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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Nicht lange, so erschien ein Gensd'arme, blickte forschend in die Dachkammer und rief seinen Cameraden mit den Worten: Komm, Einer ist noch hier! herbei. Sieh nur die Wirthschaft! sagte der Zweite, als er eintrat. Die Dolche! Und da die Brandbriefe! – Gut, daß wir wenigstens den Oberdemagogen haben, schau, was für eine Pistole er führt! Es ist ein Halbcarabiner, versetzte der zweite Gensd'arme.

Sie schritten auf Hermann zu, und kündigten ihm in barschem Tone Arrest an. Gänzlich im Irrthum, meine Herren! versetzte er. Ich wollte die verführte Jugend zum Besseren bekehren. Die beiden Männer schlugen ein helles Gelächter auf und meinten, er sehe nicht nach einem Propheten aus. Um sich nicht übler Behandlung auszusetzen, gab er sich gefangen. Er fragte nach ihrem Befehlshaber und verlangte zu diesem geführt zu werden. Sie versetzten, daß der Herr Polizeicommissarius nicht zu sprechen sei, indem er, bei Verfolgung eines Flüchtigen zu Boden gestürzt, sich das Bein aufgeschlagen habe.

Nachdem die Gensd'armen ihm die Pistole abgenommen, die Dolche und Acten zusammengerafft hatten, führten sie ihn hinunter. Mit genauer Noth erhielt er es, daß man ihn nicht fesselte, doch war auch so schon seine Lage die unbehaglichste. Hunderte von Menschen hatte die Neugier herbeigezogen, deren gaffende Blicke alle auf ihn gerichtet waren. Unaufhörlich wurden die Gensd'armen befragt, wer er sei? worauf sie jederzeit kaltblütig erwiederten: Es ist der Oberdemagoge.

Auf seine Bitten wurde eine verdeckte Kalesche angespannt. Die Gensd'armen, zu beiden Seiten des Wagens reitend, brachten ihn darin nach dem Städtchen, aus welchem er in so guter Absicht nach der Buschmühle gegangen war. Dort lieferte man ihn in der Wachtstube des Orts ab. Bei dem Eintritte in dieses Gelaß hätte er vor Schaam und Verdruß sterben mögen. Es war nämlich am gedachten Tage auch das sogenannte allgemeine Vagabundengreifen gewesen, und die Wachtstube wimmelte daher von übelaussehenden Leuten. Heftig fragte er den einen Gensd'armen, ob man für Verbrecher seines Gleichen hier nicht einsamen Kerker bereit halte? Die beiden Männer sahen einander kopfschüttelnd an, einer griff an seine Stirn, dann sprachen sie leise zusammen. Man willfahrte ihm indessen, und brachte ihn über einen finstern schmutzigen Hof nach dem Hintergebäude der Frohnveste, wo sich denn hinter Schloß und Riegel, seinem Wunsche gemäß, einsames Gefängniß aufthat.

Er war nun zwischen vier einst weiß gewesenen Wänden allein. Beständig mußte er sich zurufen, daß dieses Ungemach ja lediglich aus einem lächerlichen Irrthume entspringe und von kurzer Dauer sein werde, um dem Mißmuthe nicht zu erliegen. Endlich warf er sich auf die Strohschicht, welche der Kerkermeister frisch besorgt hatte, und schlief trotz seiner übeln Laune ein.

Die Gensd'armen, ihrer scharfen Anweisungen eingedenk, nahmen indessen nach kurzer Abwesenheit vor der Kerkerthüre Platz.

Weißt Du, sagte der Eine zum Andern, woher alle die Teufelei rührt? Ich kann's Dir sagen. Die Juden stiften den ganzen Spectakel an.

Nicht möglich! rief der Andere. Ich dachte, die Franzosen steckten dahinter.

Franzosen hin, Franzosen her! sagte der Erste. Das ist ja eben die Sache. Die Franzosen sind auch alle heimliche Juden. Dazumal in Egypten hat der Bonaparte seine ganze Armee dazu herumgekriegt, und die Soldaten haben dann nach ihrer Rückkehr das Judenthum weiter gestiftet, und auch bei uns ausgebreitet, bis der Krieg kam, und davon rühren die Demagogen her.

Drum aßen auch die Kerle so viel Knoblauch, sagte der zweite Gensd'arme.

Richtig, versetzte der Erste. Der Knoblauch ist der erste Grad im Judenthum. Der Bart ist der zweite. Merkst Du was? Geht's Dir auf? Alle tragen so lange Bärte. Ich muß nur lachen, wenn die Herren sich so viele Mühe mit dem Volke geben, um ein Geständniß herauszubringen. Am Leibe visitirt, da würden sie bald das untrügliche Zeichen finden.

So wäre man ja seiner Gliedmaaßen nicht sicher, wenn das Zeug die Oberhand bekäme, rief der zweite Gensd'arme mit Entsetzen.

Das wäre noch das Wenigste, sagte der Erste, aber alle Kinder würden sie todtschlagen und das Blut trinken, und kein Krämer dürfte mehr ein Loth Salz verkaufen.

Der zweite Gensd'arme erinnerte sich wieder an Egypten und fragte, ob da nicht die Türken anstatt der Juden hauseten? Laß Dir sagen, antwortete der Erste. Die Reichen sind mit Mose nicht ausgezogen, sondern im Lande sitzen geblieben, wo hast Du je gehört, daß ein Jude sein Eigenthum verlassen hätte? Nur das Schacherpack lief fort, und vierzig Jahre in der Wüste umher, das heißt, sie gingen hausiren: nichts zu handeln drin? bei den Leuten, die da so in den Gegenden wohnten. Die zurückgeblieben waren, kamen bei den Türken unter den Druck. Bonaparte wollte sie befreien, um dem Engländer einen Tort zu thun. Denn wo die Juden aufkommen, sind die Engländer verloren. Aber die merkten den Schlich, und lieferten ihm die große Schlacht da oben bei Dings.

Daher kommt es denn auch, daß sie in Hannover so scharf sind mit den Demagogen, sagte der Zweite. Es ist wegen der englischen Handelsverbindungen.

Dieses scharfsinnige Gespräch hörte Hermann zum Theil mit an, denn er war von Hitze und Unruhe bald wieder munter geworden. Die Wachtmänner, welche nach den Gensd'armen aufzogen, hielten sich in ihren Gesprächen mehr an seine Person, und machten eine schlimme Beschreibung von ihm, die sich denn von Ablösung zu Ablösung steigerte, so daß er gegen Morgen in den Reden dieser Leute wie ein Ungeheuer mit Klauen und Hörnern aussah.

Im Strahl der frischen Morgensonne fand er seine gute Laune wieder. Er lachte über die Ungereimtheiten, die er von draußen vernahm, laut auf, so daß die wachenden Männer ein Grauen ergriff. Hoffentlich, sagte er, ist denn dieses der letzte dumme Streich, den ich mache. Oder nein! fügte er hinzu, wer wollte die Thorheit verschwören? Nur diejenigen Menschen irren sich nicht, deren Leben von Anfang bis zu Ende ein einziger trockner Irrthum ist.

*

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