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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Indessen näherte sich Hermann, auf seinem geschenkten Rößlein kleine Tagereisen mit Behaglichkeit machend, dem mittleren Deutschland. Die letzte glückliche Entdeckung hatte ihn unglaublich erfreut; er wollte nun so recht in Stille und Muße sich und die Welt genießen. Er liebte es, in abgelegenen Höfen und Weilern einzukehren, die Städte vermied er, wo er konnte. Zwei Pistolenholfter, welche am Sattel befestigt waren, hatte er bald ihres kriegerischen Inhaltes entledigt, und sie dafür mit einer Korbflasche, sowie mit kalter Küche gefüllt. Mittags hielt er gewöhnlich im Freien, unter einem schattenden Baume, hinter einem Felsen, oder in altem Gemäuer seine Rast. Dann verspeiste er den mitgenommenen Tagesproviant, und ließ sein Pferd, welches ein außerordentlich gutes und sicheres Thier war, frei umher grasen. Er hatte die Grille, wenn man es so nennen will, gefaßt, bis zu der großen Stadt, wohin ihn seine neueste Bestimmung wies, wo möglich nur sich und der Natur zu leben. In die Erinnerungen eines jungen und doch mannigfaltigen Lebens vertieft, war seine Seele frei von Furcht und Wunsch, und nur die Hoffnung schwebte mit jungfräulichen Zügen von weitem ihm voran.

Ganz heiter war er, wenn er auch des Abends bei einem wohlhabenden Hofschulzen freies Quartier fand. Freilich pflegte er am andern Morgen durch reichliche Geschenke an Kinder oder Mägde immer dafür zu sorgen, daß die Zeche gehörig bezahlt wurde. Mitunter baten sich auch wohl die Wirthe ein Andenken aus, so daß er fand, eine solche Reise auf Gastfreundschaft koste heut zu Tage fast mehr, als wenn man sich unterwegs lediglich an die zahlungbegehrenden Hotels halte.

Einigemale hatten ihn Gensd'armen, die ihn an abgelegenen Orten gelagert fanden, scharf befragt; da aber seine Papiere in Richtigkeit waren, so ließ man ihn jederzeit frei durch.

Eines Tages gesellte sich ein Fußwanderer zu ihm. Der Mann trug einen Rock, wie ihn Jahn vorschreibt, hinten zu, vorn offen, ging im bloßen Halse, mit langen herabwallenden blonden Locken; aus dem offnen, treu herzigen Gesichte strahlten die schönsten blauen Augen. Anfangs war das Gespräch zwischen ihnen ziemlich unbedeutend, als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich in freien Scherzen erging, nahm es einen ernsthaften Charakter an. Bald wurden die Verhältnisse besprochen, an welche die Unzufriedenheit in unsrem Vaterlande gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat. Hermann, der noch nicht gelernt hatte, sich zurückzuhalten, gab seine Meinungen zu vernehmen, und man tauschte gegen einander die gefährlichsten Dinge aus.

Plötzlich sah Hermann, daß der Fremde sich reckte, in die Ferne schaute, und zusammenfuhr. Er bemerkte, daß ein Mensch ihnen entgegenkam, dessen Rock und Kragen den Polizeidiener verrieth.

Ich bin ein Landschaftszeichner! rief der Fremde eilfertig und ängstlich, ich will doch von jenem Hügel die Gegend aufnehmen. Mit diesen Worten sprang er in ein hohes, wallendes Kornfeld, und arbeitete sich mit reißender Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhöhe, hinter welcher er verschwand.

Hermann hielt betroffen sein Pferd an. Der Polizeidiener kam herzu und fragte: Wer war der Mensch, der in's Korn sprang?

Hermann versetzte: Er sagte, er sei ein Landschaftszeichner, und wolle die Gegend aufnehmen. Der Teufel mag er sein, aber kein Landschaftszeichner; ich glaube, daß ich den Kerl kenne, murrte Jener, und setzte, achtsam nach allen Seiten umherschauend, seinen Weg fort.

Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stündchen an einen Erdrand, von welchem der Boden senkrecht in eine beträchtliche Tiefe abwich. Es war ihm, als höre er aus der Vertiefung pfeifen.

Er bog sich über, und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrüpp und hohem Ginster wahr. Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen. Nicht ohne Mühe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter, wobei der Fremde ihm behülflich war.

Sie werden sich über mein Benehmen verwundert haben, sagte dieser.

Allerdings, versetzte Hermann. Ich habe nie die Neigung zu den schönen Künsten so sprungartig hervortreten sehen.

Ich sagte die Unwahrheit! rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer. Vergeben Sie mir, fügte er hinzu, indem er Hermann sanft die Hand drückte. Sie sind ein edler Mensch, ich will mich ihnen frei entdecken. Aber vor allen Dingen: wo speisen wir? Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich heute wenigstens in keine menschliche Wohnung wagen.

Hermann sagte hierauf, daß, wenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle, der Noth abzuhelfen sei. Er holte Getränk und Speise aus den Pistolenholftern, und legte die Flasche zur Abkühlung in eine Quelle, die an dem Orte hervorsprudelte. Sie setzten sich Beide am Fuße einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr gemeinsames Mahl, wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt, denn nur auf Hermanns dringendes Nöthigen war er zu bewegen, mit diesem geradedurch zu theilen. Das Pferd graste lustig zwischen den Gesträuchen.

Nachdem der Fremde sich gesättigt, und den Mund säuberlich abgewischt hatte, fing er plötzlich an, zu weinen, umschlang Hermanns Nacken und rief: O Freund, Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus! Was habe ich Dir gethan, mein Vaterland, daß Du mich also verfolgst? Warum dürfen die Füße Deines wärmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten? Die Schelme sitzen an der Tafel und prassen, und die Kinder des Hauses irren in der Wüste umher.

Fassen Sie sich, sagte Hermann, betroffen über diesen unerwarteten Auftritt, und entdecken Sie mir, wer Sie sind.

Ich bin ein politischer Flüchtling, versetzte der Fremde. Gequält, gehetzt von den Schergen der neununddreißig Tyrannen weiß ich oft nicht, wohin ich mein Haupt legen, wo ich den Bissen für meinen Mund gewinnen soll. Jetzt ist mir Oesterreich vor allen auf der Spur, denn unter seinen Fäusten litt ich zuletzt. Und was habe ich gethan? Ich liebte Deutschland. Was ist meine Schuld? Ich wollte die Enkel Hermanns, vor denen Roms Legionen zitterten, aus ihrer unseligen Zerrissenheit, aus dem jammervollen Schlafe der Schmach, in den sie versunken sind, emporrütteln helfen. Das Mark unsrer Brüder wird von seinen Knechten ausgesogen, wer, der ein Herz hat, kann es mit ansehen, ohne sich zu rühren?

Hermann antwortete, nicht ohne Mitleid: Obgleich ich ungeachtet meiner vorigen Scherze die auflösenden Gesinnungen nicht theile, welche diesen Reden zum Grunde liegen, so weiß ich doch die Stimmung sehr wohl zu würdigen, aus welcher sie entstehen mußten. Kann es Sie erleichtern, so erzählen Sie mir Ihre Geschichte, und seien Sie versichert, daß ich nichts dagegen habe, wenn Sie das Meinige, wie das Ihrige betrachten.

Ist es so? rief der Fremde mit einem feurigen Blicke. Wohl mir, ich habe wieder einen Edlen gefunden! Nein, Teuts Volk kann nicht untergehen, in dem so viel Milde und Kraft sich paart. Sind wir nicht die Einzigen, die in ihren uralten Sitzen unvermischt blieben? O, wenn ich daran denke, so wird mir groß zu Muthe!

Da Hermann nach der Erzählung verlangte, so willfahrte ihm der Fremde, und berichtete ihm seine Schicksale, die aber fast nur in Wanderungen durch die Kerker verschiedener Länder bestanden. Er streifte seinen Arm auf, und zeigte die Spuren der Fesselwunden, dann erhob er das Antlitz gen Himmel, und rief mit glänzendem Gesichte: Ja, mein Ideal! An meinem Ideale will ich halten, ob auch die Welt zerbricht. So willst Du treulos von mir scheiden? Wer steht mir tröstend noch zur Seite? Du meines Lebens goldne Zeit! Beschäftigung, die nie ermattet! Mit Deinen holden Phantasien!

Er schien von seinen Gefühlen und Erinnerungen ganz außer Fassung gesetzt worden zu sein, beugte sich auf Hermanns Hand, und schluchzte heftig. Dieser suchte den Weinenden mit den freundlichsten Reden zu beruhigen. Trösten Sie sich, sagte er, es wird noch Alles gut, diese Verwicklungen der Gegenwart können nicht immer dauern, wer weiß, wie bald Sie Ihrer jetzigen Noth entkommen. – Das hoffe ich auch, versetzte der Andre, noch immer weinend: Was ist des Deutschen Vaterland? Ist's Steyerland, ist's Bayerland? Ist's, wo des Marsen Rind sich streckt? Ist's, wo der Märker Eisen reckt? O nein, nein, nein, mein Vaterland muß größer sein. Hätten Sie wohl die Güte, mich auf Ihrem Pferde etwas reiten zu lassen?

Warum das, Lieber? fragte Hermann.

Nichts stellt die Seele so sehr zum Gleichgewichte her, als die schüttelnde Bewegung des Rosses, versetzte der unglückliche Mann. Da wird der Mensch wieder in sich selbst einig, und alle Sorgen bleiben unter seinen Füßen. Von den entsetzlichsten Bedrängnissen hat mich oft ein rasches Thier befreit.

Hermann gab ihm gern die Erlaubniß, sich auf diese Weise zu erholen, Jener bestieg sein Pferd und ritt davon. Hermann sagte, als er allein war, die Worte des Sallust her, welche die Catilinarische Verschwörung beginnen. Ja, rief er, gälte die Geisteskraft der Könige und Helden so viel im Frieden, als im Kriege, so würden die menschlichen Angelegenheiten einen gerechteren und festeren Bestand haben, es triebe nicht Alles nach verschiedenen Richtungen, man würde nicht so viel Wandlung und Mischung sehen. Denn leicht wird das Reich durch die Mittel bewahrt, durch welche es erobert ward. – Das aber ist eben der Fluch ungewöhnlicher Zeiten, daß sie, wie ein gährender Stoff, das Bessere, Flüchtige entstellt und widerlich umtreiben, während die todte Masse, als Bodensatz bald ihren unverrückten Stand erhält. Dann heißt das, was doch eigentlich zum Leben sich entbinden will, das Nichtige, und jene trägen Hefen zaudern nicht, sich den Ruhm des Nützlichen und Bleibenden beizulegen. Wer wird mit diesen Abenteuern, die jetzt zu Hunderten das Land durchstreifen, irgend gemeinschaftliche Sache machen, ja nur in ihren Träumereien einen haltbaren Zusammenhang antreffen? Und gleichwohl, wer, der Dinge und Menschen mit menschlichem Blicke betrachtet, mag es sich verbergen, daß aus ihren Hirngespinnst doch ein viel zarteres Gefühl, ein höherer Schwung und ein entschiednerer Charakter hervorsieht, als aus der Pflichtmäßigkeit der Leute, welche jetzt, nachdem die Tage der Gefahr vorüber sind, als die treusten und beehrtesten Söhne des Vaterlandes umhergehen? Wahrlich, nicht durch diese ist es errettet worden, wahrlich nicht durch solche wird es je errettet werden. Gar leicht ist es gegenwärtig, ein guter Patriot zu heißen, denn es kommt fast nur darauf an, in allerhand zeitgefälligen Bestrebungen sein Licht nicht unter den Scheffel zu setzen, bei Gelegenheit tapfer zu schmausen und eine schwülstige Rede zu halten. Aber wenn das Verderben wieder hereinbricht von Osten oder Westen, dann werden wohl die Schmauser und Geburtstagsredner verschwunden sein, dann wird man sich wieder nach den verfolgten Vagabunden umsehen, welche dann auf eine Zeitlang zu Ehren kommen und späterhin abermals an ihren blutigen Sohlen erfahren werden, wie hart der Boden der Heimath ist. O seltsamer und trauriger Widerspruch der irdischen Dinge! Immer nur bringen hoher Muth und kühne Gesinnung die Sachen zum glücklichen Ausgange, von welchem der Held gleichwohl selten etwas zu genießen bekommt, sondern, wenn das Mahl bereitet ist, setzt sich der Philister zu Tische, und läßt sich die Gerichte wohl schmecken.

Nach diesen und andern Reden saß er eine geraume Zeit schweigend, und harrte auf den politischen Flüchtling. Da derselbe nicht sichtbar werden wollte, so stieg er aus der Vertiefung auf die Höhe des Erdrandes, erblickte aber weder den Mann noch das Pferd. Betroffen horchte er, ob sich nicht Hufschlag vernehmen lasse, aber vergebens. Er rief und pfiff, aber nur Echo gab ihm Antwort. Ein Argwohn stieg in ihm auf, den er jedoch, als des edlen Geächteten unwürdig, sogleich aus seiner Seele verbannte. Gleichwohl blieb dieser Sohn des Vaterlandes unsichtbar, obschon Hermann nach ihm in verschiedenen Richtungen die Gegend umher durchsuchte.

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