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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Das Gespräch an der Tafel drehte sich um sittlich-anthropologische Fragen.

Wie kommt es nur, sagte die Herzogin beim Dessert, daß wir gleichgültiger gegen die Tugend als gegen die Höflichkeit sind? Wenn man durch seinen Stand gezwungen ist, viele Menschen zu sehen, so muß man auch mitunter Leute empfangen, deren Handlungen sich keinesweges billigen lassen. Ich kann nun wohl sagen, daß mich die Nähe solcher Personen wenig verletzt; unbefangen sehe ich sie kommen und gehen. Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung, wenn in meinem Kreise ein Verstoß gegen die Lebensart vorfällt.

Das rührt daher, weil wir alle, auch die Besten unter uns, nie den Hang vollkommen ablegen, uns nach außen zu vergeuden, statt daß wir streben sollten, nur nach innen wahrhaft zu leben, erwiederte der Kammerrath Wilhelmi.

Ich denke, entgegnete die Herzogin, man lebt in jedem Augenblick zugleich nach innen und nach außen. Uebrigens bitte ich Sie, mich nicht einer schlaffen Moral anzuklagen. Alles, was ich sagte, bezieht sich nur auf die gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünfte, und wenn jene zweideutigen Figuren mich irgendwo im Heiligthume meiner Verhältnisse berühren, so machen sie mir auch Kummer genug.

Darin liegt die Antwort auf Deine Frage, versetzte ihr Gemahl. Das Leben besteht, wo es nicht Geschäft ist, meistentheils aus Repräsentation. Unsittlichkeiten drängen sich uns nicht vor das Auge, wohl aber Rohheit, Ungeschick. Was gehen uns also jene an, da wir Niemandes Richter sind.

Hier nahm Hermann das Wort und sprach: Vielleicht fordert keine Zeit mehr zur Beobachtung äußerer Sitte auf, als die unsrige. Alle Gegensätze sind bloßgelegt, wo irgend Menschen zusammenkommen, bringen sie die widersprechendsten Gefühle und Ueberzeugungen in Betreff der wichtigsten Dinge mit. Politik, Religion, das Aesthetische, ja selbst, was im Privatleben erlaubt sei? Alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts. Wie kann man sich aber mit Behagen nebeneinander sehen, wenn nicht wenigstens auf der Oberfläche die in der Tiefe zürnenden Geister beherrscht werden, wenn nicht die strengste Regel der Convenienz, welche jedem Kunstwerke nothwendig ist, waltet? Und die gute Gesellschaft ist doch, wie man mit Recht gesagt hat, eine Art von Kunstwerk oder sollte wenigstens eins sein.

Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten, sagte der Herzog. Ich lade auch nie zwei zu gleicher Zeit ein. Denn ich bin dann nicht sicher, daß die Herren über einen alten Römischen König oder eine Sprache, von der man nur vermuthet, daß sie einmal gesprochen sein soll, einander Beleidigungen sagen.

Auch die Hypochondristen sind böse Gäste! rief Hermann.

Die Herzogin warf lächelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi, der die ganze Tafel über sein verdrießliches Gesicht noch nicht abgelegt, und so oft die Thür aufging, ängstlich mit den Händen den Kopf bedeckt hatte, obgleich, wie wir bemerkt haben, die Hitze der Hundstage herrschte. Sie meinte, Hermann solle sich in Acht nehmen, er werde da Widerspruch bekommen.

Angereizt vom Lächeln der Dame, rief dieser aus: Muß ich doch mich selbst verurtheilen, wenn von jenen Uebeln geredet wird! Ich hatte immer gehört, daß man heut zu Tage, um interessant zu erscheinen, unzufrieden und kränklich sein müsse. Da die Natur mir aber beide Eigenschaften versagt hatte, so bestrebte ich mich, durch Kunst dieselben hervorzurufen, denn ich wollte nun einmal nicht so unbedeutend durch das Leben gehen. Fürs erste schaffte ich mir eine finstere Miene an und sah aus, als ruhe die Last der Welt auf meinem Busen. Es war aber nicht so schlimm; das Essen und Trinken schmeckte mir dabei, und ich schlief mit meinem Grame bis an den Morgen. Aber schon begann ich zu gelten, einige Damen wollten selbst etwas Byron'sches an mir bemerken. Es kam nur noch darauf an, krank zu werden. Ich rief die Einbildungskraft zu Hülfe und richtete meine Aufmerksamkeit Stunden lang auf mich selbst. Ich fragte mich so lange und so ernstlich: Thut Dir nicht da und da etwas weh? bis es mir endlich vorkam, als thue mir da und da etwas weh. Nicht mit Darstellung der ganzen Methode will ich Ew. Durchlaucht ermüden, nur so viel darf ich versichern, daß ich es in Erzeugung der Schmerzen bis zur Virtuosität gebracht habe. Kopfgicht, Armweh, Brustkrampf, Podagra, jegliches Uebel kann ich nach Gefallen hervorbringen. Denke ich zum Beispiel nur daran, daß jene Thür aufgethan werden möchte, so wüthet schon ein ganzes Heer von Rheumatismen mir durch Kopf und Genick.

Diese Beziehungen waren zu deutlich, um nicht verstanden zu werden. Beide Herrschaften hielten den Kammerrath, wie es solchen Leidenden zu gehen pflegt, für krank in der Einbildung. Sie sahen in einer Mischung von Verlegenheit und Schadenfreude auf ihre Teller. Hermann genoß seinen Sieg; aber nicht lange. Wilhelmi hatte ganz gefaßt dessen Rede mit angehört. Als nun die Pause, die nach dem Schlusse derselben entstanden war, nicht enden wollte, sagte er freundlich zu ihm: Was Sie vorhin von der Nothwendigkeit der feinen Lebensart äußerten, hat mir sehr gefallen.

Hierauf wurde Hermann roth und stotterte einige Worte, die wie ein Dank für den ihm ertheilten Beifall klangen. Die Herrschaften aber thaten, als gehe sie der letztere nichts an. Die Herzogin rückte den Stuhl, und die Tafel ward aufgehoben.

Er war mit dem Herzoge allein. Die Gemahlin sprach in einem Nebenzimmer mit dem verdrießlichen Freunde über wichtige Angelegenheiten, welche das Fürstliche Paar in diesen jämmerlichen Ort geführt hatten.

Der Herzog schien sich für den Jüngling zu interessiren, er fragte ihn nach dem Zwecke seiner Reise. Hermann versetzte, daß er sich auf der Wanderung befinde, um seinen Oheim, den großen Fabrikherrn, den er noch nie gesehen habe, zu besuchen.

Da werden Sie einen merkwürdigen Charakter kennen lernen, sagte der Herzog. Ich mache oft Geschäfte mit ihm. Er steht ganz einzeln in der heutigen Welt da und vergegenwärtigt mir immer das Bild eines Bürgers der Hansa. Ihr Vater und er sind ein sehr eigenthümliches Brüderpaar gewesen.

Sie lebten beide, wo nicht in Haß, doch in stiller Entfremdung, sagte Hermann. Ich will nun versuchen, ob der Oheim gegen mich aufthaut. Wahr ist es: wenn ich an meinen Vater zurückdenke, so suche ich vergebens nach seines Gleichen in der Gegenwart. Er war mit Sinn und Lebensgewohnheit ungefähr in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stehen geblieben. Von daher schrieben sich die großblumigen Tapeten seines Zimmers, die geschnörkelten Meubles. der Zuschnitt seines Rocks; an welchen Dingen allen er mit hartnäckiger Strenge festhielt. Und doch soll er als junger Mensch munter und beweglich gewesen sein. Aber etwas Störendes scheint plötzlich seinen ganzen Organismus gehemmt zu haben. Ueberhaupt liegen die Erinnerungen an meine Eltern wie Mährchen hinter mir, an deren Wahrheit zu glauben mir oft schwer fällt.

Er erzählte noch Manches von seinem väterlichen Hause, welches wir später an geeigneter Stelle einschalten werden. Der Herzog, welcher großen Antheil an Allem, was aus dieser Familie herrührte, nahm, fragte nach Hermanns Studien- und Lebensgange, worauf er die gewöhnliche Geschichte eines unserer jungen Männer hörte. Hermann hatte als Siebenzehnjähriger den Befreiungskrieg mitgemacht, als Zwanzigjähriger auf der Wartburg gesengt und gebrannt und war dann auch in jene Händel gerathen, welche die Regierungen so sehr beschäftigt haben.

Indessen, fuhr er fort, war ich der Thorheiten selbst bald müde geworden. Und, als wolle mich das Geschick für diese zeitige Reue belohnen, meine Rhadamanthen fanden, daß ich zum Ravaillac verdorben sei, und entließen mich nach kurzem Verhör. Er erzählte weiter, daß er sodann die jetzt gewöhnliche Reise durch Frankreich, England und Italien gemacht habe, demnächst aber in den Dienst des wegen seiner Verwaltung berühmten Staats als sogenannter Referendarius getreten sei.

Sie sind noch in dieser Anstellung? fragte der Herzog.

Hermann trat drei Schritte zurück, schöpfte tief Athem und rief: Nein, Ew. Durchlaucht, in dieser Anstellung bin ich, Gottlob! nicht mehr. Nachdem ich die Welt gesehen, in Rom und Neapel meine Seele ausgeweitet, in London und Paris mich in die bewegten Wogen großer Völker gestürzt hatte, mußte ich nun mit erheucheltem Ernste protokolliren und expediren über Dinge, die selten des Federzugs werth waren. Anfangs, so lange mir die Handgriffe noch neu waren, trieb ich die Sache wie einen mechanischen Scherz, bald aber ergriff mich die furchtbarste Langeweile und ein unergründlicher Ekel an meinen Tagen, welche sich in diesem trockenen Nichts dürr und farblos verzettelten. Das altweiberhafte Helfenwollen, wo die Natur schon immer für die Hülfe gesorgt hatte, das Bevormunden von Menschen, welche gewöhnlich klüger waren, als die Herren Vormünder, dieses norddeutsche Vielgeschrei und Vielthun! Die unendlichen, müden Sessionen! Kein Blick aus der quetschenden Grube in die lichte Tageshelle des Geistes, Alles umbaut mit Kabinetsbefehlen, Paragraphen, Instruktionen, Akten, Tintenfässern, Sandbüchsen! Mir war in dem Getreibe zu Muthe, wie in einer ewig klappernden und sausenden Mühle, nur das Mehl sah ich nie, welches zu gewinnen, so viele Räder sich abarbeiteten. Zum erstenmale in meinem Leben war ich unglücklich, und als ich das recht empfunden hatte, fragte ich mich: Warum bist Du es denn? – Da that ich mit beiden Füßen einen großen Schritt in die Freiheit, und als ich die Thore der Marterstadt hinter mir hatte, jauchzte ich laut, wie Orestes, als die Furien von ihm abließen, und – ich schäme mich des Bekenntnisses nicht – ich habe mich zu Boden geworfen und habe die grüne Erde geküßt, der ich nach der Fahrt durch ein wüstes Papiermeer nun erst wieder anzugehören glaubte. Nein, Ew. Durchlaucht, ich bin nicht mehr Referendarius! Ich überlasse das Metier den geistigen Nihilisten, deren ganzer Stolz darin besteht, eine Sache mehr abgemacht und aus der Welt geschafft zu haben, während der geringste Handwerker sich freut, ein sichtbares Produkt von seiner Hände Arbeit in die Welt setzen zu können.

Hermann trocknete von der Stirne den Schweiß ab, in welchen ihn diese leidenschaftliche Herzensergießung versetzt hatte. Der Herzog strich mit einer leichten Bewegung der Hand ihm über die Achsel, als wolle er da etwas wegwischen. Betroffen sah Hermann nach der Stelle hin; er wußte nicht, was die Gebärde bedeuten sollte.

Beruhigen Sie sich, sagte der Herzog. Es kam mir nur so vor, als sei da noch etwas Asche von den Feuern der Wartburg sitzen geblieben!

*

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