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Karl (Leberecht) Immermann: Die Epigonen - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Epigonen
authorKarl Immermann
year1865
firstpub1836
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleDie Epigonen
pages593
created20110523
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eilftes Kapitel.

Um den großen, mit Sand reinlich belegten Platz liefen auf zierlichen Bogenstellungen die Sitzreihen für die Zuschauer von Stande. Man hatte dem Holzwerke eine muntere Färbung, gelb und braun, gegeben, Behänge von rothem Tuch, mit goldenen Franzen gesäumt, deckten die Brüstungen. In der Mitte dieses Amphitheaters bezeichneten bessere Stoffe, ein Baldachin, und das große, im schwersten Zeuge gestickte Wappen des Herzogs den Ehrenplatz. Zu demselben bis dicht unter die Brüstung führten vom Grunde aus tuchbelegte Stufen. Hier sollte die Königin der Schönheit und Minne auf einem thronartigen Sessel Platz nehmen, auf etwas niedrigern Lehnstühlen neben ihr zu beiden Seiten wollten Herzog und Herzogin sitzen. Zierliche Pagen in Blau und Silber standen hinter Thron und Lehnstühlen, und hielten auf weißen goldgestickten Atlaskissen die Ehrengeschenke, welche die geschicktesten Ritter aus den Händen der Königin als Dank empfangen sollten. In der Auswahl dieser schönen und kostbaren Sachen hatte die Herzogin ihren ganzen Geschmack bewiesen.

Auf ihre Veranlassung, durch Wilhelmi's und anderer Vertrauten Bemühungen war bunte Reihe gestiftet worden, die verschiedenen Stände, Gäste in und ohne Costüm, saßen gemischt unter einander, ja sie selbst hatte ein gutes blödes Kind, welches ängstlich nach einem freien Platze umherschaute, auf einen Sessel in ihrer Loge genöthigt.

Neben dem Kaufmann saß der Enterbte, der an dem Caroussel keinen Antheil nehmen wollte, und mit allerhand spitzigen Bemerkungen halblaut um sich warf.

Dem Herzoglichen Sitze gerade gegenüber leuchtete der große, geräumige Pavillon von rother und gelber Leinwand, unter welchem sich die Cavaliere zu Roß versammelt hielten. Die Wappen des Herzogs und der Herzogin standen gepaart auf beiden Seiten der breiten Oeffnung, behütet von kräftigen Schildhaltern.

Als Alles sich gesetzt hatte, richtete sich jeder Blick nach dem Pavillon. In diesem war ein kleiner Verzug entstanden. Unterwegs hatte sich nämlich, Hermann wußte selbst nicht wie? ein Ritter zu den Uebrigen gefunden, welcher eine halbe Larve vor dem Gesichte trug. Sein Putz überstrahlte an wilder Pracht den der Andern weit, eben so auffallend erschien sein Thier. Als man ihn fragte, wer er sei, antwortete er, er nenne sich den Neffen des Enterbten. Im Pavillon verlangte Hermann, daß Jener sich demaskiren solle, welches höflich aber bestimmt verweigert ward. Hermann wußte nicht recht, wie er sich hierbei zu benehmen habe, während er aber noch zaudernd stand, ertönte der erste Trompetenstoß, und nun war keine Zeit zu verlieren. Um kein Aufsehn zu erregen, und in der Meinung, daß hier ein artiger Scherz beabsichtigt werde, reihte er den Neffen des Enterbten eiligst bei dem letzten Gliede ein, während die Trompeter schon aus dem Pavillon ritten.

So breit war die Oeffnung des Letztern, daß mit Bequemlichkeit sechs Mann hoch ausgeritten werden konnte. Voran zogen zwölf Trompeter und Pauker, ihre Instrumente mit schwerem Silberzeug verziert. Hinterdrein folgte der Herold, in der Rechten eine große Pergamentrolle haltend. Nach ihm ritten in vier Zügen vier und zwanzig Cavaliere mit entblößten Schwertern. Dieser herrliche und glanzvolle Auszug bewegte sich unter den Tönen eines triumphirenden Marsches längs der Umschränkungen des Platzes hin. Als er vor dem Balcone des fürstlichen Paars angelangt war, senkten die Cavaliere die Schwerter, schwieg die Musik, entfaltete der Herold die Pergamentrolle. Er verlas die Namen der Edelleute, und erbat für sie von dem Burgherrn und der Burgfrau Vergunst, ritterlich Wesen sehen lassen zu dürfen. Die Herrschaften neigten sich gewährend, der Zug setzte seine Runde fort. Nach deren Vollendung zogen sich die Cavaliere wieder in den Pavillon zurück, Trompeter und Pauker aber schwänkten ab, und ritten unter dem Balcone der Herrschaften auf.

Nunmehr war es an der Zeit, zu der Wahl zu schreiten, welcher alle schönen Busen mit gerechter Bewegung entgegenschlugen. Ein andrer Herold in Friedenskleidern, einen Kranz in den Haaren, kam geritten, hielt in der Mitte des Platzes, und rief mit lauter, verständlicher Stimme:

Wann wird der Dank zum lieblichen Gewinne?
Wann ihn die Kön'gin beut der Schönheit und der Minne!
Wem ziemt die Wahl? Den Schönheit setzt in Qual;
Wohlauf ihr Herrn! Erkießt sie allzumal!

Die Herzogin hatte nämlich, um Neid und Eifersucht möglichst zu entfernen, beschlossen, dem Zufall das Amt aufzutragen. Jeder Herr sollte auf ein elfenbeinernes Täflein den Namen derjenigen schreiben, welcher er die Würde zudachte. Aus diesen Täflein, in eine Urne geworfen, sollte dann Damenhand das beglückte Loos ziehen. Anfangs hatte sie sich hierbei ganz auf den Tact der Anwesenden verlassen zu dürfen geglaubt, bei der nunmehr doch sehr gemischten Natur der Gesellschaft waren aber den beiden Edelknaben, welche die Stimmen einsammeln sollten, geheime Anweisungen ertheilt worden, und wir dürfen wohl verrathen, daß bei dieser Gelegenheit der Unterschied der Stände scharf im Auge gehalten wurde.

Was bedeutete der Spruch jenes Menschen? fragte der Kaufmann seinen Nachbarn. Nichts, versetzte der Enterbte, er drehte sich, wie das ganze Fest, um Nichts.

Die beiden Edelknaben, der Eine mit dem Täflein, der Andre mit der Urne, näherten sich ihnen. Ich wüßte Keine, der ich die Palme gönnte, sagte der Enterbte; geschwind, alter Herr, fällt Ihnen kein Mädchenname bei? Der Kaufmann erwiederte: Meine Bekanntschaft unter den jungen Frauenzimmern ist auch sehr schwach, ich kenne fast Niemand außer meiner Tochter Cornelie. Bravo! rief der Enterbte, schrieb und warf sein Täflein in die Urne.

Nachdem die Knaben den Umgang gemacht hatten, erhob der Herold wieder seine Stimme und rief:

Die Loose ruhn verhüllt! Von Frauenhand
Wird nun in des Geschickes Dienst gezogen,
Und Glücklich, die der zarte Finger fand!
Die Andern doch sind auch nicht ganz betrogen.
Ob sie auch fern vom Thron des Festes blieben,
Ein Herz beherrschen sie; deß, der sie aufgeschrieben!

Diese Wendung fand allgemeinen Beifall. Man wiederholte sie lachend und scherzend; die anmuthigsten Gesichter mußten die meisten Neckereien anhören. Ein alter lustiger Herr sagte: Dieß ist sonach die wahre Republik Polen, wo jeder, wenn er auch nicht zum Zepter gelangte, im Stillen sich dazu berechtigt fühlte. Ich fürchte nur, setzte er lauter hinzu, die Erwählte wird ein noch angefochtneres Regiment haben, als jene Sarmatenkönige.

Der Edelknabe mit der Urne bog sein Knie vor der Herzogin. Sie wies ihn an die vornehmste Dame nach ihr, welcher in ihrer Nähe saß. Diese, eine hohe, majestätische Gestalt, erhob sich, gebot, die Loose in der Urne umzuschütten, griff hinein, zog ein Täfelchen hervor, las und verwunderte sich. Ich finde hier nur den Namen Cornelie aufgeschrieben, sagte sie zur Herzogin. Wer ist diese Cornelie? Gebe Gott, daß nicht Mehrere dieses Namens hier anwesend sind, sonst wird es eine schwierige Entscheidung geben.

Der Herold, welcher aufmerksam nach dem Namen hingehorcht hatte, fiel mit dem auf das Stichwort vorbereiteten Spruche ein: Cornelie ist zur Königin der Minne und Schönheit erwählt worden. Ihr Edelfräulein, geleitet die Königin zum Throne! Ein jauchzender Tusch der Trompeten und Pauken bekräftigte diesen Ruf.

Die vier jungen Mädchen, welche von der Herzogin zu Ehrendamen bestimmt worden waren, traten hinter ihr Tabouret, und sahen, der Anweisung bedürftig, auf sie. Ein Murmeln lief rings um die Tribünen, man fragte nach der ausgerufenen Dame, man überzeugte sich bald, daß sie nicht zur Stelle sei. Die Herzogin, das Täfelchen von der Andern empfangend, spielte verlegen damit und befand sich in grausamer Unschlüssigkeit. Der Herzog nahm es ihr aus der Hand und sagte mit gehaltnem Tone, deutlich, daß seine Worte über den ganzen Platz hin vernommen wurden: Da die Königin des Festes, wie es scheint, abwesend ist, so ersuche ich meine Gemahlin, ihre Stelle zu versehen. Vielleicht ist diese Gestalt der Wahl die richtigste, denn das Höchste soll uns ja eigentlich immer fern und unsichtbar bleiben. Ich erkläre hiermit im Namen der unbekannten Schönheit den Thron für besetzt, und bitte, das Spiel zu ihrer Ehre anfangen zu lassen.

Er legte das Täfelchen auf den Thron. Die Ehrenfräulein setzten sich auf Sessel an den Stufen desselben. Die Herzogin behielt ihren Platz, und blickte zerstreut vor sich hin. Auch ihm sah man an, daß er eine kleine Bewegung niederzukämpfen hatte.

Was Hermann betrifft, der von dem Vorfalle durch einen aufmerksamen Zuschauer unterrichtet worden war, so möchte es schwer sein, seine Stimmung genügend zu schildern. Es war ihm, als blicke er durch ein Kaleidoskop, worin sich unscheinbare Kleinigkeiten zu glänzenden Figuren verbinden. Diese deuten auf Gestalten der Wirklichkeit hin, und sind sie doch nicht.

*

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