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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel.

»Welche fremde Gewalt nimmt mich so ungestüm gefangen! Man hat mir gesagt, es sei unsre Bestimmung, zu lieben und geliebt zu werden. Warum denn nun diese Bangigkeit, diese Angst? Klopft der Blume auch so das Herz, wenn sie aus der schwachen, farblosen Knospe bricht? Mir ist immer, als stände ich auf der schwindelerregenden Spitze eines hohen Thurms, und selbst seine Nähe beruhigt mich nicht.«

*

»Ich bemühe mich oft, mir den Eindruck recht klar zu machen, den ich empfand, als ich Dich zum Erstenmale erblickte, Hermann! Denn ich meine, wenn ich mir nur darüber Rechenschaft geben könnte, so müßte eine Rettung aus dieser Noth sein. Aber es ist vergebens; je mehr ich darüber nachsinne, desto undeutlicher fließt Alles in einander, bis Du mir begegnest, wo denn in Thränen und Lust alles Grübeln weit weg flieht.«

*

»Warum hast Du nicht Platz behalten, Gott, in dem Herzen, welches mir so ganz gehörte? Warum erlaubtest Du Deinem Geschöpfe aus Staub, sich neben Dir einzudrängen, und die reine Weihrauchwolke, die dort sich Dir erhob, zu zerstreun?«

*

»Dieß ist die Sünde! Nun weiß ich, was das schreckliche Wort bedeutet. Ich thue nichts Unrechtes, und doch bin ich verstimmt; meine Gedanken mischen sich und erquicken mich nicht mehr, meine Seele nimmt verschiedene Stellungen an, und in keiner ist ihr wohl. Und doch ist, was ich erleide, nur ein gemeines Schicksal so vieler meines Geschlechts, warum werde ich denn nun dadurch so geplagt?«

*

»Ich habe mir vorgenommen, ihn zu meiden, aber was hülfe mir das? Bliebe nicht immer seine Schattengestalt in meiner Seele störend zurück? Nein, ich muß versuchen, dieß Fremde in mir innerlich zu überwinden, es in den Frieden, der mich sonst durchsäuselte, aufzulösen. Ich muß diese Liebe zur Tugend erheben.«

*

»Es ist so süß, so lieblich, was ich oft empfinde, wenn ich neben Hermann sitze, daß ich mitunter denke, alle diese Aengstigungen laufen wohl am Ende auf leere Selbstquälerei hinaus. Ich möchte ihn selbst gern zum Richter über unser Verhältniß machen, er sieht mir an, daß ich ihm etwas zu sagen habe, sein freundlicher Blick will mir Muth machen, das Wort schwebt mir auf der Lippe, dann riegelt mir eine unbezwingliche Gewalt den Mund zu.«

*

Ueber den Blättern, welche diese und ähnliche geheime Ergießungen eines zart liebenden, mit sich zwiespältigen Gemüths enthielten, saß Hermann und las sie, wir wissen nicht, zum Wievielstenmale? Es waren diejenigen, welche der unbescheidene Vogel ihm in die Hände gespielt hatte. Das war die Hand der Herzogin, und sein Name stand hier in so gefährlicher Verbindung geschrieben! So ist es denn wahr! rief er. So ist mir das Geheimniß ihres Betragens enthüllt! So soll ich undankbar an meinem Gönner und Gastfreunde werden!

Er schrieb mit Heftigkeit an Cornelien, warf ihr vor, daß sie ihm auf seine früheren Briefe nicht geantwortet habe, versicherte ihr seine ewige Liebe, und daß er trotz des Widerspruchs von Seiten des Oheims die Verbindung mit ihr werde zu bewirken wissen.

In der Einsamkeit, welche nun zum Gegensatze der früheren Geschäftigkeit im Schlosse herrschte, war nichts, was ihn abzog. Er fühlte sich müßig, gepeinigt; er wußte nicht, an welcher Handhabe er seine Tage anfassen sollte.

Viele Stunden versaß er in den Zimmern des alten Herrn, zu denen er den Schlüssel behalten hatte. Nach dessen letztem Willen sollten sie unberührt bleiben, weil sie die Erinnerungen seines Lebens enthielten. Er selbst war dort in ganzer Figur gemalt, als Schäfer; rings um dieses große Bildniß wimmelte es von kleineren in ovalem und vierecktem Format, aus welchen jugendlich schöne Gesichter als Nymphen, Dianen, Jägerinnen, Armiden und Griechinnen hervorsahen. Alle Tische und Schränke waren mit Kleinigkeiten von Holz, Porzellan, Glas, Bernstein, Perlemutter bedeckt, von denen das Meiste seinen Ursprung als Andenken genußvoller Stunden nicht verläugnen konnte.

Wilhelmi, der die Thüre zu diesen Gemächern angelehnt gefunden hatte, trat ein, und fand seinen Freund gedankenvoll an einem Spiegeltische sitzend. Du scheinst Dich mit uns Allen in der Stimmung zu befinden, welche die Perser Bidamag Buden nennen. Uns steckt ein Jammer gewisser Art in Kopf und Gliedern. Was mich betrifft, so hoffe ich ihn bald abzuschütteln, ich reise wahrscheinlich in nächster Woche, und nehme einen Theil meiner Sachen mit. Hast Du etwas nach *** zu bestellen?

Du bist mir ganz unerklärlich, versetzte Hermann. Willst Du dort mit alten Basen und Bildern die Rolle des vornehmen Antiquars spielen? Sie werden Dich anfangs mit schönen Worten füttern, und am Ende wirst Du nicht wissen, in welcher Ecke Du Dich herumdrücken sollst. Was hast Du vor?

Wilhelmi machte eine geheimnißvolle Miene, legte den Finger auf den Mund und sagte: St! Ich nenne Dir ein einziges Wort: Staat. Fassest Du, was der Staat ist? Ich habe darüber während meiner Verbannung nachgedacht. Du sollst weiter von mir hören.

Er wollte gehen. Hermann hielt ihn zurück, nahm eine Dose altfränkischen Ansehns vom Spiegeltische und sagte: Weißt Du, der Du alle Antiquitäten kennst, was für eine Dose diese ist?

Wilhelmi besah sie, und versetzte: Es ist eine sogenannte Lorenzodose. Diese Dosen gehören mit zur Geschichte der Sentimentalitätsperiode. Du erinnerst Dich, wie beredt-stumm der Franciscaner Lorenzo dem Yorik Sanftmuth und Duldsamkeit predigt, und wie sie darauf einen Dosentausch vornehmen. Diese Geschichte rührte die beiden Jacobis so, daß sie einen Orden der Humanität zu stiften beschlossen, dessen Patron jener Lorenzo sein sollte. Zum Ordenszeichen wurde die von Sterne beschriebene Horndose des Franciscaners erwählt. Daran wollten sich die Brüder erkennen. Hatte sich Einer, wie man es damals nannte, inhuman betragen, so sollte die stumme Vorhaltung der Lorenzodose ihn an seine Pflichten erinnern. Gleim und andere Befreundete des Pempelforter Kreises waren die ersten Glieder dieser Verbindung, welche bald, durch die damalige Empfindelei begünstigt, eine große Ausdehnung gewann. Aber es währte nicht lange, so mußten sich die Begründer von ihr lossagen, die Lorenzodosen waren Gegenstand der Speculation geworden; ein Graf von Solms ließ sie, fabrikmäßig verfertigt, zu Tausenden in alle Welt ausgehen; was denn zur Folge hatte, daß Müßiggänger, Landstreicher und Glücksjäger, die Dosen in der Hand und Thränen in den Augen, betteln, fechten, auch wohl prellen gingen.

Du glaubst nicht, wie mich diese Dose erschreckt hat, sagte Hermann. Eben eine solche erinnre ich mich als Knabe unter den Sachen meines Vaters gesehen zu haben.

Da finde ich nichts zum Erschrecken, versetzte Wilhelmi. Sie sind Beide Lorenzobrüder gewesen. Sie gehören ja auch jener Zeit an.

Hermann klappte die Dose auf, zeigte seinem Freunde ein Bild, welches in das Inwendige des Deckels eingeniethet war, und fragte, was er davon halte?

Ein schönes Schwabenmädchen! antwortete Wilhelmi, nachdem er das Medaillon lange aufmerksam durch seine Gläser betrachtet hatte.

Es ist meine Mutter! rief Hermann. Ich hätte sie erkannt, wenn der Name auch nicht darunter stände. Nun verstehe ich ihre Thränen, ihren geheimen Schmerz, des Grafen Heinrich Besuche bei meinen Eltern, seine Zärtlichkeit gegen mich. Sie ist seine Neigung gewesen, er hat der Freundschaft das heldenmüthigste Opfer gebracht, und meine Mutter mag wohl im Stillen während eines unerfreulichen Ehestandes bereut haben, dem andern strengen verdrießlichen Manne gefolgt zu sein.

*

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