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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Band.

Fünftes Buch.

Die Demagogen.

    Mit wenig Witz und viel Behagen
Dreht Jeder sich im engen Cirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
Mephistopheles.

Erstes Kapitel.

Dem Herausgeber dieser Geschichten ist es zuweilen begegnet, daß gute Freunde oder Bekannte, welche er in geraumer Zeit nicht gesehen hatte, und welche ihn nachmals mit einem unerwarteten Besuche überraschen wollten, diese Ueberraschung auf doppelte Weise bewerkstelligten, nämlich auch durch eine verwandelte Persönlichkeit. Nicht selten geschah es, daß der Leichtsinnige ernst, der Muntere schwerfällig, der Rührige bequem geworden war. Da wir aber dergleichen Aenderungen uns nicht vorzustellen vermögen, vielmehr die Menschen in unsern Gedanken immer bleiben, was sie gewesen sind, so geht es bei derartigen plötzlichen Begegnungen nie ohne ein unangenehmes Gefühl ab.

Um dem Leser der vorliegenden Denkwürdigkeiten jenes unangenehme Gefühl zu ersparen, müssen wir jetzt ankündigen, daß eine Person, die im Beginne unserer Erzählung flüchtig vorüberstreifte, nunmehr den Boden derselben in verwandelter Gestalt wieder betritt. Man wird sich noch des Freundes von Hermann erinnern, des Philhellenen, welcher ihn über seine unentschiedene Gesinnung einigermaßen mitnahm, und voll Thatendrang von ihm schied. Dieser junge Mann kam wirklich mit dem Gelde Hermanns bis nach München, wo er noch Empfehlungsbriefe mitnehmen wollte, bereit, sein Blut für Hellas zu verspritzen. Dort erkundigte er sich nach dem Mädchen, welche eine Zeitlang Hermanns Herz besessen hatte, um ihr die ihm vertrauten Liebespfänder einzuhändigen. Sie empfing ihn als Freund ihres Freundes, und er ging vom ersten Tage an zu allen Stunden im Hause aus und ein. Denn durch ein Zusammentreffen der Umstände mußte es sich fügen, daß er auch mit ihrem Vater gleich vertraut werden konnte. Dieser, ein wohlhabender Mann, besaß ein großes Brauhaus. Er war, sobald sich dort die Vereinigungen zu Gunsten der unglücklichen Griechen zu bilden begannen, einer derselben als eifriges Mitglied beigetreten. Vielleicht handelte er hierin nicht ganz ohne Eigennutz; man sagt, er habe in Erwägung gezogen, daß so viele an das landübliche Getränk Gewöhnte nach jenen fernen Gegenden auswanderten, und im Stillen beabsichtigt, eine Niederlage seines Productes nahe bei Athen anzulegen.

Zu diesem Manne hielt sich der Philhellene, der Jenem durch sein entschiedenes, feuriges Wesen, und die Gabe ausdrucksvoller Rede ungemein gefiel. Die Gönner, welche dem Wandrer behülflich sein sollten, waren verreist; der Münchener Aufenthalt zog sich in die Länge. Unerwartet, aber sehr willkommen, that sein neuer Freund ihm den Vorschlag, bei ihm Quartier zu empfangen; welches dankbar angenommen wurde. Sie unterhielten sich nun, so oft es die Geschäfte des Hausherrn erlaubten, von nichts als von ihren Plänen für die Herstellung und Beglückung des den Türken abzunehmenden Landes.

Die Zwischenzeiten füllten Gespräche mit Fränzchen aus. Dieses gute, muntere, hübsche Kind hatte doch im Stillen einige Thränen vergossen, als Hermann aus Scherz Ernst machte, und ihr die Andenken zurücksandte. In solchen Stimmungen sind die Frauenzimmer bekanntlich am geneigtesten, einer neuen Empfindung Gehör zu geben. Sie bemerkte daher nicht sobald, daß die Blicke des Philhellenen ihr zu folgen anfingen, als die ihrigen die Gefälligkeit bezeigten, sich finden zu lassen. Den Herzen, die zu einander strebten, folgten binnen Kurzem die Hände und die Lippen, und mit dem feierlichen Schwure von Seiten des Liebhabers, daß sie sein zukünftiges Eigenthum am Oeta als Hausfrau schmücken solle, ward der Bund geschlossen.

Nun begannen für den Philhellenen Tage, die, wie er zu Francisken sagte, ihm eine neue Welt öffneten. Er liebte nach seiner Versicherung jetzt die ganze Menschheit; er schwärmte mit dem Vater und kos'te mit der Tochter. In dieser Empfindung habe sich erst seine ganze Manneswürde entwickelt, rief er hundertmal des Tages aus. Auch wenn der Vater schon zur Ruhe gegangen war, blieb er noch bei Fränzchen, wo sich denn ihre gegenseitigen Empfindungen nicht selten so steigerten, daß Worte denselben unmöglich mehr genügen konnten.

Aber aus den Freuden dieser Abende entsprang eine natürliche Folge worüber der Philhellene so erschrak, daß er, als Fränzchen sie ihm mit trauriger Miene zuflüsterte, wie vom Donner gerührt, dastand. Denn er, versenkt in seine großen Ideen von Menschenwohl und Volksbefreiung, hatte gewiß niemals an einen so alltäglichen Ausgang gedacht. Er lief zwei Tage hindurch wie ein Verzweifelnder umher, dann fiel er dem Brauherrn zu Füßen und gestand seine Schuld. Der Alte wurde braun vor Zorn, und drohte mit einer unanständigen Bezeichnung, Beiden Arme und Beine entzwei zu schlagen. Da aber geschehene Dinge nicht zu ändern sind, der Uebelthäter seine Neigung besaß, und der Jammer des Mädchens gar gewaltig zum Vaterherzen sprach, so konnte er die Vergebung nicht zurückhalten, die er denn unter der Bedingung ertheilte, daß wer für den Balg gesorgt habe, nun auch für den Papp sorgen solle.

Dieses war gerade, wofür die Seele des Philhellenen seit der unglücklichen Entdeckung brannte. Sein neuer Stand hatte in ihm das Bewußtsein neuer Pflichten erzeugt. In allen braven heldenhaften Studenten, Candidaten und Privatdocenten ist es eigentlich nur der Philister, der innerlich juckt, und hinaus will, was denn auch bald zu geschehen pflegt, während an Universitäten und Academien so arme, kümmerliche übersehene Gesellen umherschleichen, aus denen nachher die Genies und Lichter der Welt werden. Im Philhellenen hatte die Katastrophe den Philister mit Macht herausgeschlagen, der bei einem ruhigeren Gange der Dinge vielleicht längerer Zeit bedurft hätte, um sich zur vollständigen Blüthe zu entfalten. Er empfand sich als angehenden Vater und Gatten, verspürte eine wahre Begeisterung für den Broderwerb, zerriß die Bilder der Pallikaren und die neugriechischen Volkslieder, welche er bei sich führte, und dachte nur daran, wie er ein Aemtchen erringen solle, wovon er sich und Fränzchen nähren könne.

So war er durch die Natur dem Vaterlande und der Bürgerlichkeit gewonnen worden. Sein zukünftiger Schwiegervater kannte den Legationssecretair einer auswärtigen Macht, welcher gern Bier trank. Dieser empfahl ihn einem Legationsrathe, der Legationsrath dem Gesandten. Vom Gesandten schwang sich die Kette der Empfehlungen wieder abwärts bis zu einem Polizei-Chef in einer bedeutenden norddeutschen Stadt. Wie von da die Canäle weiter verflossen, ist unbekannt geblieben; das Ende der Sache war aber, daß man dem Philhellenen erlaubte, im Polizeifache, welches immer frische, rüstige Leute erfordert, zu arbeiten. Kaum waren einige Monate vergangen, als man ihn, der einen unglaublichen Diensteifer an den Tag legte, zum Polizeicommissarius in einem Ackerstädtchen zwischen Hessen und Westphalen ernannte.

Er führte Fränzchen, sobald er dieser besoldeten Würde sich erfreute, heim. Sie genas kurz darauf von ihrer Bürde. Nie hatte die Gegend einen thätigeren Beamten gesehen. Die Kraft, welche sonst weit über Berge und Ströme hinausgeschweift war, lenkte sich jetzt ganz auf Vertilgung des Diebes- und Bettelgesindels, von welchem es dort, der schlechten bisherigen Aufsicht wegen, wimmelte. Vor ihm war kein Gauner sicher, kein Vagabunde konnte mehr in Ruhe hinter der Hecke seinen Bissen verzehren; er lebte fast mehr in verdächtigen Häusern, als in seinem eigenen.

Wirklich hatte er sich schon Verdienste um den Bezirk erworben und die Aufmerksamkeit der Obern sich zugelenkt. Gerade um die Zeit, von welcher wir jetzt reden, geschah die Entdeckung neuer demagogischer Umtriebe; man war dem Bunde der Jungen hart auf die Spur gekommen. Zugleich hatte man in Erfahrung gebracht, daß ein Schwarm junger Hochverräther nach dem Land striche, in welchem unser verwandelter Schwärmer handthierte, um da herum seinen Frevelsabbath zu halten.

Der Polizeicommissarius empfing einen geheimen Auftrag von höchster Stelle. Er war gemessen, ehrenvoll, über die engen Amtsgrenzen hinausreichend. Welch ein Sporn für seinen jetzigen Trieb! Er wurde etwas tiefsinnig, man sah ihn viel durch Feld und Wald schweifen, seiner Gattin antwortete er kaum noch auf ihre Anreden. Er brachte in größter Heimlichkeit Gefängnisse, Arm- und Beinschellen in Ordnung. Den Gensd'armen und niedern Agenten gab er Befehle und Winke, welche diese nicht immer verstanden. Er aß nichts und trank wenig. Seine Nächte waren unruhig. Er flehte Gott an, daß er ihm die Demagogen in das Netz führen möge.

*

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