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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Welche Aehnlichkeit! Diese Worte der Herzogin gaben ihm viel zu sinnen. Er fragte den Wirth nach der Ursache, weshalb das fürstliche Paar hier verweile? erfuhr aber nur, daß es eine Bewandniß mit den Herrschaften haben müsse, denn es sei viel Fragens und Schickens nach dem alten verfallenen Schlosse in der Nähe gewesen, von dessen Bewohner man allerhand erzähle.

Ein langer grauer Mann von verdrießlichem Ansehen trat ein und sagte zum Wirth: Ich habe Sie so sehr gebeten, mir eine Stube ohne Zug zu geben, den ich durchaus nicht vertragen kann, und dennoch ist mir eine angewiesen worden, worin kein Fenster und keine Thür schließt. Ich habe nicht Lust, hier ungesund zu werden, und verlange von Ihnen auf der Stelle ein anderes Quartier.

Der Wirth versicherte, es sei Alles besetzt, er werde aber sogleich Schreiner und Glaser kommen lassen, damit jede Ritze verleimt und verstopft werde.

Es war um die Zeit der Hundstage, und selbst dem entschiedensten Rheumatiker konnte ein kühles Lüftchen nur willkommen sein. Hermann hatte an der eigenthümlichen Falte des Ueberdrusses um den Mund sogleich den Hypochondristen erkannt. Er trat höflich zu dem Verstimmten und sagte, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn er ihm ein besseres Gelaß anzubieten vermöchte, das seinige werde aber auf jeden Fall wohl das allerschlechteste im ganzen Hause sein. Der Andere maß ihn mit einem matten, sterbenden Blicke, als verdrösse ihn jede Artigkeit, und ging, ohne ihm etwas auf seine freundliche Anrede zu erwiedern, fort.

Hermann, sehr böse über dieses rauhe Benehmen, fragte den zurückkehrenden Wirth, wer jener Bär sei? und erfuhr, daß er Wilhelmi heiße und bei dem Herzoge in Diensten stehe. Auch der Wirth nannte ihn einen eigensinnigen Kauz, dem nichts recht zu machen sei; aber, setzte er hinzu, man muß ihn schonen, denn er ist des Herzogs rechte Hand. Hermann beschloß im Stillen, die Unart nicht so hingehen zu lassen.

Doch für den Augenblick hatte er eine dringendere Sorge. Im Ueberrock setzt man sich bekanntlich nicht zu einer fürstlichen Tafel. Er aber besaß kein anderes Kleidungsstück, er hatte sich erst in der nahen Stadt neu equipiren wollen. Lange dachte er darüber nach, was vorzunehmen? endlich erinnerte er sich aus der Geschichte der Moden, daß der Frack aus dem Ueberrock entstanden ist, indem nach und nach die Vorderblätter immer weiter und weiter weggeschnitten wurden. Er beschloß, diesen historischen Weg zu verfolgen und erkundigte sich nach dem besten Schneider, der ihm leicht nachgewiesen werden konnte, da es nur einen am Orte gab.

Der Meister, welcher wegen der geringen Nahrung im Städtchen zugleich sein eigener Junge und Geselle war, saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tische und nähte, was das Zeug halten wollte. Hermann trat in das kleine Stübchen, an dessen Wänden die papiernen Maaße herabhingen, und welches durch verschmauchte Fensterchen sein spärliches Licht erhielt. Er sagte dem Meister, was er von ihm wolle, nämlich, er solle die Vordertheile des Rocks abschneiden, denn er habe einen Frack nöthig. Der kleine blasse Mann kam von seinem Tische herab, that die Brille hinweg, prüfte den Schnitt des Kleides, befühlte das Tuch, sah erschrocken empor und fragte mit wehmüthigem Tone: In dieses Tuch soll ich hineinschneiden?

Es geht nicht anders, Meister, versetzte Hermann, es muß so sein.

Der Meister schüttelte den Kopf, legte unschlüssig die Hände auf den Rücken und murmelte: So ein Rock! So ein Tuch! Schade! Jammerschade! Die Elle kostet wohl ihre drei Thaler?

Mehr, Meister, mehr.

Vier? Fünf?

Ich glaube, man hat mir acht auf die Rechnung gesetzt. Rührt Euch, Meister, ich habe nicht lange Zeit.

Acht Thaler die Elle! Gott! war Alles, was der Schneider hervorbringen konnte. Er ließ die Scheere sinken; nur Ausbesserung und der gröbste Stoff war ihm sein Leben lang unter die Hände gerathen. Jetzt erblickte er ein Prachtkleid, von dem seine seligsten Träume nichts wußten, und dieses sollte er verwüsten? Hermann sah nicht ohne Theilnahme dem Seelenkampfe dieses Männleins zu, dem ein feiner Rock zur höchsten Lebenserscheinung wurde. Endlich überwand sich der Meister, zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem Leibe ab, die Scheere arbeitete, die Nadel flog, und bald war ein Frack fertig, wenn nicht von elegantem, doch von wohlgemeintem Schnitte. Hermann freute sich der Metamorphose, die so leicht von Statten gegangen war. Schwieriger konnte es mit der Bezahlung werden, denn er hatte unterweges für eine Kopfbedeckung seine Baarschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben. Was sollen mir die Vorderblätter? sagte er. Meister, die wären so etwas für Euch, wollt Ihr sie an Zahlungsstatt annehmen? – Der Meister war schon daran gewöhnt, von seinen Kunden in Naturalien, als Butter, Käse, Eiern u. dgl., bezahlt zu werden. Die Vorderblätter galten ihm weit mehr, als er fordern durfte, schon sah er sich im Geiste mit der Sonntagsweste aus dem Achtthalertuche bekleidet; er schlug freudig ein.

Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte: er sei recht geschickt gewesen. In so kurzer Zeit einen Frack zu Stande zu bringen, möchte nicht Jedem gelingen.

Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn. Triumphirend rief er: O, ich habe auch nicht immer geflickt! Ich bin überhaupt nur durch Unglück hierher unter das dumme katholische Pack gerathen. Dann, sich scheu umwendend, als fürchte er das Verhängniß einer großen Mittheilung. setzte er geheimnißvoll hinzu: Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht! Der Herr Pastor an meinem früheren Orte wollte sich verheirathen; wie solche Herren sind, sie haben kein Vertrauen zu Unser Einem, er bestellte sich den Bräutigamsrock bei dem Modeschneider in der großen Stadt, den sie den Kleidermacher nennen. Mein Herr Kleidermacher ließ aber meinen Herrn Pastor sitzen. Der wollte zur Braut abreisen, kein Rock war da. Ich hörte von der Noth und lief zu ihm. Er wird es nicht können, sagte er. Vertrauen Sie Gott, sagte ich. Ich ging nach der Stadt, kaufte Tuch, freilich nicht so fein, als das Ihrige, schneiderte Tag und Nacht, und siehe da! der Rock wurde fertig, und der Herr Pastor sind darin getraut worden und haben darin das heilige Abendmahl ausgetheilt und tragen ihn noch zur Stunde, und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider!

Seine Augen glühten, er hatte sich auf die Fußspitzen gestellt und drei Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknöpfte Wamms geschoben. So stand er, und der siegreiche Feldherr, der gegen Abend die Meldung von der letzten eroberten Schanze empfängt, kann nicht stolzer aussehen.

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