecht nach der Jungfer, aber beide Sieger spürten größere Begierde in sich, die Gegner zu prügeln, als den Ihrigen zu helfen.

Endlich fiel der genothängsteten Wirthin das letzte Mittel ein, durch welches sogar eine Hinrichtung hinausgeschoben wird, und welches freilich dem armen Kerl von Reitknecht nicht zu Gebote stand. Sie rief hinter dem Vorhange: Jungfer, schonen Sie meiner, ich bin in andern Umständen!

Bei diesen Worten gerieth Hermann in eine Todesangst, denn die funkelnden Augen der Jungfer ließen besorgen, daß sie auch das Ungeborne ihrer Rache opfern werde. Er fürchtete ein Unglück, und fand, wie durch innere Eingebung einen rettenden Gedanken. Vom Sopha aufspringend, den Tisch umwerfend, rief er mit lauter Stimme: Haltet inne, der Herzog kommt!

Dies wirkte. Sogleich hörte die Schlägerei auf. Die Wirthin sprang vom Fenster und pustete, die Kammerjungfer stellte sich vor den Spiegel, brachte ihre Flechten in Ordnung und keuchte, der Wirth ließ den Stuhl los und spuckte, der Reitknecht raffte sich auf, und schüttelte sich am ganzen Leibe, wie ein durchnäßter Pudel.

Hermann erklärte darauf dieser pustenden, keuchenden und sich schüttelnden Versammlung, daß es des ganzen Krieges nicht bedurft habe, und daß er lieber im Freien zubringen, als Jemandem sein Zimmer nehmen wolle. Der Reitknecht sah die Jungfer verdrießlich an, und sagte: Auf ein andermal lassen Sie Einen mit Ihren Dummheiten ungeschoren. Den armen Kerl schmerzten seine Beulen, er ging, sich mit Branntwein zu waschen. Hermann wollte auch hinaus. Aber der Wirth, der seine Schläge umsonst empfangen zu haben, nicht begehrte, hielt ihn zurück, und erklärte rund und nett, die Jungfer solle nun durchaus ihren Willen nicht haben, die Stube sei ihm zugetheilt, und dabei habe es sein Bewenden. Auf dieses Manifest machte die Jungfer ein grimmiges Gesicht. Hermann fürchtete den Wiederausbruch der Feindseligkeiten, und um nur die Sache vor der Hand beizulegen, schlug er vor, die Stube zwischen ihm und ihr zu theilen; ob der Wirth nicht ein Saattuch oder sonst etwas habe, womit man die beiden Hälften abscheiden könne? Wirklich erinnerte sich Jener eines alten riesigen Krankenschirms. Dieser wurde herbeigeholt, aufgestellt und schied das Zimmer in zwei gleiche Theile. Hermann überließ der Jungfer das Cabinet rechts, und zog links vom Schirm ein. Zuerst hatte sich ihr Zartgefühl gegen einen solchen Vorschlag gesträubt, endlich war sie durch wiederholte feierliche Versicherungen Hermanns, daß er jede ersinnliche Rücksicht auf ihre Nähe nehmen werde, beschwichtigt worden.

Beim Hinausgehen fragte der Wirth seine Gattin mit dem Ausdrucke einer stillen Trauer, ob denn ihre Nachricht von vorher richtig sei, und der Herr sich an ihrem Leibe noch mächtig erwiesen habe? Die Frau versetzte, er solle doch nicht so thöricht sein, sie sei ja weit über die Jahre hinaus. Das war denn doch eine Freude nach manchem Leid, denn der Wirth hatte Kinder genug, und verlangte nicht nach mehreren.

Nun schien Ruhe und Frieden links und rechts des Schirmes eingekehrt zu sein. Die Jungfer nähte, und Hermann hatte sich auf das Bett gelegt, welches in seiner Hälfte stand. Er suchte seine Gedanken zu ordnen, und sich in den mannichfaltigen Zufällen dieses Tages zurecht zu finden. Ich muß wohl der Mann des Schicksals sein, rief er, da um meinetwillen ohne Noth Unheil und Katzbalgerei entsteht! – Ermüdet, wie er war, von Wandern und Hitze, versank er bald in Schlummer. Die Kammerjungfer drüben wurde auch des Nähens überdrüssig, legte sich mit dem Kopf auf den Tisch, und nickte ein.

Aber Eris schlief nicht, und brauchte diesmal statt des Apfels einen Hund, um die Eintracht zu stören. Ein Newfoundländer von der größten und zottigsten Art, den ein Gast mitgebracht hatte, ging, nach Wurstschaalen und andern Leckerbissen umherschnoppernd, durch das Haus. Er kam auch zu Nummer vier, fand die Thür nur angelehnt, und schob sich sacht hinein. Die Hunde wissen auf der Stelle, wer ihr Freund ist. Dieser sah dem schlafenden Hermann so eine Art von Sympathie an. Er setzte sich vor dem Bette nieder, beroch die niederhängende Hand des Schlummernden, leckte dann an derselben, und setzte dieses Spiel eine Weile fort. Hermann, der bald die kalte Nase, bald die warme Zunge des Thiers an seiner Hand hatte, wachte von dieser Abwechselung auf. Der Instinct des Hundes war richtig gewesen, Hermann hielt wirklich gute Freundschaft mit allen lebendigen schönen Geschöpfen. Er freute sich des mächtigen Thiers, streichelte seinen Kopf und Rücken, so daß der Hund vor Vergnügen zu gähnen anfing. Hermann ballte das Schnupftuch zusammen, der Hund apportirte lustig. Ihn ergötzten die gewaltigen Sprünge des Newfoundländers, er wiederholte den Zeitvertreib und warf das Tuch nach dem Schirme zu. Der zottige Gesell sprang mit seiner ganzen Stärke gegen den Schirm, dessen Bespannung, alt, mürbe und kaum noch in den Nägeln hangend, einem solchen Stoße nicht zu widerstehen vermochte. Ein großer Fetzen riß aus, der Hund fuhr hindurch, und in das Gebiet der Kammerjungfer; Hermann hörte den Hund bellen und die Jungfer schreien.

Diese war durch das Getöse, welches der Köter machte, längst erweckt worden. Tapfer gegen ihres Gleichen, war sie überaus furchtsam, wenn sie nur eine Spinne oder Kröte sah. Und nun gar eine Newfoundländer Dogge! Sie floh vor der erregten Bestie in eine Ecke, warf sich dort nieder, und brachte, wie der Vogel Strauß, ihren Kopf in Sicherheit, alles Uebrige preisgebend. Der Hund sprang ihr lustig nach, und mit den Vorderfüßen auf beide Hüften. So stand er halb auf der Jungfer und bellte aus Leibeskräften, ohne etwas Arges im Schilde zu führen. Die Sache schien ihn vielmehr ausnehmend zu belustigen, und er wurde immer vergnügter, je heftiger die Jungfer kreischte. Vergebens rief ihn Hermann durch das ganze Register der ihm bekannten Hundenamen.

Indessen war der bedrängten Jungfer bereits ein Retter erschienen und zwar in der Person des verständigen Wirths, welchen der abermalige Lärmen in der verhängnißvollen Nummer vier wieder herbeigezogen hatte. Um gut zu machen, was er an der Jungfer verbrochen, faßte er den Beller am Schweif, ihn von ihrem Rücken herabzureißen. Der Hund verstand aber, wie alle seine Brüder, am Schweife durchaus keinen Scherz, fuhr herum und versetzte dem Wirth einen solchen Biß in die Hand, daß der Mann sie unter Geheul blutig in die Luft schlenkerte. So ward Jener an einem Tage für Beides bestraft, für Laster und Tugend.

Inzwischen trat die Kammerjungfer zum Schirme und schalt in den bittersten Ausdrücken nach Hermann hinüber. Dieser aber hörte von Allem, was sie sagte, nichts, denn er hatte das Schlachtfeld verlassen, entschlossen, die Stätte so vieler Streitigkeiten mit keinem Fuße wieder zu betreten. Unten begegnete er dem Newfoundländer, der auch gleichgültig fortgerannt war, sobald er den Wirth in die Hand gebissen hatte.

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