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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

In Medons Hause hatte er eine Dame kennen gelernt, deren lebhafte Gesprächigkeit ihn anzog. Er folgte einer Einladung und war bald ihrem Kreise als willkommner Besucher einverleibt.

Madame Meyer war eine enthusiastische Verehrerin des Schönen, besonders der bildenden Künste, in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten. Es machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck, als er zum erstenmale bei ihr vorgelassen wurde. Man führte ihn durch eine Reihe von Zimmern, worin Dämmerung und blendender Lichtglanz abwechselten. Denn, hatte er eins durchschritten, von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten, so trat er in ein anderes, in welchem goldgrundirte, heftigbunte Gemälde die Wände bedeckten, und die Sehnerven sich fast verwundet fühlten.

In diesem Hause war der eigentliche Sammelplatz der Künstler und Kunstfreunde, welche bei Medon mehr nur wie Zugvögel einsprachen, weil man ihm anmerken konnte, daß, so gefällig er auch auf artistische Gespräche einzugehen, und so verständig er sie zu führen wußte, sein Sinn und seine Neigung doch mehr andern Gebieten zugewendet waren. Zwei Abende in der Woche waren zu regelmäßigen Zusammenkünften bestimmt, in denen man sich über die Gegenstände des Fachs unterhielt, Stein- und Handzeichnungen besah. Blieb nach diesen Beschäftigungen noch Zeit übrig, so pflegte man im Concertzimmer Musik zu machen, zu welcher meistentheils altkatholische Hymnen auserwählt wurden. Madame Meyer hatte dieses Gemach wie eine kirchliche Capelle ausschmücken lassen, und sich eine wohlklingende Haus- und Handorgel zu verschaffen gewußt. Das Bild der heiligen Cäcilia, augenscheinlich der ältesten Kunstepoche angehörend, wenn hier nicht etwa eine geschickte moderne Nachahmung sich in's Mittel geschlagen hatte, sah von einem Pfeiler hernieder.

Da nun die Besitzerin, um die Illusion auf das Aeußerste zu treiben, in diesen künstlichen Raum Altärchen und Meßbüchlein, ja sogar ein ewiges Lämpchen hatte stiften lassen, so befand man sich wirklich in der angenehmsten Täuschung, welche nur dadurch hin und wieder unterbrochen wurde, daß die Bedienten auch dort ohne Scheu mit dem Theebrette umhergingen, und die Gäste die geleerten Tassen nicht selten auf den Sockeln der Pfeiler, ja wohl gar auf dem Altare absetzten.

Ein junger Dichter erhöhte von Zeit zu Zeit die Mannigfaltigkeit dieser Abende. Er hatte unternommen, das Leben der größten Maler in Terzinen zu beschreiben, war so gefällig, aus diesem Werke, wie es fortrückte, vorzulesen, und so durfte Jeder, welcher an den Soireen der Madame Meyer Theil nahm, hoffen, nach und nach die Kunstgeschichte in geglätteten Versen kennen zu lernen.

Es war um die Zeit, als die Herzensergießungen des Klosterbruders das Volk zu entzünden begannen, nachdem sie viele Jahre hindurch nur in einem engen Kreise weniger Geweihter Einfluß bewiesen hatten. Jetzt ist diese Zeit fast auch schon wieder verschollen. Wer erinnert sich aber nicht noch jenes Sturms und Dranges nach Kirchenfenstern, Schnitzwerk in Holz und Elfenbein, nach unscheinbaren Tafeln, auf welchen man, wenn Schmutz und Moder weggenommen waren, endlich ein rundes altdeutsches Gesicht erblickte. Madame Meyer theilte ganz diese Leidenschaft, ihr beträchtliches Vermögen gab ihr die Mittel, ein ansehnliches Besitzthum jener Art um sich zu versammeln. Jedoch hielt sie, besonders was Gemälde anging, streng auf die älteste Periode, welche ihr allein Andacht und Begeistrung wiederzustrahlen schien. Von Raphael hätte sie vielleicht noch etwas an- und aufgenommen; wer ihr aber mit einem Guido, oder gar mit einem der Caraccis nahegekommen wäre, würde sie gewiß tief verletzt haben. Ihr Kreis widersprach diesen Meinungen nicht, wiewohl man versucht sein konnte, manche Glieder desselben, namentlich die Bildhauer, anderes Sinnes zu vermuthen. Indessen mochte Niemand es gern mit der angenehmen Wirthin verderben, welche die Güte und Gefälligkeit selbst war.

Hermann, der sich überall zu finden wußte, beschloß, diese Gelegenheit, seine Kenntnisse zu erweitern, treulich zu nützen. Jene älteste Kunstregion war ihm, so gut, als fremd, jetzt suchte er sich nun auf alle Weise an den Byzantinischen Tafeln aufzuklären. Die liebenswürdige Wittwe war seine gewissenhafte Führerin durch diese Schätze, und ein steigendes Wohlwollen ließ sich ihrerseits bald nicht mehr verkennen.

Die Gespräche der Künstler waren ihm immer lehrreich, besonders wenn sie die Empirie berührten. Weniger fand er sich erbaut, sobald die Unterredung zum Allgemeineren emporstieg, oder gar einen philosophischen Charakter annahm. Es war viel von der Auferweckung eines früheren, verlorengegangenen Styls die Rede, von der Wahl religiöser Momente, von dem Bunde der Kirche mit den Künsten, ohne daß ihm Gelegenheit gegeben wurde, bei diesen Worten etwas Bestimmtes zu denken, oder Hoffnungen auf das Gelingen eines Werks zu schöpfen. Ja, er nahm sogar bald wahr, daß hier mehr ein berechneter Austausch gewisser übereinkömmlicher Redensarten, als das Bekenntniß eines festen Glaubens und Erwartens zu walten schien.

Wollte ihm jedoch diese Affectation Unbehagen verursachen, so stellte die Freundlichkeit der Wirthin immer bald seine Heiterkeit wieder her. Sie fühlte sich im Besitze ihrer Alterthümer, und in dem Umgange mit den ersten Talenten der Hauptstadt so wohl, daß das Vergnügen, welches sie empfand, zum Theil wenigstens auf Jeden übergehen mußte, der sich ihr näherte. Dabei that es vielleicht auch etwas, daß die Augen an der noch immer sehr hübschen Frau, welche nur für ihre Fülle etwas zu klein war, ihre Rechnung fanden.

Unerwartet führte ihn diese neue Bekanntschaft Johannen näher. Madame Meyer verehrte Medon und liebte seine Gattin zärtlich. Diese schien sich bei der Freundin wohler als im eigenen Hause zu befinden, wo man ihr oft ein seltsam gespanntes Wesen ansah. Unter den fremden Umgebungen ruhte sie von unbekannten Schmerzen aus. Dort, in einem artigen, von mattlieblichem Lampenlichte erhellten Seitengemache, in welchem Madame Meyer die freundlichsten Madonnenköpfe versammelt hatte, pflegte sie zu sitzen, die großen, schönen Augen wie in eine weite Ferne richtend. Ihre Züge, welche sonst etwas Strenges hatten, bekamen in dieser milden Dämmerung einen unendlich sanften Ausdruck, selbst ihre Stimme wurde weicher. Hier fand sich Hermann, so oft er nur konnte, zu ihr, und manche Stunde verfloß ihnen beiden dort unter traulichen Gesprächen, während die Andern sich in den hellerleuchteten Sälen mit Dürer und Hemling beschäftigten, oder den Chorälen Leos in der Capelle horchten. In diesem Lichte, auf diesen Tönen schwebten ihre Worte am liebsten zu frühen Bildern zurück; in der Nähe dieser Frau trat ihm seine erste Jugend wunderbar nahe, er wurde ganz Erinnerung, während sie die zarten Ranken aufblühender Hoffnungen an seine muthige Kraft zu knüpfen schien.

Was machen Sie nur mit Johannen? fragte ihn Madame Meyer. Wir Andern haben gepredigt und gescholten, um sie aus ihrer Resignation worin sie nur noch mit den abgeschiedenen Geistern der Vergangenheit zu leben schien, emporzurichten, aber Alles war vergebens. Nun kommen Sie, und schon spricht sie von Reisen, Festen, die sie geben will, Bekanntschaften, die sie anzuknüpfen vorhat, kurz von lauter zukünftigen, angenehmen und vergnüglichen Dingen.

Die Gesellschaft unterhielt sich bereits von dem vertraulichen Verhältnisse Beider. Und doch hatte sie Unrecht. Hier war keine Spur von Leidenschaftlichkeit, von trübem Verlangen. Es war ihnen natürlich, zusammen zu sein; sie folgten dieser Nothwendigkeit, ohne selbst davon zu wissen.

Eines Abends sagte Johanna zu ihm: Wie preise ich meine Freundin glücklich, daß sie an diesen Zimmern, Gemälden und Putzsachen ihr Vergnügen haben kann! Ich mag das Alles auch, es ergötzt mich sogar, und doch wäre es mir nicht möglich, mich mit diesen oder andern dergleichen Dingen zu beschäftigen. Ach, die Natur ist oft recht grausam! Man spricht von Mannweibern, man spottet ihrer, man glaubt von jeder Frau, welche sich nicht mit Kleidern, Zierrath, oder, wie es jetzt Mode wird, mit Kunstsachen zu behaben weiß, oder keine Kinder, als eine andere Art von Spielwerk, um sich herstellen kann, sie gehe aus hochmüthigem Gelüste über die Grenzen des Geschlechts hinaus, und doch ist es oft nur unser Eigenstes, des Weibes Kleinod und Perle, die tiefe Sehnsucht, das heiligste und hülfloseste Liebesbedürfniß, welches zu solcher Einsamkeit verdammt!

Sind Sie so unglücklich? fragte Hermann, und faßte theilnehmend ihre Hand.

Sehr! versetzte sie. – Er wagte die schüchterne Bitte um volles Zutraun.

Auch dazu wird die Stunde kommen, antwortete sie, indem sie sich erhob. Mein Schicksal ist wohl entschieden, aber der Himmel zeigt sich wenigstens darin der Geknickten gnädig, daß er ihr eine Stütze sendet, an welcher sie dem Kloster oder sonst einer verborgenen Freistätte entgegenwanken kann.

*

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