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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Der Gedanke, Badenscher Volksdeputirter zu werden, hatte, so unerwartet und seltsam er Hermann anfangs vorgekommen war, dennoch bald für ihn etwas Reizendes. Er las die Papiere, welche ihm Medon mitgetheilt, achtsam durch, und konnte an manchen darin enthaltenen Winken abnehmen, daß eine rührige Parthei ein geschicktes Werkzeug suche, welches man aus unbekannten Gründen am liebsten im Auslande finden zu wollen schien. Dieß machte ihm die Sache noch anziehender. Man will behaupten, daß er aus der großen Bibliothek damals mehrere Bände englischer Parlamentsverhandlungen und französischer Journale erborgt, und wenigsten angefangen habe, in diesen Musterurkunden zu studiren.

Ein Blick auf die nächsten Verhältnisse überzeugte ihn wirklich, daß Medon wenigstens darin Recht gehabt habe, ihm den Eintritt in diese zu widerrathen. So sehr man Persönlichkeit, Geist, Talent als gesellige Tugenden achtete, eine so verschiedene Gestalt nahmen die Dinge an, wenn die Rede vom Dienste des Landes war. Dann trat behutsam und indirect, aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor dem Genie auf, mit welchen man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben mochte. Auch nahm er binnen Kurzem wahr, daß, wenn man nicht das Glück hatte, einer der Familien anzugehören, in welchen sich die Beförderung so zu sagen erblehnartig machte, ein rasches Fortkommen zu den seltensten Zufälligkeiten gerechnet werden mußte. Gern hätte er sich mit Johanna, die ihn seit jenem Auftritte mit zweifelnder Miene betrachtete, verständigt, sie wich aber allen Erklärungen aus, und sagte nur einmal in Selbstvergessenheit zu ihm: Wer sich das Netz über den Kopf werfen läßt und merkt es nicht, verdient kein Mitleid!

Es war noch so Manches, was ihn jetzt in diesem Kreise befremdlich anstieß. Zuerst, daß er sah, wie es Mode geworden war, auf eine jüngstvergangene Zeit voll Glut und Erhebung vornehm hinunter zu blicken. Man schämte sich fast der verübten Großthaten, wie wilder Studentenstreiche; die Helden jener Epoche wurden von allen Seiten kritisch beleuchtet, sie waren unbequem geworden, und das berüchtigte Gleichniß, daß in dem denkwürdigen Jahre Jeder zum Kampf geeilt sei, pflichtmäßig wie der Bürger bei entstandenem Feuerlärm zur Spritze, erfreute sich vieler eifriger Verehrer.

Einstmals traf er mit einem Bewohner der westlichen Gegenden zusammen, welcher gekommen war, ein persönliches Anliegen durchzusetzen. Er merkte ihm bald ab, daß der Mann zu den Unzufriedenen gehörte. Auf seine Fragen, worüber man sich denn dort zu beschweren habe? versetzte der Andere derb: Zum Henker, über die Unredlichkeit! Wir sind so oft umgemodelt worden, daß wir uns auch jetzt wieder eine Veränderung gefallen lassen würden. Aber was macht man? Die Formen läßt man bestehen, und in der Sache thun sie hier denn doch, was den hiesigen Grundsätzen gemäß ist. Dadurch sinkt die Achtung vor den Gesetzen und vor der Verfassung, denn man sieht, daß diese nur ein Spielzeug sein soll, welches man dummen und blöden Kindern in Händen läßt, damit sie nicht schreien. Viele sind darüber verdrießlich und in Manchem ist eine noch üblere Stimmung erzeugt worden.

Als er sich nach dem Näheren erkundigte, hörte er von mehreren Fällen, welche die Klage des Unzufriedenen zu bestätigen schienen. Besonders sollte dieses zweideutige System in einer Sphäre befolgt worden sein, mit deren Vorstande er zufällig näher bekannt geworden war, weil er zu den fleißigsten Besuchern des Medon'schen Hauses gehörte.

Er nahm sich vor, von Medon, den er oft in tiefen vertraulichen Gesprächen mit jenem Staatsmanne bemerkt hatte, über die Angelegenheit Erkundigung einzuziehen. Als er dieß that, maaß ihn Medon mit den Augen, und gab keine bestimmte Antwort, welche er überhaupt im Augenblicke irgend einer bedeutenderen Frage immer zu vermeiden pflegte. Allein nach einigen Tagen ließ er sich auf einem Spaziergange so gegen Hermann aus: Wir leben in der unumschränktesten Monarchie, welche vielleicht jetzt auf der Erde besteht, und selbst unsere östlichen Nachbarn können in dieser Hinsicht neben uns nicht genannt werden. Ich heiße unsern Staat so, weil das Volk in ihm von jeher nicht viel bedeutet hat, wir vielmehr von den Erinnerungen an einige große Regenten zehren, die das wundersame Geschick gerade auf dieser dürftigen Erdscholle geboren wissen wollte. An diesen Erinnerungen hängt unser Dasein, aus ihnen ist Sturz und Wiederherstellung des Reichs hervorgegangen. Der Träger der obersten Macht ist Alles bei uns, seiner Entscheidung und Beschlußnahme würde mit Erfolg weder ein Gemeingefühl der Beherrschten, noch die hemmende Kraft selbstständiger Institutionen, auch wenn man die Absicht hätte, sie zu schaffen, entgegentreten können. So ist es, und so muß es sein, wenn wir uns erhalten wollen. Da wir nun aber gegenwärtig den sogenannten Geist der Zeit zu schonen haben, so scheint mir eine Verfahrungsweise, wie Sie mir sie schildern, nicht so übel zu sein; daß man nämlich den jüngsten Kindern des Hauses die Formen läßt, welche sie lieb gewonnen haben, in den Sachen aber autokratisch nach alten Principien beschließt.

Hermann widersprach diesen Ansichten lebhaft, welche er im Fortgange eines ziemlich eifrig werdenden Gesprächs Machiavellismus nannte. Worauf Medon versetzte, daß er den Machiavell für einen der größten Staatsweisen halte, welche es je gegeben, und daß er der Zeit Glück wünschen wolle, wenn ihr wieder so ein Kopf bescheert würde, welcher das eigentliche unter den politischen und administrativen Phraseologien versteckte Gewebe des jetzigen öffentlichen Seins aufzudecken tüchtig genug wäre. Uebrigens weiß ich nicht, fuhr er mit einer abbrechenden Wendung fort, ob man so verfährt, wie Sie sagen, und so verabscheuungswürdig finden. Den Unzufriedenen ist nirgends zu trauen.

Dieses Gespräch verflatterte sonach, gleich den meisten, die er mit Medon geführt, zuletzt in Luft; das Einzige, was ihm in seinem Umgange mit diesem bedeutenden Manne mißfiel. Denn sonst zog ihn Alles nun immer mächtiger zu ihm hin, Wissen, Beredsamkeit, Kraft, ja selbst der Blick des hellblauen Auges, welches, wenn Medon in Eifer gerieth, im eigentlichen Sinne des Worts blitzte, so durchdringend wurde der Glanz desselben.

Hermann theilte hierin nur die Stimmung sämmtlicher jüngeren Leute, welche in großer Anzahl bei Medon aus- und eingingen. Er schien den Verkehr mit diesen besonders zu lieben. Sie dagegen ahneten hinter seinen Andeutungen und Winken etwas Außerordentliches, welches um so reizender für sie war, als sie sich von der Gestalt desselben keine Rechenschaft zu geben wußten. Da er nun in Jedem das Selbstgefühl durch Lob und Ermunterung ungemein zu steigern wußte und ihren Talenten die schimmerndsten Kreise anwies, so hatte er um sich eine Art von Hofstaat versammelt, welcher sich in angenehmen Gedanken und schönen Erwartungen von Tag zu Tage gehen ließ.

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