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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechszehntes Kapitel.

Im Garten traf mit ihm der Geistliche zusammen. Dieser Mann, welcher während der geräuschvollen Tage sich ganz zurückgezogen, und im Stillen sein Werk getrieben hatte, trat, sobald jene Wellen verströmt waren, wieder hervor und suchte eifrig seine Gesellschaft. Er war Hermann seit der Scene auf der Anhöhe einigermaßen verdächtig, und dennoch konnte sich dieser von einem gewissen Antheil, den ihm das feine, schwärmerische Wesen des Priesters abnöthigte, nicht ganz losmachen.

Heute führte der Letztere mit ihm ein leises tastendes Gespräch, welches sehr zart um den Kummer und die Unruhe unseres Freundes strich. Er wußte seine Theilnahme an dessen Verstimmung so freundlich zu äußern, er vermaß sich so wenig der trocknen Redensarten, womit die Menschen in der Regel ein bedrücktes Herz nur noch schwerer machen, daß Hermann sich wirklich erleichtert fühlte. Zugleich ließ der Geistliche auf eine geschickte Weise einfließen, indem er vor Hermann die Augen niederschlug, daß er auch an der Herzogin sehr zu trösten habe.

Ja, ich bin unruhig und bedrängt, versetzte Hermann. Ich thue nichts Unrechtes und doch mischen sich meine Gedanken und erquicken mich nicht mehr; fügte er hinzu und erröthete, weil er sich erinnerte, nur Worte der Blätter wiederholt zu haben, die seine Aufregung zum Theil verschuldeten.

Ich habe in meinem Amte oft Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, daß die Menschen in Beziehung auf das Böse sich in einem Grundirrthume befinden; sagte der Geistliche.

Der wäre? fragte Hermann.

Als sei es zu vermeiden, als müsse alle Kraft der Seele daran gesetzt werden, sich davor zu bewahren.

Hermann trat bestürzt zurück. Sie werden, fuhr der Geistliche ruhig fort, nicht glauben, daß ein Diener Gottes sich zum Apologeten der Sünde aufwerfe. Aber sie ist einmal da, durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Höchsten. Sie ist so wirklich, so ewig und ursprünglich, wie das Gute. Jeder Mensch muß dieses Messer in seiner Seele fühlen, wodurch sie erschüttert, gelockert, und zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird. Gott will nicht die Rechtfertigen, er will die Reuigen. Dieses Finstere als etwas Zufälliges zu behandeln, zu meinen, daß man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch Gegenwehr verhindern könne, ist ein bodenloser Wahn. Es ist nicht wahr, daß er die Seele zerstört, nur das Irdische, Richtige, in ihr frißt der glühende Athem seines Mundes, dann ersteht, vom Regen der Bußethränen befeuchtet, in der warmen Asche die grüne Saat des Glaubens und der Hoffnung. Sind aber die Kräfte in dem nichtigen Kampfe gegen das Uebermächtige vergeudet, erfolgt dann doch der Fall, so möchte in einem so ausgesogenen Boden schwerlich wieder etwas keimen und reifen können, und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgültigkeit übrig, woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht. Darum lehrt auch meine Kirche, welche in allen Stücken die von den Thoren verspottete Königin der Weisheit ist, nicht: Hüte Dich vor dem Bösen; sondern: Glaube an den allbarmherzigen Gott, an den Erlösungstod, an die Fürbitte der Heiligen, an die Unnachsichtlichkeit der Beichtpflicht, an die reinigenden Flammen des Fegfeuers.

Es giebt Neigungen, die verboten sind. Süße Lippen und Augen locken; in den Armen des versagten theuren Gegenstandes liegt eine Welt, außer der es für den Liebenden keine zweite giebt. Ich habe nun immer gefunden, daß diejenigen sich gründlicher von einer Verirrung herstellten, welche gefallen waren und mit herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den Schooß warfen, als die, welche sich in innerlichen Kämpfen und Krämpfen abarbeiteten, denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebüßter Leidenschaften in der Seele zurückblieben. O, auch hier ist dem, der nur sehen will, der Weg gewiesen, auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde entgegen, der nur nicht in eigensinniger Verstocktheit von der Dürre des Protestantismus saftige Frucht gewinnen, von den Dornen die Feigen lesen will! Ja, mein Freund . . .

Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede, nach Hermann fragend. Er ging, im Innersten empört über die frevelhaften Reden des Priesters, und wurde nach dem Garten-Lesecabinette gewiesen. Die Fürstin empfing ihn traurig und leidend. Das kleine Zimmer ist noch so lieblich, wie sonst, sagte sie. Da liegen meine guten Bücher, draußen blühen die Staudenrosen, die Büsten der Dichter sehen von ihren Postamenten herab. Und doch schwankt der Grund unter uns, und die Welt blickt mich verschwommen an, wie ein Traum. Wenn man uns von Haus und Hof triebe! Ich weiß Alles; der Herzog hat seinen Kummer nicht länger bemeistern können. Wie ist das? Sagen Sie mir's; ich begreife die ganze Sache nicht. Warum sollen wir nicht bleiben können, wo unsere Voreltern waren?

Hermann wollte einige beruhigende Worte reden; sie unterbrach ihn aber und sagte mit erstickter Stimme: Gott sendet uns die Trübsale, er gebe uns die Kraft, sie zu ertragen. Ich ließ Sie rufen, um Ihnen etwas zu sagen, was mir lange auf der Seele lastet, und nun fehlt mir wieder aller Muth. Sie müssen es wissen, vielleicht ist es mir morgen möglich; kommen Sie um diese Stunde wieder, aber dann reisen Sie gleich, gleich!

Ihre schönen Hände ergriffen die Seinigen. Halb zog sie ihn nach sich, halb drückte sie ihn zurück. Es war ihm, als öffne sich der Boden unter seinen Füßen, ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder. Er war aus dem Cabinette, und wußte nicht wie?

Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche, der auf ihn gewartet zu haben schien, wieder seine Gesellschaft antragen, die Hermann aber ablehnte. Er riegelte hinter sich zu, und ging mit großen Schritten auf und nieder. Ja, sie liebt mich! rief er einmal über das andere aus. Er beklagte diese Verwicklung, er wünschte sich weit hinweg. Keinen Blick wollte er wieder in die gefährlichen Tagebuchblätter werfen, und als er den Entschluß recht fest gefaßt zu haben meinte, nahm er sie doch wieder vor, und las sie noch einmal. Unten am Fuße der letzten Seite bemerkte er heute zum erstenmale die gebräuchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte, umzuschlagen. Er that es und sah auf der Rückseite etwas von andrer Hand geschrieben, aber mit so blasser Dinte, daß er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefärbten Papiere nicht zu lesen vermochte.

Im Widerstreite seiner Empfindungen, zwischen Wollen und Nichtwollen hin und her geschleudert, ermannte sich seine Natur plötzlich wie durch einen Ruck zu einem moralischen Vorsatze, durch dessen Ausführung er sich und einer zweiten Person den rechten Weg zu weisen, die Pflicht empfand. Er eilte nach dem Gartencabinette, schlug sich dort Licht an, und schrieb bis spät in die Nacht, unter der Büste Schillers sitzend, welche schon einmal Zeugin einer edlen Entschließung geworden war, Stanzen nieder, von deren Inhalte wir im folgenden Kapitel zu reden haben werden.

*

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