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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Am folgenden Morgen wurde er von dem Gerichtshalter zu früher Stunde geweckt. Der Mann trat mit erschrocknem Gesichte vor sein Bett, und brachte ihm stotternd die Nachricht, daß der alte Erich entflohen sei. Der Gerichtshalter hatte ihm auf Hermanns Weisung keine Fesseln anlegen lassen; so war es ihm möglich geworden, seine Wächter, die in der allgemeinen Freude wohl auch das Ihrige zu sich genommen haben mochten, zu täuschen.

Hermann ging mit dem Gerichtshalter nach dem Kerker. Das nicht recht feste Schloß war von inwendig erbrochen worden. Die Wächter, welche draußen im Vorraume gewesen waren, mußten geschlafen haben, während der Alte sein Befreiungswerk verrichtete. An der Wand stand mit Kohle fast unleserlich geschrieben, daß, was einmal mißglücke, nicht immer fehlzuschlagen brauche.

Das Erste war nun, den Herzog zu benachrichtigen, mit welchem unangenehmen Geschäfte sich Hermann belud, da der Gerichtshalter sich nicht vor den Herrn getraute. Hier sah Hermann den Fürsten zum Erstenmale fassungslos. Er konnte kaum sprechen und seine Bewegung wurde noch größer, als er die Abreise des Oheims vernahm. Hermann mußte sich auf eine Viertelstunde entfernen, nach deren Verlauf der Fürst einigermaßen wieder zu seinem Gleichgewichte gekommen war. Er fragte nach dem Verbrecher, und befahl, als man ihm dessen Flucht meldete, daß die strengsten Maaßregeln zu seiner Habhaftwerdung getroffen werden sollten. Jedoch schien es Hermann, als ob dieser Eifer nicht ganz wahr, und das Verschwinden des Schuldigen ihm das einzige Tröstliche bei der Sache sei, er begnügte sich daher, dem Gerichtshalter die sogenannten Solita anzuempfehlen, welche bekanntlich selten zum Ziele führen.

Im Schlosse sah es wüst aus. Der Ball hatte bis gegen Morgen gedauert. Die Dienerschaft war erst bei Tageslicht aus den Federn gekommen. Im Tanzsaale, in den Seitengemächern, besonders im Trinkzimmer, überall zeigten sich noch die Spuren des Festes. Zum Beweise, wie weit die Zerrüttung dieses so wohlgeordneten Hauswesens gediehen sei, erzählte man sich die Neuigkeit, daß die Herzogin heute dreimal nach ihrem Frühstücke habe verlangen müssen.

Nur überwachte abgespannte Gesichter begegneten einander. Dazu strömte der Regen herunter, in welchen sich das heitere Sonnenwetter umgesetzt hatte. Unter aufgespannten Schirmen stiegen die Gäste, welche nicht schon in der Nacht das Schloß verlassen hatten, schweigend-verdrießlich in ihre Wagen, und fuhren hinter zugeknöpften Ledern ab. Die Herzogin hatte sich alle Beurlaubungs-Visiten verbeten; sie entschuldigte sich mit körperlichem Unwohlsein.

Als Hermann auf den Turnierplatz ging, sah er die Tapezierer mit heftiger Eile bemüht, die schon durchnäßten und halb verdorbenen Behänge von den Gerüsten zu nehmen. Die gießenden Fluthen hatten die Bemalung von den Tribünen und Pfeilern abgewaschen; sie standen mißfarbig und beschmutzt da. Von dem Pavillon war nur noch das Gerippe zu sehen.

Die Herzogin war mehrere Tage hindurch für Niemand, als für ihren Gemahl sichtbar. Nur der Geistliche hatte Zutritt zu ihren Zimmern und hielt fortgesetzte Andachtsübungen mit ihr. Unter den Vertrauten ging die Rede, sie mache sich über das Fest Gewissensscrupel.

Von diesem schwieg Jeder; man hatte vorher zu viel davon gesprochen. Man suchte nach Gegenständen der Unterhaltung; sie wollten sich nicht finden. Man gähnte, war übelnehmerisch, ging einander aus dem Wege. Der Arzt schrieb viel.

Am verstimmtesten bezeigte sich Wilhelmi. Ich gehe, sagte er eines Tages zu Hermann, meines Bleibens wird hier nicht lange mehr sein. Man muß sich nur einmal versöhnt haben, um gewiß zu werden, daß man nicht mehr für einander paßt.

Du wirst Deine Gönner in der Crisis, welche vielleicht nahe bevorsteht, nicht verlassen, erwiederte Hermann.

Ich werde mich immer wie ein ehrlicher Mann betragen, sagte Wilhelmi. Auch fällt es mir selbst schwer genug, aus diesen Wänden zu scheiden. Aber der hiesige Zustand ist ein künstlicher, man thut am besten ihn aufzuheben. Sie haben wegen meiner Sammlungen von der Hauptstadt aus mit mir angeknüpft, wo sie jetzt Alles zusammenscharren. Ich bin Willens, darauf einzugehen.

Den Herzog betraf nunmehr fast Tag für Tag etwas Unangenehmes. Das Geschick schien, wie es wohl kommt, durch den Lärmen der Lustbarkeiten aus seinem Schlummer zu feindseliger Thätigkeit emporgestört worden zu sein. Es währte nicht lange, so überbrachte ihm ein Freund und Gutsnachbar, anscheinend sehr entrüstet, die letzte Nummer des vielgelesenen Provinzialblatts, worin geschrieben stand, daß bei einem neuerlich stattgefundenen feudalistisch-ritterlichen Feste der bekannte Aequilibrist und gymnastisch-acrobatische Künstler *** den Preis davon getragen, und den Dank aus hoher schöner Hand empfangen habe. Namen und Ort waren zwar nicht genannt, die journalistische Halblüge enthielt aber so viele individuelle Andeutungen, daß die Beziehung sich mit Händen greifen ließ. Auch sagte der Nachbar, daß schon die ganze Gegend davon spreche.

Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung, welche den Geistlichen betraf. Dieser Mann, dessen Absichten immer unumwundner hervortraten, hatte die Verwirrung, worin sich das Schloß seit einigen Wochen befand, genützt, um etwas auszuführen, wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der Muth gebrochen hätte. Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief angesehener protestantischer Eltern, worin diese sich bitter beklagten, daß man ihre beiden ältesten Söhne in seiner Schloßcapelle katholisch gemacht habe. Er war wie vom Donner gerührt. Der Geistliche, sogleich zu ihm gerufen, leugnete gar nicht, und sagte mit Freimüthigkeit, daß er es für die Pflicht eines Priesters halte, abtrünnige Kinder in den Schooß der allgemeinen Mutter zurückzuführen, sobald sie ein Verlangen darnach empfänden. Er gebe, fügte er, den Herzog entschieden anblickend, hinzu, dem Kaiser, was des Kaisers, und Gotte, was Gottes sei.

Der Herzog fühlte sich in einer zornigen Verlegenheit. Er war ein ganz guter regelrechter Katholik, doch betrachtete er, wie die meisten vornehmen Männer seines Glaubens, diesen mehr als eine Sache für sich, von der nicht viel Wesens gemacht werden müsse, und Alles, was von fern nach Fanatismus oder Verbreitungssucht schmeckte, war ihm im Grunde der Seele zuwider. Nun aber durfte er den, der immer ein nach den Begriffen der Kirche gottgefälliges Werk gethan hatte, doch nicht dieserhalb schelten, und so blieb ihm denn weiter nichts übrig, als dem geschäftigen Priester mit scharfer Freundlichkeit zu eröffnen, daß er für seine weitere Beförderung Sorge tragen werde.

Unter diesen Verdrießlichkeiten wurde ihm die Klage des Oheims behändigt, welche, lange vorbereitet, ihn vor den höchsten Gerichtshof der Provinz lud, über die Herrschaft, über seine Weiler und Vorwerke, Wiesen, Wälder, Teiche und Flüsse, Gemarkungen und Breiten zu Recht zu stehen. Abermals begann nun das Suchen nach dem verschwundnen Adelsbriefe der Urältermutter, von welchem er und Wilhelmi das Schicksal dieses Streits abhängig glaubten. Kein Winkel der Bibliothek, des Archivs, der Registraturen blieb undurchforscht.

Indessen waren diese Mühen vergebens. Er zog sich hierauf ebenfalls in die Einsamkeit seiner Zimmer zurück, und selbst die Hausofficianten, welche zunächst mit ihm zu thun hatten, bekamen ihn nicht zu sehen.

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